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"Die Besten brechen ab"

Das Wiener Publizistik-Institut platzt - wie jedes Jahr - aus allen Nähten. Ist der freie Hochschulzugang am Ende? Institutsvorstand Wolfgang R. Langenbucher diskutiert darüber mit Werner Jungwirth, Präsident der Österreichischen Fachhochschulkonferenz.

Die Furche: Herr Professor Langenbucher: Ihre Entscheidung, auf Grund mangelnder Ressourcen keine Diplomarbeiten mehr zu betreuen, ist nicht nur bei Wissenschaftsministerin Elisabeth Gehrer, sondern auch intern auf Kritik gestoßen. Ein Mitarbeiter Ihres Instituts wird mit den Worten zitiert: "Das ganze Desaster basiert auf organisatorischen Schwächen, Managementfehlern und Ignoranz..."

Wolfgang Langenbucher: Der zitierte Kollege Frank Hartmann ist nicht Mitarbeiter des Instituts, sondern ein externer Universitätsdozent. Und obwohl ich ihm kollegial sehr verbunden bin, muss ich bezweifeln, dass er wirklich einen Einblick hat. Wenn man schon diese Äußerungen vornimmt, dann sollte man sie auf die Universitätsleitung beziehen. Denn alle Probleme, die an unserem Institut vorhanden sind, bestehen schon seit Jahren und wir haben immer wieder darauf aufmerksam gemacht - deshalb jedes Jahr "dieses Theater", wie die Ministerin sagt. Wir haben dem Rektor sogar einmal den Antrag gestellt, er möge die Studienrichtung einstellen, wenn sie immer nur Probleme macht. Die Universität München hat in einer vergleichbaren Situation 20 Studiengänge eingestellt und wickelt sie nun langsam ab. Dann kann man ja aus unserem Institut ein kleines, feines Forschungsinstitut machen für die Weltklasse-Universität Wien.

Die Furche: Die Einstellung der Studienrichtung ist aber wohl das Letzte, was sich betroffene Studierende wünschen...

Langenbucher: Ja, aber man kann nicht die Scheunentore beim Zugang weit aufmachen, aber dort, wo studiert wird, die Institute in Verhältnissen belassen, die einer Zeit entsprechen, wo es nur ein Zehntel der Studierenden gab.

Die Furche: Sie wünschen sich Zugangsbeschränkungen zum Studium?

Langenbucher: Ich bin nicht der Meinung, dass man in Österreich den Numerus Clausus einführen sollte. Aber wir brauchen im Laufe des Studiums Verfahren, die es jeder Einzelnen - wir haben mittlerweile 77 Prozent Studentinnen in unserem Fach - erlauben, ihre eigene Studierfähigkeit rechtzeitig zu testen.

Werner Jungwirth: Ich kann zu den konkreten Problemen am Publizistik-Institut nichts sagen. Die Fachhochschulen haben jedenfalls von Anfang an eine klare Vorgabe: Der Studienbetrieb ist so zu organisieren, dass es den Studierenden möglich ist, in der vorgesehenen Studiendauer fertig zu werden. Wir bekommen pro Studienplatz einen bestimmten Betrag - 5.800 oder 6.900 Euro. Dementsprechend muss auch die Zahl der Studienplätze festgelegt sein. Jeder Erhalter ist verpflichtet, im Zuge des Bewilligungsverfahrens Bedarfs- und Akzeptanzanalysen vorzulegen, wo sowohl das Interesse der Studierenden als auch die Nachfrage in der Wirtschaft abgefragt wird. Erst bei entsprechender Nachfrage auf beiden Seiten wird eine bestimmte Anzahl an Studienplätzen bewilligt. Wenn dann jemand bei uns im System ist, hat er keine Ausrede mehr, nicht fertig zu werden.

Die Furche: Wie kommt er überhaupt in dieses System?

Jungwirth: Im Wesentlichen geht es um vier Dinge: Es geht um das Zeugnis, mit dem man sich um die Aufnahme bemüht; es gibt einen Berufseignungstest; man fragt nach Berufserfahrung; und im Zweifelsfall gibt es noch ein Gespräch mit dem Studiengangsleiter. Das alles ist gewichtet. Aus dieser Gewichtung ergibt sich eine Reihung. Wobei wir zehn Prozent mehr aufnehmen und die Drop-Outs der Vorjahre nachbesetzen.

Die Furche: Wäre ein ähnliches Modell auch für die Unis denkbar?

Langenbucher: So sicher nicht - schon aus Kapazitätsgründen: Wir müssten tausend Studierende durch so ein Verfahren schleusen.

Jungwirth: Natürlich ist es ein opulentes Verfahren, aber es werden ja nicht immer alle Kriterien angewendet. Bei jemandem, der einen Notendurchschnitt von 1,0 hat und ein tolles Motivationsschreiben verfasst hat, wird es kein Gespräch mehr geben. Und: So wenige Studierende haben wir nicht. Der größte Studiengang Österreichs in Wiener Neustadt, "Wirtschaftsberatung", hat 290 Anfängerstudienplätze.

Die Furche: Wie viele beginnen jedes Jahr das Publizistik-Studium?

Langenbucher: Die Anfängerzahlen liegen um 1.000 pro Jahr; insgesamt sind über 5.000 inskribiert. Aber ich würde dieses Verfahren auch aus einem anderen Grund für die Universität nicht angemessen finden: Denn die Fachhochschulen bilden für bestimmte Berufe aus. Wir machen die Leute nicht berufsfertig, sondern bestenfalls berufsfähig. Mir gefällt ein anderes Modell besser, das wir zur Zeit schon praktizieren - nur nicht mit der nötigen Konsequenz: Der Studierende muss in den ersten beiden Semestern, der Studieneingangsphase, zwar eine bestimmte Zahl von Prüfungen machen und kann erst dann vernünftig weiterstudieren, aber es gibt keinen Stopp, wenn er sich als studierunfähig erweist. Deshalb versuche ich den Studieren im Wege des moralischen Appells zu sagen: Bitte begreife dieses erste Jahr als einen Eignungstest für dich selbst. Und ich hoffe auf einen Selbstselektionseffekt.

Die Furche: Offensichtlich erfüllt sich Ihre Hoffnung nicht, sonst hätten Sie nicht neuerlich diese Probleme...

Langenbucher: Immerhin war das Audi-Max letzten Donnerstag nicht so voll wie vor einem Jahr. Das Tragische ist ja, dass der Studienabbruch an den Unis so spät erfolgt. Das ist vergeudete Lebenszeit und Frustration - nicht von ungefähr sind so viele Studierende in psychiatrischer Behandlung.

Jungwirth: An den Fachhochschulen schließen etwa 80 Prozent der Anfänger das Studium ab...

Langenbucher: So ist es auch im Numerus-Clausus-Land Deutschland, wo es bei bestimmten Studienrichtungen auch Aufnahmeprüfungen gibt. Wir haben hingegen eine Drop-Out-Quote von 70 bis 80 Prozent...

Die Furche: Also jene Studierende, die hinausfrustriert werden oder das Studium als Sprungbrett in die Medienbranche genützt haben...

Langenbucher: Es gibt Studienabbruch-Untersuchungen nur für ganz Österreich: Aber natürlich glauben wir manchmal, wenn wir einen depressiven Anfall haben, dass gerade unsere besten Studenten die Abbrecher sind, weil sie glänzende Karrieren machen.

Die Furche: Dennoch erfreut sich das Publizistik-Studium nach wie vor größter Beliebtheit - im Unterschied zu technischen Studienrichtungen...

Jungwirth: Technische Studien sind nun einmal dafür bekannt - ob zu Recht oder nicht -, dass sie schwer sind. Das gilt auch in den Fachhochschulen. Die Renner schlechthin sind sie auch hier nicht. Es gibt eine Reihe von Studienplätzen, die nicht besetzt sind. Wobei die TU heuer durchaus Zuwächse zu verzeichnen hat. Dieses Problem kann aber der tertiäre Sektor nicht allein lösen. Man müsste schon bei den Zehnjährigen Bewusstsein schaffen, dass Technik spannend sein kann.

Langenbucher: Bei den Studierenden, die zu uns kommen, scheint ein allgemeinerer Hintergrund ausschlaggebend zu sein - und zwar diese Mediengesellschaft, in der wir leben.

Die Furche: Zuletzt war viel von "Elite" die Rede: Was würden Sie sich - abgesehen von Geld - für die Förderung von Spitzenleuten an Universitäten und Fachhochschulen wünschen?

Langenbucher: Wir brauchen schlicht mehr Plätze und Mittel für Doktoranden. Wenn wir nicht auf einer breiteren Basis Doktorandenförderung betreiben, dann werden wir nie eine Elite bekommen. Da verschleudern wir Begabungen, das ist grotesk.

Jungwirth: Die Frage ist: Was ist Elite? Ist das nur jemand, der das Doktorat macht? Oder ist das nicht auch jemand, der beruflich sehr erfolgreich ist? Bezogen auf die Institution FH möchte ich nur Folgendes sagen: Wir werden von allen als Erfolgsstory gelobt. Doch zu Tode gestreichelt ist auch gestorben. Was uns etwa momentan beschäftigt, ist die Beamten-Dienstrechts-Novelle, durch die es FH-Absolventen verwehrt wird, sich für A-wertige Posten auch nur zu bewerben. Wenn das so festgeschrieben wird, dann habe ich um die Zukunft unserer Erfolgsstory schon ein wenig Angst.

Das Gespräch moderierte Doris Helmberger.

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