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Von der Unruhe um uns

Wenn auch die Kirche in Österreich in den vergangenen Jahren nach Art eines moralischen Gewissens der Nation zum Ausgleich, zum Frieden, zur Versöhnung und Zusammenarbeit mahnte, wenn sie auch die christlichen Grundsätze für den gesellschaftlichen und politischen Bereich verkündete, so ist das alllein nicht ihre erste und wichtigste Aufgabe. All das kann und soll die Kirche auch sein: Mahnerin des Volkes, Rufer zum Frieden, ausgleichend bei Gegensätzen, vermittelnd bei notwendigen Kompromissen, Anwalt der praktischen Zusammenarbeit.

Das alles kann die Kirclhe auch zu Ihrer Aufgabe machen, aber doch erst in zweiter Linie. In erster Linie ist die Kirche die Gemeinschaft der an Christus Glaubenden; das Konzil gebraucht hierfür den Ausdruck „Volk Gottes“, das im Lichte des kommenden und schon gekommenen Reiches Gottes zu sehen ist.

Den Glauben kann man nicht besitzen wie ein totes Ding oder wie einen Schatz, der eingeschlossen ist in einen Tresor; der Glaube ist etwas Lebendiges, denn er erwächst aus der Unruhe des Herzens, er ist immer ein Wagnis.

Auch das Konzil war ein Wagnis, und es hat Unruhe gebracht. Kann uns das wundern? Das vergangene Jahr wiar das erste nadhkonziliare Jahr. Konnte wirklich jemand annehmen, daß in einem Jahr all das, was das Konzil gewollt und verkündet hat, schon durchgeführt sei? Konnte im Ernst jemand daran zweifeln, daß der Prozeß der Aufnahme des Konzils im Leibe der Kirche Unruhe erzeugte, ja erzeugen mußte? Diese Unruhe ist nur ein Zeichen dafür, daß die Kirche lebt. Wehe uns, wenn das Konzil an uns vorübergegangen wäre, ohne uns innerlich zu bewegen. Bs wäre dies ein Zeichen, daß unser Glaube, daß der Glaube der Katholiken bereits tot ist, so daß er auf die kräftige Injektion des Konzils nicht mehr reagiert. — Was reifen will, muß gären. Dieser Reifungs- und Gärungsprozeß wird noch Jahre dauern. Es wird noch Zeit brauchen, bis wir die Lehren des Konzils in uns aufgenommen haben. Es wird daher noch manches Jahr der Unruhe, des Ringens und des Mühens, des Fragens und des Bedenkens nötig sein. Und wir stehen doch erst am Anfang, wollen wir da jetzt schon Ruhe haben? Das wäre kein gutes Zeichen für Menschen, die im Sinne des Konzils um einen neuen Besitz ihres Glaubens und ihre Kirche ringen.

Zum erstenmal hat die Kirche in diesem Konzil sich ausdrücklich dazu bekannt, daß sie für alle Menschen zuständig ist, für die fernsten ebenso wie für die nächsten, auch für jene, die um uns leben und die wir nicht kennen. — Soll uns das nicht unruhig machen, daß im Leben dieser Menschen der Glaube keine Rolle mehr spielt, soll uns unsere Verantwortung um die Menschen nicht unruhig machen, unsere Schuld und unser Versagen?

Im Nachtwächtenstaart des 19. Jahrhunderts wurde das Wort geprägt: „Die Ruhe ist die erste Bürgerpflicht.“ Es wäre eine Naahtwächter-kirche, in der es hieße: „Die Ruhe ist die erste Christenpflicht.“ Die Unruhe gehört zum Leben der Christen, sie gehört im besonderen zum Leben der Christen in der nach-konziliaren Zeit.

Gewiß kann diese heilsame Unruhe auch zu einer heillosen Verwirrung werden; dies besonders dann, wenn die Menschen uniformiert und allein gelassen keinen Ausweg mehr sehen. Das Konzil — um ein oft gebrauchtes Bild zu wiederholen — hat die Weichen für die Zukunft gestellt. Der Höhepunkt der Verwirrung wäre allerdings erreicht, wollte man aus Angst oder Übereifer versuchen, die Weichen wieder anders zu stellen.

Meine lieben Katholiken, fürchtet euch nicht, seid nicht ängstlich und laßt euch nicht verwirren. Es ist ein erfreuliches Zeichen, daß heute über religiöse und kirchliche Fragen viel mehr gesprochen wird als früher, und dies in weitesten Kreisen. — Wenn unsere Kirche nur Menschenwerk wäre, so wäre sie schon längst zugrunde gegangen. Das in die Zukunft gesprochene Wort Jesu „Siehe, Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt“, ist von der Geschichte — und von einer oft feindlichen Geschichte — nicht widerlegt worden. Darum fürchtet euch nicht, laßt euch durch nichts verwirren, auch die Zeit nach dem Konzil gründet auf dem Glaubensbekenntnis der Apostel: Ich glaube an Gott, den allmächtigen Vater... und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn... und an den Heiligen Geist — an die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche.

Die Kirche hat sich durch das Konzil gerüstet für ganz neue Aufgaben inmitten der einswerdenden Welt. Die Weichen sind gestellt, die Kirche ist unterwegs. Die Wege aber müssen wir selber gehen, in Vertrauen, Zuversicht und eigener Initiative. Den Weg für unseren Umkreis abzustek-ken, das ist die Aufgabe der Diöze-sansynoden. Je mehr wir uns bemühen, die Konzilsbeschlüsse auf der diözesanen und pfarrlichen Ebene in einigen konkreten und praktischen Fragen anzuwenden, um so erfolgreicher wird die Wiener Diözesansynode sein. Mit satten und schlafenden Christen werden wir allerdings nicht viel erreichen.

Das erste Jahr nach dem Konzil ist für uns Österreicher auch das erste Jahr der Bewährung einer neuen Form der demokratischen Regierung in unserem Lande. Das österreichische Volk und die politischen Kräfte dieses Landes haben diese Bewährung — das dürfen wir am Ende dieses Jahres wohl feststellen — im großen und ganzen bestanden. Auch hier wäre es schlecht, wenn wir uns über eine notwendige und heilsame Unruhe beklagen wollten. Die wachsame, die kritische Unruhe gehört zur Demokratie. Wie in der Kirche so dürfen die Christen auch im Staat nicht schlafen und meinen, die anderen würden es schon machen. Beharrungsvermögen und Selbstgenügsamkeit können Tugenden sein, sie können aber auch zu einer großen Gefahr werden, wenn sie in Unbe-weglichkeit, Interesselosigkeit und Selbstgerechtigkeit umschlagen. Diese Gefahren sind beim Österreicher immer gegeben. Aber wie in der Kirche so darf auch im Staate die notwendige heilsame Unruhe nicht zu einer heillosen Verwirrung werden. Wenn es im Parlament einmal unruhig, etwas lebhaft zugeht, so soll uns das nicht m Verwirrung bringen. Gefährlicher wäre es schon, wenn es daneben nicht das verständnisvolle Gespräch gäbe, das gemeinsame Bekenntnis zur gemeinsamen Verantwortung für diesen Staat. An diese gemeinsame Verantwortung hat die Kirche immer appelliert, und ich darf diabei an das erinnern, was ich schon des öfteren an dieser Stelle — zuletzt anläßlich des österreichischen Nationalfeiertages — gesagt habe: Die Zusammenarbeit hängt nicht von der Regierungsform ab, hängt nicht davon ab, ob die politischen Kräfte dieses Landes in einer Koalition zusammengeschlossen sind oder ob sie sich, wie jetzt, als Regierung und Opposition gegenüberstehen. Das Gemeinwesen kann nur gedeihen, wenn sich alle diesem Gemeinwesen verpflichtet fühlen, ob sie nun amts-und ausführende Regierung oder kritische Opposition sind. Je ernster, je kritischer die Opposition ihre Aufgabe erfüllt, um so besser wird es um den Staat und um die Regierung bestellt sein. Sache der Regierung ist es, diese Kritik ernst zu nehmen, Sache der Opposition ist es, echte Alternativen zur Politik der Regierung aufzuzeigen. Beide, Regierung und Opposition, müssen in ihrer Stellung zueinander und in ihrer Stellung zum Staat wachsen. Die Lösung der großen nationalen Fragen kann nur in einem gemeinsamen Bemühen aller erfolgen.

Gewisse Vorkommnisse der letzten Zeit haben ein erschreckendes Absinken der geschäftlichen, privaten und öffentlichen Moral erkennen lassen. Das ist gewiß schlimm genug; schlimmer aber wäre es, würden sie nicht aufgedeckt und nicht vom Gericht untersucht werden, würde man sie verschleiern oder vertuschen. Wenn das demokratische Gemeinwesen gesund ist, wird es sich selber reinigen. Die Demokratie ist nicht identisch mit der Summe der in ihr aufgedeckten Fehler.

Wir haben gefeiert in dem Gefühl, daß es uns gut geht und daß wir uns einiges leisten können. Aber wir sind nicht allein auf der Welt. Wenn wir die Augen öffnen, die wir so gerne geschlossen halten, und wenn wir ein wenig über unsere Zäune blicken, dann merken wir, daß es nicht gut geht in der Welt. Noch immer wütet der Krieg in Vietnam, werden unschuldige Menschen getötet. Fruchtlos sind bis jetzt die erschütternden Friedensrufe des Papstes, vergebens sein inständiges Bitten, die Waffenruhe der Weihnachtstage zu einem Waffenstillstand zu verlängern. Nach zwei Tagen fielen wieder die Bomben und explodierten wieder die Sprengkörper, um Menschen zu töten. Glauben wir ja nicht, daß dieser Krieg uns nichts anginge; glauben wir ja nicht, wir könnten in Wohlstand und Ruhe leben, während anderswo die Menschen leiden und hungern. Glauben wir ja nicht, daß es uns beschieden sein werde, immer mehr zu haben. Auch am Horizont unserer wirtschaftlichen Existenz steigen Wolken auf. Wir haben nationale Solidarität bewiesen bei der Hilfe für jene Landsleute, die zum zweitenmal in einem Jahr von einer gewaltigen Flutwelle betroffen wurden. Wir werden jene nationale Solidarität in guten und bösen Tagen in Zukunft vielleicht noch stärker brauchen. Vielleicht wird uns das kommende Jahr vor Aufgaben stellen, die von uns allen Opfer verlangen. Hier wird es dann vor allem auf die verständnisvolle und in der Vergangenheit oft bewährte Zusammenarbeit der Wirtschaftspartner ankommen, um diese Lasten gemeinsam zu tragen und auch gerecht zu verteilen. Gerecht heißt aber hier mehr als gleichmäßig. Nicht Kleinmütigkeit, nicht Neid, nicht Haß und Streit werden uns dabei helfen, sondern Wachsamkeit, Opfersinn, Mut und Vertrauen. Bauen wir den Haß in uns ab, auch den Fremdenhaß, der alles, was anders ist, ablehnt. Bauen wir ab die Intoleranz unter Katholiken, die Rechthaberei, die Lieblosigkeit, die Trägheit des Geistes und des Herzens. Die Stimme des kleinen Österreich hat Vertrauen in der Welt gefunden. Die Wahl Wiens zum Sitz einer neuen UNO-Organisation, zum Konferenzort einer Tagung für Weltraumfragen beweisen das. Man hat Vertrauen in uns, beweisen wir, daß wir dieses Vertrauens würdig sind.

Liebe Landsleute, liebe Österreicher, habt Vertrauen. Fürchtet euch nicht, hat der Engel im Weihnachtsevangelium den Menschen zugerufen, als er ihnen die unfaßbare Botschaft verkündete, daß Gott selbst in den Lauf der Welt eingegriffen habe, daß Er sich eingemischt habe in unsere Dinge, dadurch, daß Er Mensch geworden ist. Diese Tatsache kann nicht mehr aus der Welt geschafft werden, von Gott nicht und von uns nicht.

Fürchtet euch nicht! Nicht eine schreckliche, eine freudige Botschaft hat der Engel verkündet. Eine schlafende Welt wurde damit geweckt. Gott hat uns zur Wahrheit gerufen, schlafen wir nicht wieder ein. Seien wir wachsam und sorgen wir uns nicht, weil wir unruhig sind. Unruhig ist unser Herz, bis es ruhet in Gott. Bleiben wir wachsam als Christen, bleiben wir wachsam als Österreicher, haben wir Vertrauen zu uns selbst, zu unserer Jugend, zu unserem Volk und zu unserem Land. Haben wir Vertrauen zur Kirche und zu ihrem neuen Weg nach dem Konzil. Es ist der alte und immer wieder neue Glaube, den wir bekennen. Wir wollen ihn nicht ändern, wir wollen ihn nur besser kennen und wir wollen, daß auch unsere Mitmenschen ihn besser und richtiger erkennen. Haben wir Vertrauen zu Christus, in dem alles begründet ist und in den alles einmündet. Aus Seiner Hand können wir niemals fallen! Wovor sollten wir uns fürchten? Mit dem Apostel Petrus dürfen wir in dieser Stunde wiederholen: „Herr, zu wem sollen wir gehen, Du hast Worte des ewigen Lebens“ (Joh. 6, 68).

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