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Die Befreiung aus dem Sandwich

Der Kabarettist, Autor und Salzburger-Stier-Preisträger Ludwig Müller über den ganz gewöhnlichen „Horror“ Familie, die Bedeutung seiner zwei Geschwister in seinem Leben und über die Leiden und Chancen eines Zweitgeborenen.

Eigentlich plante der Kabarettist und Autor Ludwig Müller schon länger, ein Stück über Geschwister zu schreiben. Noch reift es in seinem kreativen Kopf. Im Interview erklärt der 42-jährige gebürtige Tiroler, der heuer im Mai mit dem Kabarettpreis „Salzburger Stier“ für sein Solo „Total brachial“ ausgezeichnet wurde, was das Stück vielleicht beinhalten könnte.

Die Furche: Herr Müller, hätten Sie eigentlich schon einen Arbeitstitel für Ihr mögliches Stück über Geschwister?

Ludwig Wolfgang Müller: „The horror family“. Ich habe wirklich an einem Entwurf gearbeitet, ihn leider aber nicht fertiggestellt. Ich würde darin sämtliche Rollen spielen, angelehnt an die Familie Müller. Ich beziehe aus den Erinnerungen an meine Familie und aus der speziellen Konstellation einiges an Inspiration fürs Kabarett.

Die Furche: Welche Konstellation nehmen Sie in Ihrer Familie ein?

Müller: Ich bin der mittlere von drei Kindern, ich habe eine ältere Schwester, Susanne, und einen jüngeren Bruder, Roland; wir sind alle zwei Jahre auseinander.

Die Furche: Also das Sandwichkind.

Müller: Ja, das tragische Sandwichkind. Es ist eigentlich lustig, denn früher haben viele Leute immer geglaubt, mein Bruder wird der Kabarettist. Wir sind eine Familie von lauter Juristen, Ärzten, Beamten und diversen Kleinunternehmern, aber kein einziger Künstler war darunter. Von uns wurde immer gesagt, dass wir in der weiten Verzweigung der Müller-Familie die schillerndsten sind. Mein Vater ist so ein grantelndes Original, ein echter Vorarlberger eben. Meine Mutter war immer die künstlerische, die Ambitionen hatte, diesen aber nicht nachgehen konnte. Es war immer die Frage, wer von den drei Kindern etwas Künstlerisches macht.

Die Furche: Wer war eigentlich der Kasperl in der Familie?

Müller: Ich war immer der Dichter, mein Bruder war der Kasperl, er war der Sunnyboy. Er war das lustige Sonntagskind, das jeder sofort in den Arm geschlossen hat. Und ich war erpicht, Aufmerksamkeit zu erlangen, und war immer angefressen, dass ich nie die Aufmerksamkeit bekam, die ich gerne haben wollte. So habe ich entdeckt, dass ich mir durch künstlerische Leistungen, durch Gedichte bei diversen Anlässen, durch originelle Sprüche, Aufmerksamkeit verschaffen kann.

Die Furche: Also bei Ihnen stimmt das Klischee vom Sandwichkind, das sich benachteiligt fühlt?

Müller: Sicher, meine ältere Schwester galt als die Kluge und Reife, mein Bruder war der schrullige witzige Nachzügler und ich war dazwischen und habe versucht, mit meinen Talenten Aufmerksamkeit zu erlangen.

Die Furche: Und trotzdem sind Sie der Kabarettist geworden, wie kam das?

Müller: Mein Bruder und ich haben beide in Salzburg Jus studiert. Ich habe mir immer gedacht, die künstlerische Beschäftigung wird immer eine lustige Nebensache bleiben. Ich wollte Richter werden, hatte bereits das Gerichtsjahr absolviert. Und je mehr ich ins Berufsleben eingetreten bin, umso mehr haben sich die Rollen zwischen mir und meinem Bruder verändert. Mein Bruder, der immer etwas Komödiantisches an sich gehabt hat, wollte auf einmal einen seriösen Job machen. Und ich habe gemerkt, ich kann mit einem seriösen Beruf nichts anfangen. Auch wenn ich im ersten Moment nicht so ausschaue, ich habe nur Spompanadln im Kopf, mir fällt es sehr schwer, seriös aufzutreten. Es ist fast zwanghaft, dass mir ein Blödsinn einfällt. Mein Bruder ist jetzt der Anwalt. Meine Schwester hat es letztlich bewirkt, dass ich Kabarettist geworden bin. Sie leitete eine Kulturgruppe und vermittelte mir die ersten Auftritte. Dann war sie über zehn Jahre meine Managerin. Sie war die Geschäftstüchtige.

Die Furche: Es ist sicher nicht immer einfach, wenn die Schwester eine führende Rolle einnimmt.

Müller: Absolut. Meine Schwester ist ein dominantes Wesen und hatte eine bestimmte Vorstellung davon, wie es laufen soll. Sie hat innerhalb kürzester Zeit die drittgrößte Agentur in der Kabarettszene aufgebaut. Durch diese Agentur ist das schwesterlich-brüderliche Verhältnis etwas verloren gegangen. Da gibt es ein Foto aus unserer Kinderzeit: Es war Kinderfasching, ich trage ein deppertes Clown-Kostüm, meine Schwester war die Pippi Langstrumpf. Ich schaue ganz traurig und sie hat einen Gesichtsausdruck nach dem Motto: Aus dem mach ich was!

Die Furche: Sind Sie immer schon ein wenig unter ihren Fittichen gestanden?

Müller: Durchaus. Ich war eher verträumt, habe mir eine eigene Welt aufgebaut. Meine Schwester hat mich schon im Kindergarten gegen die rabiaten Tiroler Bauernkinder verteidigt. Und später gegen rabiate Veranstalter und Geschäftsleute. Die Konstellation hat sehr gut funktioniert und wir verstehen uns auch heute sehr gut. Aber wir haben die geschäftliche Beziehung dann irgendwann beendet, weil wir gemerkt haben, dass jedes Problem in der Geschäftsbeziehung automatisch zu einem geschwisterlichen und familiären Problem wird. Es gibt ja Geschwister, mit denen ist man bloß verwandtschaftlich verbunden, ich bin mit beiden befreundet.

Die Furche: Aber nochmals zu Ihrem Bruder, warum meinen Sie, dass er dann doch einen „seriösen Beruf“ wollte?

Müller: Es ist was anderes, ob man in einer bekannten Runde als spontane Reaktion lustig ist, oder ob man Kabarett und Theater macht. Mein Bruder war zwar der Sunnyboy, aber ein außergewöhnliches sprachliches Talent ist er nicht. Ich habe oft bei Nachwuchs-Kabarettfestivals bemerkt, dass Leute zwar am Tisch unglaublich witzig waren, auf der Bühne dann aber versagt haben, weil das eine andere Kunst ist.

Die Furche: Woher beziehen Sie Ihre Ideen zusätzlich zu Familienerinnerungen?

Müller: Das Wiener Caféhaus war eine Quelle der Inspiration. Ich bin tagelang im Caféhaus gesessen, habe sehr viele Szenen beobachtet und ich habe mir viele Wortfetzen einverleibt. Die wurden dann zum Baumaterial für meine Stücke.

Die Furche: Bei Familienfeiern sind Sie nun wahrscheinlich im Mittelpunkt, so wie Sie es sich immer gewünscht haben …

Müller: Allerdings, aber ich habe das dann irgendwann abgestellt.

Die Furche: Und wie war die Reaktion der Familie, als Sie nach sechs Jahren Jus-Studium auszogen, um Kabarettist zu sein?

Müller: Meine Eltern haben es sofort akzeptiert. Mein Vater hat immer gesagt: Wurscht, was ihr macht, ihr müsst glücklich sein, und das hat er auch wirklich eingehalten. Es gab auch eine Freude, dass einer einmal was ganz anderes macht.

Die Furche: In Ihrem Lebenslauf auf Ihrer Homepage erwähnen Sie Ihre Geschwister gar nicht, warum eigentlich?

Müller: Das ist mir noch gar nicht aufgefallen.

Die Furche: Hatten Sie einmal eine Phase, in der Sie Ihre Familie nicht sehen wollten?

Müller: Natürlich. Und warum meine Geschwister im Lebenslauf nicht vorkommen, ist eine interessante Frage. Damit muss ich mich wirklich beschäftigen. Wahrscheinlich spricht da der Wunsch aus mir heraus, die anderen zu verdrängen. Ich bin geboren mit dem Drang, im Mittelpunkt zu stehen, ich genieße es unglaublich, darin liegt ja diese totale Anomalie, weil ein normaler Mensch braucht das nicht, dass er redet und der andere zuhört.

Die Furche: Gab es ein Schlüsselerlebnis, wo Sie gemerkt haben: Ja genau, so kann ich Aufmerksamkeit erregen?

Müller: Das war außerhalb der Familie. Ich habe einmal einen Sommer lang in einem Elektrogeschäft gearbeitet. Ich war der Gymnasiast, die anderen die Gesellen, Lehrbuben und Bodenständigen. Ich war der Outsider, sie haben mich von Anfang an abgelehnt. Am Schluss habe ich das ganze Elektrogeschäft unterhalten, ich habe einfach den Dodel gespielt. Ich habe mir gesagt, so jetzt übersteigere ich das gleich. Und ich habe gemerkt, das zieht. Überall dort, wo ich mit härteren Menschen konfrontiert war, wo brutale Durchsetzungsmechanismen herrschen, habe ich gemerkt, wenn ich ein bisschen den gemütlichen Dodel spiele, erwirb ich mir den Status, von dem aus ich durchsetzen kann, was ich möchte.

Die Furche: Wurde das dann überhaupt Ihre Konfliktlösungsstrategie?

Müller: Ja, sicher. Wann immer ich mich im Straßenverkehr oder Beruf auf Schreiduelle einlasse, wirke ich armselig. Ich kann es nur mit Schmäh lösen. Jetzt, wo ich in Deutschland lebe, ist das teilweise schwieriger, die haben einen anderen Schmäh.

Die Furche: Sie haben einen kleinen Sohn, sollte er auch Geschwister haben?

Müller: Wir hätten es natürlich schon lieber, wenn er Geschwister hätte; wir überlegen noch.

Die Furche: Warum wäre es so wichtig, dass er Geschwister hat?

Müller: Weil ich letztlich extrem davon profitiert habe. Geschwister zu haben ist an sich ein Horror, darum auch diese Idee von der „Horror Family“. Aber dieser Horror macht sich letztlich bezahlt.

Die Furche: Wieso eigentlich Horror?

Müller: Bei uns hat es angefangen mit dem klassischen Futterneid. Ich kann mich erinnern, wenn es Schnitzel gegeben hat, dass mein Bruder in einem unbemerkten Moment mein Schnitzel angespuckt hat, um es selbst essen zu können. Wir haben uns ein Zimmer geteilt. Jeder hat sich ein eigenes Zimmer gewünscht, natürlich sind die Fetzen geflogen, aber wir hatten auch wahnsinnig viel Gaudi. Wir haben alles besprochen, später in der Pubertät die ersten Erlebnisse mit Mädels, die Lausbubenstreiche. Es war wahnsinnig schön, ich war nie allein. In der Schule waren wir die Müller-Geschwister, wir waren ein Horror für die Lehrer, wir waren ein Name. Auch mit meiner Schwester – als wir unser gemeinsames Business angefangen haben – hatte ich irrsinnig viel Gaudi. Die ersten Fahrten in irgendwelche Kaffs in der Steiermark oder Tirol, es war eine solche Gaudi. Man kennt sich ja so gut. Wenn eine Freundschaft zwischen Geschwistern funktioniert, dann ist sie wirklich tief.

Die Furche: Angenommen, Sie müssten sich schnell bei jemanden ausreden, zu wem würden Sie zuerst gehen, zu Ihrem Bruder oder Ihrer Schwester?

Müller: Momentan habe ich in mancher Hinsicht fast ein näheres Verhältnis zu meinem Bruder. Er hatte auch so wie ich relativ spät Kinder. Die Kinder meiner Schwester sind schon erwachsen, sie führt in vielerlei Hinsicht ein anderes Leben. Wenn wir uns treffen, reden wir über die Kabarettszene. Es dauert ein bisschen, bis sich unsere Beziehung, die zehn Jahre auch eine Geschäftsbeziehung war, wieder normalisiert. Bei meinem Bruder bin ich losgelöster und kann privater sein. Das ist natürlich hart, das jetzt in der Zeitung zu sagen.

Die Furche: Glauben Sie, Ihre Geschwistern stört es, wenn Sie öffentlich über Sie reden?

Müller: Nein, es ist ja keiner von Ihnen gescheitert. Sie sind ja alle auf ihre Art erfolgreich. Mein Bruder ist Partner in einer bekannten Kanzlei in Lichtenstein, meine Schwester hat die Humor AG gegründet, Kabarett für die Wirtschaft.

Die Furche: Es gibt also kein schwarzes Schaf.

Müller: Überhaupt nicht, Isofern hoffe ich, dass unsere Familie überhaupt interessant genug ist für Ihr Interview.

Die Furche: Die gewöhnliche Familie ist meist die interessanteste.

Müller: Genau das ist mir auf den Lippen gelegen. In unserer Familie spielen sich oft wahnsinnig geniale Szenen ab, aber eben im kleinen.

Unfassbares Österreich

Ein Reiseführerkrimi. Von Ludwig Müller. Ueberreuter Verlag, Wien 2008, 192 S., geb., E 14,95

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