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Endlich Tabu gebrochen

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Für die Verlagerung von Universitätsstudien an Fachhochschulen fehlt es an Geld und an sachlicher Notwendigkeit.

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Für die Verlagerung von Universitätsstudien an Fachhochschulen fehlt es an Geld und an sachlicher Notwendigkeit.

Mit seinem Vorschlag nach Einführung eines Bildungsschecks hat Wissenschaftsmi-nister Caspar Einem nicht nur eine ÖVP-Idee aus den 80er Jahren aufgegriffen, sondern - und das ist das eigentlich Spektakuläre an diesem Vorschlag - ein jahrzehntelanges Tabu innerhalb der SPÖ gebrochen. Erst mals wird in der SPO offen über eine Abkehr vom völlig kostenlosen Bildungssystem nachgedacht. Gott sei Dank, kann ich da nur sagen. Unser heutiges Bildungssystem ist ja nur scheinbar kostenlos. Tatsächlich zahlen wir alle dafür. Warum aber soll die Billa-Verkäuferin mit ihren Steuern das Studium einer gutverdienenden Diplomingenieurin mitfinanzieren?

Ich begrüße den Vorstoß Einems als Schritt in die richtige Bichtung. Das kann aber erst der Anfang und nicht das Ende der Diskussion sein, wie es sich offenbar SP-Geschäftsführer Andreas Rudas wünscht. Ich fordere endlich eine Diskussion auf breiter Basis (mit Studentenvertretern, Bildungsexperten und natürlich auch den anderen Fraktionen) über die Frage der Studienfinanzierung. Der Bildungsscheck soll in erster Linie der Verwirklichung der Chancengerechtigkeit zwischen Berufsschülern, Maturanten und Studierenden dienen, da erstere diesen für kostenlose Weiterbildung einlösen könnten. Für den Universitäts- und Fachhochschulbereich ist ein Bildungsscheck nicht „das Gelbe vom Ei”. Hier favorisiere ich ein Studien-darlehensmodell nach australischem Vorbild (jeder erhält sein Studium über ein staatliches Darlehen vorfinanziert, das erst nach Abschluß des Studiums und nach Erreichen eines bestimmten Einkommens gestaffelt zurückgezahlt werden muß).

So ein Modell fördert die Eigenverantwortung und hilft dem Studenten, sich voll auf sein Studium zu konzentrieren und rascher abzuzschließen. Auch ist es sozial gerechter als der scheinbar „freie” Hochschulzugang heute. Obwohl ein Studium unmittelbar nichts „kostet”, müssen sich viele heute schon ihr Studium durch Nebenjobs finanzieren; wie wir wissen einer der Gründe für die bekannt langen Studienzeiten in Österreich.

Gleichzeitig - und das ist der wichtigste Unterschied zum Bildungsscheck - erhält die Fakultät eigene Einnahmen. Die Gelder aus den Studiendarlehen versickern nicht in Budgetlöchern, sondern sollen direkt den finanziell bedrängten Unis zugute kommen. So entsteht ein gesunder Wettbewerb um die Studierenden, die nun Kunden ihrer Universität sind und nicht mehr „Bittsteller”, die zittern müssen, ob sie einen Übungsoder Laborplatz erhalten. Besonders die heutigen Massenfakultäten wie die Geistes- oder ”Wirtschaftswissenschaften profitieren davon. Für meine Fakultät, die SoWi in Innsbruck, wären das mindestens 100 Millionen jährlich bzw. eine Verdoppelung der Professoren und Assistentenstellen.

Noch einmal: eine ernsthafte Diskussion auf Begierungs- und Parlamentsebene, die in konkrete Beformen der Bildungsfinanzierung mündet, ist längst überfällig. Ich bin dafür, das Thema breit zu diskutieren, alle Betroffenen einzubinden und die Vor-und Nachteile der verschiedenen Modelle auf den Tisch zu legen. Weitere Diskussionsverbote aus der SPÖ-Zen-trale sind nicht nur zurückzuweisen, sondern im Interesse unserer Bildungsstätten und ihrer Absolventen auch in höchstem Maße verantwortungslos und kurzsichtig.

Der zweite bildungspolitische Vorstoß von Wissenschaftsminister Einem in diesem Sommer macht mir weniger Freude. Ich habe vehementen Widerstand dagegen angekündigt, jetzt eine Diskussion über eine Verlagerung des Medizinoder Jus-Studiums von den Universitäten in die Fachhochschulen loszutreten. Nicht weil ich darüber nicht diskutieren will. Wenn ich mir die Law- und Med-Schools in den USA anschaue, habe ich nicht den Eindruck, daß dort weniger gute Juristen oder Mediziner ausgebildet würden. Sondern vor allem, weil ich diese Diskussion für völlig unnotwendig und derzeit jedenfalls das ganz falsche Signal halte. Unsere Mediziner und Juristen sind hervorragend auf ihre Berufe vorbereitet, und wo Defizite vorhanden sind, werden diese von den Studienkommissionen und Fakultäten erkannt und wird versucht den neuen Anforderungen noch besser gerecht zu werden. Und hier bringt das am 1. August dieses Jahres in Kraft getretene neue Universitätsstudiengesetz weitere Freiheiten, um die Studieninhalte noch besser auf geänderte Anforderungen und zukunftsorientierte Bildungsziele abzustimmen.

Von der Qualität der Studien her mache ich mir also wenig Sorgen, auch wenn ein - im Vergleich zur Universität stärker verschultes -Fachhochschulstudium möglicherweise „effizienter” Juristen oder Mediziner „produzieren” würde.

Viel wichtiger in dieser Debatte ist mir, daß der - in erster Linie, aber nicht ausschließlich budgetäre -

Spielraum für derartige Lösungen überhaupt nicht vorhanden ist.

Bis zum Jahr 2000 sind derzeit nur mehr Budgetmittel für drei zusätzliche Fachhochschulstudiengänge vorhanden und natürlich können bei weitem nicht alle sinnvollen vorgeschlagenen Fachhochschul-Studi-engänge auch finanziert werden. Solange noch so große Nachfrage nach neuen Fachhochschulstudien besteht, halte ich nichts davon, vorhandene, gut funktionierende Studien - unabhängig von der Sinnhaftig-keit dieser Maßnahme - in Fachhochschulen zu verlagern.

Außerdem herrschte bereits bei der Einführung der Fachhochschulen Konsens darüber, daß bestehende Ausbildungsangebote nicht in die Fach-hochschulen transferiert, sondern diese nur neuen, zukunftsorientierten Studienangeboten geöffnet werden sollen. Dies gilt neben Studien beispielsweise auch für die Pädaks, Sozaks oder Fremdenverkehrskollegs.

Ich gehe davon aus, daß Minister Einem die grundsätzliche Organisation des Fachhochschulsektors - gekennzeichnet durch privatrechtliche Organisationsform, geringe Regelungsdichte, oder die Möglichkeitles Auslaufens von Studiengängen - nicht verändern will. Mit anderen Worten: bis auf das Fehlen von Gebühren ein klassisches Marktmodell. Sollte der Minister mit der Verlagerung von Studienangeboten in die Fachhochschulen auch auf den Universitäten für ein solches Marktmodell eintreten, soll er das klar sagen. Sollte damit aber eine Änderung der Fachhochschulorganisation beabsichtigt sein, die diesen Sektor wieder näher an den Einflußbereich der Politik heranrückt, so ist das entschieden abzulehnen, weil damit die innovative Idee der Fachhochschulen in ihr Gegenteil verkehrt werden würde.

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