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Die lange Reise ins Ungewisse

Für viele Hochschul-Absolventen war es noch nie so schwierig wie jetzt, einen einigermaßen passenden Job zu finden. Eine Bestandsaufnahme.

Publizistik, Soziologie oder Germanistik: Die Hörsäle sind zum Bersten voll. Und das, obwohl die Jobaussichten mit einem solchen Abschluss alles andere als gut stehen. Paradoxer Weise erfreuen sich eben jene Studienfächer großer Beliebtheit, die in die Kategorie "schwer verwertbar“ fallen.

"Alles und nichts“ zu können, dieses Gefühl haben die meisten Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaftler nach dem Studium. Sofort einsetzbar in einem konkreten Berufsfeld - wie etwa die FH-Absolventen - sind sie nun mal nicht. Lange vorbei sind die Zeiten, als noch galt: Wer irgendein Studium abgeschlossen hat, ist schon wer. Mittlerweile braucht es viel Eigeninitiative, einen langen Atem und eine klare Vision, wo die Reise hingehen soll.

Wie viele Hochschulabsolventen nach dem Studium ohne Job dastehen, ist nicht dokumentiert. Denn viele melden sich gar nicht arbeitslos. Sie haben ja auch keinen Anspruch auf Geld. Speziell auf Hochschul-Absolventen zugeschnittene Angebote hält das Arbeitsmarktservice nicht bereit.

Teure Weiterbildung statt Jobeinstieg

Lineare Karriereverläufe wie in den Siebzigern sind nicht mehr möglich, weil sich die Anzahl der Absolventen seither verfünffacht hat - und der Arbeitsmarkt vielfältiger geworden ist. So ist es für Uni-Absolventen schwieriger, sich zu orientieren, und sie müssen gegen eine größere Anzahl an Konkurrenten bestehen.

Dass eineinhalb Jahre nach dem Studienabschluss nur knapp mehr als die Hälfte aller Uni- und FH-Absolventen erwerbstätig sind (siehe Kasten unten), ist doch frappierend. Bei den Historikern ist sogar nur ein Drittel nach diesem Zeitraum beruflich untergekommen - und fast die Hälfte von ihnen hat sich zu einer weiteren Ausbildung entschlossen. Sieben Monate lange suchen Geisteswissenschaftler im Schnitt, bis sie einen Job gefunden haben.

Zunehmend bieten öffentliche und vor allem private Unis teure postgraduale Lehrgänge für Absolventen an, die sich durch mehr Spezialisierung und Praxis jobfit machen wollen. Dank der wachsenden Unsicherheit boomen Felder wie Training, Coaching oder Kommunikation. Wie groß die Nachfrage nach Hilfe bei der Jobsuche ist, wissen auch die Karrierecenters der Universitäten, die in den letzten zehn Jahren aus dem Boden geschossen sind. Dort erhalten Studierende und Absolventen Zugang zu eigenen Job- und Praktika-Börsen sowie Tipps, wie sie sich bewerben und selbst vermarkten können.

Bei "Uniport“, dem Karrierecenter der Uni Wien, ist die Nachfrage im letzten Jahr stark gestiegen. "Die Befürchtung ist immer dieselbe: Mein Studium ist nichts wert. Niemand will mich mit dem, was ich gemacht habe“, berichtet Christine Leitl, Leiterin der Karriereberatung von "Uniport“. So entstehe bei vielen eine regelrechte Panik, sich mit einer Welt auseinandersetzen zu müssen, mit der man zuvor nichts zu tun hatte. Von einem "Regulatory Affairs Manager“ oder einem "Junior Account Executive“ ist plötzlich in den Stellenausschreibungen die Rede.

Die Wartezeit für ein Beratungsgespräch bei "Uniport“ beträgt derzeit einen Monat. Für AMS-Kunden ist der Termin kostenlos. Die Jobsuchenden klagen immer wieder, dass Stellenausschreibungen wie die Wunschliste an das Christkind klingen, berichtet Leitl: "Doch man muss nicht alle Punkte erfüllen. Es kommt auch vor, dass Germanisten im Marketing unterkommen.“ Dennoch kommt man an der Optimierung der "Marke Ich“ kaum mehr vorbei. In Zeiten der Wirtschaftskrise kommen auf eine Stellenausschreibung bis zu 500 Bewerbungen. Die Bewerbungsunterlagen müssen die individuellen Stärken auf den Punkt bringen. "Sie werden zirka 30 Sekunden gesichtet“, weiß Leitl.

Laut einer Studie des Wissenschafts-Ministeriums wünschen sich Arbeitgeber neben dem passenden Studienabschluss vor allem Persönlichkeit und "Soft Skills“ wie Teamfähigkeit oder rhetorische Kompetenz. Mit welchen Noten man das Studium abgeschlossen hat oder ob man Auslandserfahrung hat, ist dem Arbeitgeber nicht wichtig.

Spontane Entscheidung für ein Fach

Doch oft fällen junge Leute die Entscheidung für ein Studienfach recht unbedarft. "Wir erleben die meisten Maturanten orientierungslos. Viele entscheiden sich kurzfristig“, sagt Gabriele Schmid, Leiterin der Abteilung Bildungspolitik der Arbeiterkammer (AK) Wien. Sie rät, sich Zeit zu nehmen, und nicht einfach etwas Aussichtsreiches wie Jus zu inskribieren. "Es muss einen schon interessieren. Eine bessere Berufsorientierung wäre auch Aufgabe der Schulen“, kritisiert Schmid.

Nach wie vor seien vor allem persönliche Interessen ausschlaggebend für die Studienwahl: "Wir wissen einerseits, dass interessierte und geeignete Leute später erfolgreicher sind“, betont Christina Machat-Hertwig von der Abteilung Arbeitsmarktforschung und Berufsinformation des Arbeitsmarktservice (AMS). Gerade in Fächern wie Geschichte solle man sich schon während des Studiums mit Praktika auf den Arbeitsmarkt vorbereiten. "Verdrängen hilft nicht. Man muss sich rechtzeitig damit auseinandersetzen und Strategien entwickeln, etwa Zusatzqualifikationen erwerben“, rät Machat-Hertwig. Vor allem für Geisteswissenschaftler sei es wichtig, schon während des Studiums ein Netzwerk aufzubauen, zumal ein Großteil der für sie interessanten Stellen nicht ausgeschrieben wird.

Doch die "schwer verwertbaren“ Studien sehen meist keine Pflichtpraktika vor. Für den Berufseinstieg können diese durchaus hilfreich sein. "Problematisch wird es, wenn Praktikanten nicht sozialversichert sind und nicht adäquat bezahlt werden, also unter 1500 Euro brutto“, kritisiert Schmid. Vor allem bei Leuten mit abgeschlossenem Studium bestünde die Gefahr, sich unter Wert zu verkaufen. Ein weiteres Problem ist, dass viele zu Beginn oft nur einen Werkvertrag oder freien Dienstvertrag erhalten. "Atypische Beschäftigungen bedeuten aber kein Krankengeld, keine Urlaubsansprüche, kein 13. und 14. Gehalt, keine Arbeitsplatzsicherheit“, warnt Schmid. Immer öfter machen Akademiker Jobs, die vor 20 Jahren noch von Maturanten erledigt wurden. Obendrein haben Akademiker früher häufig im öffentlichen Dienst Arbeit gefunden, wo nun ein Aufnahmestopp herrscht.

Universitäten unter Druck

Besonders prekär ist die Situation an den Universitäten: "Gerade dort sind junge Mitarbeiter meist nur projektbezogen und zeitlich begrenzt tätig. Zwar bilden die Unis sehr wissenschaftsnah aus, doch die wenigsten Absolventen finden Arbeit als Wissenschaftler“, gibt Schmid zu bedenken.

Die Hochschul-Akteure müssten sich mit der Politik auf ein sinnvolles Kontingent an Studienplätzen für überlaufene Fächer wie Publizistik einigen, meint Hochschulexperte Hans Pechar vom Institut für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung (IFF): "Es macht langfristig keinen Sinn, wenn die Zahl dieser Studienplätze nach oben offen ist. Das heutige Problem haben wir, weil wir es Jahrzehnte lang verdrängt haben.“ Laut Pechar gehört es auch zum gesellschaftlichen Auftrag einer Universität, nachgefragte Ausbildungsleistungen anzubieten.

Andererseits wünscht sich Pechar mehr aktive Informationseinholung von Seiten der Studienanfänger. "In einem System mit so großer Freiheit wie der Universität kann man Studierende nicht aus ihrer Eigenverantwortung entlassen. Je größer die Freiheit, umso weniger können Studierende Ansprüche klar machen.“

Ein Trostpflaster für alle Betroffenen: Auch wenn die Jobsuche derzeit schwierig ist - ein möglichst hoher Bildungsabschluss ist noch immer der beste Schutz vor Arbeitslosigkeit. "Selbst Kunstgeschichte-Absolventen haben im Vergleich zu Pflichtschulabsolventen bessere Chancen, einen Job zu finden“, sagt AMS-Expertin Machat-Hertwig. Nur arbeiten sie oft nicht in dem Bereich, in den sie eigentlich hinein wollten.

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