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"Ungeschicklichkeiten und politische Spiele"

Er gilt als Unireform-Promotor der ersten Stunde: Leopold März, Rektor der Universität für Bodenkultur Wien. Im furche-Interview spricht er über die schwierige Genese des Universitätsgesetzes, die Grenzen der Mitbestimmung und seinen Einfluss im Bildungsministerium.

die furche: Vergangene Woche hat das Universitätsgesetz 2002 den Ministerrat passiert und soll am 11. Juli im Parlament beschlossen werden. Wird es Österreichs Unis tatsächlich Richtung Weltklasse führen?

leopold märz: "Weltklasse" ist ein sehr plakativer Ausdruck. Ich glaube, dass das Gesetz die Chance bietet, die Universitäten leistungsfähiger zu machen, wobei ich das nicht nur im ökonomischen Sinn sehe, sondern auch im wissenschaftlichen und in der Lehre.

die furche: Die Regierung hat sich zu vielen Kompromissen durchgerungen. So soll der fünf- bis neunköpfige Uni-Rat keine operativen Aufgaben erhalten und nur als Aufsichtsgremium fungieren. Ist das jene "saubere Wahrnehmung der Eigentümerfunktion" durch das Ministerium, die Sie sich gewünscht haben?

märz: Das kommt dem weitgehend entgegen. Im Begutachtungsentwurf war diese saubere Trennung zwischen den Befugnissen des Unirates und den internen Organen wie Rektorat und Senat noch nicht gegeben. Die interne Budgetverteilung kann etwa nicht Sache des Universitätsrates sein. Das war im Begutachtungsentwurf noch drinnen und ist jetzt weg.

die furche: Gerade die Budgetierung der Unis sorgt noch für Kritik. Die SPÖ rechnet durch die Ausgliederung mit Mehrkosten von 20 Prozent, die nicht gedeckt seien. Werden die Unis in die Mängelverwaltung entlassen?

märz: Vor zwei Monaten hätte ich gesagt ja. Aber auch hier ist ein wesentlicher Fortschritt erzielt worden. Es ist insofern eine Dynamisierung des Unibudgets eingeführt worden, als die Bezugserhöhungen der Unibediensteten berücksichtigt worden sind, ebenso wie die Implementierungskosten für die innere Organisation. Noch nicht vorgesehen ist allerdings die Valorisierung der Gebäudemieten. Im Gesetz sind nun für das erste Umsetzungsjahr neun Millionen Euro vorgesehen und für die Folgejahre knapp vier Millionen Euro. Das ist zwar nicht die Welt, aber auch nicht nichts.

die furche: Die Opposition befürchtet, dass mangelnde Ressourcen zu Zugangsbeschränkungen führen könnten. Wie hoch halten Sie selbst das Prinzip des freien Hochschul-Zugangs?

märz: Ich bin nicht für einen Numerus clausus, wie es ihn in Deutschland gibt. Man muss aber in praktisch orientierten Studienrichtungen sagen: Ein Labor hat so und so viele Plätze und nicht mehr. Wie man mit dieser Limitation umgeht ist eine Frage, der man sich ehrlich stellen sollte.

die furche: Welche Kriterien würden Sie für diese Selektion heranziehen?

märz: Ich halte nichts von Aufnahmsprüfungen. Mein eigener Werdegang war so, dass ich am Anfang ein eher schlechter Student war, sehr viel Zeit "versandelt habe" und dann besser geworden bin. Ich würde ein ganz einfaches und zwar positives Kriterium anwenden: Nämlich den Nachweis, sich ordentlich über den gewählten Studiengang informiert zu haben. Diese Informationsphase könnte man in das Vormaturajahr legen. Schauen Sie sich nur die Studienwechselrate an: rund 30 Prozent! Die Leute kommen vielfach erst im ersten Studienjahr drauf, welche Fächer es im Detail gibt.

die furche: Sind Aufnahmsprüfungen gemeinsam mit stärkerer Verschulung das Geheimnis der Fachhochschulen?

märz: Das glaube ich schon, wobei es auch den Ausspruch gibt, vielleicht funktionieren die Fachhochschulen deswegen so gut, weil sie kein Organisationsgesetz haben (lacht) ...

die furche: Stichwort Unigesetz: Trotz aller Kompromisse wurde die Ausgliederung der medizinischen Fakultäten ab 1. Jänner 2004 beschlossen. Sind Sie darüber glücklich?

märz: Das ist eine schwierige Materie. Ich verstehe, dass es notwendig ist, die jetzigen medizinischen Fakultäten mit speziellen Regelungen auszustatten. Ob das unbedingt unter dem Begriff "eigene Universität" firmieren muss, weiß ich nicht und bin auch skeptisch.

die furche: Während man sich in Wien und Graz einverstanden erklärt, haben sich in Innsbruck 90 Prozent dagegen ausgesprochen. Ist es klug, ihnen die Ausgliederung aufzuzwingen?

märz: Irgendwelche Rahmenbedingungen muss man machen. Ob es 18 oder 21 Universitäten gibt, kann man nicht den Universitäten überlassen. Letztlich muss es ja auch der Steuerzahler ausbaden.

die furche: Umstritten ist auch das Thema Mitbestimmung. Sie haben sich für ihre Beschränkung und "Entritualisierung" ausgesprochen. Gleiche Ziele verfolgt auch VP-Klubchef Andreas Khol, der gemeint hat, das neue Universitätsgesetz führe endlich aus der Sackgasse heraus, in die Hertha Firnberg die Unis getrieben hätte ...

märz: Ich bin der letzte, der einer politischen Argumentation das Wort reden möchte. Die Firnberg'sche Reform war notwendig und gut, weil sie den Studierenden und dem Mittelbau Raum für Engagement eröffnet hat. Ich kann das bezeugen, weil ich war damals an der BOKU Assistent. Das Firnberg'sche UOG 75 hat jedoch die Schwäche gehabt, dass es nicht weiterentwickelt wurde. Die in Gremien strukturierte Universität hat sich im Laufe der Zeit festgefahren. Wenn man genau geschaut hat, wer in welchen Kommissionen sitzt, hat man gesehen, dass diese Mitbestimmung auf relativ wenige Leute konzentriert war. Ich halte es auch für einen Unsinn, dass das Gesetz festlegt, wie viele Leute wo drinnensitzen müssen. Wenn man sagt: Betroffenheit, Kompetenz und Engagement sind die Kriterien für die Mitarbeit und nicht die Frage, ob es sich um einen Mittelbau-Angehörigen oder Professor handelt, dann kann das zu viel mehr Engagement führen als die bisherige Ritualisierung.

die furche: Tatsache ist, dass sich die Assistenten, Dozenten und außerordentlichen Professoren vom neuen Uni-Gesetz ausgebremst fühlen, sitzt doch im zwölfköpfigen Senat nur ein Mittelbauvertreter - neben einem Vertreter des Verwaltungspersonals, vier Studierenden und sieben Professoren. Stimmen hier die Verhältnisse?

märz: Für die absolute Mehrheit der Professoren besteht keine Notwendigkeit. Auch die Aufteilung sechs Professoren und zwei Mittelbauer könnte ich mir gut vorstellen. Ich bin eben sehr stark von den Verhältnissen hier geprägt: Hier haben wir einen Mittelbau, der nicht blockiert. Was sich in der Regierungsvorlage abbildet, ist nichts anderes als die Reflexion aus anderen Universitäten, wo zwischen der Professorenschaft und dem Mittelbau wesentlich schwierigere Verhältnisse herrschen.

die furche: Nicht nur dieses Verhältnis ist gestört: Auch das Klima zwischen Teilen der Universitäten und dem Ministerium wird von vielen als "vergiftet" bezeichnet. Was ist schief gelaufen?

märz: Hier haben sehr viele Komponenten eine Rolle gespielt. Es gibt sicher Akteure auf der Universitätsseite, die hier ein politisches Spiel spielen. Da dient das Universitätsgesetz als Vehikel im Kampf gegen die Regierung. Auf der anderen Seite glaube ich, dass auch Ungeschicklichkeiten in der Kommunikation und in der Verhandlung stattgefunden haben. Leider beseitigt das Ausräumen jetzt die Emotionen nicht mehr vollständig.

die furche: Auch die Rektoren haben sich übergangen gefühlt, da fast keiner ihrer Vorschläge in den Begutachtungsentwurf eingeflossen ist. Viele haben dafür die FPÖ verantwortlich gemacht. Andererseits versteht man sich dort als "eigentlichen Reformturbo". Was ist Ihr Eindruck?

märz: Ich war kein Mitglied eines Verhandlungsteams - und bin auch froh darüber. Wenn man daran denkt, dass nächstes Jahr Wahlen stattfinden werden, dann positioniert sich natürlich jeder als Reformkraft. Meiner Meinung nach liegt die Verantwortung für das Gesetz zunächst bei Ministerin Gehrer, und die war jederzeit gesprächsbereit.

die furche: Sie haben 1999 im Rahmen einer Parlamentsenquete eine Universitäts-Vision entworfen, die der jetzigen Gesetzesvorlage verdächtig ähnelt. Wie sehr trägt die Uni-Reform Ihre Handschrift? Oder anders gefragt: Wie groß schätzen Sie selbst ihren Einfluss im Bildungsministerium ein?

märz (lacht): Meine Handschrift trägt das Gesetz sicher nicht: Ich habe keine Zeile davon geschrieben. Zu meinem Einfluss: Ich habe eine sehr gute Gesprächsbasis mit der Ministerin. Noch vor einem Jahr habe ich sie kaum gekannt. Man muss sich halt um ein gutes Klima bemühen. Dass ich auch mit Sektionschef Sigurd Höllinger eine gute Gesprächsbasis habe, ist ebenfalls kein Geheimnis. Und von wegen Handschrift: Ich bin 1997 stark für die Vollrechtsfähigkeit eingetreten, ein Gedanke, der schon längst in den Köpfen anderer Leute in Österreich existiert hat. Wenn Sie also wollen, dass ich ein Mitbetreiber dieser Reform war, dann stehe ich dazu.

Das Gespräch führte Doris Helmberger

Zur Person: Gesetzestexte statt Fachliteratur

Was zu viel ist, ist zu viel: Vor zwei Wochen hat Leopold März seinen Vorsitz im Kuratorium der Donau-Universität Krems "aus Zeitgründen" niedergelegt. Ein verständlicher Schritt, kann er doch über mangelnde Auslastung nicht klagen: Seit 1993 Rektor der Universität für Bodenkultur Wien ist März auch Mitglied im ORF-Stiftungsrat, im ORF-Publikumsrat (für den Bereich Hochschulen) und Vorsitzender der neu gegründeten "Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit GmbH". 1944 als Sohn eines Lohnbuchhalters und einer Schneiderin in Brünn geboren begann Leopold März an der Wiener BOKU das Studium der Lebensmittel- und Biotechnologie. 1980 habilitierte er sich für Biochemie und war 1983 bis 1992 Vorstand des Instituts für Chemie. Von 1986 bis 1989 war er zudem Gründungspräsident der Österreichischen Gesellschaft für Biotechnologie. Für seine eigenen Forschungen über die "Biochemie der Glykokonjugate" bleibe nun "gar keine Zeit mehr", erklärt der verheiratete Vater zweier Söhne. Kein Wunder, übt er doch sein Rektorenamt hauptberuflich aus und engagiert sich zudem seit Jahren für das Großprojekt Universitätsreform. In nächster Zeit drängt es ihn auch nicht zur Fachliteratur zurück, gesteht März: "Ich fühle mich im Forschungsmanagement sehr wohl."

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