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Digital In Arbeit

Die zweigeteilte Frau

1945 1960 1980 2000 2020

Noch immer müssen sich hauptsächlich die Frauen den Kopf darüber zerbrechen, wie sich Beruf und Familie unter einen Hut kriegen lassen.

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Noch immer müssen sich hauptsächlich die Frauen den Kopf darüber zerbrechen, wie sich Beruf und Familie unter einen Hut kriegen lassen.

Beruf - Familie - Beruf, dieses „Drei Phasen-Modell" war lange Zeit hindurch typisch für die weibliche Biographie. Für die meisten Frauen stellte sich die Lebenssituation so dar, daß sie gleich nach der Schule eine Arbeitsstelle annahmen oder eine Ausbildung absolvierten. Lernten sie einen Mann kennen, und es wurde geheiratet, so gab es zwei Möglichkeiten: Entweder sie hörten unmittelbar danach auf zu arbeiten, oder sie blieben noch so lange im Beruf bis das erste Kind kam, und gaben dann ihre Arbeit auf. Sie blieben zu Hause und kümmerten sich um die Kinder, bis diese selbst aus dem Haus gingen oder soweit waren, daß sie mehrere Stunden am Tag allein gelassen werden konnten. Dadurch kamen viele Frauen auf eine Berufsunterbrechung von 15 und noch mehr Jahren.

Fur jüngere Frauen unserer läge, scheint dieses klassische Modell ausgedient zu haben. Mütter, die nach einer Kinder-Pause wieder in ihren Beruf zurückkehren, sind heute früher dazu bereit: 70 Prozent sind unter 40 Jahre alt, die Hälfte aller Wiederein-steigerinnen ins Berufsleben hat weniger als fünf Jahre pausiert.

Die Gründe dafür sind vielschichtig. Feiner davon ist heute sicher die verbesserte Ausbildung von Frauen. Wer mehrere Jahre in eine Berufsausbildung investiert hat, wird weniger bereit sein, diese Arbeit für ein Jahrzehnt oder länger aufzugeben.

Mütter lassen sich in bezug auf ihre beruflichen und familiären Wünsche in drei Gruppen einteilen: die berufsorientierten, die familienorientierten und die ambivalenten.

Berufsorientierte Mütter stellen die kleinste Gruppe dar, die familienorientierten sind etwas stärker vertreten. Die Mütter, die zwischen Beruf und Familie hin- und herschwanken, bilden die größte Gruppe. Sie sind aber gleichzeitig auch diejenigen, die die meisten Probleme mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie haben, die mit ihrer Situation am unzufriedensten sind und im Geiste ständig auf der Suche nach einer befriedigenden Lösung ihrer Situation sind. In der Gruppe der berufsorientierten Mütter finden sich hauptsächlich Frauen mit abgeschlossener Berufsausbildung, die häufig in guten oder höheren Positionen arbeiten, gut verdienen und sich mit ihrem Beruf sehr stark identifizieren.

Die ambivalenten Mütter fühlen sich sowohl von der Arbeits- als auch von der Familienwelt angezogen, haben aber Schwierigkeiten, sich zwischen Berufstätigkeit und Familiendasein zu entscheiden. Sie sind überwiegend bestrebt, einen Teilzeit-Job zu bekommen, weil sie so am besten beiden Seiten gerecht werden kön-

nen. Sie arbeiten deshalb häufig nicht ihrer Ausbildung entsprechend und müssen sich mit weniger qualifizierten Stellen zufriedengeben. Dementsprechend eingeengt sind auch ihre Aufstiegs- und Verdienstchancen. Wenn sie zu Hause sind, fühlen sie sich nicht ausgelastet. Die Teilzeitarbeit ist für sie auch nicht in jedem Fall zufriedenstellend.

In der Gruppe der familienorientierten Mütter finden sich jene trauen, die ihr Mutter- und Familiendasein als Beruf ansehen. Sie empfinden ihr Leben zu Hause attraktiver als ihre frühere Berufstätigkeit. Bei Müttern, die ihre Berufstätigkeit wieder aufnehmen, rangiert das Motiv „Spaß

und Erfüllung in der Berufstätigkeit" ganz oben. Es besteht aber auch ein hohes Maß an Interesse daran, soziale Kontakte zu Fjwachsenen zu erleben, am öffentlichen Leben teilzuhaben, und durch ein eigenes Gehalt wirtschaftlich unabhängig zu sein. Sehr oft spielt auch die Überlegung: „Wird meine Ehe halten?" beziehungsweise „Ich muß abgesichert sein, falls mein Mann seinen Job verliert" heutzutage eine wichtige Bolle.

Wenn FVauen Job und Familie unter einen Hut gebracht haben, können sie eigentlich sagen: „Ich habe alles, was ich will. Einen Job, der mir Spaß macht, eine passende Arbeitszeit, das Kind oder die Kinder sind gut untergebracht." Die meisten stellen aber

dann frustriert fest, daß ein wichtiges Element im Leben fast zur Gänze fehlt: ein ausreichendes Quantum an Freizeit. Alle, die einen Full-time-Job haben, wissen, wie anstrengend und schwierig es sein kann, darüber hin aus Zeit für Freundschaften, ein Hobby, Entspannung, Erholung und - die notwendigen Hausarbeiten aufzubringen.

Wenn eine Person den größten Teil der Hausarbeiten für mehrere Menschen erledigen muß, wird deutlich, welche enorme Anstrengungsich hinter dem viel zu schwachen Begriff der „Doppelbelastung" verbirgt. Die gleiche Person wird ja gleichzeitig gefühlsmäßig, geistig und körperlich vom Kind oder den Kindern in Anspruch genommen. Der Weg zur Uberbelastung ist vorprogrammiert. Untersuchungen des Statistischen Zentralamtes haben ergeben, daß ei ne durchschnittliche Hausfrau pro Woche rund 50 Stunden zu Hause arbeitet. Die berufstätige Durchschnittsmutter ist ungefähr 39 Stunden in der Woche mit Hausarbeit beschäftigt. AVenn man dazu noch die 40 Stunden im Beruf rechnet, ergibt das eine wöchentliche Arbeitszeit von rund 79 Stunden!

Von diesen Stunden profitieren die Kinder noch gar nicht, da die Beschäftigung mit ihnen hier nicht eingerechnet ist. Es stellt sich also die Frage, woher sollen diese Frauen auch ein gewisses Maß an Freizeit nehmen?

Eine Studie der Arbeiterkammer „Elternberufstätigkeit und Kindesentwicklung. Entwicklungspsycholo-

gische Determinanten und Konsequenzen des Frauenerwerbsverhal tens im Arbeitnehmermilieu" hat aufgeschlüsselt, von wem Frauen bei welchen Tätigkeiten am meisten unterstützt werden: Am häufigsten gehen die Männer einkaufen (44 Prozent), am seltensten beteiligen sie sich beim Kochen (19 Prozent), Geschirrabwaschen (21 Prozent) und Wohnung putzen (21 Prozent). Ab einem Alter von zirka zehn Jahren helfen die Kinder verstärkt im Haushalt mit.

Die Mithilfe älterer Töchter ist durchwegs höher als die der Söhne, vor allem, wenn es sich um „typische Frauentätigkeiten" handelt (kochen, Wohnung putzen, bügeln). Die Studie kommt auch zu dem Ergebnis, daß der Grad der Mithilfe im Haushalt abhängig davon ist, ob die Familienmitglieder - allen voran der Vater - grundsätzlich dazu bereit sind, oder sich grundsätzlich davor drücken wollen und/oder Mithilfe kategorisch ablehnen. Wenn mitgeholfen wird, so geschieht das unabhängig von der Belastung der Mutter. Anders ausgedrückt: „Der Zusammenhang zwischen Haushaltshilfe und Berufstätigkeit der Mutter ist ausgesprochen irrelevant." Das heißt, die Bereitschaft zu helfen richtet sich nicht danach, ob die Mutter berufstätig ist oder nicht.

Das gleiche gilt auch für die Kinderbetreuung: Wenn die Väter grundsätzlich der Meinung sind, daß es zu ihren Aufgaben gehört, sich mit ihren Kindern zu beschäftigen, dann tun sie es. Unabhängig davon, ob ihre Frau berufstätig ist oder nicht.

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