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Das Abenteuer Gott

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Die existierende Kirche macht den Eindruck,daß sie auf Gott zurückblickt,wie man auf eine erledigte Sache schaut.

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Die existierende Kirche macht den Eindruck,daß sie auf Gott zurückblickt,wie man auf eine erledigte Sache schaut.

Nirgendwo steht geschrieben, daß es auf Erden jemals eine angemessene Aufmerksamkeit auf Gott geben wird, in die sein Mysterium vollständig hineinpaßt. Das überraschende Wort Jesu: "Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut außer Gott, dem Einen" (Mk 10,18), hebt diese Möglichkeit grundsätzlich auf. Daher ist die Bibel nicht darum bemüht, die ausdrückliche Beachtung Gottes an bestimmten idealen Epochen zu messen, in denen sie ganz gestimmt hätte, weil sie ganz gelungen ist. Sie spricht vielmehr vom Wechsel der Stimmungen, weiß vom Glück der gotterfüllten Seele zu erzählen und beklagt die Zeiten der Gottvergessenheit. Nie ist dabei die Überzeugung erloschen, daß der gesamte Apparat der Religion, zu dem das erwählte Volk, die Kirche, die Priesterschaften, das ganze sakrale Inventar, die theologische Schriftgelehrsamkeit und die heilige Architektur gehören, nur einen einzigen Sinn hat: Gott.

Die wirklich lebendigen und berührenden Worte, mit denen die Beachtung Gottes auch in der späteren Tradition noch beschrieben wird, sind Vokabel der Ungewöhnlichkeit: Unruhe, nach ihm schreien, rufen, zweifeln, streiten, fragen, anbeten, ihm zusingen, Bewegungsworte also, niemals eine Sprache, die eine sitzende Zufriedenheit nahelegt.

Ist es in der heute existierenden Kirche das Thema Gott, das die Gefühle erregt und das Bewußtsein aufwühlt? Oder ist es nicht eher so, daß sie einen fertigen Zustand bespricht, wenn sie schon einmal zu diesem Thema kommt? Meistens macht sie den Eindruck, daß sie auf Gott zurückblickt, wie man auf eine erledigte Sache schaut, die guten Gewissens der Selbstverständlichkeit überlassen werden kann. Es mag zuweilen unterhaltsam sein, in den Medien zu erleben, wie die kirchlichen Fraktionen ihre Geltungskämpfe austragen, aber das hält nicht lange an und trägt ganz gewiß nicht weit. Es reicht nicht aus für die Einsicht, daß es sich bei diesem kirchlichen Treiben um eine Lebensnotwendigkeit handelt.

So viel ich höre, sind nicht wenige Zeitgenossen, die nach den Hauptelementen der Religion suchen, von beiden Seiten gelangweilt, denn hüben wie drüben, priesterlich und laienhaft, scheint die Kirche ganz mit sich beschäftigt zu sein. Die einen sagen gezielt Gott Gott Gott, um auch die pragmatisch lösbaren Probleme beim alten lassen zu können, die anderen richten ihr Begehren auf alles mögliche und halten offenbar Gott für eine aktualitätsferne Größe. Aber alle kennen genau seinen Willen, sprechen fortwährend davon und haben ihn hinter sich gelassen. Er ist in den Status der kirchenpolitischen Benutzbarkeit eingegangen.

Die Kirchenfunktionäre arbeiten in ihren Selbstbedeutungsritualen mehr an der religiösen Nebensächlichkeit der Kirche, als sie für ihre Anliegen zuwege bringen. Wenn es eine gute Seite an der Unfehlbarkeit gibt, besteht sie wohl darin, daß die Kirche trotz ihrer Selbstbefangenheit die Gottesunrast nicht los wird. Sie ist als Unruhe konstruiert, als bewegte Aufmerksamkeit, alle sonstigen Festlegungen fallen von ihr ab, sie sind variabel und kreisen um das eine konstante Interesse an der Erspürung Gottes.

Weder die Theologie der Professoren noch das päpstliche und konziliare Lehramt haben Gott zu Ende gesagt und fertig gedacht. Nichts an der großen Überlieferung bietet uns die Berechtigung für die Anmaßung, daß wir Gott auswendig können. Die maßgebenden Stimmen sprechen davon, daß unsere eigentliche nächste Umwelt Gott ist, denn in ihm leben wir, bewegen wir uns, und sind wir (Apg 17, 28), er ist uns innerlicher noch als die tiefste Intimität unseres Herzens, der wahre Zeitgenosse aller Geschöpfe, vor dem die fremd auseinander laufenden Lebensaugenblicke unvergessen da sind. Das allmächtige Du, zu dem wir hingetrieben werden von der Verwunderung, die alles aus dem Gleichgewicht wirft: daß die Welt ist, daß wir da sind in flüchtiger Zeit und weder den Anfang noch das Ende ergreifen können.

Der Prophet Ezechiel erzählt eine visionäre Geschichte vom anderen Exodus (2, 12-15), die uns heute wieder neu an die Haut geht. Gottes Herrlichkeit hebt sich aus dem wohleingerichteten Tempel und zieht mit dem Propheten zu den verschleppten Israeliten ins Exil. Er geht weg von den kultivierten Ruheorten, die ihm bereitet wurden.

Das Ereignis der Gottesgegenwart, die alles unterbricht und in Bewegung versetzt, muß nicht notwendig in Räumen geschehen, die von den Innenarchitekten der religiösen Stimmungen stilbewußt gestaltet werden. Vielleicht will Gott wieder zelten oder überhaupt im freien Gelände kampieren, weil er sonst in den Kunsthäusern der Kirchen unter dem Sammelsurium ästhetischer Kostbarkeiten verräumt wird? Gott auf der Flucht aus den Museen? Denn es geht nicht darum, daß auch dieser Gegenstand wieder aufgestöbert, abgestaubt, neu poliert und in ein Kabinett toter Raritäten weggestellt wird. Auf welchen Feldern der heutigen Kultur geschieht denn, was Mose in der Wüste erfahren hat: Gott im Feuer des Dornbuschs, als die brennende, den Augenblick erfüllende und aufzehrende Aktualität?

Ich meine nicht, daß sich Gottesintensitäten in seelentechnischen Verfahren herstellen lassen, aber neugierig können wir sein, hellhörig und spürsinnig. Denn nichts ist beantwortet, das Potential der Fragen ist ungeheuer angewachsen, alle die rundum therapierten Leute sterben heute und morgen mit ihrem Leben zwischen den Zähnen, mit den winzigen Projekten ihrer Sinngebungen, ihrer Liebschaften, Arbeiten, Spiele. Und die elektronisch verstärkte Redseligkeit, die den Planeten immer lauter umrauscht, klingt wie ein Selbstgespräch, und ist es auch, aber sie brandet an den Horizont, ein stotternder Ruf nach einem Halt im Wind der Zeit, ein Wille, der sich ausspricht, ein Wunsch, und nicht zuletzt Hunger und Durst nach Gerechtigkeit. Wo ist das Sein, das die dämmernde Hieroglyphe der Liebe hält und sie weiterzündet, damit endlich das Fest des Lebens gelingt?

Auch heute wäre das Gespür Jesu hilfreich, mit dem er die winzigen Gottesahnungen bemerkte, die sich in seiner Umgebung bei Leuten fanden, denen es die offizielle Rechtgläubigkeit gar nicht zutrauen wollte. Nicht nur überflüssig, sondern ungehörig und gewissenlos wäre es, das Stichwort Gott für die klerikale Strafpredigt über den Gang der Geschichte zu benützen. Wer seine Wahrnehmungsorgane nur ein wenig hinhält in die beiden Jahrhunderte der höchsten Moderne, die nun bald vorüber sein werden, sieht deutlich, daß der Pfaffengott der europäischen Kriegstheologien sehr wirksam an den Katastrophen dieser Epoche beteiligt war. Aufrichtigkeit ist am Platz, die freie Rede von Gott und zu Gott, aus dem Bewußtsein, daß die Menschen das sichernde Geleit des göttlichen Geistes brauchen, um mit der gefährlichen Macht des Heiligen heilsam umgehen zu können.

Die Sprache im Kirchenraum ist nach zwei Seiten hin ärmlich, weil sie in den Klischees des Liebseins verkümmert ist. Die Gewalt der geschichtlichen Ereignisse schlägt die kuscheligen Sätzlein der üblichen Verkündigung mit Lächerlichkeit. Und das wilde Libretto der Bibel bringt ihre Benützer meistens in Verlegenheit. So dramatisch wollen sie Gott gar nicht haben, daher wird er gebürstet und geschrubbt, bis sein Bild gefällig ist. Die Tradition aber sagt, daß der Gottesweg weit ist und Gott ganz nah, und sie spricht von der Leidenschaft und vom Leiden. Auch dieses kann nicht verschwiegen werden, die Gottesnot, das Greifen und Tasten nach ihm, der Hunger nach kräftigen Zeichen dafür, daß er tätig ist an der Welt.

Die Zumutungen, die vom Gott der Bibel ausgehen, führen notwendig zur Überforderung des Menschen. Er muß sich hineinleben in die Welt und aus ihr heraussterben, kann alles sehen und nichts erlangen, das Auge der Vernunft auf das Ganze öffnen und es mit keinem Organ fassen. Aber das Aufgebot aller Energie ist gefordert und es reicht aus, wie winzig es immer sich ausdrücken mag, der eigentlichen und einzigen Überraschung fähig zu werden, die es gibt, der Begegnung mit dem ewigen Gesicht.

Das ist der Weg in die Wahrheit, die in allem vorläufigen Schein verborgen ist, die Bewegung zu dem, was wir in unserer Lebenszeit mehr sehnsüchtig die Liebe nennen, als wir sie zuwege bringen: die wirkliche, lustvolle Freude am Guten.

Der Autor ist emeritierter Professor für Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Salzburg.

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