Digital In Arbeit

Zur Not, zum Spaß und für später

1945 1960 1980 2000 2020

Ein Streifzug durch die Grazer und Wiener Studentenszene gewährt Einblicke in beliebte Nebenjobs und korrigiert das Klischee vom faulen, ewigen Studenten.

1945 1960 1980 2000 2020

Ein Streifzug durch die Grazer und Wiener Studentenszene gewährt Einblicke in beliebte Nebenjobs und korrigiert das Klischee vom faulen, ewigen Studenten.

Nikolaus gesucht", "Haus-Chronik zu erstellen" oder "Lieben Sie Philatelie?": Der Fundus an bunten Zettelchen kennt keine Grenzen. Einander überlappend warten sie darauf, an der vollgespickten Pinnwand im Büro der Österreichischen Hochschülerschaft Graz entdeckt und gelesen zu werden. Frei nach dem Motto "Selbstvertrauen setzen wir voraus, den Rest zeigen wir dir!" werden auch Freiwillige für eine Fundraising-Agentur gesucht, Animateure für ein Jugend-Sommercamp ausgeforscht, Nachtportiere angefragt oder Blumenzusteller gewünscht. Wem das Tohuwabohu zu bunt wird, kann auch in einer orangen Mappe fündig werden, die zur freien Einsichtnahme aufliegt. Hier werden Teilzeit- und Ferialjobs jeder Art angeboten - mit dem großen Vorteil, mehr Systematik als die Pinwand und das aktuellste Angebot ganz oben zu liefern.

Wer jetzt noch nicht den Nebenjob seiner Träume gefunden hat, dem steht der Weg in den elektronischen Blätterwald offen: Auf der Homepage der Österreichischen Hochschülerschaft (www.oeh.ac.at) findet man auch eine wohlorganisierte Jobbörse mit aktuellem Update. Wer hier nicht fündig wird, dem ist wohl nicht mehr zu helfen.

Lust oder Laster?

Was bringt aber Studierende dazu, sich überhaupt auf diese Suche zu begeben? Ist es finanzielle Notwendigkeit oder die Lust auf Abwechslung zum Alltag hinter Büchern und Skripten? Oder ist es gar die weise Voraussicht, daß nach der Sponsion die Jobs nicht auf der Straße liegen und man als Student(in) des Jahres 2000 schon während des Studiums gefordert ist, erste Kontakte mit den Arbeitsgebern in spe zu knüpfen? Die Motive der Jobsuche sind so unterschiedlich wie die Jobangebote selbst.

Martin etwa gehört zu jenen Studierenden, die sich von ihrem Job vor allem eines erwarten: Spaß. Der 24jährige Sport-, Italienisch- und Geographiestudent im 14. Semester sieht seine Arbeit einfach als wöchentliche Abwechslung zum Studententrott. "Freunde von mir haben in diesem Lokal gearbeitet, und wegen dem Spaß bin ich dann eben ins Gastgewerbe eingestiegen." Natürlich sei das Geld ein positiver Neben-effekt, versichert der eloquente Kärntner, denn das Geld seiner Eltern reiche eben nicht für das eigene Auto oder Reisen dann und wann. Doch im Grunde komme er durch die Arbeit hinter der Schank unter Leute, und darauf komme es an, meint er. "Das Arbeiten im Studentenbeisl ist eigentlich wie fortgehen, und man wird auch noch bezahlt dafür!"

Pro Abend kommt Martin auf 500 bis 800 Schilling, inklusive Trinkgeld - prüfungsfreie Zeiten mit gutem Besuch vorausgesetzt. Ein Supervisor teilt die Studierenden ein: Jedem Mitarbeiter wird ein Tag zugewiesen, je nach persönlichem Stundenplan. Und so steht Martin vier Mal pro Monat vom frühen Abend bis zwei Uhr früh im stimmungsvollen Halbdunkel der "Posaune" hinter der Theke, schenkt Bier ein und lernt neben den Tips und Tricks der Kellnerei vor allem eines: den Umgang mit Menschen, bekräftigt er und greift zum Zapfhahn. Ob ihn der Job vom Studieren abhält? "Nein. Es kann zwar sein, daß der nächste Tag flöten geht, aber dann werden die Vorlesungen halt auf andere Tage verteilt." Alles eine Frage der Organisation.

Einträgliche Raserei Auch für Christian geht es weniger ums Geld als um die Sache: Der 24jährige Student der Technischen Physik radelt einmal wöchentlich im bunten, hautengen Renndreß, mit knallgelbem Rucksack und Funkgerät ausgestattet, quer durch Graz: Im Namen des Fahrradbotendienstes "Veloblitz" sucht er nach den direktesten Linien und den günstigsten Routen fernab des Stoßverkehrs. Zwar reicht sein Rayon bis zum Flughafen Graz-Thalerhof hinaus, doch stellt er vor allem im innerstädtischen Bereich mit seinen 30 Kilometern pro Stunde inklusive Stopps die Post und jedes Taxi in den Schatten.

"Der Job ist nur was für Leute, die sportlich sind und kombinieren können", behauptet Christian in der Mittagspause leicht verschwitzt. Seit sieben Uhr früh sitzt er heute schon im Sattel, und später geht's noch weiter bis 18 Uhr. Doch das sei zu schaffen, und überhaupt genieße er die tolle Stimmung mit dem "lustigen, bunten Haufen", seinen rund 25 Boten-Kolleginnen und Kollegen von "Velo-blitz". Manche, wie er zum Beispiel, haben es auch schon zur Teilnahme an den Europa- und Weltmeisterschaften der Fahrradboten gebracht. Sein 23. Platz von 650 Startern bei der WM in Washington zeugt davon, daß Österreichs Fahrradboten in Sachen Kondition und Kombination mit der Weltelite durchaus Schritt halten. Den Job selbst mache er natürlich wegen dem Geld, denn 130 Schilling Stundenlohn sei "ein nettes Einkommen, das einem finanzielle Unabhängigkeit von den Eltern gibt, aber nicht unbedingt zum Leben notwendig ist." Doch, Hand auf's Herz, hält so ein Job nicht vom Studieren ab? "Nein", meint Christian nach kurzem Nachdenken, "ich könnte mir nicht vorstellen, sonst schneller zu sein." Zwar lerne er fachlich für sein Studium nichts dazu, doch bekomme er Einblicke in die Logistik und die interne Kommunikation vieler Firmen. "Da weiß ich dann später, wo ich arbeiten möchte und wo nicht." Spricht's, setzt die Sonnenbrille auf und braust mit einem neuen Auftrag im Sack davon.

Keinen Kilometer weiter, im "Trash" am Grazer Hauptplatz, macht Nicole an der Kassa gerade ein T-Shirt transportbereit. Wie Christian arbeitet auch sie in einer Branche, die nicht wirklich zu ihrem Studium "paßt": Die 23jährige Germanistin mit dem sogenannten Medienfächerbündel als Zweitfach arbeitet in einer Boutique und verkauft zwischen 30 und 40 Stunden pro Monat betont flippige Mode an betont junge Kundschaft. Und das ist nicht ihr erster Job, gesteht die poppig Gepiercte und streichelt nebenbei das schwarze, hundähnliche Knäuel auf ihrem Arm: "Ich habe schon SPÖ-Flugzettel verteilt, Teller gewaschen, bei einer Schiele-Ausstellung mitgeholfen und gekellnert. Diesen Job möchte ich zwar nicht ewig machen, aber Mode interessiert mich halt, und das Geld brauch ich auch." Für Nicole ist ein eigenes Einkommen nicht nur Luxus, sondern Notwendigkeit: Seit ihre Eltern arbeitslos geworden sind und ihr Stipendium abgesetzt worden ist, braucht sie das Geld für die Miete. Im Sommer möchte sie mit ihrer Diplomarbeit über Thomas Bernhard beginnen, und dann, ja dann würde sie gerne bei einer Zeitung schreiben. Schneller fertig wäre sie vermutlich auch ohne Nebenjob nicht, meint sie selbstironisch und packt nebenbei ein Shirt in einen Plastiksack: "Ich halte mich selbst vom Studium ab, so weit kenne ich mich schon!"

Von einem Job zur bloßen "Auffettung" der Geldtasche kann dagegen Ashraf nur träumen. Der 30jährige Maschinenbaustudent aus Ägypten muß sich, seine Frau und sein kleines Kind als Taxifahrer über Wasser halten. Zusammen mit fünf Arbeitskollegen steht er mit seinem "Dienstwagen", einem weißen Merzedes mit den knalligen Cityfunk-Lettern "878", neben dem Grazer Congress. Alle zwei bis drei Minuten steigt er in den Wagen, um in der Taxischlange nachzurücken, alle zwei bis drei Minuten steigt er wieder aus und setzt das Gespräch mit den Kollegen dort fort, wo er es zuvor abgewürgt hat.

Die Arbeit ist ein Fulltime-Job und mit 10.000 brutto auch nicht übertrieben gut bezahlt, aber für Ashraf hat das Taxifahren einen großen Vorteil: "Ich bin flexibel und kann mir die Fahrtzeiten einteilen" meint er achselzuckend. Vor drei Jahren hat er den Taxischein gemacht - eine Investition von 2.000 Schilling und ganzen drei Wochen. Seither chauffiert er Tag und Nacht Leute herum, im Bewußtsein dessen, daß das eigene Studium auf der Strecke bleibt. "Natürlich hält mich die Arbeit vom Studieren ab, aber es ist finanziell notwendig. Sobald ich aber fertig bin, möchte ich im Bereich Maschinenbau arbeiten. Dann gehe ich zurück nach Ägypten." Mittlerweile ist der Wagen an der Spitze der Autoschlange angelangt. Es wird Zeit, das Taxi auf die Reise zu schicken. Draußen wartet schon Kundschaft.

Lukrative Plauderei Schauplatzwechsel. Ein heruntergekommenes Fabriksgebäude im Grazer Bezirk Gries. Hier, hinter abgeblätterten Fassaden und nach einem knarrenden Gang auf der morschen Holztreppe, eröffnet sich die innovative Welt des Marktforschungsinstituts "GMK". Im Herzstück des durchdesignten Büros, einem schmalen, länglichen Raum, sitzen neun Frauen und ein Mann in ihren Telefonboxen und verlieren ihre Stimmen im allgemeinen Gemurmel: "Sind sie damit zufrieden?" tönt es von rechts, "Sind Sie sicher?" von links. Drei Abende pro Woche und jeden Samstag von elf bis 19 Uhr befragt die 23jährige Sandra ihr telefonisches Vis-a-Vis über Waschmittel oder die letzten Arbeiterkammer-Wahlen. Das bezahlte Telefonieren mache ihr nicht nur enormen Spaß, meint die BWL- und Wirtschaftspädagogik-Studentin: "Marketing ist ja auch Teil meines Studiums. Der Job hält mich nicht vom Studieren ab, im Gegenteil, er motiviert mich."

Man merkt: Hier bastelt jemand gezielt an einer Karriere. Die WIFI-Unternehmerakademie hat sie absolviert und auch in einem Marketingbüro gearbeitet - alles, um dem Berufziel einer Kommunikationstrainerin systematisch näher zu kommen. Für ein stündliches Fixum von 50 Schilling und einer Provision pro Fragebogen trainiert sie ihre Schlagfertigkeit und Überredungskunst. Doch ohne Talent läuft auch beim Telefonieren nichts, meint Sandra selbstbewußt: "Meine Einschulung hat genau eine halbe Stunde gedauert - man merkt eben recht schnell, ob jemand auf den Mund gefallen ist oder nicht. Und Frauen haben sowieso mehr Kommunikationstalent." Die Geschlechterverteilung bei "GMK" gibt ihr recht: Etwa 80 Frauen, vornehmlich Studentinnen und Pensionistinnen, verdienen sich allabendlich mit ihrer Plauderlust ein kleines Zubrot.

Steht ein Nebenjob zum Studium in (zeitlicher) Konkurrenz oder ist er gar der Schlüssel zum Erfolg? Für den 25jährigen Rudi gilt beides: Der evangelische Theologe wäre wohl jetzt schon mit dem Studium fertig und würde in einer Pfarre sein spärlich besoldetes Vikariat absolvieren, wäre ihm nicht sein Faible für Computernetzwerke und alles Telekommunikative dazwischengekommen.

Begonnen habe alles mit bloßen Spielereien und einer flapsigen E-Mail-Bewerbung mit der Aussage, sich auf dem Gebiet der EDV "überall ein bißchen" auszukennen. Der Schmäh zog, erzählt Rudi mit einem breiten Grinsen: Aus einem Ferialjob wurde ein Einarbeiten in die Netzwerktechnologie - und aus dem Studium wurde nach und nach ein interessantes Nebenbei. "Das Studieren allein war mir zu wenig, und irgendwann ist dann aus den projektorientierten ,Jobs' ein Beruf geworden."

Vernetzte Alternative Die Aufgabenpalette dieser "Jobs" war von jeher bunt - und begehrt: Aufbau und Betreuung von Computernetzwerken, Homepages und Telearbeit oder das Erstellen eines Computer-Handbuchs für die evangelisch-lutherische Kirche. Heute, offiziell im 14. Semester und noch ein kleines Stück vom ersten Studienabschnitt entfernt, ist Rudi wie seine mittlerweile graduierten Studienkollegen Angestellter der evangelischen Kirche - doch nicht als Vikar, sondern als Projektleiter der Software-Entwicklung.

Er ist Herr über ein professionell verkabeltes Büro im Kirchenamt in Wien-Gersthof - zu professionell verkabelt, um Laien zu verraten, was hier wirklich vernetzt und gespielt wird. "Ich hätte natürlich beides schaffen können, Studium und Beruf, aber die Priorität war klar auf der Seite des Jobs", erinnert sich der 1,90-Meter-Mann. Sein Dasein als EDV-Spezialist sieht er jedoch noch immer als zweites Standbein neben dem einstigen und vielleicht irgendwann wieder aktuellen Ziel - dem Pfarrerberuf: "Als sogenannter Studienabbrecher hege ich keinen Gram. Ich kann mir auch immer noch vorstellen, einmal als Pfarrer zu arbeiten. Ich weiß nämlich nicht, wie lange ich die Bereitschaft habe, in dieser schnellebigen Branche zu bleiben." Bis dahin liest er mehr theologische Fachliteratur als zu studienaktiven Zeiten, und zudem bleibt ihm ja noch seine liebste aller Ausreden: "Ich arbeite doch schon für die Kirche!"

Es gibt sie also, die Ferial- und Nebenjobs, wie sie im Buche stehen. Es gibt sie, die Geschichten mit der zaghaften Anfrage zu Beginn und der Karriere als Schlußpunkt, nicht nur in studienfernen Branchen, sondern oftmals auch im gleichen Fach. Die Geschichte der 22jährigen Kordula ist eine von ihnen. Begonnen hat alles mit einer "Rosenkavalier"-Aufführung in der Wiener Staatsoper. Gemeinsam mit ihrer Klasse des Musikgymnasiums Oberschützen besuchte Kordula als 16jährige diese Schenk-Inszenierung - um sich von diesem Erlebnis nie mehr zu "erholen". "Von da an habe ich begonnen, Zeitungskritiken zu lesen, die ,Bühne' und ,Opernwelt' zu abonnieren, das ,Opernkonzert' auf Ö1 zu hören und Opernaufführungen im Fernsehen aufzuzeichnen", resümiert die zarte Frau mit dem tiefen Timbre in der Stimme und nimmt am Bühnenrand an einem der kleinen, mit Lampen ausgestatteten Tische Platz.

Heute steht "Rheingold" auf dem Programm, wo sie nur interessehalber assistiert. Ein nach hinten ansteigender Parkettboden dominiert die Probebühne, mächtige Lederfauteuils verlieren sich auf der weitläufigen Fläche. Kordulas Weg zur Regieassistentin an der Grazer Oper scheint gleichfalls geebnet gewesen zu sein. Im zweiten Jahr ihres Musikwissenschafts-Studiums hat sie kurzerhand bei der Produktionsleiterin angeklopft und um einen Ferialjob gefragt. Mit Erfolg: Der Reigen reichte fortan von Statistenrollen in "Macbeth" und "Schwanensee" über unbezahlte Arbeiten in "Sommerfrische" und "Lucia di Lammermoor" bis hin zur Dramaturgie-Hospitanz bei "Cavalleria Rusticana" und der Mitarbeit bei "Carmen".

Karriere nach Plan Im Sommer 1999 bekam sie ihre große Chance: Die alleinige Regieassistenz bei "Punch und Judy", einer Produktion im Jugendtheater "Next Liberty". Kordula war verantwortlich für die Koordination aller Abteilungen, von Kostüm, Maske, Ton, Licht und Bühnentechnik. Alles mußte bedacht werden: ein Ersatz im Krankheitsfall, der richtige Auftritt oder auch nur ein simpler Nagel in der Wand, um ein Sakko zu tragen. Die Option einer fixen Anstellung eröffnete sich schließlich durch Zufall, erklärt Kordula kühl: "Letzten Oktober ist die Stelle des Regieassistenten vakant geworden. Weil ich aber noch das Studium fertigmachen will, haben wir uns auf eine Überbrückung geeinigt. Ab März habe ich dann einen Vertrag über eineinhalb Jahre." Zeit genug also für ihre Diplomarbeit über Wagners "Ring".

Wie aber geht das alles neben einem Studium in Mindestzeit? Die Antwort aus Kordulas Mund klingt ehrlich: "Ich bin ein Worcaholic. Wenn ich Zeit gebraucht habe, habe ich sie von meiner Freizeit genommen."

Und daran wird sich wohl auch in Zukunft nichts ändern, gibt sie unumwunden zu: "Jetzt wird man einmal an den Leistungen gemessen. Es geht um Mundpropaganda, um ,sehen und gesehen werden'. Mein Leben lang Assistentin bleiben möchte ich jedenfalls nicht." Daran hat wohl auch niemand gezweifelt.

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