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Antwort

Oh, die Briefe, die man in unserem Geschäft bekommt: Warnungen, Schmähungen, Huldigungen! Aber man wird gelobt und es freut einen nicht, man wird beschimpft und es tut einem nichts. Die Leute sind doch alle zu weit weg von dem, was man selber will und muß. Selten ist es, daß man zu danken oder sich zu verteidigen oder beides, daß man zu antworten hat. In diesem guten Falle bin ich heute. Eine Zuschrift erlaubt mir, mich doch einmal auszusprechen über mich selbst.

Es ist mir geschrieben worden: „Manchmal kommt mir vor, Sie vergeuden das Bessere für das Schlechtere; manchmal, Sie rühren so viel Sachen an, daß Sie sich zum Schluß selbst nicht auskennen und wieder unwahr und ungerecht werden müssen, um nur nicht den Kopf zu verlieren. Vielleicht muß immer einer, der produziert und folglich im Grund nur auf eine langsame pflanzenähnliche widerspruchslose Entwicklung, nämlich seine eigene, zu achten hat, immer ungeduldig werden, -wenn er einem anderen zuschaut, der mit vielen fremden Entwicklungen jongliert, wie Sie einer 6ind. Es ärgert mich das ganze Jahr über ein bißl, daß Sie so gern und oft über den Tendenzen das Resultat vergessen. Sie protegieren fortwährend Tendenzen: es kommt aber doch auf die einzelnen an. Freilich aber wieder nicht so, daß die Individualität eine Entschuldigung für alle schlechten Resultate sein sollte (denn da ist Ihr zweites Steckenpferd), sondern auf das, was der einzelne ist und hervorbringt, oder auf produktive Individualität kommt es an, nicht auf Möglichkeiten, die zu nichts führen, und nicht auf isolierte Tendenzen, hinter denen kein Wesen steckt. Sie werden lachen, denn Sie wissen das so gut wie ich. Aber was Sie aufschreiben, ist fast immer Gewicht in die entgegengesetzte Waagschale.“ Darauf habe ich zu antworten: „Wir haben beide recht, mein liebes Kind. Sie haben recht, weil Sie ein Jüngling sind, und ich habe recht, denn ich bin ein Mann geworden. Das ist unsere ganze Differenz. Sie wähnen jetzt noch, allein auf der Welt zu sein, nur um Ihretwillen, und wollen für sich selbst leben, nur um Ihres Lebens willen, nur zur Darstellung Ihres Wesens, dieses muß Ihnen ja das Teuerste sein. Aber der Mensdr hat gehorchen gelernt; er entsagt sich, er weiß, daß er nicht allein ist; er hat eine andere Leidenschaft: er will helfen, will wirken. Er fühlt, daß die Welt nicht da ist, um sein Mittel zu sein, sondern er für sie, um ihr Diener zu werden. Jetzt lachen Sie freilich noch, das zu hören, aber warten Sie nur, wie Sie es lernen werden: denn das Leben gibt nicht nach. Dann werden Sie, gern oder gewaltsam, dort ankommen, wo ich seit fünf Jahren bin: einzusehen, daß wir nichts 6ind, wissentlich oder nicht, als Gehilfen an den Werken des Schicksals, arme Agenten seiner ewigen Macht. Damals habe ich angefangen, von mir ab auf die Menschen hinzusehen, um mein Vaterland zu fragen und die Stimme unserer Not zu hören, die ruft, wohin wir wollen. Wer bin ich, was kann ich, wo darf ich nützen? Dies zu finden macht das ganze Leben des Menschen aus: wohin er gehört, wie er wirken kann und was seine Rolle ist. Die sich wehren und widersetzen wollen, weil ihnen das Eigene wichtiger ist als das Ganze, sind die Tragischen, sie müssen gebrochen werden. Wer aber seine Kraft gemessen hat und erkennt, wohin er mit ihr treten soll, ist gefeit, es kann ihm nichts mehr geschehen: weil er notwendig geworden ist Notwendig werden, seinen Platz finden, seine Rolle wissen, dies ist alles.

Aber wo ist unser Platz in Österreich? Was ist unsere Rolle? Welches Werk sollen wir schaffen helfen? Das kann jeder nur aus sich erfahren. Es ist nicht für den Verstand zu beweisen, sein Gefühl muß es ihm sagen. Sehe jeder nur mit Ernst und Treue unser Vaterland an und höre sichl Ist es wahr, daß wir am Ende sind und uns nichts mehr vergönnt werden kann, als die Schönheit von Sterbenden zu haben? Ja, das glauben viele, und die müssen sidi abwenden von den Tätigen; lassen wir sie noch einmal herübergrüßen und mit einer edlen Geste zum Tode gehen! Aber ich glaube das nicht. Ich will nicht. Ich glaube, daß wir leben werden. Ich glaube, daß wir an einem Anfang sind. Ich glaube, daß wir ein neues Österreich bereiten sollen. Schon fühle ich es in unseren Menschen wie an Bäumen im Frühling sich regen, ich höre eine ungeheure Sehnsucht pochen, Männer sehe ich vor mir, bereit, alles dafür zu wagen, und gewiß, daß es nicht umsonst sein wird. Ich bin gewiß, daß wir berufen sind, unserem alten Volkswesen eine neue Form zu geben: unsere österreichische Kultur zu schaffen. Das müssen Sie mir gelten lassen, sonst leugnen Sie mir mein Leben ab.

Eine österreichische Kultur! Damit ist mein ganzes Tun bestimmt. Sie ist mein Gesetz. Von ihr leite ich alles ab. Nun werden Sie gleich einsehen, warum ich .fortwährend Tendenzen protegiere', warum ich manchmal .schlechte Resultate' mit ihrer .Individualität' zu .entschuldigen' bereit bin und warum ich manches Werk hinnehmen muß, von dem ich schon auch weiß, daß es anders sein könnte und besser sein sollte.

Mein Gesetz ist, daß jeder von uns helfen soll, unsere österreichische Kultur zu bereiten. Ziehen Sie seine Folgen! Das erste ist, daß wir, wie mit einer Mauer, die abhalten müssen, welche uns, durch Zweifel oder Furcht, an unserer Arbeit irre machen können; ich hasse die .gescheiten Leute', die verneinen. Wer nicht an unser Werk, nicht an unser Leben glaubt, darf nicht in unsere Nähe gelassen werden. Ich wehre ab, was mir unösterreichisch scheint oder keine Kraft und keinen Mut zum Leben hat. Das zweite ist: unsere Arbeiter bei Lust und Laune zu erhalten. Ich rufe ihnen zu, ich singe ihnen vor. Das sind die .Tendenzen', die ich .protegiere'! Sie dürfen nicht müde werden, dazu muß ich meine Militärmusik machen. Das dritte ist: von allem muß einmal die Arbeit getan, das Werk gebaut, die Funktionen einer neuen Kultur müssen eingeübt werden, um des Tuns, um des Bauens, um des Ubens willen, damit nur überhaupt doch endlich einmal getan, gebaut, geübt wird, so gut oder schlecht es eben geht. Das .Alles oder Nichts!' des Ibsen ist falsch für uns; für uns ist das Schlechte immer noch besser als nichts; schaffen, irgend etwas schaffen, das Geringste schaffen, müssen wir erst wieder lernen. Wir sind arme Leute, wir haben nicht viele Kräfte, wir dürfen nicht wählerisch sein; vor allem muß einmal begonnen werden, da muß uns jeder recht sein. Wenn mir einer einen Sessel bringt, einen naiv-wienerischen Sessel, den er gemacht hat, wie gut man es bei uns halt kann, aber dabei treuherzig unseren österreichischen Geschmack ausdrückend, so weiß ich auch, daß es englische Sessel gibt, die schöner sind, aber dieser Wiener ist mir lieber: denn zuerst muß einmal bei uns wieder geschaffen werden, meinetwegen sogar schlecht, nur so können wir lernen, es später besser zu machen. Lassen Sie es mich in meinem alten Bild vom Theater sagen: Unser Glück einer neuen österreichischen Kultur muß vor allem einmal aufgeführt werden, da teilt man die Rollen an die Nächsten aus, später wird es schon auch noch gut gespielt werden, hoffentlich.

Später, wenn unser Stück nur erst einmal geht und Sie selber mit dabei sein werden, dann werden Sie über manches anders denken und auch, lieber Freund, gerechter über mich, den armen Inspizienten, der seine Plage mit den ersten Proben gehabt hat.* ■

Aus „Wiener Meisterfeuilletons“, herausgegeben von Jörg Mauthe (Wiener Verlagi

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