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Digital In Arbeit

Wir M ensclien ohne Zeit

Warum haben wir Menschen dieser Zeit denn nie mehr Zeit? Eigentlich habe ich selber ja keine Zeit, darüber nachzudenken, warum ich keine Zeit habe. Denn ich bin schließlich Geschäftsmann, und das wäre mir ein schöner Geschäftsmann, der ausgerechnet Zeit hätte!

Ich sehe aber, daß es nicht nur den Geschäftsleuten so geht mit der Zeit wie mir und nicht nur den überbürdeten Hausfrauen, es geht allen so und keineswegs nur um Weihnachten. Da ist es freilich am schlimmsten; wir begehen diese hohe Zeit mit der allerhöchsten Rastlosigkeit. Aber auch das ganze übrige Jahr kommen wir kaum mehr in den Genuß ruhigerer Zeiten. Sogar die Kinder haben schon keine Zeit mehr, müssen fortgesetzt etwas tun, sind fortwährend beansprucht.

Denn Zeit haben: damit meint jeder doch, die Zeit haben für das, was er ohne müssen, was er zu seiner bloßen Freude tun dürfte. Bei dem einen ist’s die Geselligkeit, die aus Zeitmangel heute zu kurz kommt, bei den anderen Konzert und Theater, der Garten kann es sein, eine Hobelbank, ein Strickzeug, Tiere, Bücher, Sport, Briefmarken, Reisen. Mögen diese geliebten Beschäftigungen untereinander noch so ungleichwertig sein, als Gegenstände unserer freien

Neigung vermögen sie unseren Alltag gleichermaßen zu vergolden. Und gerade dafür sollten wir keine Zeit haben? Wer nimmt sie uns denn weg, die Zeit, die wir als Kinder noch in so goldener Fülle hatten, und unsere Eltern, scheint es, doch auch?

Denn sonderbar: obwohl zur Zeit unserer Eltern der Arbeitstag viel länger war als heute, hatte man mehr Zeit für Dinge, auf die es einem ankam. Ich brauche nur an meinen Vater zu denken: Jeden Morgen, zehn Minuten vor sechs Uhr, trat er seinen Rundgang an durch die Fabrik; von zwölf bis ein Uhr war Mittagspause; um sieben Uhr schloß das Werk, und um halb acht Uhr kam Vater aus dem Kontor. Ich weiß nicht, ob heute noch viele Geschäftsherren dreizehn Stunden im Betrieb zubringen; ich tue es jedenfalls nicht und halte es auch nicht für richtig. Aber so viel weiß ich, daß mein Vater trotzdem für seine Familie, für seinen Garten, für Spaziergänge und Ausflüge und für die tägliche Lektüre mehr Zeit hatte, als ich sie beim besten Willen aufbringe. Daneben bastelte meinVater noch Schiffsmodelle; hatte seinen Stammtisch. seinen Sitz im Rathaus, in der Handelskammer, in der Gemeindediakonie usw. und begann alljährlich bereits im Oktober mit dem Weihnachtsaufbau seiner unvergeßlichen Zinnsoldatenschlacht. Ich schäme mich, wenn ich denke, wie wenig Zeit ich dagegen für meine Kinder habe!

Dies nur als recht persönliches, dafür aber um so verläßlicheres Beispiel, daß früher keineswegs weniger gearbeitet würde als heutzutage, daß also unser Zeitmangel nicht daher rührt, daß wir einen längeren Arbeitstag hätten als die gute alte Zeit. Auch mit dem Schulunterricht ist das ja höchst sonderbar. Wir haben heutzutage zweifellos bessere Lehrbücher und umfassendere Lehrpläne. Trotzdem kann man bemerken, daß jeweils die veraltet erzogene Eltemgeneration doch noch mehr weiß als ihre modern gebildete Nachkommenschaft, und daß man früher zwar vielleicht mehr Schule hatte, aber trotzdem mehr Freizeit übrig behielt. Ist das nicht absurd?

War man vielleicht früher gesünder und daher leistungsfähiger gewesen? — fragt man sich. Keineswegs, antwortet die Statistik Wir werden fortwährend gesünder, wachsen immer größer und leben immer länger. Wir müßten demnach viel mehr Zeit für uns haben, als unsere Vorfahren, und nicht etwa weniger.

Wie soll man dieses Rätsel lösen! Es muß einem doch Angst machen, wenn man sieht, daß uns die Arbeit frißt mit Haut und Haar, Ich habe es neulich miterlebt, wie ein sehr beschäftigter Unternehmer durch einen Bekannten um die Hand einer Dame anhalten ließ — nicht weil er sich persönlich nicht getraut oder weil er das für besonders fein erachtet hätte, sondern ganz einfach, weil ihm infolge einer dringenden Auslandsreise die Zeit fehlte, sich persönlich zu erklären, und weil er anderseits dieses „Heiratsgeschäft“ doch gerne vor dem Fest zum Abschluß bringen wollte. Das ist nun allerdings ein krasser Fall des „für nichts mehr Zeit haben“. Vielleicht bringt er uns aber ein wenig mit zur Besinnung.

Es handelt sich nämlich bei dieser Zeiterscheinung, daß wir keine Zeit haben, gar nicht um Zeit, Wir haben doch alle schon einmal erlebt, daß wir im Augenblick höchster Eile, wo wir keine fünf Minuten übrig zu haben glaubten, um an uns zu denken, krank wurden, und nun hatten wir auf einmal Zeit, wochenlang: wir mußten sie einfach haben. Die Zeit ist also gar nicht’So tyraflriisthy'wie wir šie 7Mfsge bieH;vsf6': läßt ifeh j'\duföhäti95dirigiefetf.r,f,5ölNSfti''%ft‘" Öa f aber erst einer Krankheit überlassen? Es liegt offenbar doch an uns, ob wir Zeit haben oder nicht.

„Wenn du jemanden reich machen willst", sagt einmal Epikur, „dann mußt du ihm nicht etwas geben, sondern etwas nehmen.“ Das klingt paradox. Es sollte wohl auch so klingen, um die Aufmerksamkeit zu erregen. „Was soll man denn dem wegnehmen, den man reich machen will?“ fragt man sich. „Die Begierden!“ antwortet Epikur. In dieser uralten Weisheit liegt auch das Rezept unserer Heilung. Unsere Krankheit in und an der Zeit beruht darauf, daß wir immer mehr wollen, als unserer Natur und unseren Kräften gemäß ist. Die Natur will Maß, will Rhythmus; einseitiges Erfolgsstreben, so sehr wir es als Tüchtigkeit bewundern, ist widernatürlich und rächt sich. Wer sich beispielsweise einen großen Wagen einbildet oder ein modernes Haus, sich dafür aber von früh bis spät abschinden muß — der begehrt eben zuviel. Wenn er seine Ansprüche herabsetzen würde, müßte er weniger um Geld fronen und könnte damit mehr vom Leben haben. Denn was nützt aller erworbene Reichtum dem, der ihn zu genießen keine Zeit mehr hat? Was nützen dem König seine hundert Schlösser?

Wir alle haben zu viele Begierden.' Wir möchten am liebsten den „Fünfer und ’s Weggli", wie der Volksmund so hübsch sagt.

Wir sollten darüber nachdenken, wie wir bescheidener und damit reicher werden könnten. Für jeden liegt die Grenze anderswo. Verwerflich aber ist alles Streben, das uns zwingt, unser häusliches Leben, unsere Liebhabereien, unsere Begabungen, unsere Nächstenpflichten hintanzusetzen und zu vernachlässigen. Was soll die größte Leistung, das großartigste Werk, wėnn es mit dem Opfer des Menschseins erkauft wird? Keine Arbeit ist segensreich und sinnvoll, die nicht das Menschenwohl zum Ziele hat. Leistungen, die uns innerlich aushöhlen und uns keine Zeit mehr lassen, Mensch zü sein, sind nicht bewundernswert, sondern verabscheuungswürdig, sie mögen noch so stolz dastehen.

Es soll niemand glauben, große Arbeitsleistungen bedingten eben die völlige Aufopferung der Person und wären sonst nicht denkbar, ln einer berühmten Fabrik brach in der Zeit, wo alle Versicherungen wertlos wurden, da Material mit Geld nicht wieder zu beschaffen war, ein Großfeuer aus. Der Inhaber, ein leidenschaftlicher Musikfreund, saß gerade beim Quartettspiel, als ihm die Hiobsbotschaft gebracht wurde. Da spielte er erst das Quartett zu Ende, das schien ihm die höhere Pflicht. Das Werk ist trotz solcher Haltung seines Herrn — oder vielleicht gerade deshalb — heute noch das führende seiner Art.

Also nehmen wir uns Zeit, darauf kommt es. an! Wir haben sie alle, wenn wir nicht zuviel und zu schnell nach außen wirken wollen. Ich sage mir daher jeden Morgen: nimm dir Zeit! Denn es geht mir selber so: man sieht es vielleicht ein, was Epikur sagt von den Begierden. Es sind das nicht nur Begierden nach Gut und Geld, sondern die noch viel gefährlicheren nach Ruhm und Macht. Aber mit dem Einsehen ist es ja nicht getan. Wie manchen Spruch auf dem Kalender sieht man nicht ein, denkt sich: ja, ja, sehr richtig — reißt das Blatt ab und wirft es weg, und auch die Einsicht wirft man weg. Man muß die Einsicht in die Tat umsetzen. Man muß sich immer wieder dazu ermuntern.

''tTnd' darin hat mich persönlich noch ein1 Satz belfärkü, dtfti'ich ünläfrgsMäs, und derinföb fi’ef getroffen hat. Ich will den Satz hier wiederholen, so unerbittlich er ist. Dieser Satz lautet: „Es ist später als du meinst!" Ja, es ist später, als wir alle meinen. Wir stellen uns alle so an, als ob wir unendlich zu leben hätten; und wenn wir etwas erreicht haben, stecken wir die Pflöcke gleich wieder weit hinaus und hasten fort und fort. Und so treffen wir unaufhörlich Anstalten für Zeiten, die wir nicht mehr erleben werderi, und verlieren darüber auch die Zeit, die uns zu leben vergönnt ist.

Das soll keine Moralpredigt sein. Wem es wohl dabei ist, daß er vor lauter Arbeit nicht mehr zu sich selbst kommt, der wird sich von so einem Aufsätzchen nicht abhalten lassen. Aber vielleicht fällt es ihm eines Tages ein, wenn er selber unruhig und traurig geworden ist wie wir darüber, daß wir Menschen geworden sind ohne Zeit. Und dann erinnert er sich vielleicht an das kleine Rezept Epikurs, mit dem man wieder Herr seiner Zeit werden kann.

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