Digital In Arbeit

"Ich hatte das Gefühl, das kann ich auch"

1945 1960 1980 2000 2020

Die einstige Fremdsprache ist ihre Literatursprache: Susanne Gregor im Gespräch über Lust an der Literatur und die Last des Schreibens.

1945 1960 1980 2000 2020

Die einstige Fremdsprache ist ihre Literatursprache: Susanne Gregor im Gespräch über Lust an der Literatur und die Last des Schreibens.

Geboren 1981 in Zilina, in der heutigen Slowakei, zog Susanne Gregor 1990 mit ihrer Familie nach Oberösterreich. Zwei Romane sind bisher von ihr erschienen, "Kein eigener Ort" und "Territorien". Über den Wechsel der Sprache, ihren Weg zur Literatur und ihre eigenen Werke sprach Gregor in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur in der Reihe WERK. GÄNGE. Der folgende Text ist die redigierte und gekürzte Fassung dieses Gesprächs.

Die Furche: Ihr Vater hat Ihren Namen von Zuzana Gregorova in der Schule kurzerhand auf Susanne Gregor geändert. Wie haben Sie das damals erlebt?

Susanne Gregor: Es war für mich ganz normal, denn es war alles neu. Damals war das gewaltig, vom Osten in den Westen zu kommen, den ich noch nie gesehen hatte, dort dann auch zu wohnen, von der Stadt aufs Land und dann auch noch in eine neue Sprache zu wechseln und in eine komplett andere Kultur, was vielleicht auch mit Stadt-und Landkultur zu tun hat. Es war alles völlig neu, und wir waren alle so aus der Bahn geworfen, aus unserem Leben, aus allem, was wir kannten, dass ich das mit dem Namen überhaupt nicht hinterfragt habe. Mein Vater hat es sehr gut gemeint, er wollte, dass wir uns so schnell wie möglich integrieren und so gut wie möglich. Er hat auch sehr viel dazu getan, dass ich schnell Deutsch lerne, er hat jeden Abend mit mir Grammatik gelernt. Es war alles neu, und ich hatte einen neuen Namen.

Die Furche: Wie erinnern Sie sich an das Deutschlernen?

Gregor: Es ging ums Überleben. Ich war neun Jahre alt und es ging ums Überleben, denn ich verstand nichts. Im Kommunismus musste man aufstehen beim Aufzeigen. Wenn man das hier macht, wird man ausgelacht. Das sind kleine Katastrophen, die man als Kind erlebt. Deswegen hat man großen Druck, schnell zu lernen. Gott sei Dank empfand ich es nicht als so schwer. Neun Jahre ist das perfekte Alter. Einerseits lernt man noch als Kind, andererseits versteht man schon die Strukturen, wenn sie einem erklärt werden. Ich ging ein Jahr lang in die Volksschule und kam dann in einem anderen Dorf ins Gymnasium, und da hat niemand mehr bemerkt, dass ich nicht aus Österreich bin. In die neue Schule ging ich als Österreicherin. Da hatte ich selbst keinen Zweifel mehr, das war einfach klar. Ich studierte dann Germanistik und machte die Ausbildung für "Deutsch als Fremdsprache" - und stand als Österreicherin vor einer Klasse voller Fremder. Das ist ganz schnell Teil meiner Identität geworden.

Die Furche: Das klingt nach einer Turboanpassung ...

Gregor: Ja!

Die Furche: Wie kam es dazu, dass Sie Germanistik studierten?

Gregor: Aus Liebe zur Literatur. Ich war aber desillusioniert vom Studium, vom wissenschaftlichen Zugang. Wie da gearbeitet wird, ist völlig legitim, aber für mich als Kreative war es enttäuschend. Es war wahrscheinlich der falsche Weg, diese Liebe zur Literatur leben zu wollen. Deswegen bin ich bald auf "Deutsch als Fremdsprache" und damit auf die Sprachwissenschaften umgestiegen. Es war aber trotzdem gut, dass ich viel lesen musste in dieser Zeit, auch für mein Schreiben.

Die Furche: Was haben Sie als Jugendliche denn gelesen? Deutschsprachige Literatur oder auch muttersprachliche?

Gregor: Nein, in meiner Muttersprache überhaupt nicht. Bis heute kaum. Ich habe gelesen, was mir untergekommen ist. Ich habe Peter Handke gelesen, dazu bin ich durch Zufall gekommen, dann Slavko Mihali´c, einen kroatischen Lyriker. Ich hatte beim Lesen immer das Gefühl, das kann ich auch. Und dann hatte ich den Drang, das zu reproduzieren. Dann habe ich ähnliche Gedichte geschrieben wie Mihali´c, ähnliche Texte wie Handke, damit habe ich angefangen ...

Die Furche: Die Frage, ob Sie auch in der Muttersprache schreiben, erübrigt sich wohl ...

Gregor: Nein, gar nicht!

Die Furche: Und spielt sie beim Sprechen eine Rolle?

Gregor: Nein, überhaupt nicht. Es ist eine reine Familiensprache für mich. Ich hatte vor zwei, drei Jahren eine Lesereise in die Slowakei und es fiel mir schwer, dort eine professionelle Diskussion zu führen. Dadurch, dass ich diese Sprache nicht in der Schule hatte, fehlt einfach viel.

Die Furche: Sie werden immer wieder mit der sogenannten "Migrationsliteratur" in Zusammenhang gebracht -wie geht es Ihnen damit?

Gregor: Als mir ein Kollege empfohlen hat, mich bei Preisen zu bewerben, hat er mir eine E-Mail weitergeschickt über den Hohenemser Literaturpreis. Es hat lange gedauert, bis ich begriffen habe, warum das etwas für mich wäre. Es ist mir gar nicht bewusst gewesen -ach so, ja, Migrationshintergrund! - das hat eine Weile gedauert. Es kam mir vor, als hätte mich jemand auf eine Behinderung aufmerksam gemacht. Du kannst hier parken, du hast ja einen Behindertenausweis. So fühlte sich das an. Es war nicht in mir drin, dass ich Migrantin war, und dann wurde das immer wieder unterstrichen, es wird bis heute unterstrichen. Ich glaube, Leser brauchen es gar nicht, dass man immer wieder einer Kategorie zugeordnet wird, es ist Sache des Literaturbetriebs, der braucht diese Kategorien. Ich kann mich erinnern, dass Christa Stippinger von der "edition exil" einmal zu mir sagte: Weißt du, dein Name ist einfach zu deutsch. Was für ein Wahnsinn. Erst dieser Druck, schnell, schnell deutsch zu klingen -und jetzt wieder zu deutsch zu sein. Es löst keine Identitätskrise in mir aus, überhaupt nicht, es hat mit mir persönlich gar nichts zu tun, aber es ist schon interessant, wie die Welt funktioniert.

Die Furche: In Ihrem ersten Buch "Kein eigener Ort" thematisieren Sie Heimat und Fremde

Gregor: Ich habe das nicht so empfunden, dass das Buch soviel zu tun hat mit Heimat und Fremde. Die Protagonistin ist zwar in der Fremde, aber ich glaube, sie nimmt das gar nicht so wahr. Da ist die Liebesgeschichte im Vordergrund. Ich habe mir sehr viele Gedanken über die Liebesgeschichte gemacht, aber weniger über diesen Hintergrund.

Die Furche: Die Protagonistin zieht zu ihrem Geliebten nach Budapest. Die Heimat für den Geliebten zu verlassen, ist ein uraltes Motiv; dass man dort vielleicht einen anderen Geliebten vorfindet, als man dachte, ist auch so ein Motiv. Ich denke, dass Heimat und Fremde hier nicht unbedingt etwas Geografisches sind, sondern mit der Protagonistin selbst zu tun haben. Der Titel "Kein eigener Ort" weist doch auch darauf hin, auf Fragen wie: Wo ist mein Ort, wo bin ich daheim, wo bin ich fremd, auch mir selber?

Gregor: Ja, das stimmt. Ich habe den Ort genommen als Gefühl dafür, bei sich zu sein, da haben Sie Recht. Einerseits stammt die Formulierung "kein eigener Ort" von der Mutter von dem jungen Mann. Sie wurde von ihrem Mann verlassen und ihr Sohn sagt, seitdem hat sie keinen eigenen Ort mehr. Er ist Ungar und die Protagonistin fragt sich, ob das eine Übersetzung aus seiner Muttersprache ist, was das für eine Phrase ist. Und dabei hat sie selbst diesen Ort auch nicht, weil sie sich so an diesen Mann hängt.

Die Furche: Ich habe in Seminaren Ihr Buch öfter rezensieren lassen und immer wieder kam bei den Studierenden eine richtige Wut auf die Ich-Erzählerin auf. Können Sie das nachvollziehen?

Gregor: Ja! Weil zwischen den beiden Büchern vier Jahre liegen, habe ich vier Jahre lang aus diesem Buch gelesen und die Bandbreite der Reaktionen war überwältigend. Es reichte von "ja, das haben wir alle schon einmal erlebt, unerfüllte Liebe" bis zu "die ist total krank, die Frau, die muss in die Psychiatrie", bis hin zu einem Mann, der gesagt hat, er hat mit Frauen abgeschlossen, wenn er so etwas liest. Die Bandbreite hat mich total überrascht. Ich stehe auf der Seite von "haben wir alle schon einmal erlebt".

Die Furche: Vier Jahre später erschien Ihr zweiter Roman "Territorien" im renommierten Literaturverlag Droschl ...

Gregor: Man sagt ja immer, das zweite Buch ist das schwerste, und das war so. Ich habe dann auch noch den Fehler gemacht, Bücher zu lesen, wie ein guter Roman gemacht wird: Das war eine sehr schlechte Idee. Im Endeffekt war's am besten, mit dem Lektor daran zu arbeiten. Was für mich die größte Herausforderung war: Ich hatte ein neugeborenes Kind. Ich hatte mir sehr gewünscht, einen Verlag zu bekommen, und ich habe mir auch gewünscht, ein Kind zu bekommen, und das hat sich dann so gleichzeitig erfüllt, dass ich nicht gewusst habe, wie ich mit der Zeit zurecht komme. Den jungen Müttern sagt man, leg dich hin, wenn das Kind schläft - ich habe geschrieben in dieser Zeit, wenn das Kind schlief. Das war schwierig, weil mein persönlicher Zeitdruck immens war. Und es war noch schwieriger, Kapitel einfach wegzuwerfen. Ich habe das Gefühl, das Buch auf meinen Knien geschrieben zu haben, blutend und körperlich erschöpft und zerschlagen.

Die Furche: In "Territorien" folgt die Protagonistin ihrem Partner nach Nicaragua. Das Verhältnis dreht sich dabei um. Die Österreicherin ist dort die Fremde, das Anhängsel, erfährt, was es heißt in der Fremde zu sein, erfährt Macht und Abhängigkeit. Gregor: Obwohl die Orte hier viel mehr Macht über die Handelnden haben als beim ersten Buch, ging es mir hier auch um die Liebesgeschichten, darum eine Ehe darzustellen und um die Frage nach den Bedürfnissen, nach der Erfüllbarkeit der Bedürfnisse innerhalb einer Beziehung. Um die Frage, was darf ich fordern und was muss ich geben. Also um die Grenze innerhalb einer Beziehung. Das konnte durch die Orte gut verstärkt und dargestellt werden.

Die nächsten WERK.GÄNGE: Büchnerpreisträgerin Felicitas Hoppe im Gespräch mit Brigitte Schwens-Harrant

Österreichische Gesellschaft für Literatur im Palais Wilczek, Herrengasse 5, Wien 16. Jänner 2017,19 Uhr

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau