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Digital In Arbeit

Zwischen Angst und Langeweile

Der Leser verzeihe, daß der Schreiber dieser

Zeilen diese kleine — und gewiß unvollständige — Skizze über die Situation des heutigen Menschen mit einigen persönlichen Erlebnissen in diesem vergangenen Sommer, in den letzten Wochen, beginnt und diese Bemerkungen in Form und Bildern zu zeichnen wagt. Es sind Bilder, aus denen die geistige Lage des heutigen Menschen blitzartig erkannt werden kann, besser als durch noch so scharfsinnige Analysen. Hier sind diese Erlebnisse:

1. Bild: Ein Wochentag im Juli in der Festspielstadt Salzburg. Auf dem Kapitelplatz, von welchem aus ein prachtvoller Blick auf die Feste Hohensalzburg sowohl wie auf die Seitenwand des Doms und auf die barocke Pferdeschwemme zu werfen jedermann möglich ist, rollt ein Autobus nach dem anderen an, stoppt und entläßt seine Insassen. Bei jedem Autobus zeigt sich das gleiche Bild: diesen fahrenden Ungetümen entquillt eine müde, abgehetzte, verschwitzte Anzahl von Reisenden, von denen jeder mindestens einen Photoapparat mit den dazugehörigen Utensilien umhängen hat. Fast aus jedem Autobus ertönt ein Lautsprecher, der sagt, daß in zwei, drei oder vier Stunden die Weiterfahrt beginnt, daß jetzt eine Führung stattfindet, daß hierauf gegessen werde, da und da. Und dann geschieht das Köstliche und Bemerkenswerte: fast jeder der dem Autobus Entquollenen nimmt seinen Photoapparat zur Hand, schaut auf den Belichtungsmesser und — schießt Bild auf Bild. Prüft den Dom, ob er in dieser Beleuchtung, von dieser Seite geeignet sei für eine Aufnahme, sieht sich die prachtvolle barocke Schwemme an und betrachtet sie kritisch — vom Standpunkt seines

Im "'Kopfi hadh, ob aiff'' fieš& Ehffėfnūfrg ftöW ein rfecWAB , 8i§giicitofa;3saif’dßfieB':ttöfen Waiie dem Fremdenführer nach, den Apparat griffbereit in der Hand, jederzeit bereit, eine Aufnahme zu machen.

Keiner von denen, die aus diesen Autobussen, welche aus allen Himmelsgegenden kommen, hat die wundervolle Schönheit dieses Platzes gesehen. Keiner sah plastisch, sondern jeder sah flach — für die flache Platte seines Apparates. Niemand sah objektiv auf diese Landschaft, jeder blickte auf sie nur im Hinblick auf sein Objektiv.

2. Bild: Ein großes Restaurant in Salzburg zur gleichen Zeit. Alle Tische sind besetzt. Die Kellner kommen der Arbeit kaum nach. Die Gäste vertreiben sich ihre Wartezeit mit Schreiben von Ansichtskarten,- von denen die meisten eine Unzahl vor sich liegen haben. Und die fast jeder auch sonst noch am Tisch Sitzenden mit seiner (unleserlichen) Unterschrift versehen muß. Manche unterhalten sich über die Güte ihrer Photoapparate, manche zählen die Namen jener Orte auf, die sie in ihrem Leben schon gesehen haben; es ist meist alles, was sie von ihnen wissen. Manche dösen, einfach dahin. Denn sie und alle anderen Gäste sind erschöpft — von der Hetze des Vergnügens. Auch die Kellner sind erschöpft — von der Hetze der Arbeit. Und das Fazit: es gibt kaum noch eine Schönheit der Ruhe und kaum noch eine Schönheit der Arbeit.

3. Bild: Ein kleiner offener, Platz an einem Salzkammergutsee. Die Landschaft ist herrlich. Die Stille wäre herrlich. Aber es gibt keine mehr. Denn der Platz ist mit drei Zelten besetzt, in denen irgendwelche Wanderer kampieren. Und jedes dieser Zelte besitzt einen Kofferapparat. Und aus jedem ertönt Musik. Eigentlich ist es eher ein unverständliches Getöse, das aus den Apparaten quillt, dessen einziger Erfolg es ist, die Ruhe zerstört zu haben. Und das Seltsame ist: keiner dieser Zeltbewohner hört dem Radio eigentlich zu. Sie wollen nur den Lärm. Odei richtiger: sie wollen keine Stille.

Diese Bilder könnten noch weitergeführi werden, sie würden nichts Neues mehr ergeben sie würden höchstens noch das Bild des heutigen Menschen differenzierter zeigen, wie kleine Steinchen ein Mosaik nuancenreicher machen Deshalb Schluß mit ihnen.

Wer heute nach dem „bewährten" Fragebogensystem eine Rundfrage veranstalten würde,

mit dem Thema: „Was ist Ihrer Meinung nach das Charakteristikum des heutigen Menschen?“, würde eine Unzahl von Antworten bekommen, kaum eine aber würde sagen, was doch das Bezeichnendste ist: Daß der heutige Mensch ein Nomade ist. Der mitteleuropäische Mensch zumindest — und von dem ist ja hier die Rede. Es würde diese Antwort gar nicht auftauchen, weil das Wort „Nomade“ bei den meisten noch zuviel von Karl-May- Romantik in, sich hat. Und dennoch ist der heutige Mensch ein Nomade. Er wandert, wandert nicht nur ununterbrochen, sondern lebt mehr oder minder in Zelten. Das gilt teils wortwörtlich. Man sehe sich diese Zeltstädte an, die in ganz Europa an den schönsten Punkten der Landschaft zu treffen sind. Es sind nicht nur Unbemittelte, die sich auf diese Weise das Reisen erleichtern wollen. Denn es gibt viele, viele Gutsituierte, die sich leicht einen Aufenthalt in Hotels leisten könnten, die aber dennoch aus reiner Lust „Camping“ betreiben, deren Campingausrüstung soviel Geld kostet, daß sie sich dafür spielend große Reisen leisten könnten. Der heutige Mensch wohnt in Zelten. Denn auch 'die' vielen Wohnwagen, mit denen er durch die ’LändsVhäftüi'Teisi, sind ja nichts anderes als 3£iößterfe'®Ite. •Öätf'Köstlichste äfebf'ist! dä'ß äu'ch die meisten Wohnungen heute ja vielfach nichts anderes sind als Zelte, als stabile Zelte, die man aber auch leicht abbrechen kann, das heißt, aus denen man leicht ausziehen kann. Die Einrichtungen sind so beschaffen, daß sie jederzeit binnen kurzem auf einen Lastwagen geladen und woanders eingestellt werden können. Auch der Luxus des heutigen Menschen ist der Luxus von Nomaden. Denn was sieht er als erwünschten Luxus an: Photoapparate, Radioapparate, Langspielplatten, lauter leicht tragbare Dinge für ein Zelt. Selbst die Bücher — wenn er sie heute liest — sind Bücher für Nomaden. Denn diese Pocket-Books nehmen keinen Raum ein, sie können jederzeit weggeworfen werden, ohne daß der Käufer das Gefühl hat, einen materiellen Verlust zu erleiden.

Selbst monumentale Bauten haben etwas Zeltartiges an sich, sie sehen aus wie große Ausstellungszelte, die jederzeit abgebrochen werden können. Sogar Bücher, die schön gestaltet sind, gleichen in ihrer Ausstattung Katalogen für jene

Zelte, die leicht abgebrochen werden können: auch sie sind somit vom Nomadendasein des Menschen infiziert.

Vor fünfzig Jahren versuchten die Reichen, mit ihren Wohnungen die Palais von Adeligen nachzuahmen, die weniger Reichen bemühten sich, gehobenes Bürgertum vorzutäuschen. Jede Wohnung, ob von Armen oder Reichen, zeigte aber etwas sehr Seßhaftes. Auch die Hotels bemühten sich, ihre Zimmer so einzurichten, daß sich jeder Gast „zu Hause“ fühlte. Dies alles ist verschwunden und hat dem Nomadentum Platz gemacht.

Aber das Seltsame ist, daß der heutige Mensch, der keine „stabilitas loci“ mehr kennt, nicht umherzieht, um die Welt zu erwandern. Er sieht nichts von ihrer Schönheit. Er sieht sie nur mehr — wie schon an einem Beispiel gezeigt wurde — für das Objektiv seiner Photoapparate. Er knipst ununterbrochen. Er filmt ununterbrochen. Er sieht — wie ebenfalls schon gesagt wurde — die Welt nicht mehr plastisch, sondern flach. Man hat den Eindruck, er knipst, er filmt nur deshalb so ununterbrochen auf seinen Wanderungen, um jede ruhige Minute unmöglich zu machen, auf seinen Reisen auszUSchalten. Er photographiert, weil er Angst hat, daß sonst seine Reise lang- "weiligdseiin könnte. Dehii er rwandsrt.und hier kommen wir auf den eigentlichen Grund seines Wanderns, weil er Angst hat — vor der Langeweile. Er will nichts von der Welt sehen, er will nur, daß sie ihm die Langeweile, die für ihn tödlich ist, unmöglich macht. Ansonst wäre es doch kaum faßbar, daß Millionen von Menschen durch die Schönheiten der Welt wandern, durch ihre von der Natur oder von der Hand des Menschen erschaffenen Schönheiten wandern, ohne von diesen im mindesten berührt zu werden, ohne von diesen auch nur das Geringste anzunehmen. Ihre Kleider bleiben so häßlich, wie sie waren, ihre Wohnungen, ihre täglichen Gebrauchsgegenstände, ihre Sprache, ihr Horizont wird nicht weiter. Ihre Geistigkeit nicht größer.

Dieses Wandern, dieses Nomadenleben ist für viele eine Last, sie brechen direkt zusammen unter dieser Last des. Vergnügens, sie kommen von ihren „Erholungsreisen“ erschöpfter zurück, als sie es vorher waren. Aber sie nehmen diese Last auf sich, dieses unruhige Dasein, um der

Langeweile zu entgehen. Sie sind ständig auf der Flucht vor ihr.

Dies ist eines der merkwürdigsten Zeichen unserer Zeit, daß der Mensch sich von der Langeweile dauernd bedroht fühlt. Die Psychologen sagen bereits, daß die Langeweile den Menschen viel mehr zu schaffen mache als alle anderen Nöte, als "die wirtschaftlichen, die sexuellen. Freud hätte keine Freud’ mehr, denn seine Theorie wird durch die heutige Zeit umgeworfen. Ganze Industrien existieren davon, weil sie den Menschen helfen, der Langeweile zu entfliehen. Dazu gehören große Teile der Filmindustrie, des Fernsehwesens, des Rundfunks, dazu gehören viele sportliche Veranstaltungen, die ohnedies nichts anderes mehr sind als Zirkusvorstellungen, dazu gehört die heutige Tanzmusik, die nur aus Krach besteht und den Menschen in einen rhythmischen Taumel hetzt, der ihn abhetzt und müde macht. Müde — zum Nachdenken. Heute geschehen schon Morde aus keinem anderen Grund, als weil der Mörder der Langeweile entgehen wollte. Nur unsere Zeit konnte das Fließband erschaffen, das ja auch nichts anderes ist als der Versuch, jede „lange Weile“ in der maschinellen Produktion unmöglich zu machen. Wer an einem Fließband steht, hat keine „lange Weile“ mehr, zum Unterschied vom Handwerker, in dessen Leben ja die Ruhestunden die Stunden des Ueberlegens sind, des Betrachtens, des Erfindens. Von der Hobelbank kommen Künstler, vom Fließband nicht mehr. Wer an dem Fließband steht, ist ein Roboter, der mechanische Bewegungen ausführen muß, einer von tausenden anderen Robotern, die zusammen ein schauerliches Kollektiv von gehetzten Arbeitern bilden, die ..nicht mehr denken können, weil sie- keine „länge- Weile“ haben dürfen.. .. .jüz. … ..

Im Grunde genommen ist diese ständige Flucht des heutigen Menschen vor der Langeweile nichts anderes als der Ausdruck, daß er Angst hat — vor der Stille. Er verträgt die Stille nicht. Es gibt in unserer Zeit eine eigene Neurose, die aus der Stille entsteht: die sogenannte Sonntagsneurose, die allen Psychiatern hinlänglich bekannt ist. Der heutige Mensch will die Stille nicht — wie wäre es sonst zu erklären, eine Beobachtung, die jeder machen kann, daß Menschen in ihren Wohnungen von früh bis abends das Radio laufen lassen, wobei sie aber gar nicht zuhören, sondern nur den Wunsch haben, ständig eine Geräuschkulisse um sich zu haben, die die Stille tötet. Nur der heutige Mensch konnte das tragbare Radio erfinden, das er immer mit sich herumführt, im Auto, im Motorboot, das ihm ermöglicht, auch nicht eine einzige Sekunde ohne Geräuschkulisse zu existieren. Hier ist auch die köstlich-traurige Tatsache zu erwähnen, daß die Fabriken, die Mopeds erzeugen, gezwungen sind, diese so zu konstruieren, daß sie möglichst viel Lärm beim Fahren erzeugen. Denn das ohrenbetäubende Krachen dieser Fahrzeuge wäre gar nicht notwendig, aber die Jugendlichen verlangen es und die Fabriken beugen sich diesem Wunsch. Ist dies nicht auch ein Symptom dafür, daß auch der junge Mensch nicht in der Stille zu leben vermag?

Der heutige Mensch ist ständig auf der Flucht. Er flieht vor der Langeweile, und diese Flucht ist nichts anderes als eine Flucht vor der Stille. Er flieht aber vor der Stille, weil in dieser die vielen Aengste, die ihn bedrohen, derart aufsteigen und ihn überspülen, daß er schon allein durch diese Aengste in der Existenz bedroht wird.

Und hier kommen wir zum Grundproblem unserer Zeit. Aus allem ergibt sich: Der heutige Mensch hat Angst. Wovor? Vor allem. Er hat Angst vor dem Krieg, vor Seuchen, vor Willkür, vor Krankheiten, vor dem Altwerden, vor Arbeitslosigkeit, vor Naturkatastrophen, vor dem Ungesichertsein. Dies Angst kann ihm im Grunde genommen nicht zum Vorwurf gemacht werden. Zuviel an grausamsten Erlebnissen mußte der Mensch innerhalb der letzten fünfzig fahre durchmachen, Erlebnisse, die ihn zerstören, zermürben mußten. Die Angst sitzt dem heutigen Menschen in den Knochen, und daß er sich vor ihr zu schützen sucht, ist menschlich begreiflich.

Um sich aber vor allen Katastrophen zu schützen, hat er ein gigantisches Versicherungssystem geschaffen, politisch, militärisch, wirtschaftlich. Vor allem schließt er auch ständig Versicherungen für sein privates Leben ab. Tatsächlich kann man sich heute gegen alles versichern lassen, selbst gegen eine verregnete Sommerfrische oder den Verlust der Schönheit der Beine. Der heutige Mensch versichert sich gegen alle Katastrophen, die in früheren Jahrhunderten die Menschen überfielen und die er doch besser ertrug als wir alle. Dies mag vor allem damit Zusammenhängen, daß die beste Versicherung, die es gibt, heute nicht mehr funktioniert: die große Familie, zu der nicht nur Eltern und Kinder, sondern die ganze Verwandtschaft gehörte. Jene Familie, die keines ihrer Mitglieder in einer Not „hängen“ ließ, die immer einsprang, bei der die Großmütter in der Kinderpflege aushalfen, die Onkeln bei wirtschaftlichen Katastrophen, bei der die Ihenstboten zur Familie gehörten und ebenfalls nicht verlassen wurden und selbst wieder niemanden verließen.

Diese Angst führt besonders auf drei Gebieten zu interessanten, oder richtiger gesagt, zu betrüblichen Erscheinungen: der heutige Mensch hat einmal Angst, einen freien Beruf auzuüben. Die „Faszination der Lohntüte“ nimmt immer mehr zu, die Zahl der Lohnempfänger nimmt immer mehr zu, die Zahl der frei Schaffenden immer mehr ab. Dahinter verbirgt sich nicht nur eine Angst vor dem Ungesichertsein des freien Berufes, sondern auch vor allem eine Angst vor der Verantwortung. Denn wer Angestellter ist, hat immer noch eine höhere Obrigkeit über sich, die zuletzt doch die Verantwortung trägt oder auf die man sie schieben kann. Wer das heutige öffentliche und private Leben röntgenisiert, der sieht, wie überall die Verantwortung weitergeschoben wird, wie sich fast niemand mehr getraut, kleinste Entscheidungen zu treffen, für die er auch die Verantwortung tragen müßte. Zu guter Letzt wird dann dem Staat alle Entscheidung aufgebürdet, auch auf Gebieten, die ihn eigentlich nichts angehen.

Während der Osten alles offiziell verstaatlicht, alles zu Kolchosen zusammenfaßt, geht der freie Westen fast den gleichen Weg, lediglich aus dieser Angst des Einzelmenschen vor der Verantwortung. Im ganzen freien Europa wird eigentlich auf stille Weise verstaatlicht, das Leben in Kolchosen oder ähnliche Vereinigun- gensgepiefttisbhs ml r: TÜW sixarisdid ast srfss

Der heutige Mensch hat aber ferner auch Angst ypr epj wgrden. „D_a,S führt„ dazu, .daß es jetzt überhaupt keine alten Leute mehr gibt. Männer mit 65 Jahren führen sich auf wie Jünglinge von 20 Jahren, Frauen, die siebzig sind, kleiden sich wie Dreizehnjährige. „Das Leben beginnt mit vierzig“, sagt ein Schlagwort. Wenn Calderon dagegen in seinen Stücken von einem Greis sprach, meinte er immer einen Vierzigjährigen. Jeder Vierzigjährige wäre heute gekränkt, wollte man ihn als einen Greis bezeichnen. Es gibt kaum noch alte Männer, womit zusammenhängt, daß den Völkern die „Weisen“ fehlen.

Die tollsten Blüten treibt aber die Angst vor der Krankheit. Nicht nur, daß jetzt jeder Mensch gegen Krankheit versichert ist, er rennt nicht nur ununterbrochen zu Aerzten, sondern doktert auch dauernd an sich selbst herum, indem er sich in die Lektüre von unzähligen halbmedizinischen Büchern stürzt — eines der wenigen Bücher, die er noch liest — und dann ununterbrochen Pillen kaut. Fast jeder trägt heute Pillen mit sich: gegen Kopfweh, Halsweh. Grippe, rheumatische Schmerzen, Müdigkeit usw.

Doch genug der Beispiele. Ziehen wir zum Schluß dieser Skizze, die — es sei nochmals betont — höchst unvollständig ist und nur den Finger ajjf eine Wunde legen will, das Fazit. Es ist kein schönes Bild, das gezeichnet wurde. Es zeigt einen Menschen, der Nomade geworden ist und dessen Herumziehen eigentlich eine Flucht vor der Langeweile darstellt, die er fürchtet, weil er sonst zu sehr die Stille spüren würde, in der ihn wieder die Aengste überschwemmen würden.

Warum aber hat er diese Aengste, richtiger gesagt, warum ist er derart vor ihnen erschrok- ken und von ihnen gelähmt? Die Antwort ist die einfachste der Welt:: weil im Leben des Menschen Gott keinen Raum oder nur einen sehr geringen einnimmt. Unendliche Massen von Menschen kennen Gott gar nicht, weitere Massen haben nur eine vage Beziehung zu Ihm. Die Christen leben — wie Karl Rahner einmal sagte — mehr denn je in einer Diaspora. Wo aber kein Glaube an Gott, da wächst der Glaube an die Versicherung. Wo keine Ehrfurcht vor der Allmacht Gottes, da steigt die Angst vor den Mächten dieser Welt. Nicht, daß der Christ nicht auch Aengste hätte. Aber im letzten weiß er sich doch geborgen in der

Allmacht Gottes. Ihn können die Aengste nicht restlos überwältigen. Der Christ hat vor allem auch keine Ursache, vor der Stille zu fliehen. Denn in ihr erfährt er nicht so sehr die Existenz der Aengste, sondern wird zum Nachdenken über Gott „verführt“.

Mancher wird jetzt aber mit Recht die Frage aufwerfen, warum denn auch heute so mancher Christ von dem schrecklichen Fließband, das fast jedes Leben erfaßt hat, umschlungen und fortgezogen wird. Auch hier ist die Antwort recht einfach: es gibt noch keine für die heutige Zeit endgültig geschaffene Askese. Nicht daß die ewigen Gesetze der Askese nicht auch beute gültig wären. Selbstverständlich. Aber die Hinweise und Lehren, wie der heutigen Malaise des Menschen mit aszetischen Mitteln gültig begegnet werden könnte, sind erst im Aufbau begriffen. So wird z. B. die Forderung nach der Sonntagsheiligung noch zuwenig laut erhoben. So gibt es außer dem Nichtfleischessen an Fasttagen so gut wie keine Fastenbestim mungen. Der Kirche darf deshalb kein Vorwurf gemacht werden. Denn wie eine Naturkatastrophe überfiel diese neue Zeit die Menschen und auch die Christen und ließ letzteren im ersten Schock zunächst keine Zeit zur Besinnung und schon gar keine Zeit, ein wirksames System dagegen auszuarbeiten.

Noch einmal sei jetzt zum Ausgang dieses kleinen Artikels zurückgeblendet nach der schönen Stadt Salzburg, in das Innere der Kirche der Erzabtei St. Peter. Es ist Abend und die Mönche sind zum Gebet versammelt. In der Kirche selbst sind nur wenige Menschen, aber über dem Raum, durch den der monotone Gesang der Mönche dringt, liegt eine tiefe und beglückende Stille. Nichts von der Hast der Zeit ist hier zu spüren. Die Sucht zum Nomadentum ist gebannt durch die „stabilitas loci" der Mönche. Und ihr Wahlspruch „Ora et labora“ erscheint wie die kürzeste, aber prägnanteste Formulierung jener Aszese, die die heutige Zeit notwendig hat.

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