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Digital In Arbeit

Vom Mut, eine „Nur-Hausfrau” zu sein

1945 1960 1980 2000 2020

Kein anderer Beruf wird so in Frage gestellt wie der der „Nur-Hausfrau”. Es ist schwer, dem gesellschaftlichen Druck standzuhalten.

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Kein anderer Beruf wird so in Frage gestellt wie der der „Nur-Hausfrau”. Es ist schwer, dem gesellschaftlichen Druck standzuhalten.

Mit gemischten Gefühlen lege ich die Zeitung fort ... Jetzt weiß ich es also: Ich bin ein Sonderling, eine Außenseiterin, fast exotisch. Irgendwie habe ich es ja immer geahnt, aber so drastisch? Vielleicht hätte mich der Titel warnen sollen, aber neugierig wie ich bin ...

Der Zeitungsartikel sagte mir, daß es mich wirtschaftlich betrachtet gar nicht geben sollte, daß ich dem Staat einmal finanziell zur Last fallen werde, und daß ich mich irgendwie drücken würde, am Gemeinwohl beizutragen. Des Rätsels Lösung: Ich bin eine Hausfrau! Und das, obwohl meine beiden Söhne altersmäßig schon deutlich über der gesetzlichen Karenzzeit liegen!

Neulich fragte mich ein guter Bekannter: „Wie? Du gehst nicht wieder arbeiten? Bist du etwa kein Arbeitstier?” Tier? Nein, eigentlich nicht. Vielleicht manchmal ein Packesel, wenn ich vom Supermarkt komme, aber sonst ... Arbeits ...? Gerade an dem Tag, an dem ich diese direkte Frage gestellt bekam, hatte ich zehn Hemden gebügelt, das Badezimmer geputzt, Berge von Wäsche gewaschen und aufgehängt, nebenher gekocht, aufgeräumt, 15 Kinderbücher vorgelesen, dreimal „Mensch-ärgere-dich-nicht” (welch passender Titel) gespielt, dreimal die Küche saubergemacht, fünfzehnmal Kindernasen geputzt, neunmal Streit zwischen Brüdern geschlichtet, Kuchen gebacken (für den Fragesteller, der abends auf Besuch kam), zwölf Anrufe entgegengenommen, aufs Baby der Nachbarin aufgepaßt, im Supermarkt einen Großeinkauf gemacht, anschließend die frustrierte Nachbarin getröstet und zweiundfünfzigmal auf die „Warum-Fragen” meines Sohnes geantwortet.

Nicht, daß ich normalerweise so genau Buch führe, aber auf diese Frage mußte ich mich doch rechtfertigen ... Muß ich das? Erstmals stellte ich mir die Frage, warum ich immer in Verteidigungshaltung gehe, wenn ich solche Fragen gestellt bekomme. Ich glaube, keine andere Berufsgruppe wird heutzutage mehr in Frage gestellt als die der „Nur-Hausfrau und Mutter”. In früheren Zeiten war es selbstverständlich. Die Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau war eindeutig festgelegt. Heute sieht die Sache ganz anders aus, aber wie verhält man sich da als Hausfrau?

„Ins Büro gehen würde mir gar keinen Spaß machen...”, hört man Betroffene oft sagen. Auch ich suche immer wieder nach solchen Ausflüchten, wenn es unter Müttern zu einer Diskussion zu diesem Thema kam. Die Reaktion der berufstätigen Mütter war verständlicherweise jedesmal mehr als abweisend und die Hausfrauen fühlten sich in der feindseligen Haltung der Berufstätigen nur bestätigt. Fs ist einfach nicht so, daß jede Hausfrau die liebenswerte, einsichtsvolle Mutter ist, während die Berufstätige eine Rabenmutter ist.

Ehrlich zu sich selbst

Auch in dieser Sache kommt es auf die innere Einstellung an. Ich versuchte, ehrlich mir selbst gegenüber zu sein: Ich lese sehr gerne und habe auch immer gerne gelernt; es gibt einfach so viele interessante Dinge! Neben zwei lebendigen und aktiven Buben, die schon sehr früh jede Form von Mittagsschlaf oder -ruhe für vergeudete

Zeit hielten, ist dies nur sehr begrenzt möglich. Es gibt gar nicht so wenige Tage, an denen ich mit meinem Mann, der dieselbe Ausbildung hat wie ich, tauschen würde und mit seinem Aktenkoffer in der Früh losmarschieren würde ...

Es ist mir lange Zeit schwer gefallen, dies so ehrlich einzugestehen, doch es war sehr befreiend, als ich es tat. Plötzlich erkannte ich, daß mein Stand als Hausfrau kein Zwang, sondern eine bewußte Entscheidung war. Als wir unser erstes Kind erwarteten, das so wie unser zweiter Sohn ein richtiges Wunschkind war, wußten mein Mann und ich, daß ich als Mutter zu Hause für die Kinder sorgen wollte. Ich wollte Freud und Leid mit ihnen erleben, sie groß werden sehen mit allen so liebenswerten Kleinigkeiten. Ich bin froh, daß ich es bin, die erleben durfte, wie meine Söhne das erstemal „Mama, Papa” sagten, wie sie gehen lernten oder als ganz kleines Baby das erstemal lächelten oder den Kopf hoben. Ich könnte den beiden stundenlang zusehen und zuhören, wie sie erzählen, lachen, singen, spielen und fragen und einfach ganz andere Prioritäten setzen als wir Erwachsene.

So bin ich im Grunde jeden Tag dankbar, daß ich zu Hause bei meinen Kindern sein kann (wieviele Alleinerzieherinnen wären gerne bei ihren Kindern, auch so manche Ehefrau), auch wenn wir uns dadurch manches nicht leisten können, zum Beispiel teure Cluburlaube, die derzeit so modern sind, oder eine neues Auto. Wir essen einfach und wohnen in einer Mietwohnung, aber es fehlt uns an nichts. Vielleicht ist es für unsere Söhne nicht immer leicht in unserer Gesellschaft, wo schon die Kleinsten einen hohen finanziellen Standard haben, aber im Grunde ist unser Großer mit seinem „Flohmarktfahrrad”, das sein Papa wieder flott gemacht hat, genauso zufrieden wie der Nachbarsbub mit seinem 21-Gang-Fahrrad im neuesten Farbdesign. *

Von der Grundeinstellung bin ich gern bei meinen Kindern zu Hause. In der Praxis ist der „Drang nach außen” manchmal vorhanden, aber nur so lange, bis mich der Lausbubenblick meines Großen trifft, der genießerisch sagt: „Mama, dieses Essen mußt du jeden Tag machen.” Oder bis mich mein Kleiner so fest drückt, daß ich fast keine Luft mehr bekomme und flüstert: „Liebe Mami!” Oder bis mich eine verzweifelte berufstätige Freundin anruft, die nicht weiß, was sie mit ihrem kranken Kind machen soll, da ihr ganzer Pflegeurlaub schon aufgebraucht ist. Zaghaft fragt sie: „Könntest du nicht ...? Du bist doch ohnehin zu Hause ...!”

Es ist eine erwiesene Sache (neulich las ich darüber sogar einen Bericht eines Universitätsprofessors für Volkswirtschaft), daß Hausfrauen einen erheblichen Anteil an den sozialen Leistungen (natürlich unentgeltlich) wie Kranken-, Altenpflege, oft auch Gesprächstherapie und natürlich Kinderbetreuung tragen und so entscheidend dazu beitragen, daß ein Staat nicht noch größere Schulden macht. Es ist eine einfache Rechnung: Wenn Männer und Frauen zu gleichen Maßen außerhäuslich beschäftigt sind, flann stehen eine riesige Anzahl von Kindern ohne Betreuung da. Sicher gibt es Kindergärten, aber auch viele Erzieherinnen sind Mütter. Auch ihr Nachwuchs muß betreut werden ... und so ist es klar ersichtlich, daß irgendwo ein Betreuungsengpaß da ist. Viele Großmütter sind selber noch berufstätig und scheiden so als Betreuungsperson für die Enkelkinder aus.

Es lohnt sich ...

Auf der anderen Seite können sich nur mehr wenige alte Menschen so glücklich schätzen, von ihren Kindern gepflegt und betreut zu werden. So ist es nur eine logische Konsequenz, daß Alters- und Pflegeheime oft auf Jahre ausgebucht sind. Durch diese bedenkliche Entwicklung in unserer Gesellschaft wird die Leistung der Hausfrauen in den vergangenen Jahrhunderten für viele Wissenschaftler erst deutlich. Die Frage ist nur, ob es überhaupt noch möglich ist, von diesem fahrenden Zug abzuspringen ... Viele Familien sind durch die gestiegenen Ansprüche und Erwartungen so hoch verschuldet, daß der Gehalt der Frau zur Abdeckung der Kreditraten unerläßlich ist.

Seit ich mir deutlich gemacht habe, daß ich freiwillig zu Hause bin, fällt es mir leichter, zu meinem Beruf (oder Berufung?) Hausfrau zu stehen. Nebenbei habe ich die Erfahrung gemacht, daß Entscheidungen, zu denen man felsenfest steht, von den Mit-menschen.voll akzeptiert werden. Ich antworte auf diesbezügliche Fragen nicht mehr, daß ich gar keine Lust habe, in meinem Beruf zu arbeiten, beziehungsweise daß ich nichts fände oder niemandem den Platz wegnehmen wolle ..., sondern ich bekenne freimütig, daß ich meinen Beruf zwar gerne ausüben würde, aber den Kindern zuliebe gerne zu Hause bin, bevorzugt selbständig arbeite, meine Kinder liebe und einfach gerne mit ihnen zusammen bin.

Mein Wunsch ist es, daß sich meine Kinder einmal gerne an ihr Zuhause erinnern und verstehen, warum es mir wichtig war, bei ihnen zu Hause zu bleiben, denn dann hat sich die Mühe gelohnt...

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