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Wirklichkeit und Phantasie

Naturhaften, das ganz auf die Dämonie des vom Hunger Getriebenen, umgeben von der anschaulichen Schilderung der schneeverwehten Weiten des nördlichen Kanada.

Der bereits 1907 entstandene Roman von Rudolf Hawel: „Im Reiche der Homun- k o 1 i d e n” (Verlag Gerlach & Wjedllng, Wien), eine Utopie, wurde neu aufgelegt. Der Träger des Bauernfeld- und Raimund-Preises, der Anwalt der Enterbten des Glücks, befindet sich spürbar in diesem Werke nicht in seinem Element. Die Satire des ersten Teiles ist zeitgebunden und könnte heute auch mißverstanden werden. So bleibt der Versuch, den fabriksmäßig erzeugten Menschentyp ad absurdum zu führen. Ob aber der psychologische Angelpunkt das Problem der Eingeschlechtlichkeit ist, da doch vorwiegend soziale Fragen berührt werden, steht dahin.

In die Wirrnisse der Gegenwart führt der ungarische Lyriker Ernst Sz6p mit seinem Erinnerungsbuch „Drei Wochen in 194 4” (Panorama-Verlag, Wien). Es gibt einen Ausschnitt aus dem Leidensweg de: ungarischen Juden wieder, geschrieben ohne Leidenschaft, in unparteilicher Kritik auch gegen die eigenen Glaubensgenossen. — Ebenfalls, wenn auch nur mittelbar vom Grauen der Vergangenheit bewegt, sind die aphoristisch gehaltenen Visionen Michael Guttenbrunners: „Spuren und Überbleibsel” (Kaiser-Verlag, Kla- genfurt). Hier zeigt sich ein unbestimmtes, unklares Suchen, das sich mit Gott und Welt, mit dem Leid, dem Tod und dem Willen zum Guten angesichts des Bösen auseinandersetzen möchte. Ein Mittelding von Bibel und Zarathustra, das einen gequälten Geist spiegelt.

Daß man Uber wissenschaftliche Themen fesselnd schreiben kann, beweist Hermann T e r t s c h : „D as Geheimnis der Kristallwelt” (Verlag Gerlach & Wiedling, Wien). Der bekannte Mineraloge legt mit großer Selbstkritik hinsichtlich des erstrebten Zieles, den Roman einer Wissenschaft zu schreiben, dar, daß die Gesteinskunde nicht die Tochter der Physik und Chemie, sondern die Mutter beider ist. Der Verfasser wußte eine Mittellinie zwischen einem Buch für den Fachmann und dem Laien einzuhalten; und dies ist angesichts des weiten Gebietes, das zu erfassen war, sehr vieL

Man kommt von seiner Vergangenheit nicht so leicht los. Einmal hat man uns gelehrt, den Gefühlen zu mißtrauen, weil sie sozusagen nur überflüssiger Raudi sind, den eine in Fahrt befindliche Lokomotive ausstößt. Nun ist es schwer, mit ihnen wieder vertraut zu werden. Du erinnerst dich doch, daß eigentlich alles nichts war, nur das Nichts war alles Tradition war faule Gewohnheit, Familie eine überflüssige Bindung, die Mutterliebe sublimierter weiblicher Spieltrieb, das Verhältnis zwischen Mann und Frau zivilisierte Triebhaftigkeit, Religion war Opium und Vaterlandsliebe eine Erfindung von Ausbeutern zu verschiedenen niederträchtigen Zwecken. Wir waren Kulturtiere, nichts sonst. Aber.

Er starrte vor sich hin und die Finger seiner rechten Hand spielten nervös mit einem Ring.

Eine Weile wartete ich, ließ ihn grübeln, dann fragte ich ihn: „Und was kommt nun nach deinem ,Aber’?”

Er wendete sich mir voll zu „Wenn ich dir das so leicht sagen könnte. Es handelt sich da ja wieder nur um ein Gefühl. Um das Gefühl nämlich, daß alles, was ich früher gedacht und geglaubt habe, entweder ganz falsch oder nur halb richtig ist. Wahrscheinlich ist das meiste halb richtig, und gerade das ist das GeFährliche! Weißt du, wenn man uns mit dem Materialismus und dem Atheismus ganz und gar belogen hätte, dann wäre es ja einfach, dann könnte man diese erkannten Lügen abschütteln, aber es stedkt überall auch ein wenig Wahrheit darin, verbogene, verzerrte und zerstückelte Wahrheit, aber eben doch irgend etwas davon, ohne daß ich die Umrisse erkenne, und dadurch wird das Ganze erst schwer und anscheinend unlösbar verwirrt. Ich bin heute zwar so weit, daß ich überzeugt sagen kann: Der Materialismus und der Atheismus sind falsch, unwahr, ja sogar unlogisch und unwissenschaftlich, aber uns sind wohl die Grundlagen für einen richtigen Gottesbegriff teils zerstört worden. Und darum habe ich keinerlei Hoffnung mehr, daß wir Mittelalten, die wir durch diese Art von Erziehung gegangen sind, noch einmal zu einer weltanschaulichen Klarheit oder gar zu einer religiösen Sicherheit kommen können. Jedenfalls die wenigsten von uns. Und eben in dieser schrecklichen Tatsache scheint es mir auch begründet, daß diese Zeit so verworren ist, daß sie wieder einen Krieg begonnen hat und aus ihm nicht herausfindet. Wir, auf die es jetzt gerade ankäme, einen schönen und starken Frieden zu bauen, wir bringen die inneren Voraussetzungen dafür nicht mit, denn in uns selber ist ja auch nur Unklarheit, Unfrieden, und selbst unsere Hoffnungen kommen mir schwächlich und bleichsüchtig vor. Wir können wahrscheinlich überhaupt nur mehr eines tun — — —”

Wieder hielt er inne und starrte vor sich hin.

Ich ahnte, innerlich zitternd, was nun kommen würde. Wenn auch mein Gefühlsleben in der Jugend schon stärker gewesen war als das seine und sich nicht so leicht unterdrücken hatte lassen, wenn ich auch dann und wann auf die Klugheit des Herzens gehört und daher niemals der materialistischen und atheistischen Propaganda so stark unterlegen war wie er, so hatte ich doch auch geistig und seelisch manches von dem, was er zu leiden gehabt und wohl noch litt, ebenfalls erlitten und hatte schließlich nur erreicht, daß ich mir meinen Glauben täglich neu erwerben, erkämpfen mußte. Ich hätte ihm also sagen können, was er nun sagen würde, unterließ es aber, weil ich es von ihm hören wollte und sogar hoffte, es von ihm so markant im Ausdruck zu hören, wie ich selber es nie zustande brächte.

Und dann kam es auch: „Ja, wir können nur mehr eines tun: dafür sorgen, daß jene, die nach uns kommen, nicht ebenfalls eines Tages als seelische Ruinen in der fordernden Zeit stehen. Selbst wenn wir die Wahrheit noch nicht ganz erfassen, sozusagen erst an einer Schwelle stehen, ist es unsere Pflicht, dafür Sorge zu tragen, daß die Kinder und die Jugendlichen eine Erziehung erhalten, die sie davor bewahrt, als Erwachsene ohne Glauben und ohne inneren Frieden dazustehen. Die sozialen und gesellschaftlichen Probleme sind in Wirklichkeit sekundär, die lösen sich aus der Tatsache einer inwendig schöneren und friedlicheren Menschheit heraus, aber diese muß erst da sein. Ja, es sieht vielleicht etwas komisch aus, wenn ein alter Freidenker, wenn ein wissenschaftlich gebildeter Atheist es sagt — so haben wir uns doch genannt —, aber — Religion und Familie müssen für unsere Kinder und unsere Jungen die Erziehungsgrundlage sein. Ich sehe heute keinen anderen Weg mehr! Dabei will ich nur hoffen, daß sich die Kirche der ungeheuren Verantwortung bewußt ist, die heute auf ihr liegt. Wenn sie auch versagen sollte, dann erleben möglicherweise wir selber noch, bestimmt aber unsere Kinder einen richtiggehenden Weltuntergang, bei dem wahrscheinlich dieser ganze Stern da drauf geht. Wenn ich das sage, habe ich nicht einmal das Empfinden, ein Pessimist zu sein. Ich gehe nicht in die Kirche, weil ich nicht heucheln will, und ich glaube, daß es sehr vielen so geht wie mir, aber ich bin vom Leben, von der Zeit und vom Schicksal doch so weit belehrt worden, daß ich es ehrlich zugebe: unsere einzige Hoffnung ist jetzt doch die Kirche, das heißt der weltweite, sichere und beruhigende Glaube, den sie geben müßte. Das ist heute — die letzte Hoffnung! “

Wir mußten uns trennen, beide rief uns der Beruf, und so in Gedanken waren wir. Ich treffe ihn nächstens wieder und ich denke, wir werden uns noch näher zusammenfinden. Und zwei unter vielen gleichen, sehr vielen gleichen Menschen dieser Zeit.

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