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Akademisches Fast Food

Eine "McDonaldisierung" der Universitäten beklagt der Salzburger Kultursoziologe justin stagl, der mit diesem Text die Debatte über das neue Universitätsgesetz - nach den Beiträgen von Peter Filzmaier (Nr. 1) und Michael Lang (Nr. 4) - fortsetzt.

Der Autor, Professor der Soziologie an der Universität Salzburg, ist der Ansicht, dass sich die studentische Mitbestimmung nach UOG 75 und 93 für die österreichischen Universitäten negativ ausgewirkt hat. Diese Ansicht vertritt er aber nicht als Funktionär des Universitätsprofessorenverbandes, wie der Artikel "Rebellion der Zwerge", Furche Nr. 4/22. 1. 2004, S. 6, unterstellt. Der UPV ist ja die Interessenvertretung aller österreichischen Professoren, darunter natürlich auch derer, welche die Ansichten Justin Stagls nicht teilen. Das gleiche gilt auch für folgenden Beitrag.

Dass es den Universitäten gut geht, wird niemand im Ernst behaupten wollen, auch die Hochschulpolitiker nicht. Verkommende Baulichkeiten, überfüllte Hörsäle, verschlechterte Arbeitsbedingungen scheinen schicksalhaft zu sein. Dass immer weniger Kinder geboren werden, merkt man noch nicht. Ein steigender Anteil jedes Geburtsjahrganges sucht über ein Universitätsdiplom Anschluss an die "Wissensgesellschaft" zu gewinnen. Doch in zwei, drei Jahrzehnten wird die Studentenzahl zurückgehen. Wozu also inzwischen groß in die Universitäten investieren?

Die europäischen Bildungsminister haben 1999 in Bologna eine gemeinsame Hochschulpolitik beschlossen: Zweiteilung aller Studien in einen elementaren (Bachelor) und einen fachspezifischen Zyklus (Master), Einführung eines Punktesystems zwecks internationaler Anrechenbarkeit von Prüfungen und Förderung der Mobilität, vergleichbare Abschlüsse, Standardkriterien für die Planung und Bewertung von Lehre und Forschung... Erinnert all das an etwas? Aber ja, natürlich: McDonald's!

Das Rationalisierungs- und Standardisierungsprinzip, das von den Sphären der Produktion und der Dienstleistungen auf die Kultur übertragen wird, hat George Ritzer als "McDonaldisierung" bezeichnet. Der Hamburger ist zwar weder besonders wohlschmeckend noch besonders nahrhaft, doch er wird überall auf der Welt in gleicher Weise produziert und in vertrauter Form angeboten. Dahinter stecken perfekte Planung, Organisation und Kontrolle. Zugleich sind die McDonald's-Restaurants Enklaven amerikanischen Lebensgefühls, die besonders bei der Jugend als Modernitätssymbole gelten. Tischmanieren braucht man nur wenig. Das alles fördert den Verzehr.

Vollwertwörter

Europa hat sich im Bologna-Prozess zur massenhaften Verabreichung von intellektuellem Fast Food bekannt. Garniert wird dieses mit Vollwertwörtern: "Effizienz und Effektivität", "Synergieeffekte", "Qualitätssicherung", "Evaluation", "Arbeitsmarktrelevanz", "europäische Dimensionen". Besonders sämig klingt "Modul". Eigentlich ist das eine Standardmaßeinheit, man versteht darunter aber auch ein entsprechend hergestelltes Produkt. Module lassen sich serialisieren und kombinieren wie etwa Legobausteine. Das ist auch mit Studieninhalten von bestimmter Stundenzahl möglich. Aus deren inter-, trans- oder multidisziplinärer Kombination ergeben sich Synergieeffekte, das heißt die Lehre unterschiedlicher Fächer kann Kosten sparend zusammengelegt werden. Ein Lehrender ist so gut wie jeder andere und für ihn substituierbar.

Eines bleibt in diesem Legoland auf der Strecke: Was für Lehrende und Lernende das Wesen der Universität ausgemacht hat, das "beharrliche Bohren dicker Bretter" (Max Weber) in geistiger Durchdringung von Spezialfächern, wird nun als lästig empfunden. Den Namen Humboldt hört man nicht gern, wer ihn nennt, ist ein Altspatz. Doch das kann man auch anders sehen: Die Universität fällt damit in vor-Humboldt'sche Verhältnisse zurück.

Unangenehm berührt hierbei der aufgesetzte Wissenschaftlichkeitsjargon. Fachhochschulen sind ehrenwerte Institutionen, als Universitäten kaschierte Fachhochschulen sind Institution gewordene Lügen. Unter allseitigem Augurenlächeln schwindet der Respekt vor geistiger Disziplin, damit aber auch vor den Universitätsdiplomen. Das Wesen der Wissenschaft scheint den Hochschulpolitikern egal zu sein, welche Objekt und Resultat der eigenen Bemühungen so geringschätzen. Zum Ausgleich wird neuerdings viel von "Eliteuniversitäten" geredet - als ob die sich dekretieren ließen!

Am 1. Jänner ist das neue Universitätsgesetz (UG 2002) in Kraft getreten. Dieses Gesetz sucht den Schaden wieder gutzumachen, den die Reformen der letzten dreißig Jahre an den österreichischen Universitäten angerichtet haben. Die "Gruppenuniversität" und die "Mitbestimmung" hatten es Sonderinteressen ermöglicht, sich gegen das Allgemeininteresse durchzusetzen. Seither sind die Universitäten voll von Lebenszeitbeschäftigten, deren Leistungen nicht in dem Maße steigen, in dem sie altern und teurer werden. Hier Remedur zu schaffen, war ebenso ehrenwert wie nötig. Ob das aber in richtiger Weise geschieht? Übelstände sind zäh. Bisher war der Effekt eher der entgegengesetzte.

Degradierte Professoren

Das Gesetz sucht den Professoren viel von ihrem verlorenen Einfluss zurückzugeben. Sie sollen die wichtigen Gremien dominieren und so wieder in die Pflicht genommen und ermutigt werden. Zugleich aber werden sie degradiert. Der neue Professor ist ein Angestellter. Ordinariat und Emeritierung sind abgeschafft, die Pensionsregelung ist unklar. Fallweise soll es Sonderprofessuren, ja solche auf Zeit geben. Die Hierarchie ist damit nicht "flacher", sie ist nur ein gutes Stück nach unten versetzt worden. Gefragt ist nicht mehr der Gelehrte, gefragt ist ein multivalenter, flexibler, mobiler McDonald's-Professor. Früher mussten wir unser Fach in Forschung und Lehre so gut wir konnten vertreten und an der universitären Selbstverwaltung teilnehmen. Das ist nun nicht mehr genug. Es sollen nunmehr "Leistungsvereinbarungen" abgeschlossen werden, in denen dies zahlenmäßig festzulegen und vermutlich mit allerlei "gesellschaftsrelevanten" Modernismen wie der Erhöhung der Frauenquote zu verbinden sein wird.

Warum sollte man den Profs diese Abreibung eigentlich nicht gönnen? Weil es den Universitäten schadet. Vor allem in den praxisnahen Fächern wird man die besten Köpfe für derart unattraktive Stellen nicht gewinnen können. Die Bewerberlage bei Ausschreibungen hat sich schon verschlechtert. Pragmatisierte Assistenten streben solche Rufe kaum noch an, auch Ausländer nicht mangels einer Pensionsregelung. Es kommt nur noch, wer muss. Der ist zwar billig, will aber auch wieder weg. Verbleiben - und teurer werden - wird der unvermittelbare Rest. Damit ist unseren Universitäten nicht gedient.

Alter Wein - neue Schläuche

Die Nachwuchsstellen hatten sich in der schlechten alten Zeit zu faktischen Dauerstellen verwandelt. Das war gut für die da drinnen, aber für die da draußen umso schlimmer. Die kaum noch assistierenden Assistenten nannte man jetzt Mittelbau. Sie, nicht die Professoren oder der wissenschaftliche Nachwuchs, trugen die Gruppenuniversität. Hier macht das UG 2002 einen mutigen und scharfen Schnitt: Mittelbaustellen gibt es nur noch auf Zeit.

Doch auch hier entstehen ungeplante Nebeneffekte. Vielfach sind die Funktionäre die alten geblieben und füllen den alten Wein in die neuen Schläuche. Mit massenhaften Schnellhabilitationen sind auch die letzten Pragmatisierungsmöglichkeiten wahrgenommen worden. Nunmehr wird es zwei Mittelbaukategorien geben, zwischen denen die Arbeiten ungleich verteilt sein werden: Bleibende und Gehende. Den Gehenden ist überdies ein nur knapper Zeitraum zugemessen, um sich zu habilitieren und für eine Professur zu bewerben. So wird sich aber das Lehrer-Schüler-Verhältnis, das Herzstück der Gelehrtenrepublik, nur schwer entfalten können.

Die allernotwendigste Maßnahme umgeht das Gesetz wie die Katze den heißen Brei: das Verbot der Hausberufung. Hausberufungen sind in Österreich mit Duldung des Ministeriums eingerissen: Sie sind bequem und billig, doch auf Dauer für die Qualität verheerend. Gerade die Befürworter des Marktes trauen den Selbststeuerungskräften der Wissenschaft nicht und suchen die zentralen Auslesemechanismen der Habilitation und Berufung durch bürokratische Eingriffe zu behindern. Es gibt verdeckte und offene Quoten, für Ausländer etwa oder für Frauen. Naiv wie ich bin, meine ich, dass der wachsende Anteil von Frauen an den Studierenden am sinnvollsten dadurch gefördert wird, dass sie die beste verfügbare Lehre erhalten und nicht eine durch möglichst viele Inländer oder Frauen. Ich weiß schon, nur "bei gleicher Qualifikation" soll die Frau vor dem Mann bevorzugt werden. Doch was heißt das in der Praxis? Bei gleicher formaler Qualifikation. Wechselseitige Substituierbarkeit also, sodass bei der Endauswahl außerwissenschaftliche Kriterien eingreifen können. - Heimat bist Du großer Plauscher!

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