Digital In Arbeit

Untypische Karrieren Zimmern

1945 1960 1980 2000 2020

Ob Werkstatt oder Uni - nur wenige Frauen gehen in männerdominierte und besser bezahlte technische Jobs. Ein FURCHE-Lokalaugenschein.

1945 1960 1980 2000 2020

Ob Werkstatt oder Uni - nur wenige Frauen gehen in männerdominierte und besser bezahlte technische Jobs. Ein FURCHE-Lokalaugenschein.

"Manche Hölzer haben einen ganz eigenen Geruch, den ich total gerne mag", sagt Julia Zödl und streicht mit der Hand über die lackierte Holzplatte. Die junge Frau mit dem blonden Pferdeschwanz zeigt die massiven Holzstücke her, aus denen sie gerade ihr Meisterstück zimmert. "Das ist Palisander, ein besonderes Edelholz", erklärt sie. Daraus möchte sich die 21-jährige Tischler-Gesellin ein Möbelstück für zu Hause schreinern. Seit fünf Jahren arbeitet sie in der Tischlerei des Wiener Magistrats im 21. Bezirk. In zwei Wochen wird sie vor einer Kommission ihr Können unter Beweis stellen, um sich dann Tischlermeisterin nennen zu dürfen.

In ihrem Spint hängt neben Werkzeugen und Arbeitskleidung eine Postkarte, auf der sie mit ihrem Chef zu sehen ist. Damit wirbt die Stadt Wien für Mädchen in technischen Berufen. Beim jährlichen "Wiener Töchtertag" besuchen sie interessierte Schülerinnen, denen die Nachwuchs-Tischlerin ihren Berufsalltag erklärt. Zödl ist eine von drei Handwerkerinnen unter den 18 Mitarbeitern in der Werkstatt. Der jungen Frau ist bewusst, dass ihr Berufsweg immer noch ein außergewöhnlicher ist.

Die Hälfte aller weiblichen Lehrlinge wählt hierzulande die drei Berufe Einzelhandelskauffrau, Bürokauffrau oder Friseurin. Bei den Burschen gehen ganze 36 Prozent in die drei Berufsfelder Metalltechnik, Elektrotechnik oder KFZ-Technik. Eine negative Folge dieser Teilung in weibliche und männliche Tätigkeitsfelder ist, dass die sogenannten Frauenberufe in punkto Einkommen, Arbeitsbedingungen, Karrierechancen und Prestige meist schlechter eingestuft sind. Zum Vergleich: Ein Friseurlehrling erhält im ersten Lehrjahr 395 Euro brutto, ein Tischler-Lehrling 577 Euro.

Ungleiche Förderung von klein auf

Das Problem der ungleichen Berufschancen entstehe schon in den Bildungseinrichtungen, kritisiert die Arbeiterkammer (AK) Wien."Im Kindergarten passiert noch immer wenig geschlechtersensible Arbeit, in der Schule setzen sich die stereotypen Zuschreibungen fort", sagt Gerlinde Hauer von der Abteilung Frauen und Familie der AK Wien. An den Gymnasien etwa gibt es noch immer keinen gemeinsamen Werkunterricht für Mädchen und Burschen. Mädchen wählen weiterhin meist das textile Werken, Burschen das technische Werken. "Solange das Bildungssystem diese einseitige Fixierung fördert, wird es schwierig bleiben, Mädchen bei der Berufsorientierung andere Optionen schmackhaft zu machen", weiß Hauer.

Es gibt zwar verschiedene Förderprogramme für Frauen in männerdominierten Berufen wie etwa die Beratungsstelle "Sprungbrett für Mädchen" oder das FIT-Programm (Frauen in die Technik). Trotzdem wächst die Zahl der Frauen in den klassischen Männerberufen sehr langsam. Zwar ist die Zahl der weiblichen Lehrlinge in der Sparte Metalltechnik seit 1980 von 70 auf österreichweit 770 gestiegen. Doch noch immer machen die Metalltechnikerinnen nur 2,2 Prozent aller weiblichen Lehrlinge aus, obwohl es sich um den beliebtesten technischen Lehrberuf bei den Frauen handelt.

Zödls jüngere Lehrlings-Kollegin Saskia Staringer wusste schon früh, dass sie in keinem typischen Frauenberuf landen will. "Ich arbeite sehr gerne mit Männern zusammen, manchmal kann das auch unkomplizierter sein", sagt sie, während sie Maßband und Bleistift aus ihrer Arbeitshose holt. In ihrer Berufsschule HKFL (Holz-Klang-Farbe-Lack) ist das Mädchen mit den auffälligen Ohrringen Klassensprecherin, obwohl sie auch dort klar in der Minderheit ist.

Außergewöhnliche Biografien

Die Arbeit in der Werkstatt sei zwar körperlich anstrengend, "aber mittlerweile bin ich schon kräftiger, es geht immer leichter", betont sie. Auch mit dem Lohn ist Staringer zufrieden. "Ich sehe schon, dass ich im Vergleich zu Freundinnen besser aussteige." Die 15-Jährige hat aber auch eine für Mädchen untypische Biografie: Sie wuchs gemeinsam mit den Cousins auf, half von klein auf ihrem Opa bei handwerklichen Arbeiten und begeisterte sich schon früh für Mathematik.

Im Fach Mathematik haben Burschen bei der heurigen Zentralmatura allerdings wesentlich besser abgeschnitten: Während 12,6 Prozent der Mädchen durchfielen, haben nur 7,6 Prozent der Burschen nicht bestanden. Ein OECD-Bericht nimmt für den Leistungsunterschied nicht nur Politiker, Lehrer und Arbeitgeber, sondern explizit auch die Eltern in die Pflicht. Denn die Studie zeigt auch, dass sich 40 Prozent der Eltern für ihre Söhne eine Karriere im Ingenieurbereich vorstellen können, aber nur 15 Prozent für ihre Töchter. Die sehr erfolgreichen OECD-Ergebnisse von Mädchen aus leistungsstarken asiatischen Volkswirtschaften im Fach Mathematik legen jedoch nahe, dass diese Geschlechterunterschiede nicht durch angeborenes Vermögen verursacht werden, sondern durch eine erworbene Haltung gegenüber der Materie.

Um den weiblichen Nachwuchs zu fördern, engagiert sich die Mathematikerin Ulrike Schneider für die Initiative "FIT" (Frauen in die Technik)."Ich gebe jungen Frauen Einblick in das Studium der Statistik und Wirtschaftsmathematik und erzähle ihnen von meinem Werdegang", sagt die Assoziierte Professorin an der TU Wien. So will sie potenziellen Interessentinnen die Augen dafür öffnen, dass auch für sie eine Karriere in technischen Branchen möglich ist. Interesse und Talent sollten die ausschlaggebenden Faktoren bei der Berufswahl sein, nicht alte Rollenbilder.

Stipendien für Mathematikerinnen

Schneider selbst kommt aus einer technik-affinen Familie, der Vater war Physiker, der Bruder studierte Maschinenbau. "Mir hat nie jemand gesagt: Du kannst das nicht, weil du ein Mädchen bist", erinnert sie sich. Als Wissenschaftlerin benachteiligt fühlte sich die 40-Jährige noch nie. Im Rahmen ihres Doktorats hat sie zwei Mal internationale Stipendien erhalten, die speziell zur Frauenförderung vorgesehen sind. Sieben Jahre forschte sie im Ausland. "Internationale Erfahrung ist wichtig für die akademische Karriere", räumt Schneider ein, "aber manchmal wollen Frauen aus Gründen der Partnerschaft und Familienplanung lieber an einem Ort bleiben." Sie kenne aber auch viele Frauen, bei denen es gut funktioniert habe mit den Auslandsaufenthalten.

Dass eine Karriere für Frauen in technischen Berufen noch immer keine Selbstverständlichkeit ist, zeigt die Studie "Leaky Pipeline" der TU Wien. Obwohl der TU seit 2011 eine Rektorin vorsteht und ein Viertel aller Studierenden weiblich sind, ist der Frauenanteil in den oberen Hierarchie-Ebenen wesentlich geringer. Ernüchternd war auch das Ergebnis eines Experiments im Rahmen der Studie: Bei vergleichbaren Bewerbungen von Männern und Frauen wurden Frauen deutlich seltener ausgewählt. Zudem zeigten Biografieanalysen von ehemaligen TU-Wissenschaftlerinnen, dass Frauen auf jeder Hierarchie-Ebene in der Minderheit und dabei "von Assimilationsdruck und Konflikten betroffen" sind und ihre Karrieren durch "starke Abhängigkeit von (männlichen) Förderern gezeichnet sind". Trotz der vielen positiven politischen Botschaften verändere sich die Realität nur langsam, meint Sylvia Bierbaumer, Gender Mainstreaming-Beauftragte im Sozialministerium. Bierbaumer hat sehr gute Erfahrungen mit verschiedenen Frauenmentoring-Projekten gemacht. Das Lernen von erfolgreichen Vorbildern in einer vertrauensvollen Zweierbeziehung betrachtet sie als den idealen Weg, um Frauen in Männerdomänen zu fördern. "Oft geht es nur mehr um das Verwerten und Präsentieren der Kompetenzen, die schon da sind, um das Stärken des Selbstbewusstseins."

Eine Frage des guten Willens

Denn in den männerdominierten Branchen ist das Verständnis oft noch nicht angekommen, dass Frauen diesen Beruf gleichwertig ausüben können, heißt es von Seiten der AK Wien. "Dann ist man Einzelkämpferin und braucht viel Stärke und Energie", kritisiert Hauer. Gerade kleine und mittlere Betriebe würden damit argumentieren, dass es keine Sanitäranlagen für Mitarbeiterinnen gebe, obwohl das Gesetz ab einer Zahl von fünf Mitarbeiterinnen eigene Anlagen vorsieht. Bei weniger als fünf Mitarbeiterinnen könne man eine getrennte Benutzung der Anlagen etwa mittels eigenem Schlüssel gewährleisten. "Alles eine Frage des guten Willens und der kreativen Lösungen", betont Hauer.

Auch Tischlerin Julia Zödl musste Umwege gehen, bis sie ihren Traumjob fand. In der HBLA stellte sie bald fest, dass das Kochen und Kellnern nichts für sie ist. Als sie im Rahmen der berufspraktischen Tage bei einem Tischlerbetrieb "schnuppern" konnte, hat sie Blut geleckt. "Dort hat man mir aber gesagt, dass man wegen der baulichen Vorschriften extra für mich hätte umbauen müssen". Als sie in der Schule ihren Berufswunsch verkündete, erntete sie fragende Blicke: "So ein körperlich schwerer Beruf und außerdem eine Männerdomäne! Bist du dir sicher?" Zödl war sich sicher.

Ihr Chef jedenfalls kann nichts Besonderes daran finden, Handwerkerinnen zu beschäftigen. "Eine unserer Tischlerinnen war beispielsweise alleine auf Montage unterwegs und das hat wunderbar funktioniert", erzählt Rudolf Lex. Auch sieht er keinen Zusammenhang zwischen körperlicher Stärke und Geschlecht: "Eine Frau kann körperlich stärker sein als ein Mann. Eine unserer Mitarbeiterinnen hat geboxt, eine andere Fußball gespielt", betont Lex. Egal ob Mann oder Frau, alle müssten ihre Aufgaben erledigen. Aber erst wenn diese Einsicht in den Köpfen vieler Arbeitgeber, Eltern und Pädagogen angekommen ist, werden Tischlerinnen und Mathematik-Professorinnen keine Seltenheit mehr sein.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau