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Digital In Arbeit

Ende — Vollendung

Dreimal begegnet der Arzt dem Tode. Das erstemal als dem Widersacher, der sich seiner Arbeit entgegenwirft, der gespannteste Bereitschaft, Hingabe aller Kräfte erfordert. Im Kampfe um das Leben des Kranken gilt es alles aufzubieten, den zu besiegen, der die Knochenhand entgegenstreckt, der mit beinernem Schlegel die dumpfe Trommel rührt, der den .schwarzen Mantel öffnet, um das bunte Leben damit zuzudecken. Hier erscheint der Tod noch als der, dem der Arzt als Ebenbürtiger entgegentreten darf. Hier gibt er sich noch nidit als der Mächtige und Allbezwinger, hier weicht er noch zurück, hier läßt er sich noch bezwingen.

Anders ist die Begegnung mit dem Tode, wenn er ganze Arbeit geleistet hat. Da war der letzte Kampf die übergroße Anstrengung des Menschen, das Leben noch festzuhalten, das ihm mit jedem Atemzuge, Hauch um Hauch, entwunden wurde. Da war die seltsame Veränderung des sterbenden Antlitzes, das in seinen Lebensstunden so viele Masken trug, wie Möglichkeiten in einem Mensdien ruhten, ohne daß sie je verwirklicht werden konnten. Und sdiließlidi wurde die letzte Maske über den Sterbenden gestreift. Sie bleibt, wenn das Herz endlich stillesteht, wenn die Augen bredien und die Glieder nicht mehr zucken.

Die weit ins Übersinnliche hinausgreifende Stimmung des Sterbezimmers hat sich in die kühle Klarheit des Seziersaales verwandelt. Hier ist das zweite Treffen des Arztes mit dem Tode.“ Nicht mehr handelt es sich um einen Waffengang, wie er während der Krankheit ausgetragen wurde. Der Kampf ist bereits entschieden. Der Tod hat den Sieg errungen. Doch als vornehmer Sieger deckt er nun seine Karten auf. Der Tod wird zum Lehrer, zum Wegweiser. Er entriegelt Geheimnisse der Natur und des Körpers, wunderbare Zusammenhänge des Säfte- und Kräftespieles, die das weitere Schaffen des Arztes befruchten. Für den

Arzt ist der Tod dann eingetreten, wenn Gehirntätigkeit, Herzsdilag und Atmung erlosdien sind. Gehirn, Herz, Lunge bezeichneten die alten Pathologen als „atria mortis“, die Eintrittspforten des Tod«. Wenn die Lippen geschlossen bleiben, kein warmes Leben mehr im Menschen kreist, dann sprechen die stummen Organe eine beredte Spradie und viele Zusammenhänge des Lebens erhellen sich angesidits des Todes.

Dennoch bleibt der Tod im letzten der große Fremde. Dieser ist es, den der Arzt bei seiner dritten Begegnung den Hinterbliebenen seines verstorbenen Kranken vor-, zustallen hat. Auch Wenn er die anatomische und physiologische Todesursache anzugeben vermag, wenn er mit glatten Wor- ' ten den Ausgang der Krankheit erklären kann, so täuscht die Kette naturwissenschaftlicher Ursadienzusammenhänge darüber hinweg, daß das Leben nicht nahtlos in den Tod eingleitet, daß dieser auf einer anderen Stufe der Wirklidikeit steht. Der tote Leib ruht noch auf dem sdimalen Brett des Sarges, doch der ganze Mensch hat schon die Planke verlassen, die dieses Leben bedeutet, und den ersten Sdiritt in die wesenhafte Wirklidikeit getan. Wer einem anderen den Tod eines Menschen zu melden kommt, wer seinen Sinn zu deuten berufen ist, der weiß zutiefst, daß dem Tod an sich und als solchem kein eigener Sinn zukommt und daß der Einspruch gegen ihn gerechtfertigt ist.

Der Tod ist nicht der großartige Sdiluß des Menschenlebens, nicht die Überhöhung des bisher Gelebten. Der Tod ist das harte Ende, der bittere Schluß aller Süße und Bitterkeit der Erde, er ist und bleibt schwer und völlig unverständlich, wenn man ganz erdbesdilossen lebt und denkt und sinnt und fühlt und genießt. Denn er kommt nicht aus der inneren Notwendigkeit des menschlichen* Daseins, sondern aus der Sünde —i aus der Sünde aller, die auch die jedes einzelnen ist.

Mag diese Behauptung audi den befremden, der fest in sich zu ruhen vermeint, der sidi frei von jeder Schuld wähnt, die mensdiliche Grundhaltung ist nicht wegzuleugnen, die, auf welchen Wegen auch immer Erfüllung, Freude, Glück sucht, aber Auflösung und Ende zu meiden trachtet. Gibt es auch den biologischen, den biographischen Tod, ja, wird der Tod in krankhaften Haltungen sogar gesucht und gibt es auch Auffassungen, die von einer Gestaltung des Todes sprechen, so steigt aus dem innersten Gefühl, mit allem Ernst und aller Dringlichkeit befragt, die Antwort auf, daß nicht der Tod, sondern das Leben die letzte Erfüllung des Menschen sei. Freilich kann Erfüllung des Menschenlebens nur in menschenwürdigem Leben liegen.

Nun ist das Leben des Menschen nicht Natur in dem Sinne, daß Instinkt und Trieb allein ihre Rechte fordern, sondern zur Natur des Menschen gehört der Geist. Somit ergibt sich, daß der „natürliche“ Ablauf des Menschenlebens ein geschichtlicher ist. Das heißt, zwischen Anfang und Ende bewogt sich das Leben. Der Anfang eines Menschen besteht nicht nur darin, daß sich Eizelle und Samenfaden dranghaft verbinden, sondern daß Menschen ihre Sehnsucht verwirklichen wollen, über sich hinauszuwachsen. Zum menschlichen Wirken gehört Begegnung. Aus der Begegnung heraus wird er zur Welt geboren, aus der Begegnung heraus empfängt er das Werk und setzt es in die Welt. Begegnung heiß Stellung nehmen, sich entsdieiden. Ununterbrochen beweist der Mensch diese hohe Fähigkeit. Ununterbrochen erweist er sich an dieser Fähigkeit. Denn je ungenügsamer er in der Begegnung wird, je weniger er sich in Unter-wertiges verstrickt, je mehr ihn Gleichwertiges vorwärtsreißt, um so mehr treibt er Höherwertigem, ja, dem höchsten Wert, Gott, entgegen. Aus der Sehnsucht, der gültigsten Wirklichkeit, Gott, xa begegnen, wird die unstillbare Lebenssehnsucht des Mensdien geboren. Sie ist so echt und wahr wie nichts anderes im Mensdien. Denn er ist auf Gott hin geschaffen. Er wurde einst ins E>asein gerufen, sidi ohne Hindernis auszustrecken bis zu dieser Begegnung mit dem unendlich liebenden Schopfergott. Zielstrebigkeit und Willenskraft des ersten Menschen waren so beschaffen, daß er unab-gelenkt hinüberbauen konnte zum Inbegriff des Lebens. In der Verdunkelung nach der ersten Sünde zerbrach der Bogen, der den Menschen mit Gott verbunden hatte. Seitdem gibt es keinen unmittelbaren Ubergang zum ewigen Leben. Seitdem gibt es den Tod.

Dem Menschen waren als einem Geschaffenen von jeher Anfang und Ende zubestimmt. Nur wäre die Mauer des Todes nicht aufgerichtet worden, wenn er im Mut gläubigen Vertrauens unbedingt gefolgt wäre. Heute, da wir über die Zusammenhänge der Geschlechterfolgen mehr unterrichtet sind als Eltern und Voreltern, erscheint es uns durchaus annehmbar, daß der Ahne des menschlichen Geschlecits mit seiner Entscheidung gegen Gott das Schicksal der Zukünftigen bis zu uns herauf bestimmen konnte. Dennoch sind wir hier weit entfernt von den Gesetzen des biologischen Erbganges. Das Wirken der Gnade ist letztlich für uns undurchschaubar und gehorcht nicht Naturgesetzen, sondern allein der schenkenden Liebe Gottes. Darum muß jeder einzelne Mensch für sich immer wieder dartun, ob er überhaupt offen ist für den Ruf des Allumfassers und Allerhalters, oder ob er im Kreise der Selbstbescheidung ohne Anfang, ohne Ende, ohne Hoffnung dahinlebt, bis die bittere Not des Sterbens sein Herz zusammendrückt.

In Wahrheit ist der Tod die letzte Folge der Sünde. Doch ist er nicht das Letzte, das den Menschen erwartet. Er bedeutet Verwandlung, Gericht. Insofern ist die Gestalt des Todes als des großen Fremden richtig gesehen, wie die gültigen ewigen Wahrheiten immer echten Ausdruck gefunden haben. Man denke an den berühmten Lübecker Totentanz, an den unvergeßlichen Ausdruck des Todes, den Bernt Notke (u«i 1500) diesem letzten Weggefährten aller Menschen gegeben hat. Man bringe alle Stimmen zum Schweigen und lasse in seiner Seele „Jedermann, Jedermann ...“ aufklingen. Wer könnte sich der Glaubwürdigkeit dieser Mahnung entziehen?

Dem Tode wohnt etwas Dunkel-Bedrohliches inne. Wer es leugnet, verfälscht die menschliche Wirklichkeit. Dennoch wird seine Fremdartigkeit von einem ehrfurchtgebietenden Zauber umgriffen, sein Dunkel ist nicht dichteste Schwärze, seine Düsterkeit durchflutet ein mildes Licht. Denn der Tod ist durch ein weltgeschichtliches Ereignis etwas Neues geworden, seine Endgültigkeit wurde getilgt durch das Entgelt sühnender Tat: der Tod, der unseren Tod bestimmt, ist der Opfertod Jesu Christi.

Christi Tod ist um unseretwillen erlitten und steht so in der Welt. Daran ändert nichts, ob der Mensch diese Tatsache anerkennt oder nicht. Für den Menschen allerdings ändert sich viel, wenn er daran teilhaben darf kraft freier Glaubensentscheidung.

In der Wahrhaftigkeit der Erlösung begriffen, vollzieht sieb mit unserem Sterben der Absprung in eine neue Wirklichkeit. Einem darstellenden Künstler hoher Schöpferkraft ist es gelungen, die Sinnfülle des Todes in ein hinreißendes Gebärdenspiel zu fassen. Das ist der geistdurchglühte Tänzer Harald Kreutzberg, dem es gegeben wurde, menschliche Seinsweisen im Tanze darzustellen. In einer seiner Schöpfungen bringt er die Furchtbarkeit des Todes, seine beängstigende Fremdheit zum Ausdruck, zugleich aber weist die Gebärde zum jenseitigen Ufer, dringt bis ins ewige Gegenüber und ist gerade so gedeutet von packender Eindringlichkeit.

Der Beobachter dieses Tanzes muß den Tod daraufhin so sehen, wie ihn der Christ von jeher kennt: als Beginn, als Aufbruch. Als ersten, wenn auch verwirrend neuen Schritt auf eine höhere Stufe des Lebens. Diese neue Lebensform wird durch das Wort Auferstehung gekennzeichnet. Christus ist nicht nur gestorben, sondern auch auferstanden. Erst dieser dritte Akt gab seinem Erlösungswerk den Abschluß. Leiden und Tod sind nur Teile davon, unvollständig, wenn nicht die Auferstehung gleichermaßen verstanden wird.

Das, was den Tod zu dem Ereignis beklemmender Ernsthaftigkeit stempelt, ist der unabwendbare Beginn völlig neuartigen Lebens. Der Auftakt dazu ist das Gericht, in das die Seele eintritt, wenn sie sich vom Leibe löst. Dieses Gericht, bestehend aus einer umfassenden Selbsterkenntnis, wirkt etwa so, als werde plötzlich die Platte unseres Lebens vollständig entwickelt, die bisher vergessen in der Dunkelkammer des Alltags lag. Jetzt aber wird sie in allen Einzelheiten ausgearbeitet vor uns liegen und wir brauchen nur von ihr abzulesen. Ferne sei es uns aber, bis zum Grauen zu erschrecken, denn sie wird ebenso getreu wie unsere Versager auch unsere redlichen Versuche wiedergeben, und wenn uns der Name Gottes im Leben heilig war, wird er unseren Tod behüten. Vom Lichte des Glaubens wird das endgültig fertiggestellte Bild unseres Lebens besonnt erscheinen und das Ja fai Gott vermag ein armes gedrücktes jämmerliches Leben in die Verklärung zu heben. Nun ist die Auferstehung gewiß kein ewiger Frühling, «keine endlose • Fortsetzung auch noch so edler Freuden, wie sie uns im Leben beschieden waren. Sie ist nicht bestimmt durch Veredlung und künstlerische Vollendung, nicht durch friedliches Miteinander der Menschen, nicht durch reibungslose Harmonie und perlende Geistigkeit.

Der auferstandene Mensch ist mit seinem ganzen Wesen hineingehoben in die Wirklichkeit des dreifaltigen Gottes. Erkenntnis wird uns kraft mächtiger Liebe zuteil werden, wie sie uns im Leben auf der Erde nicht beschieden ist. So werden die Gesetze des Denkens nicht als ferne Begriffe zusammengefaltet sein, sondern sie werden als anschauliche Wirklichkeit großartig vor uns geöffnet liegen. Der Weltplan Gottes wird uns als herrliche Apotheose umgeben. Was Jahrhunderte mühsam gedacht haben, wird nicht im Nacheinander, sondern gleichzeitig vor uns stehen. Wir werden erfahren, daß unser irdisches Denken klein, am Rande, anfängerhaft gewesen ist. Für eine unsagbare Befriedigung wird Raum sein, weil wir mitten in eine Ordnung gefügt sein werden, an der kein Mensch etwas anderes oder Besseres zu wünschen vermag. Gott selbst ist der Inhalt des ewigen Lebens und da Er immer der unendliche Gott ist und wir auch verklärt immer begrenzte Geschöpfe bleiben, so wird die Seligkeit, die immerwährende Anbetung bedeutet, kein Ende haben. Jegliche Beunruhigung, jeder Zweifel, jeder Schatten, jedes Nachlassen der Geisteskraft, jeder Überdruß und jede Schwäche werden in der Vollendung geschwunden sein, die durch den Tod unser eigen wird.

Durch den Tod, den unser ganzes Leben vorbereitet, wenn wir ihn auch selbst erleiden müssen. Dann fällt alles ab, was dem Leibe zugehörte, dann wird unseren Händen entgleiten, was sie gehalten haben, dann wird der Klang der Welt verrieseln, dann werden die Farben der Erde verblassen, dann werden uns die Dinge aus ihrem Schutz entlassen, jede einzelne Hülle wird abblättern, die unsere Seele verbarg, und alles wird zerrinnen, was einst lose um uns war. Allein der Kern unseres Selbst, die Seele hält stand, und wir können diesem Entwerden ruhig hingegeben sein, weil wir das eigene Grab überspringen und sich dereinst die Vollendung unseres geschöpf Heben Seins in der unendlichen Herrlichkeit Gottes erfüllen wird.

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