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Die Liebe ist kein sicherer Ort

Die Familie und Partnerschaft gelten als die sicheren Keimzellen der menschlichen Zivilisation. Doch mit der Auflösung der alten Rollenmuster und Verhaltensweisen kommt auch diese Stabilität ins Wanken - ein moderner Dialog zur Lage.

Die Liebe ist ganz einfach, sagt La Garance. Aber ungefährlich ist sie nicht. Je höher sie erhebt, desto tiefer der Fall. Je länger wir ihr opfern, desto mehr erwarten - und verlieren wir. Am Ende müssen wir entdecken, dass wir die ganze Zeit nur geträumt haben, es werde erwidert, was wir gerufen haben. Es war ein Echo der eigenen Stimme. Die zweite Stimme verstehen wir nicht. Nicht mehr, denken wir. Aber wir haben sie von Anfang an nicht verstanden. Es tröstet mich nicht, dass diese Stille nicht nur mir die Gewissheit raubt, sondern uns beiden. Es macht sie nur unheimlicher. Ich schreie: Du hast mich verlassen! Wo bist du? Du bist schuld! Du musst es wiedergutmachen!

Maria: “Ich hatte viele Liebhaber. Ich war damals, ehe ich die Kinder bekam, eine richtige Schönheit. Jetzt bin ich nur noch gut erhalten. Ich habe in dem Pelzgeschäft meines Vaters gearbeitet. Auch gemodelt. War auf den Messen, in New York, Mailand, London. Meinen Mann habe ich dort kennen gelernt. Er war der verrückteste von allen. Ich hätte viele Männer haben können, normalere. Aber ich wollte ihn. Er war die Liebe meines Lebens.“

Gustav: "Das wichtigste nach den Erfahrungen mit meinen Eltern war die Familie. Ich wollte eine gute Familie. Ich wollte kein Macho sein, sondern mich selbst um die Kinder kümmern. Mein Vater ist ein Schwein. Er hat nie Rücksicht genommen. Ich rede nicht mehr mit ihm. Ich liebe meine Kinder, meine Familie über alles. Aber wenn Maria mir nicht zusagen kann, dass es wieder so wird wie früher, gehe ich weg, ganz weit weg. Ihr seht mich nie wieder. "

Maria: "Kann man denn das Vertrauen wieder finden? Können Sie mir sagen, ob das geht? Ich habe es verloren. Es ist zuviel passiert. Mit dem ersten Kind ging es noch gut. Gustav war selbstständig, konnte sich die Arbeit einteilen, er ist sehr gut mit Computern, sehr ordentlich, sehr organisiert, ich bin eher schlampig, vergesse immer etwas, lasse den Hausschlüssel liegen, finde meine Scheckkarte nicht, solche Sachen. Ich wollte ein zweites Kind, ehe es zu spät ist. Ich war vierzig, als ich Benjamin bekam. Es war eine Frühgeburt. Ich saß neben dem Brutkasten und baute die Bindung zu meinem Sohn auf. Dann der Schock. Meine Partnerin hatte eine eigene Firma gegründet und war dabei, die Kunden mitzunehmen. Da ist mein Mann bei mir eingestiegen. Er kann viel härter sein als ich. Er hat gerettet, was zu retten war.“

Gustav, fällt Maria ins Wort: "Meine Frau hat nur noch an Benjamin gedacht, es gab für sie nur ihn, und was ich sagte, hat nicht gezählt!“

Maria: "Das kannst Du so nicht sagen, Schatz! Ich war dir so dankbar, dass du die Firma gerettet hast. Aber wenn ein Kind so krank ist und sich blutig kratzt, dann muss man doch zum Arzt gehen!“

Gustav: "Ich wusste, warum Benjamin das tat. Er hat dein Chaos nicht vertragen. Deine Unsicherheit. Dass du keine Ordnung in sein Leben bringen konntest. Er brauchte Ordnung, Halt, verlässliche Zeiten. Bei mir hat er das nie gemacht. Aber statt auf mich zu hören, rennst du zu einem Psychiater und Kindertherapeuten nach dem anderen, und alle sagen dir was anderes! Ich dachte immer, dass man solche Fragen erst einmal in der Familie klärt, ehe man damit nach außen geht. In der Familie! Mit seinem Partner! Mit dem Vater der Kinder!“

Maria: "Aber man muss doch zum Arzt gehen können, wenn ein Kind krank ist. Manchmal warst du nicht da, dann wieder zu beschäftigt, hast abgewunken, ich hab mir Sorgen gemacht. Und schau, Schatz, wir hätten ja auch was versäumt, wir hätten viel später angefangen, Benjamin diese Mittel zu geben, die ihm gut tun, er ist jetzt nicht mehr so zappelig und im Kindergarten sagen sie auch, es ist besser geworden!“

Gustav: "Mit allen redet meine Frau, nur mit mir nicht. Die Meinung einer beschissenen Kindergärtnerin, eines von diesen Scheißpsychiatern interessiert sie tausendmal mehr als alles, was ich sage!“

Maria: "Das ist eines meiner Probleme. Gustav vergreift sich im Ton. Deshalb ist es auch nicht weiter gegangen mit seiner Mitarbeit in der Firma. Er konnte mit den Angestellten nicht umgehen. Meine Mädels hatten Angst vor ihm, die beste Kraft wollte kündigen. Das ging so nicht weiter. Und dann fing der Krieg an. Er hat die Passwörter verändert. Von heute auf morgen konnte ich nicht mehr in den Firmencomputer. Stellen Sie sich das vor. Kein Kunde wird mehr bedient, keine Rechnung verschickt. Er hat mich nur noch angeschrieen und gesagt, ich müsste mich entscheiden, zwischen diesen faulen, dummen Gänsen, mit denen ich arbeite, und ihm!“

Die Liebe ist am Anfang ganz einfach. Dann ist sie ein sicherer Ort, vielleicht der sicherste, der sie je sein wird, weil noch alles Glaube ist, Zukunft, Hoffnung. Die Angst schweigt noch, die Liebe zu verlieren, denn die Liebenden sind gerade dabei, sie zu finden und sich darin als Liebende zu entdecken. Sie sind einander Robinson und Insel. Der Strand ist wie eine Bühne, man sieht, wer kommt. Aber die Liebenden bauen ein Haus, bestellen Felder, zeugen Kinder, müssen sich einigen, ob beide gleichviel getan haben für die Liebe. So kommt es zum Streit. Die Liebe wird kompliziert.

"Ich kann nicht mit dir Liebe machen, weil du mir so fremd geworden bist. Du redest nicht mit mir. Du bist so weit weg. Du hast Seiten von dir gezeigt, die mir nicht gefallen. Ich weiß nicht, was in Dir vorgeht.“

"Erst wenn Du mich umarmst, fühle ich mich so geborgen, dass ich auch etwas von mir sagen kann. Früher haben wir doch Liebe gemacht und wussten nichts voneinander!“

"Da habe ich geglaubt, dass Du mich liebst. Es gab nur uns beide. Du hast nur mich gesehen. Wir kamen aus dem Meer, begegneten uns am Strand und liebten uns im Schatten einer Palme.“

"Aber so kann es doch nicht bleiben!“

"Aber es könnte immer wieder so sein.“

Leben und leben lassen ist eine schöne Maxime. Wer aber von verletzten Menschen verlangt, nach diesem Motto zu handeln, ist auf einem gefahrvollen Weg. Denn ihnen ist das Leben so verdächtig wie das Lassen. Sie wünschen sich Übersicht, Kontrolle - sonst fühlen sie sich bedroht. Die Liebe kann ein sicherer Ort sein, so lange wir von ihr keine Perfektion erwarten, wie es jene tun, deren Kindesliebe zu Vater oder Mutter gescheitert ist und die es nun besonders gut machen wollen.

Der Autor ist Psychoanalytiker und Buchautor

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