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Kommt noch jemand alle Jahre wieder ?

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„Die Seinen nahmen ihn nicht auf“ - vor 2000 Jahren? Nein, heute im christlichen Abendland, in einer Welt, die sich selbst genügt. Und doch geschieht auch jetzt das Wunder.

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„Die Seinen nahmen ihn nicht auf“ - vor 2000 Jahren? Nein, heute im christlichen Abendland, in einer Welt, die sich selbst genügt. Und doch geschieht auch jetzt das Wunder.

Wer die Religionskarte in einem Atlas aufschlägt, könnte beeindruckt sein: Europa, große Teile der Sowjetunion, ganz Amerika, Ozeanien laufen unter der Bezeichnung christlich. Und die Papstreisen haben gezeigt, daß es auch in den übrigen Kontinenten Christen gibt. Die Seinen scheinen zahlreich geworden zu sein.

„Alle Jahre wieder kommt das Christuskind ... “, tönt es aus dem überquellenden Kaufhaus und über die Buden des nach pommes frites riechenden Christkindlmarktes vor dem Wiener Rathaus. Aber die verbissenen Gesichter der streßgeplagten Einkäufer vermitteln nicht den Eindruck, hier werde eine freudige Ankunft vorbereitet.

Nicht die Verweltlichung des Weihnachtsfestes jedoch möchte ich karikieren. Sie ist ja nur eines der vielen Zeichen dafür, daß das „wahre Licht“, das in die Welt gekommen ist, im sogenannten „christlichen Abendland“ heute kaum sichtbar Aufnahme findet.

„Noch nie ist es uns so gut gegangen“, erklärte 1983 vor der Wahl der damalige Bundeskanzler Bruno Kreisky. In mancher Hinsicht hatte er recht. Unser materieller Standard hätte alle unsere Vorfahren vor Neid erblassen lassen: Jeder dritte Österreicher besitzt ein Auto, jeder Haushalt einen Kühlschrank. 85 Prozent der Haushalte besitzen Bad oder Dusche, 80 Prozent Fernseher, Waschmaschine und Telefon. Es wachsen die Butter-, Käse- und Fleischberge.

Auch, was die Information anbelangt, können wir uns nicht beklagen: Immer mehr Zeitungen, Fernsehkanäle, Videocassetten, immer mehr Maturanten, Akademiker, Erwachsenenbildung...

Und wir genießen die Wohltaten länger: In den letzten 100 Jahren stieg die Lebenserwartung um 25 Jahre. Pest und Cholera kennen wir nur mehr aus Geschichtsbüchern. Gott hat es gut mit dem christlichen Abendland gemeint, könnte sich ein außenstehender Beobachter denken. Wahrlich, hier fließen Milch und Honig. Wer näher hinsieht, erkennt jedoch, daß diese Wohltaten weder mit Gott in Beziehung gesetzt werden, noch vielfach als solche empfunden werden. Wie kam es dazu?

Das neuzeitliche Denken hat sich seit Jahrhunderten von Gott emanzipiert. Der moderne Mensch nahm sein Schicksal selbst in die Hand. Wissenschaft und Technik wurden zu Instrumenten, um das Projekt „Selbsterlösung“ erfolgreich voranzutreiben. Das Programm dazu umriß der französische Philosoph Rene Descartes schon im 17. Jahrhundert: „... die Kraft und Wirkungsweise des Feuers, des Wassers, der Luft, der Sterne und aller anderen Körper kennenzulernen, sodaß wir sie zu allen Zwecken verwenden und uns so zu Herren und Eigentümern der Natur machen.“

Der Mensch als Herr und Eigentümer — nicht Gott. Das Programm schien aufzugehen: Hunger, Unwissen und früher Tod wurden erfolgreich bekämpft, später erstaunliche Großtaten vollbracht: Mondlandung, Herztransplantation, Roboter, Atomenergie, Gentechnologie ... Tatsächlich alle Körper erforscht.

Die Schöpfung schien in unserer Hand zu sein, Gott als Kon-strukt vorwissenschaftlicher Zeit entlarvt. Im Bertelsmann-Lexikon liest man unter dem Stichwort „Leben“: „Die Frage, ob sich Leben völlig mit physikalischchemischen Gesetzen erklären läßt, wird von der modernen Naturwissenschaft bejaht“. Völlig erklärt — unbegrenzt ist unser Vertrauen in die menschliche Einsichtsfähigkeit.

Der deutsche Psychiater Horst Eberhard Richter attestiert dem neuzeitlichen Menschen einen „Gotteskomplex“: „Jedenfalls sieht es so aus, als ob Herbert Marcuse nach Nietzsche den vorläufigen Endpunkt einer Philosophie narzißtischer Allmächtigkeit gesetzt habe“. Los von Gott, sei die Parole.

Die modernen Wohltaten werden also nicht in Beziehung zu Gott gesetzt. Warum aber werden sie auch nicht wirklich als Wohltaten empfunden? Weil wir aus ihnen Götzen, goldene Kälber gemacht haben, den Inhalt unseres Lebens. Die „Herren und Eigentümer der Natur“ wollen in den Genuß ihres Besitzes gelangen. Und weil der Glaube an ein Leben nach dem Tod schwindet (weniger als zehn Prozent der Österreicher glauben an die leibliche Auferstehung), konzentriert sich alle Glückserwartung auf das Hier und Jetzt. „Vor allem Gesundheit, das ist das Wichtigste“, werden wir uns zu Neujahr wünschen.

„Hast Du was, so bist Du was“ — diese Vorstellung prägt uns alle. Erich Fromm sprach vom Haben-Modus. Er lenkt unsere unstillbare Sehnsucht nach dem unendlichen Gott um auf die grenzenlose Gier nach immer mehr von allem und jedem.

In dieser Welt muß Gott gar nicht abgeschafft werden. Man stellt ihn ins Winkerl. Jetzt billigen ihm sogar die Befürworter des Evolutionismus zu, beim Urknall mit im Spiel gewesen zu sein. Er durfte das „Match ankik-ken“. Seither lebe er allerdings zurückgezogen in einem Winkel des Weltalls, eher bedeutungslos. Für manche ist Gott noch der Gesetzgeber, der dem Menschen Bahnen für Wohl verhalten vorgeschrieben hat. „Die Zehn Gebote sind nicht schlecht“, bekomme ich in Gesprächen zu hören, „vor allem für Kinder“.

Aber auch in dieser Rolle wird Gott bedeutungslos, gehen seine „guten“ Gebote unter dem Druck der Sachzwänge verloren: Schwarzfahren und Schwarzarbeit, Schmiergelder und Steuerhinterziehung (eine Branche mit 110 Milliarden Schilling Umsatz im Jahr allein in Österreich) sind Alltagserscheinungen. Eine Befragung von Führungskräften fördert den um sich greifenden Opportunismus, die „eingeengte Aufmerksamkeit auf Erfolg, Gü-

ter und Genuß“, ebenso zutage.

Nicht Wissenschaft, Technik und Wirtschaft haben uns von Gott und von uns entfremdet, sondern der Geist, in dem wir sie betreiben.

Daß das Konzept nicht aufgeht, spüren viele Menschen heute. Einige wenden sich der östlichen Mystik zu, andere suchen beim „Tischerl-Rucken“, bei medial begabten Lehrern oder bei Sekten Orientierung. Transzendenz ist wieder „in“. Die Wiederentdek-kung des Jenseitigen ist im Gegenteil eine Gefahr, wenn sie nicht zur Aufnahme Jesu führt.

„Und die Seinen nahmen ihn nicht auf“: Keine Frage, daß dies auch auf uns alle zutrifft, die wir uns ausdrücklicher zur Kirche bekennen, aber genauso vom Zeitgeist der Selbsterlösung angesteckt sind; zu einer Kirche, die der Wissenschaft mehr vertraut als der Barmherzigkeit Gottes, die mehr auf Gremien und Diskussion als auf Gebet setzt, die dem Psychiater mehr zutraut als dem Bußsakrament, die mehr Geld für Bauten als für die Notleidenden aufwendet, die sich mehr an Gebote und Vorschriften klammert als auf den Heiligen Geist einläßt, in der die weltliche Institution so leicht das anbrechende Reich Gottes verdeckt.

„Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden“, lesen wir weiter. Wo das geschieht, sind nicht schlagartig alle Weltprobleme gelöst, aber die ursprüngliche Ordnung wiederhergestellt. Wer ihn aufnimmt, erfährt und macht erfahrbar, daß Gott wirkt: Heute, nicht nur am Anfang, am Sinai und auf Golgo-tha.

Menschen erfahren, daß Jesus ihnen heute zuruft: „Suche zuerst das Reich Gottes ..., ohne mich kannst du nichts tun und kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen ... “

So werden Menschen Kinder Gottes: Mitten im Mißtrauen wird Vertrauen geschenkt, in der Un-versöhnlichkeit verziehen, in Diskussionen gebetet, in der Depression gehofft, unter Tränen gelacht und die Welt von innen erneuert. Heute geschieht diese persönliche Hinwendung in ungeahntem Maß: nicht nur in Taize oder in Medju-gorje, sondern in Graz, Minsk, Bombay und Favoriten

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