Viele Studierende fürchten, später keinen Job in ihrem Gebiet zu finden. Wenn Zukunftssorgen schwerer wiegen als die Freude am Fach.

"Schauen Sie nach links und nach rechts. Ihre Nachbarn werden Sie am Ende des Studiums wahrscheinlich nicht mehr wiedersehen.“ Das oder so ähnliches hören viele in den Einführungslehrveranstaltungen an den Universitäten des Landes. Vor allem dann, wenn man eines der so genannten Massenstudien an einer der so genannten "linken Fakultäten“ inskribiert hat. All jene, deren Matrikelnummer noch mit einem 9er begonnen hat, und die damals in den 1990er-Jahren - ja, man kann schon damals sagen - im sicheren Glauben die Welt aus den Angeln heben zu können, eine Studienrichtung gewählt haben, die sie wirklich interessiert hat, können sich gewiss noch daran erinnern. Dabei hatten wir bereits jene Generation der "qualifizierten Studienabbrecher“, die aus Prinzip nicht fertig studiert hatten. Sie saßen uns oft genug in Vorstellungsgesprächen gegenüber und lachten amüsiert über unsere Überzeugung, dass nur ein regulärer Studienabschluss Garant für eine auch finanziell sichere Zukunft sei. In manchen Branchen war das so. Damals waren sie alle Cowboys, die Studienabbrecher, die etwa nach vier Semestern Publizistik die Werbebranche revolutionierten. Heute sitzen adrett gekleidete Studentinnen - meist sind es wirklich Frauen - im eleganten Designerblazer in der ersten Reihe im Hörsaal, machen sich emsig Notizen und schauen gegen Ende der Vorlesung genervt auf die Uhr, man muss ja schließlich heute extra Überstunden machen, damit man sich auf der Anwesenheitsliste eintragen konnte.

Angst, nicht gut genug zu sein

Ich höre seit einigen Semestern mit großer Verwunderung meinen Studierenden zu, wenn sie mir von ihren Zukunftsplänen berichten: 1. Sie haben welche. Soweit so gut, nur, meine Generation hatte zwar Phantasien von der Zukunft, aber keinen genauen Plan. Vielleicht haben wir uns deshalb noch darauf gefreut? 2. Sie haben Angst vor der Zukunft. Sie fürchten, trotz Abschluss - vielleicht sogar in Mindeststudienzeit oder nur leicht darüber - keinen Arbeitsplatz in ihrem Fachgebiet zu erhalten. Dieser Illusion haben wir uns damals zwar auch nicht hingegeben, aber wir hatten so ein Bauchgefühl, dass es sich irgendwie schon ausgehen würde. 3. Sie sorgen sich ständig darum, nicht qualifiziert genug zu sein. Und da frage ich mich, woher hatten wir unser schier unerschütterliches Selbstvertrauen, dass uns die Welt schon offen stehen würde, wenn wir nur vehement genug danach fragen?

Die Absolventinnen und Absolventen von morgen treiben mir Sorgenfalten auf die Stirn. Aber nicht, weil es vielleicht zu viele sind, die Medienberichte über "Akademikerschwemmen“ lösen jene darüber, dass wir einen Mangel an Akademikerinnen und Akademiker haben, mit langweiliger Regelmäßigkeit ab - freilich gilt das nicht in allen Disziplinen, aber dieser kleine Verweis fällt allzu oft unter den Tisch. Die Akademikerinnen und Akademiker der nahen Zukunft glauben gar nicht mehr daran, dass alleine der Abschluss ihres Studiums sie zu irgendetwas befähigt. Freilich, nicht jede Studienrichtung ist eine Berufsausbildung, und der Markt folgt einer eigenen Logik. Die Unis stehen vor dem Dilemma, die Nachfrage des Marktes mit Absolventen und Absolventinnen gefragter Studienrichtungen zu bedienen, und dem Nachzukommen, was ihre ursprüngliche Aufgabe ist: Die Vielfalt der Gesellschaft auch in ihren Studienrichtungen abzubilden. Aber das lohnt sich oft nicht, und daher werden manche Studienrichtungen regelrecht stigmatisiert. Ein ausgefallenes Studium ist heute kein Luxus mehr, sondern bestenfalls Liebhaberei, und eigentlich Nonsens. Dabei gibt es kein unsinniges Studium. Es gibt nur Studierenden, die ihre Neigung oder ihre Begabung verleugnen.

Mit 21 Jahren überall top

Doch welchen Stellenwert hat heute ein universitäres Studium noch, wenn wir alle wissen, dass die Generation Praktikum nach anderen Maßstäben gemessen wird? Ein Studienabschluss mit Bestnoten ist einmal das Mindeste. Und dann braucht man noch Belege über eine Vielzahl - freilich meist unbezahlter - Praktika, einschlägiger Berufserfahrung, Sprachkenntnisse, vorzugsweise nicht nur die üblichen vier Sprachen, Nachweise über soziales Engagement machen sich sowieso immer gut und zeugen von einem ausgeprägten sozialen Bewusstsein, und im Idealfall ist man unverbraucht und frisch und noch nicht 21. Welche Ironie. Und immer noch hält sich in vielen Branchen hartnäckig das Gerücht, dass Qualifikation im Zweifelsfalle stichhaltigeren Argumenten nachsteht. Beweise für die Vererbung von Jobs, oder für durch elterliches Sponsoring erkaufte Jobs gibt es freilich nicht.

In meinen Lehrveranstaltungen ermuntere ich meine Studierenden ständig dazu, kritisch zu denken, diese Gedanken in den Seminaren einzubringen, und diese auch in schriftlichen Arbeiten zu verbalisieren. Die wenigsten trauen sich wirklich. Dabei rufe ich keineswegs zum Staatsputsch oder zur Ketzerei auf. Mein fast schon flehentlicher Appell, sich doch zuzutrauen, einen Diskurs zu thematisieren, stößt vielfach auf unfruchtbaren Boden. Das würden sie ja in anderen Lehrveranstaltungen auch nicht dürfen, so argumentieren sie ihre Unsicherheit oder ihren Unwillen, meinem Aufruf zu folgen. Und wieder staune ich. Wenn sich also die Frage stellt, braucht das Land Absolventinnen und Absolventen von Geistes-, Kultur- oder Sozialwissenschaftlichen Fakultäten, dann möchte ich in die Welt hinaus rufen: Unbedingt! Aber viel interessanter ist doch die Frage, wie diese beschaffen sein sollten! Wer fördert heutzutage das Potential der geistigen Elite eines Landes, zu der jeder Student und jede Studentin sich - fernab von elitären Überheblichkeiten - zweifellos zählen kann und soll?

In einer Zeit, die für mich damals war, hieß es noch: Ein Studienabschluss ist ein Jobgarant. Das gilt heute sicher nicht mehr. Und die Mähr vom Taxi fahrenden promovierten Politikwissenschafter ist sicher zu oft Realität.

Leise Kritik an unhaltbaren Zuständen

Es ist kein Geheimnis: Die Welt hat sich verändert. Wir arbeiten heute nicht mehr bis zum 30. Jubiläum in einer Firma, Jobrotationen stehen alle paar Jahre an, vielfach wechseln wir Branchen, Standorte und auch Länder. All das ist etwas, mit dem die junge Generation zu leben gelernt hat. Auch mit den Schattenseiten. Wie will man Beziehungen pflegen, wenn beide Jobs nachgehen, die eine unendliche Flexibilität abverlangen? Schon 2075 soll die Einkommensschere zwischen Männer- und Frauengehältern geschlossen sein, denken sich ironisch viele Frauen, die trotz Studienabschluss auf Arbeitsplätzen sitzen, die durch das Etikett Teilzeitarbeit abqualifiziert werden oder dazu einladen. Aber in Zeiten, in denen man schon froh sein muss, eine Arbeit zu haben, hört man die Kritik an solchen Zuständen deutlich leiser als es nötig wäre.

Übrigens findet sich immer wieder eine Studentin in meinen Seminaren, die sich gegen den erklärten Willen der Familie einen Studienabschluss selbst finanzieren muss. Wozu braucht eine Frau schon einen akademischen Titel?

Es ist erst wenige Wochen her, dass ich einigen meiner Studentinnen und Studenten versprochen habe, dass sie alle, wenn sie wirklich das Studium absolvieren, das ihren Neigungen entspricht, ungeachtet dessen, wie groß die Konkurrenz sein mag, wenn sie nicht faul, aber sich ihres Wertes bewusst sind, kein Problem haben werden, einer sinnvollen Zukunft in einem erfüllenden Job entgegenzusehen. Ich bin überzeugt davon. Sie wollten es mir glauben. Aber sicher waren sie sich nicht.

* Die Autorin ist Kommunikationswissenschafterin und Lehrgangsleiterin für Provokationspädagogik an der Donau-Universität Krems

Studienabschluss - was nun?

Wer studiert hat, ist schon jemand - das galt früher mal. Doch was ist ein Uni-Abschluss heute noch wert? Vor allem AbsolventInnen der Geistes- und Sozialwissenschaften plagen sich, einen passenden Job zu finden. Frauen sind in diesen schwer verwertbaren Bereichen überrepräsentiert. Über Prakika-Schleifen, prekäre Beschäftigung und die vielzitierte Flexibilität.

Redaktion Sylvia Einöder

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