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Frankreich — religiös gesehen

Bossuet, jener berühmte Kanzelredner Ludwig XIV., erklärte in Gegenwart des Königs, als er eine Predigt über die Bibelstelle vom reichen Prasser und vom armen Lazarus hielt: „So sieht es in der Seele dieses bösen Reichen und seiner blutbefleckten Nachahmer aus, wo die Vernunft ihre Herrschaft verloren hat, wo die Gesetze keine Geltung mehr haben, wo Ehrsucht, Geiz, Gaumenkitzel und die andern Leidenschaften, ein mutwilliger und aufrührerischer Haufen einen empörenden Schrei widerhallen lassen und man nichts mehr hört als die Worte: Bring noch dazu, bring her, bring immer neue Nahrung der Habsucht; bring her einen noch raffinierteren Prachtaufwand, zu diesem ohnehin auffallenden und bedenklichen Luxus, bring noch ausgesuchtere Vergnügungen zu- dieser ohnehin schon durch seinen Überfluß überdrüssig gewordenen Geschmackslust. Unter den wild sich gebärdenden Schreien dieser törichten und unersättlichen Armen kann es geschehen, daß ihr die Stimme jener schmachtenden Armen hört, die vor euch zittern, die verschüchtert sind durch ihr Elend und die gewöhnt sind, sich darüber hinaus-zuerheben durch ileißige Arbeit. Das ist es, warum sie sterben vor Hurger auf eurem Grund und Boden, auf euren Schlössern, in euren. Städten, auf euren Ländereien, vor der Pforte und in der Umgebung eurer Paläste. Niemand eilt ihnen zu Hilfe. Leider! ...“ Und an den König gewendet: „Das ist alles, was ich Eurer Majestät sagen kann. Man muß es sagen, das andere bleibt Gott überlassen ...“

Aber in einem Land, in dem für die unteren Schichten die Brotbereitung aus Quecke, Farnkraut und zerriebenen Nußschalen bestand, dessen Selbstmordzahl ins Unermeßliche stieg, dessen Einwohner Hanf aßen, dessen Häuser von wilden Tieren belagert1 waren, in dem man Kadaver als Wertobjekte sammelte, da konnte auch ein Heiliger, wie es Vinzenz von Paul gewesen war, nicht mehr den Zusammenbruch aufhalten. Die Situation war schon zu weit vorgetrieben. Die Kirche in Frankreich mußte ihr jahrhundertelanges Nichtsehen und Nichttun wesentlicher christlicher Aufgaben schwer büßen.

Von der Französischen Revolution bis zur letzten Enteignung im Jahre 1905 durch die vollständige Trennung der Kirche vom Staat durch einen feindlich gesinnten Staat wurde der Kirche noch das genommen, was ihr verblieben war. Gewiß erstanden im französischen Katholizismus des 19. Jahrhunderts große Gestalten. Aber die Kirche brachte es me zu einer machtvollen und entscheidenden Stellung, so daß sie als geschlossenes Korpus in der Öffentlichkeit von Bedeutung gewesen wäre. Und dabei findet man heute nicht wenig Franzosen, die ohne weiteres '.ugeben, daß sie Katholiken sind, aber — „Je suis un bon catholique, mais mauvais practiquant“, erklärte mir einmal mit Stolz ein höherer Beamter und dieser Ausspruch ist so oft typisch für diese Kreise. Denn es geht in Frankreich noch ein Gespenst herum, vor dem sich zu viele fürchten und auch noch immer Angst haben, sie würden sont nicht als vollwertige Bürger genommen werden und dieses heißt: Klerikalismus. Vom kleinen Dorfschullehrer bis in die höchsten Kreise reicht dieser Angsttraum vor dem vielleicht einmal leibhaftig aufscheinenden schwarzen Gespenst.

Aus dieser psychologischen Situation heraus ist es wohl zu verstehen, daß es noch viele Gesetze und Vorschriften gibt, die absolut kirchenfeindlicher Natur sind, aber über die man sich wohl in den meisten Fällen praktisch hinwegsetzt. Wer denkt

heute daran, daß eigentlich noch die ver-schiedentlichen Ordenstrachten verboten sind und nur das Schwarz des Weltpriesters erlaubt ist. Daß soundso viele Ordensgenossenschaften sozusagen illegal bestehen, daß Orden und Kongregationen keinen Besitz haben dürfen und deshalb ganz einfach ihr Vermögen auf einzelne Mitglieder umgeschrieben ist. Wer hat noch nicht das merkwürdige Bild in den Straßen großer

Städte gesehen, daß bei einem Leidienzug der Priester in Chorrock und Vespermantel in einer alten wackeligen Kalesche sitzt, während die Teilnehmer hinter dem Sarge gehen, weil es nach dem Gesetz verboten ist, „kirchliche Prozessionen“ zu halten. Voriges Jahr berichteten Zeitungen von einem Prozeß gegen den Erzbischof von Besancon, weil er ohne Erlaubnis des Magistrats der Stadt die Fronleichnamsprozession aus der Kathedrale herausführte und sich weigerte, hiefür die Strafe von soundso vielen tausend Franken zu bezahlen, wobei er sich vor Gericht auf die nationale Freiheit berief. Jemand erklärte mir, es gäbe Orte, wo die Kirche automatisch an die Gemeinde das bestimmte Strafgeld erlegte. Es ist ja im Grunde das gesamte Kircheneigentum vor 1905 Eigentum des Staates, beziehungsweise der Gemeinden geworden. Das geht so weit, daß heute noch vielfach das Läuten der Glocken von der Zustimmung der Gemeinde abhängig ist. Auch hier ist die Praxis viel milder als das Gesetz. Es darf aber nicht vergessen werden: die Gesetze sind da, sie sind nicht abgeschafft, es muß nur wieder eine Macht da sein, die sie anwendet. Die Möglichkeit steht immer drohend irgendwo am Horizont.

Die Armut als seelischer Faktor

Die praktische Situation ergibt, daß die Kirche vollkommen auf sich gestellt ist. Sie hat an den einzelnen Gläubigen keinen Rechtsanspruch auf eine Kirchensteuer oder eine irgendwie geartete Abgabe. Es sind nur Geschenke, Spenden, die durch die Vermittlung der Pfarrer oder durch ihre eigene Initiative den Bischöfen zukommen. Diese teilen nun nach der Notwendigkeit die ein-

gekommenen Spenden an die -Pfarrer und

die sonstige Seelsorgegeistlichkeit auf. Ein Pfarrer, der zwei Pfarren, die sechs Kilometer auseinanderliegen, versieht, erzählte mir Ende vorigen Jahres, daß er vom Bischof im Jahre 5000 Franken erhalte, wovon er 2000 für den Pfarrhof an die Gemeinde als Miete zu bezahlen habe. Um einen Vergleich zu ziehen, sei nur angeführt, daß der Lehrer der staatlichen laikalen Schule im Dorfe monatlich 6000 Franken als Gehalt bezieht. Wenn man noch dazu-rechnet, daß ein Meßstipendium derzeit mit 50 Franken bewertet wird, ist die Rechnung leicht gemacht. Und man versteht, daß der Diözesanklerus im Durchschnitt sehr arm ist. Darum sehen wir so viele Pfarrer in ihren alten zerschlissenen Soutanen und in ärmlichen Behausungen. Wie erschütternd das „Tagebuch eines Landpfarrers“ von Bernanos auch ist, so viel Wahrheit und Wirklichkeit steckt darin.

Aber vielleicht gehört diese Armut mit zum Wesen des französischen geistigen Menschen. Man kann sich schwer daran gewöhnen, aber gerade aus dieser unheimlichen Tiefe steigen die großen Geister, wie ein Leon Bloy, dessen kümmerliche Armut erst allen seinen Werken einen Elan gibt, und das erschütternde und ergreifende Heiligenleben des armen Pfarrers von Ars findet so oft seinen Widerschein. Vielleicht ist es

gerade dadurdi erst möglich, daß Gewalten und Kräfte ofienbar werden, die ein normales bürgerliches Leben niemals aufzubringen imstande ist, weil dieses in ewiger Gleichgültigkeit dahin trottet gegenüber aller Problematik und durch seine Sattheit sich mit den gegebenen Lebensumständen zufrieden gibt. Nur ein Leon Bloy, der noch mit 67 Jahren schrieb, daß er als geachteter und bekannter Schriftsteller so kümmerlich leben müsse wie ein Erdarbeiter, konnte “auch eine so tiefe Gläubigkeit aufbringen. Wenn nun dieser zum Beispiel von dem Herausgeber einer Zeitschrift in Marseille berichtet, der diese selbst schrieb, heftete und mit seiner Frau zusammen verkaufte, so sind wir vielleicht gerne bereit, darüber die Nase zu rümpfen. Aber wir vergessen, daß ein so Großer ,wie Charles Peguy seinen Gedanken und seinen Werken fast und ebenso Geltung verschaffen konnte.

Die Situation im Landvolk

Nicht die Armut kann der Kirche gefährlich werden, sondern die Quellen, aus denen sie stammt. Und dies gilt vor allem darum in Frankreich, weil das Land und die Landbevölkerung in ihrer christlichen Substanz gefährdet sind. Leon Bloy, um diesen als zufälligen und doch verläßlichen Zeugen dafür anzuführen, berichtet schon iri einem Brief vom Juli 1911, daß an dem Orte, wo er sich zu den Ferien aufhielt, jedermann am Sonntag arbeite, trotzdem kein Witterungswechsel bevorstand oder schlechtes Wetter befürchtet wurde. Und er fügt hinzu: „Wir haben einen braven Mann von Pfarrer, der sein Leben damit verbringt, in der verlassenen Kirche zu seufzen.

Unsere Ankunft war ihm ein unverhoffter

Trost, denn wir sind die einzigen, die seiner täglichen Messe beiwohnen.“ Es ist tat-sächlidi so, daß die Landgemeinden einer Entchristlichung seit dieser Zeit entgegengegangen sind, die wohl viel beachtet wurde und der man auf alle Art und Weise zu steuern versuchte. Der bekannte katholische Schriftsteller Rene Bazin wies schon 1915 auf die Wurzel des Übels hin, nämlich auf die Aufklärung des 18 Jahrhunderts, die sich erst im 20. Jahrhundert auf dem Lande auszuwirken begann, indem sie den bodenständigen Menschen auch geistig entwurzelte: „Und heute begegnen wir dem Phänomen, daß die höheren und besser unterrichteten Volksschichten religiöser sind als das Landvolk.“ (Pages religieuses, Tour .1915, S. 12).

In der Zeitschrift „Etudes“ vom 20. April 1938 war diese Frage ihrer zahlenmäßigen Bedeutung nach behandelt. Bei aller Vorsicht, die immer Zahlen gegenüber zu gebrauchen ist, vor allem aber in der Statistik der „Frömmigkeit“, geben sie doch zu denken und erübrigen vor allem, persönliche Beobachtungen wiederzugeben, denen man eventuell nachsagen könnte, sie wären subjektiv gefärbt. Am besten steht wohl in dieser Beziehung die Bretagne da. Von einem Dekanat mit 11.163 gezählten Personen haben nur 298 Getaufte keinerlei Verbindung mit der Kirche. Von zwei Dekanaten der Diözese Brieux, elf Pfarren mit 11.072 Erwachsenen haben 220 Männer und 58 Frauen nicht ihre Osterpflicht erfüllt. Wo anders unter 44.418 Gezählten befinden sich 2131 Dissidenten und 1700 Männer und 430 Frauen, die nicht die Ostern gehalten haben. Allerdings diese Zahlen sind aus dem glaubenseifrigsten Teil, der Bretagne! Am schlimmsten ist es wohl im Süden, der die meiste religiöse Substanz verloren hat. Ob das etwa bis auf die Albigenser zurückgeht, wäre noch zu untersuchen. Jedenfalls wurden in den Jahren 1927 in diesen Pfarren die Osterkommunikanten auf 25 bis 35 Prozent vom Gesamtbestand gerechnet. Dasselbe wird ungefähr von der Diözese Nevers angegeben. Von einer Wüste des Glaubens kann man von der Gegend um Macon sprechen. Dort sind die Kirchen an Sonntagen buchstäblich leer, die Männer kommen nur zu Begräbnissen in den Gottesdienst. 20 Prozent der Kinder “sind nicht getauft. In den Kantonen von Gard gibt die erwähnte Zeitschrift 1527 Osterkommuni-onen an unter 29.152 Katholiken. Es gibt an der Creuse und im Departement Haut-Vienne Pfarren, in denen ein Viertel der Kinder getauft ist, und Pfarren, in denen kein Mann zur Kommunion geht und von 1500 Einwohnern nur 28 Frauen gezählt wurden. Ebenso schwierig sind die Verhältnisse in der Diözese Meaux und an der Loire.

Und heute? Es war vor nicht zu langer Zeit, da sprach ich mit einem erfahrenen Landpfarrer über dieses Problem. Er, der selbst 20 Jahre an einem Orte schon ist und sich mit Missionen und allen Mitteln müht, eine lebendige Dorfgemeinde zu schaffen, er sagte mir: „Unsere Bauern — die weitaus meistens Pächter sind — sind Individualisten. Schon das Kind, meist ist es nur eines oder höchstens zwei, lebt für sich auf dem Hof, will nicht zu den andern gehen, kennt keine Gemeinschaft und lebt nur für den Hof, für die Arbeit. Es gibt zu wenig Landarbeiter, zu wenig Menschen. Und keiner will mehr Kinder und hat gar nicht die Absicht, mit mehr angeblich seinen Besitz zu belasten.“ Und ich verwies auf das gute religiöse Beispiel, welches gerade die französischen Kriegsgefangenen bei uns in Österreich gaben. Auch da wußte er aus dem Schatz seiner Erfahrungen mir Beispiele zu erzählen, wie diese Männer mit Stolz von ihren Gemeinschaftsmessen erzählen, aber jetzt und in der Gemeinde, nein, die andern machten es doch auch nicht und die Verhältnisse wären so ganz anders, und vor allem hieße dies zu Hause einen neuen Brauch einführen.

Diesen Schwierigkeiten entgegenzutreten, hat der französische Katholizismus die „Katholische Familienbewegung“ auf dem Lande („Mouvement Familial Rural“) ins Leben gerufen, die neben der praktisch-technischen Beratung der Landbevölkerung, besonders die seelsorgliche Vertretung verfolgt. In einer ihrer letzten Erklärungen wird besonders auf die Wichtigkeit einer intensiven Pastoration hingewiesen, die nicht nur durch den Pfarrer zu geschehen hat, sondern durch die Persönlichkeit eines hiezu vollkommen freigestellten Diözesanpriesters, der gerade das Berufsethos des Bauern in'

besonderen Vorträgen und Konferenzen zu heben versteht. Daneben versuchen neue

Kongregationen und ordensähnlidhe Gemeinschaften gerade durch ihre Ansiedlung in Bauerngemeinden das geistliche Leben der Pfarren zu stützen und zu heben.

Die Lichtseite

Es wäre falsch, wenn man, es nicht sagen würde, daß so viel versucht und schon so viel getan wurde, was noch nicht bekannt ist und was wahrscheinlich in seinem wirklichen Ausmaß gar nicht statistisch erfaßt werden kann. Aber es wird nach Jahrzehnten an seinen Früchten zu erkennen sein. Es muß nämlich immer wieder hervorgehoben werden, daß es neben dem Frankreich, das auf den Plakatwänden sich zeigt und aus den Modezeitschriften herausschaut, auch ein Frankreich gibt, das betet, arbeitet und opfert. Es hat manchesmal seine eigene Form durch seine zahlreichen Werke und Vereinigungen. Aber man kann ruhig behaupten, daß die Stätten, von denen der Unglaube ausgegangen ist, die großen Städte und an ihrer Spitze Paris selbst, die Zentren eines reichen katholischen Lebens geworden sind. Wenn ein so armer Katholi-

zismus, wie es Her französische ist, es zustande bringt, fünf katholische Universitäten mit allen Fakultäten, Tausende von katholischen Volksschulen und Patronagen zu erhalten und dazu ein blühendes Missionswesen in allen Missionsländern zu unterhalten, so zeigt das nicht nur von Großherzigkeit und Weltoffenheit, sondern von richtiger Katholizität. Wer als Beobachter nach Frankreich fährt und sich als Besucher die Zentralen und Büros zeigen läßt, mag viel gesehen haben, aber er hat nicht am Puls und am Herzschlag des katholischen Frankreich gefühlt. Den fühlt man dort, wo man in einen kleinen Kreis als Unbekannter hineintritt und doch als Bekannter; weil man Glied der einen katholischen und apostolischen Kirche ist, herzlich aufgenommen wird. Er wird dort viele Armut, viele freiwillig auf sich genommene Armut erleben, aber immer auch die Verantwortung spüren, welche die französischen Katholiken und ihre Bischöfe um der Kirche und ihrer Ausbreitung willen gerne auf sich nehmen. Es mag manchmal ihre Art anders sein, aber, Gott sei Dank, haben sie auch ihre Eigenart, die manchmal so wenig nach Organisation schmeckt und doch durch-

drungen ist von höchstem Verantwortungsbewußtsein. Die lebendigen Pfarrgemeinden

in den größeren Städten und Großstädten, der zahlreiche Ordensnachwuchs der verschiedensten Klöster und Kongregationen, die reiche und tiefe theologische Literatur, die moderne Ausgestaltung der diversen Wochenblätter und Zeitschriften — man denke nur an das in Kupfertiefdruck herausgekommene Kirchenblatt „La vie catho-lique“ oder die beiden äußerst gut aufgemachten und inhaltlich reichen Wochenblätter „Temoignage Chretien“ und „Temps present“ sind nur ein paar Schlagworte, worüber wir hier so wenig wissen. Manche Arten, wie zum Beispiel die wunderbar inhaltlich wie technisch redigierte Missionszeitschrift der Jesuiten sind uns überhaupt noch nie bekanntgeworden und haben wir nie gehabt.

Frankreich ist das Land, das wir als katholisches Land erst kennenlernen müssen, weil es neue Kräfte und manchmal auch neue Mittel gesucht und gefunden hat. Es hat seine Probleme, seine Schwierigkeiten, aber eine geheime und mystische Quelle gefunden, sich zu. erneuern, im Glauben und in der Verantwortung um das Reich Gottes.

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