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Vom Gestern ins Morgen

Kein Jahr geht von uns, ohne seine unauslöschlichen Spuren in unserem Herzen und in unserem Volke zu hinterlassen.

So spüren wir zum Beispiel — rückwärts blickend — noch einmal den Schmerz und die Erschütterung um den Tod zweier Männer, von denen jeder auf seine Art die Welt verändert hat; wir hören noch einmal die Glocken, die Totenglocken, und die Trauergesänge, die Rundfunk und Fernsehen diesmal wirklich in die ganze Welt trugen. Beide, Papst Johannes XXIII. und Präsident Kennedy, haben diese Welt anders verlassen, als sie vor ihnen war. Beide, den Greis und den jungen Mann, hat Gott abberufen, bevor sie ihr großes Werk vollendeten. Aber schon heute wissen wir, daß das, was sie getan haben, für den Frieden und die Freiheit, für die Verständigung der Menschen und die Verständigung der Völker, für das Zusammenwachsen der einen Welt nicht umsonst getan war. Das Tor, das sie der Menschheit in eine neue Zukunft aufstießen, kann nicht mehr geschlossen werden. Und im Tode ist ihre Wirkungskraft nicht geringer als im Leben. Spüren wir es nicht heute schon: Die Reise Papst Pauls VI. ins Heilige Land, so überraschend und genial diese Idee ist, sie wäre ohne das Konzil, ohne Johannes XXIII. nicht möglich gewesen.

Und noch in einer anderen Hinsicht spüren wir die Veränderung: Grenzen, die Jahrzehnte hindurch mit Minen und Stacheldraht verrammelt waren, scheinen sich zögernd und langsam zu öffnen. In Schmerzen und Wirren steigen neue Völker in den Tag der Geschichte, nehmen ihr Schicksal in eigene Hände; Kontinente erheben sich, begleitet vom unterirdischen Grollen sich ankündigender sozialer Umwälzungen. Die wirtschaftliche Verflechtung Europas und der Welt wird immer dichter. Ja, gewaltige Veränderungen gehen vor sich, und in Not und Drang scheint sich die Geburt einer neuen Welt anzukündigen.

Und wo stehen wir hier in Österreich? Sind wir gerüstet für diese Wandlung der Welt? Haben wir uns eingestellt auf das, was um uns vorgeht? Oder stehen wir am Ufer, hilflos und ohnmächtig, wartend, bis der Strom der Zeit uns fortreißt, mitträgt, oder ans Ufer spült als toter Ballast, als Strandgut der Geschichte? Wieder ist ein Jahr vorübergegangen, ohne daß wir uns auf die kommenden Entscheidungen in der wirtschaftlichen Integration, vor die wir im nächsten Jahr gestellt sind, genügend vorbereitet hätten.

Die Grenzen im Norden und Osten des Landes haben sich gelockert. Tausende Österreicher haben in den letzten Wochen und Monaten die Grenzen überschritten. Welchen Eindruck aber haben sie dort hinterlassen? Vielleicht werden uns im nächsten Jahr viele Menschen aus dem Osten besuchen. Welchen Eindruck werden wir ihnen hier vermitteln können? Mit Autos und Mopeds, mit Bluejeans und Nylonstrümpfen, Modetänzen und Modefrisuren, mit lockeren Sitten und anmaßendem Getue werden wir ihnen auf die Dauer nicht imponieren können, auch nicht mit Nachtlokalen, Neonlicht und vollen Schaufenstern. Ist das eure ganze Freiheit, werden sie uns fragen, die Freiheit, nach der wir uns so sehnten? Ist das der Geist des Westens, den wir immer durch euch, durch das österreichische Prisma empfangen haben? Wo bleibt eure geistige Ausstrahlung? Sollen wir ihnen sagen, daß dafür kein Geld vorhanden ist, kein Geld, wo wir doch für soviel Unnützes, Überflüssiges, ja Schädliches, das Geld zum Fenster hinauswerfen.

Der Tod des Papstes und der Tod des amerikanischen Präsidenten hat in der ganzen Welt, über alle Grenzen hinweg die Menschen in einer gemeinsamen Welle des Mitgefühls erfaßt. Dieses Mitgefühl hat die Kräfte der Verständigung gestärkt, das Bewußtsein der gegenseitigen Verbundenheit vertieft. Das österreichische Volk hat es nicht weniger verspürt, als alle anderen Völker. Wo aber blieb die Reaktion der führenden politischen Kräfte unseres Landes? Hat das vergangene Jahr die Parteien in Österreich nicht eher noch mehr auseinandergebracht als miteinander verbunden? Der Ton der innenpolitischen Auseinandersetzungen hat sich in einem Ausmaß verschärft, wie wir dies in Österreich nicht mehr für möglich gehalten haben. Das ist nicht der frische Wind einer Zukunft, den wir uns wünschen; das sind die Nebelschwaden einer unheilvollen Vergangenheit, die un-t sere politische Atmosphäre zu vergiften drohen. Während droben auf der Bühne der Welt das Drama der Zukunft in Szene geht, das Schicksal der Welt von morgen entschieden wird, schicken wir uns an, in unserem österreichischen Kellertheater unsere traurigen Streitstücke von gestern und vorgestern zu wiederholen.

Papst Johannes XXIII. und Präsident Kennedy haben der Welt bewiesen, daß die teuflische Alternative von Kapitulation oder Kampf gesprengt werden kann. Aus dem Bewußtsein der eigenen Kraft heraus haben sie über Grenzen und Konfessionen hinweg die Hand gereicht. Sie sind, vorbereitet und gerüstet, nicht in den Kampf sondern in das Gespräch gegangen. Bei uns in Österreich aber scheinen sich die Fronten wieder so zu verhärten, daß Gesprächsbereitschaft als Kapitulation, Prinzipientreue als Kampfansage gewertet wird.

Die Zusammenarbeit in Österreich hat mehr als eineinhalb Jahrzehnte lang auf dem Willen zur Zusammenarbeit basiert. Ist dieser Wille heute mehr als nur ein Lippenbekenntnis, dann darf es nicht vorkommen, daß man über Vorschläge ganz einfach nicht mehr diskutiert, dann darf es nicht vorkommen, daß man sachliche Vorschläge bewußt oder unbewußt mit Kombinationen verbindet, die der andere, mit dem man doch ins Gespräch kommen will, als Provokation empfindet. Nur wo ein Wille ist, wird ein Weg sich weisen.

Einmal ist Österreich schon vor Gräbern gestanden, weil kein Wille mehr da war, einen Weg zu suchen und zu gehen. Im kommenden Jahr wird Österreich eines der traurigsten und bittersten Abschnitte seiner Geschichte gedenken. Der 12. Februar 1934 war der Anfang vom Ende Österreichs. Der Bürgerkrieg selbst aber war nur der flammende Ausbruch • eines schwelenden Feuers, das sich schon viele Jahre durch das Gebälk des österreichischen Staates fraß. Im Geistigen lag die Schuld, und sie lag bei allen. Weil das Gift schon Jahre vorher die Herzen und Hirne der Österreicher zerstört hatte, deswegen war das Verhängnis unausweichbar. Der Weg in einen Abgrund von millionenfachem Tod, von unermeßlichem Leid und unvorstellbarer Vernichtung war an seinem Anfang gesäumt von österreichischen Gräbern. Wollen wir jetzt den Kampf der Väter weiterführen, wollen wir jetzt die Toten als Zeugen anrufen, daß ihr Kampf uns nicht befriedet, ihr Sterben uns nicht versöhnt hat?

Ich appelliere in dieser Stunde an alle, die an die Zukunft dieses Landes glauben, an eine Zukunft in Einheit, Frieden und Freiheit, an alle, die mithelfen wollen, daß die Schatten der Vergangenheit uns nicht überwältigen, das Andenken der Toten von 1934, auf welcher Seite der Barrikaden sie auch immer standen und kämpften, dadurch zu ehren, daß wir alle das Gelöbnis erneuern, das Gelöbnis der Geburtsstunde des wiedererstandenen Vaterlandes: Niemals mehr soll in diesem Land Bruder gegen Bruder stehen, nicht mit den Waffen in der Hand, aber auch nicht mit bösen Worten, mit hartem Herzen und blindem Eifer.

Noch eines lassen Sie mich in dieser Stunde sagen: Man hat in der Vergangenheit der Kirche den Vorwurf gemacht, sie wäre mitschuldig an der österreichischen Tragödie, weil sie, selbst verstrickt in die Wirrnisse der Zeit, nicht laut genug zur Besinnung, zum Frieden und zur Eintracht gerufen habe. Ich wiederhole, was ich schon einmal von dieser Stelle aus gesagt habe: Haß, Zwietracht, Streit und Kampf werden sich in diesem Land nicht auf die Kirche berufen können. Aufgabe der Kirche in Österreich ist es gerade, das Gemeinsame zu betonen, zur Verständigung zu mahnen, die Gespenster von gestern zu bannen und den Blick auf das Morgen zu lenken. Ihre Aufgabe ist es, ein lautes und beschwörendes Halt jedem Rückfall in eine unheilvolle Vergangenheit zuzurufen und alle zu ermuntern, den Schritt vom Gestern ins Morgen zu wagen.

Um dieses Morgen geht es. Wir werden das Heute, die Gegenwart, nur bewältigen, wenn wir uns von den Schatten der Vergangenheit und Vorvergangenheit lösen. Nicht von der Vergangenheit her, sondern auf die Zukunft hin soll sich unser gegenwärtiges Leben gestalten. Von der Zukunft her bieten sich heute schon Lösungen an, deren Richtigkeit an sich niemand bezweifelt.

Hier mitzuhelfen ist auch Aufgabe der Presse als Trägerin einer Kontrollfunktion der öffentlichen Meinung. Sie wird aber als Kontrolle nur dann in Erscheinung treten können, wenn sie sich selbst ihrer eigenen Kontrolle unterwirft. Millionen Menschen, vor allem die Jugend, erhalten heute die Leitbilder ihres Verhaltens nicht von der Schule, sondern /.um Großteil Von den Massenmedien, von Presse, Film und Fernsehen. Den vielfachen Formen so oft wehrlos ausgeliefert, weil sie deren seelischen und materiellen Ausbeutungsmethoden keinen Widerstand entgegensetzen können.

Hier erhebt sich die bange Frage: Was macht der Mensch aus dem, was seine Väter für ihn erstritten haben; was macht der Mensch mit der Fülle der materiellen Güter; was macht er mit der freien Zeit? Nicht dem bloßen Verzicht soll hier das Wort geredet werden, sondern einer richtigen und sinnvollen Verwendung all dessen, was das Leben uns bietet.

Das Leben der Menschen, auch das Leben der Völker, ist keine breite, bequeme Straße zu immer mehr Genuß, zu immer mehr Besitz, zu immer mehr Macht. Es ist ein Stolpern, ein Straucheln und Wiederaufrichten. Das Böse in der Welt kann nicht wegdisputiert werden. Die Ermordung Kennedys hat dies gezeigt. Wir müssen das Böse auch in uns bekämpfen, auch in jenen Formen, in denen es in uns haust: in der Nachlässigkeit, im Schlendrian, in der Verantwortungslosigkeit, in der Hartherzigkeit, in der Besitzgier, im Machthunger. Nicht das Straucheln ist entscheidend, sondern das Wiederaufrichten, nicht die Resignation, sondern die Hoff-* nung.

Der Stern, unter dem das neue Jahr, unter dem jedes neue Jahr steht, ist der Stern von Weihnachten, der Stern von Bethlehem, der Stern der Verheißung: „Erschienen ist uns die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes...“ Dieser Stern bedeutet Frieden und Glück, jenen Frieden, dessen Stärkung und Festigung in der Welt, vor allem aber in unserem Vaterland, wir im neuen Jahr erhoffen und erbitten, jenes Glück, das ich nach altem Brauch Ihnen allen im neuen Jahr wünsche.

Wenn wir alles tun, was an uns liegt, und wenn wir dabei auf Gott vertrauen, halten wir das Unterpfand eines glücklichen neuen Jahres in der Hand. — „Herr, Dir in die Hände sei Anfang und Ende, sei alles gelegt,“

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