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Der ewige Gott und die menschliche Zeit

Was bedeuten Zeit und Ewigkeit im christlichen Kontext? Das irdische Leben ist Entscheidungszeit. Laut Augustinus bietet es die einmalige Gelegenheit, sich an Jesus Christus zu orientieren, und ist mit dem Tod entschieden. Das christliche Verständnis von der Einmaligkeit des Lebens lässt keinen Gedanken an Reinkarnation oder Seelenwanderung zu.

Zeit ist ein kostbares Gut. Ich habe Zeit, diesen Artikel zu schreiben oder zu lesen, oder keine Zeit, weil sie bereits für etwas anderes verplant ist. Dann bleibt zumindest noch so viel, um darüber zu klagen, dass ich keine habe. Aber was ist Zeit? Augustinus schreibt in den Bekenntnissen dazu ein äußerst berühmtes Wort: „Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es; will ich es einem Fragenden erklären, weiß ich es nicht“ (11,14,17). Tatsächlich hat der Bischof von Hippo sein Leben lang mit dieser Frage gerungen. Das elfte Buch der Bekenntnisse ist weithin bekannt, doch tut man gut daran, auch andere seiner Werke heranzuziehen, um seinen Gedanken nachzuspüren.

Zeit ist das Bekannt-Unbekannte, das sich der Reflexion entzieht, weil wir als zeitliche Wesen selbst von ihr betroffen sind. Um eine Definition zu finden, müssen zuerst die Grenzen der Zeit gesucht werden. Für Augustinus von Hippo (gest. 430) ist eines sicher: Gott ist nicht zeitlich, sondern ewig. „Ewig“ hat eine andere Bedeutung als „immer“. Gottes Ewigkeit bedeutet nicht, Gott hätte unendlich viel Zeit. Dem Ewigen ist alle Zeit gleich gegenwärtig, er kennt den Anfang, den Verlauf und das Ende der Geschichte. Als Schöpfer der Welt ist er selbst deren Anfang und Vollendung. Für die Zeit bedeutet das: Gott als Ewiger steht über ihr, alle zeitlichen Momente sind ihm gleich.

Der ewige Gott und die zeitliche Welt

Die geschaffene Welt unterscheidet sich von Gott dadurch, dass sie nicht immer schon da war. Sie ist einmal geworden und wird einmal nicht mehr sein. Alles in der Welt entsteht und vergeht. Dieses Werden und Vergehen macht die Zeit aus. Daraus folgert Augustinus zweierlei: Einerseits ist die Zeit selbst Schöpfung, Teil des göttlichen Plans für die ganze Welt. Gott schafft die Welt nicht irgendwann, als es ihm gerade in den Sinn kommt. Die Zeit beginnt dadurch, dass Gott einen Anfang setzt, er handelt nicht wann, sondern er schafft den Anfang selbst. Zeit gibt es nur mit der Welt, sie beginnt und endet mit ihr, weil Gott sie der Welt schenkt. Das gilt in ähnlicher Weise auch für den Raum. Zweitens ist Zeit nicht selbst etwas. Es gibt keine abstrakte Zeit irgendwo, die still und unerbittlich vor sich hinläuft, sondern immer Zeit an zeitlichen Geschöpfen: die Zeit der Welt, meine und deine Zeit.

Diese Ideen gewinnt Augustinus durch die Auslegung der ersten Verse des Buches Genesis und indem er die Welt rings um sich denkend betrachtet. Das Kommen und Gehen, Entstehen und Vergehen, eben die Zeit erscheint ihm wohl geordnet. So hört er die ganze Welt rufen, „sowohl dass sie geschaffen ist als auch, dass nur Gott sie geschaffen haben kann“ (Gottesstaat 11,4). Dass die Welt in der Zeit steht, also vergänglich ist, ist kein Mangel. Es ist das Sein der Welt, von Gott eine bestimmte Zeit bekommen zu haben.

Heute erscheint es ungewohnt, doch aus der augustinischen Perspektive ist verständlich, dass der Bischof von Hippo sich besonders damit auseinandersetzt, wie denn die sieben Schöpfungstage auszulegen sind. Wie kann man sie sinnvoll verstehen und trotzdem der Schrift treu bleiben? Augustinus ist dabei von kreationistischen Auslegungen unserer Tage weit entfernt. Dass es sich dabei um solche Tage, wie wir sie erleben, handelt, ist von vorn herein ausgeschlossen, denn das Merkmal des Tages, das Auf- und Untergehen der Sonne, kann es erst ab dem vierten Tag geben, an dem die Himmelskörper erschaffen werden. Dieses Verständnis trifft also nicht. Stattdessen sollen uns die Tage in einem übertragenen zeigen, wie die Erkenntnis der Schöpfung von Tag zu Tag wächst. So stehen die sieben Tage dafür, dass Gott uns Menschen immer mehr von seiner Schöpfung und damit auch von uns selbst, als seinen Geschöpfen, verstehen lässt. Im Geist können wir mit der Zeit immer mehr in das hineinwachsen, was Gott mit uns und der Welt vorhat.

Zeiterfahrung

Wie erfahren wir Zeit, wie können wir sie wahrnehmen und messen? Ja, welche Zeit ist uns überhaupt gegeben? Um Zeit zu messen, wird sie in Abschnitte geteilt. Dabei ist von langen und kurzen Zeiträumen die Rede. Wir sprechen auch von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Doch die Vergangenheit ist nicht mehr, denn sie ist vergangen. Die Zukunft ist noch nicht, sie kommt erst auf uns zu. Bleibt also nur die Gegenwart, das Jetzt. Doch was ist es? Kann die Gegenwart aufgehalten werden? Kaum überlege ich, ist dieser Moment des Überlegens schon wieder vorübergegangen. Der Moment ist unendlich kurz und besteht nur darin, dass Zukunft in Vergangenheit übergeht, er ist schlechthin nicht fassbar. So zeigt sich, „dass auch langhin dauernde Zeit nur durch die bewegte Folge flüchtiger Augenblicke, die allzugleich nicht Platz greifen können, zur langen Zeit wird“ (Bekenntnisse 11,11,13). Doch die Vergangenheit existiert in unserem Geist, in der Erinnerung. Ebenso können wir die Zukunft in unseren Geist rufen. Daher ist zu präzisieren, dass zwar Vergangenheit und Zukunft nicht existieren, wohl aber eine Gegenwart der Vergangenheit und eine Gegenwart der Zukunft. Indem er sich darauf besinnt, ist der menschliche Geist in der Lage, das Vergehen der Zeit zu überwinden.

Um etwas messen zu können, braucht es einen Maßstab, eine bestimmte „Ausdehnung“. Wenn nun aber die Zeit als Übergang von Zukunft in die Vergangenheit nirgends anders als im menschlichen Geist wirklich ist, dann kann Zeit nichts anderes als eine Ausdehnung eben dieses Geistes (eine distentio animi) sein, ein Stück in unserem Geist oder unserer Erinnerung. Dort haben wir Eindrücke von langen oder kurzen Zeitabschnitten, die wir miteinander vergleichen und so messen können.

Zeit und Geschichte

Wird vergangene Zeit in der Erinnerung bewusst wahrgenommen, entsteht meine, unsere Geschichte. Sie enthält nicht lauter gleiche Momente, die gleich viel Wert oder Unwert hätten. Geschichte besteht aus Nebensächlichem und Entscheidendem. Sie ist gewertete Vergangenheit, die im Gespräch auch Identität stiften kann. Es gibt Ereignisse, die dafür eine besondere Rolle spielen, andere, deren Bedeutung erst im Nachhinein klar wird. Dabei gibt es auch Fortschritte. Doch kann die Menschheit sich in der Geschichte selbst zur Vollendung entwickeln? Dagegen spricht die Erfahrung der Gebrochenheit durch die Sünde, die Rückschritte bringt.

Freilich kommen in der Theologie nicht die Menschen alleine in den Blick, sondern Gott und unsere Beziehung zu ihm. Die Geschichte des Volkes Israel mit Gott ist Heilsgeschichte. Die biblische Grunderfahrung ist, dass Gott in die Geschichte von Leid und Unterdrückung eintritt und sie wendet. Der ewige Gott kommt zu den Menschen in die Zeit, sieht ihr Leid und führt sie aus der Gefangenschaft in das Gelobte Land. Die Bibel ist voll von solchen Erfahrungen, dass Gott Menschen wieder zurück auf den rechten Weg führt.

So ist die Frage nach Zeit und Ewigkeit verbunden mit der Frage nach Gott. Die Schrift spricht davon, dass er ewig und unveränderlich ist. Doch wie passt das zur Erfahrung vom Herrn, dem sein Volk nicht gleichgültig ist? Ist nicht auch die Rede davon, dass Gott sich vom Geschick seines Volkes rühren lässt? Ja es heißt sogar, Gott empfinde Reue darüber, seinem Volk eine Strafe angedroht zu haben.

Das größte Problem für die Rede vom ewigen Gott aber ist die Menschwerdung: Gott geht in die Zeit und wird in Jesus ein endlicher Mensch. Er bleibt nicht jenseits der Geschichte, er engagiert sich und macht die menschliche Geschichte zu seiner eigenen. Gott selbst nimmt sich zu Weihnachten der Zeit an. Für die Menschen und mit ihnen gemeinsam verändert er sie. Augustinus nennt das im Blick auf die Zeitfrage so: „Der große, ewige Tag ist aus dem großen und ewigen Tag in diesen unseren kurzen, irdischen Tag gekommen“ (Predigt 185,2).

Hier ist nicht abstrakt von der Zeit die Rede, sondern von der Zeit, die Gott für uns hat, so wie wir davon reden, für einander Zeit zu haben. Ewigkeit und Unveränderlichkeit Gottes gewinnen einen neuen Sinn, wenn das personale Verhältnis der Menschen zu Gott in den Blick kommt. Dann bedeutet die Ewigkeit Gottes, dass man sich auf ihn als den Beständigen verlassen kann, weil er unveränderlich in der Treue zu seinem Volk, zu den Menschen steht.

Entscheidungszeit und Vollendung

Jedem Menschen ist je ihre oder seine Zeit geschenkt. Das irdische Leben ist Entscheidungszeit. Es bietet die einmalige Gelegenheit, sich an Jesus Christus zu orientieren, und ist mit dem Tod entschieden. Das christliche Verständnis von der Einmaligkeit des Lebens lässt keinen Gedanken an Reinkarnation, Wiedergeburt oder Seelenwanderung zu. Augustinus kritisiert den Gedanken der ewigen Wiederkehr als eine heillose Vorstellung. Eine menschliche Geschichte, die ihr Ziel nicht in Gott findet, ist hoffnungslos. Wer Gott im Leben vertraut, richtet seinen Blick nach vorne und orientiert sein ganzes Leben daran. Ein christliches Geschichtsverständnis befähigt zu einem echt moralischen Handeln, zur Orientierung am Guten.

Auch die modernen Wiedergeburtsvorstellungen lassen sich nicht mit dem christlichen Glauben an die Auferstehung vereinbaren. Statt der Erschaffung des ganzen Menschen findet sich dort die Idee eines „göttlichen Funkens“, der den Tod überdauert, um dann von Neuem in einen Leib einzudringen. Damit wird die Leiblichkeit radikal abgewertet, wogegen Christen die leibliche Auferstehung bekennen. Schließlich kann der Mensch sich nach christlichem Verständnis nicht selbst zur Vollkommenheit entwickeln, sondern nur in der Begegnung mit Gott, durch die Gnade. Die Lebensgeschichte von Gläubigen geht auf ein Ziel zu, auf das „Eschaton“, die endgültige Begegnung mit Christus am Ende des Lebens.

Damit gewinnt der Tod eine neue Bedeutung als Übergang zu etwas ganz Neuem. Das ewige Leben wird besser verständlich, wenn die bisher erarbeitete Unterscheidung von Ewigkeit und Zeit ernst genommen wird. Ewigkeit ist nicht eine unendliche Menge an Zeit, sondern eine völlig andere Qualität, sie ist vollendete Gegenwart. So bedeutet ewiges Leben, an der erfüllten Gegenwart Gottes Anteil zu haben.

* Der Autor ist Theologe und Philosoph, Mitarbeiter der erzbischöflichen Kanzlei

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