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"Zufrieden sein darf man nie"

PISA hat es gezeigt: Österreichs Bildungswesen muss sich nicht verstecken, doch zur Spitze ist es weit. Die Wissenschaftssprecher von ÖVP und SPÖ, Gertrude Brinek und Erwin Niederwieser, über geplante Neuerungen an den Schulen, die Universitätsreform und die heimische Forschungspolitik.

Die Furche: Die Idee der Wiener SPÖ, offizielle "Schummelzettel" einzuführen, hat für Aufsehen gesorgt. Gibt es im Schulbereich keine drängenderen Probleme?

Erwin Niederwieser: Ich wundere mich oft, welche Themen heiß diskutiert werden. Offensichtlich sind es solche, wo möglichst viele Leute mitdiskutieren können ... Wir haben aber im österreichischen Bildungssystem schon länger wichtigere Themen, etwa die Motivationssituation an den Österreichischen Schulen: Wenn man sich mit Lehrerinnen und Lehrern unterhält, hört man oft die Aussage: "Ich mag nicht mehr." Das ist für das Unternehmen Bildung das Schlimmste. Wir haben auch 6.000 Jugendliche ohne Ausbildungsplatz im Herbst. Das sind für mich Themen, die wir zentral angehen müssen.

Die Furche: Die PISA-Studie hat noch ein anderes Problem deutlich gemacht: 14 Prozent der heimischen Jugendlichen eines Jahrgangs sind faktisch Analphabeten. Eine neue Studie bestätigt die eklatanten Leseschwächen ...

Gertrude Brinek: Die PISA-Studie hat Österreich recht gut abschneiden lassen - in allen Bereichen im ersten Drittel. Zufrieden sein darf man aber nie. Die Defizite in der Lesekompetenz wurden schon durch die Initiative "Lesen heißt Lernen" in Angriff genommen. Vielleicht haben wir die Lesefertigkeit zu sehr im Blick gehabt und weniger das Sinnerfassen. Daher brauchen wir eine ständige Überprüfung der Standards.

Die Furche: Genau das hat Bildungsministerin Gehrer in der Vorwoche für die 4. Klasse Volksschule, Hauptschule und AHS gefordert. Außerdem hat sie für eine "Evaluierungsagentur" plädiert, durch die sich Schulen freiwillig testen lassen können. Was kann man sich davon erwarten?

Brinek: Wir haben zwei Möglichkeiten, Standards zu sichern: Entweder wir formulieren sehr präzise Curricula und machen damit eine Eingangsstandardisierung. Oder wir haben größere Autonomiespielräume im Lehrplan, was wir forcieren. Dann muss die Konsequenz Ausgangskontrolle heißen. Die Schulen sollen wissen: Wie gut sind wir denn? Und sie sollten sich auch mir ihrer Nachbarschule messen können.

Niederwieser: Ich habe nichts gegen Feedback, aber es wäre besser, wenn wir an den Schulen selbst die Entwicklungsmöglichkeiten verbessern würden, etwa die Team-Kultur der Lehrenden. Unter den Vorschlägen von Ministerin Gehrer findet sich aber auch der Vorschlag über die verstärkte Beratung beim Übertritt in die Hauptschule oder AHS. Wenn Sie einem Bildungsexperten aus den PISA-Ländern, die vor uns liegen, diese Liste zeigen, wird er nur unverständig den Kopf schütteln und sagen: Was macht Ihr mit den Zehnjährigen? Wir trennen sie in diesem Alter noch nicht.

Die Furche: Würde sich die SPÖ für eine Einführung von Gesamtschulen stark machen?

Niederwieser: Wir müssen sehen, was realisierbar ist. Noch wichtiger als gesamtschulartige Einrichtungen ist sicher, dass das Angebot an ganztägigen Schulen ausgebaut wird mit gemeinsamer Freizeit und Nachhilfe für die Begabten und jene, die Aufholbedarf haben. Die SPÖ hat aber nie aufgehört darauf hinzuweisen, dass wir eine Trennung mit zehn Jahren für zu früh halten und dass wir eine gemeinsame Schule bis 14 oder 15 Jahre haben möchten.

Brinek: Die angesprochene Trennung mit zehn ist keine - und auch keine Vorselektion, weil diese Entscheidung nicht unrevidierbar ist. Ich bin selbst ein Kind, das eine Hauptschule in Niederösterreich besucht hat, und ich bin der beste Garant dafür, dass man auch damit erfolgreich sein kann. Ich halte es zudem für wichtig - und das sagt uns die PISA-Studie auch - , dass bildungsferne Schichten verstärkt auf die höchstmögliche Qualifikation ihrer Kinder achten, ohne Leistungsdruck auszuüben. Dazu muss ich keine Gesamt- oder Ganztagesschule einrichten, sondern unter anderem dafür sorgen, dass Hauptschüler oder Gymnasiasten am Nachmittag nicht unbetreut bleiben, sondern auf vielfältige Weise gefördert werden.

Niederwieser: Uns ist dieser Anspruch zu niedrig. Natürlich sind wir besser als Deutschland, aber es gibt Schulsysteme wie in Finnland oder Schweden, die unserem überlegen sind. Um von ihnen zu lernen, müssen wir folgende Prioritäten setzen: ganztägige Angebote, besseres Schulklima, höherer gesellschaftlicher Stellenwert von Schule, Lehrerinnen und Lehrern. Wir als SPÖ wollen uns auch dafür einsetzen, dass wir bei der Integration geistig behinderter Kinder einen Schritt weiterkommen. Wir möchten die Integration in der Grundstufe und in der Sekundarstufe I forcieren, also die Sonderschulen als ein Projekt betrachten, das sukzessive ausläuft. Ab der neunten Schulstufe sollen sie jene Möglichkeiten wählen können, die im Einzelfall sinnvoll sind.

Brinek: Wir tun so, als würde es diese Integration nicht geben. Sinnesbehinderte im weitesten Sinn sind integriert bis zur Matura. Ich muss mir aber überlegen, wie ein geistig behindertes Kind einen AHS-Abschluss erreichen soll ...

Niederwieser: Wir reden ja nicht primär von der AHS-Matura, sondern von der berufsbildenden mittleren Schule oder einer Fachschule. Diese Entscheidung würde ich einfach jedem Einzelnen überlassen.

Die Furche: Im Bildungsministerium wird derzeit an der Reform der AHS-Oberstufe getüftelt. Die SPÖ hat vorgeschlagen, dass Schüler dort wie an der Universität Scheine sammeln sollten. Überfordert man sie nicht mit dieser Freiheit?

Niederwieser: In den wichtigen Fächern wie Mathematik, Deutsch oder Fremdsprachen sollten gewisse Standards erreicht werden müssen. Darüber hinaus sollte man aber Schwerpunkte setzen können, und zwar in Kooperation und mit Beratung eines Betreuungslehrers.

Brinek: Die Autonomie sollte tatsächlich ausgeweitet werden - aber mit Augenmaß. Gleichzeitig soll der Schultyp erkennbar bleiben. Die Fachbereichsarbeit halte ich für einen guten Versuch, sich problemlösend und fächerübergreifend zu erproben. Es gibt auch Schulversuche, in denen die siebente und achte Klasse noch stärkere Impulse setzen, die Fächergrenze aufzuheben. Die Ergebnisse dieser Versuche muss man aber erst auswerten.

Die Furche: Nach der Matura wagen viele junge Leute den Weg an die Universität. An der Wiener Wirtschaftsuni sitzen sie heuer aus Platzmangel in einem Kinosaal. Wie erklärt man ihnen diesen Missstand, nachdem sie Studiengebühren bezahlt haben?

Brinek: Bis zu einem gewissen Grad halte ich das Vorgehen der WU schon für marketingorientiert: Ich habe an der Uni Wien angerufen, dort hat sich niemand nach einen freien Hörsaal erkundigt. Auch an der Technischen Universität hat man nicht gefragt. Die Unis helfen sich nicht einmal gegenseitig aus. Durch die Studiengebühren sind die Studierenden jedenfalls ehrgeiziger, fleißiger und schneller im Anmelden geworden.

Niederwieser: Ergonomisch sind Kinosessel zum Filme Anschauen geeignet, aber nicht zum Studieren. Wir wollten im Universitätsgesetz das Recht der Studierenden auf Rückerstattung des Beitrages verankern, wenn durch einen fehlenden Praktikumsplatz oder überfüllte Hörsäle eine Studienverzögerung eintritt. Das ist aber von der ÖVP abgelehnt worden, obwohl man das versprochen hat: Wenn man etwas bezahlt, hat es geheißen, dann gibt es einen Rechtsanspruch auf entsprechende Leistung. Doch das ist nicht eingetreten. Durch die Studiengebühren kommt es auch noch zu einem anderen Problem: dass etwa berufstätigen Studierenden das Studium erschwert wird.

Brinek: Doch wenn Sie in die Hörsäle schauen, sitzen dort mindestens so viele Studierende wie zuvor, weil die Leute ihr Studium jetzt offenbar ernster nehmen. Es wurde auch die Behauptung aufgestellt, vor allem Mädchen würden vom Studium abgehalten. Auch das ist nicht eingetreten. Drittens ist man jetzt dazu übergegangen, die Hochschuldidaktik zu verbessern und kleinere Seminare mit geringerer Teilnehmerzahl anzubieten.

Die Furche: Die SPÖ würde als erste "Kanzlertat" die Studienbeiträge streichen und die Implementierung des neuen Universitätsgesetzes aufschieben. Wird das allein helfen, die Qualität an den Unis zu erhöhen?

Niederwieser: Ich glaube nicht, dass durch die Beseitigung der Mitbestimmung die Qualität an den Unis besser wird. Im Gegenteil, sie wird schlechter. Wir würden zunächst in einen offenen Dialog mit den Universitäten eintreten. Das ist bisher nicht geschehen. Durch ein Dienstrecht, das keine Karrieremöglichkeiten vorsieht, ist es zu einer Demotivierung weiter Teile der Mitarbeiter gekommen.

Brinek: Aber der überwiegende Teil der an der Universität Arbeitenden, Forschenden und Lehrenden will diese Implementierung. Es ist alles voll im Planungszeitraum.

Die Furche: Kritiker werfen der ÖVP Eile bei der Implementierung vor, um noch vor der Wahl die genehmeren Universitätsräte bestellen zu können ...

Brinek: Das müsste aber für jede Regierung gelten, die im Amt ist. Auch die Fachhochschulräte wurden von jener Regierung zusammengesetzt, die im Amt war. Ich kann nicht der jetzigen Regierung ein größeres Misstrauen entgegenbringen als der kommenden und der gewesenen, das ist strukturell unfair.

Die Furche: In Österreichs Universitäts- und Forschungslandschaft ist oft von "brain drain" die Rede: Wie kann man die Abwanderung der wissenschaftlichen Elite stoppen?

Niederwieser: Die Forscher kommen deshalb nicht zurück, weil sie meistens in das unglückliche Dienstrecht hineingeraten. Wenn sie sich im Ausland erfolgreich bewährt haben, lassen sie sich natürlich nicht darauf ein, dass sie sich nach vier Jahren wieder etwas Neues suchen müssen.

Brinek: Dass das Dienstrecht schuld sei, ist ein großes Missverständnis: Der Mittelbau alten Typs läuft ja aus. Die Neuen werden schon Angestellte sein. Die Uni kann also aus eigenem Ermessen die tollen zurückkehrenden Professoren aus den USA anstellen. Wir müssen jedenfalls die guten Leute aus aller Welt ins Land holen.

Niederwieser: Wir sind uns aber einig, dass das mit einer hier nicht am Tisch sitzenden Partei schwierig sein wird.

Brinek: Ja, aber man muss an das Gute im Menschen glauben.

Die Furche: Daran glaubt Norbert Rozsenich, der als Präsident von "Forschung Austria" zurückgetreten ist, nicht mehr: Er hat einen "progressiv verwahrlosten Zustand der Forschungs- und Technologiepolitik des Bundes" konstatiert ...

Niederwieser: Es hat tatsächlich keine Forschungspolitik gegeben. Unser Vorschlag ist daher ein Bildungsministerium, das die Schulen und den wichtigen Sektor der Weiterbildung zusammenfasst, sowie ein Wissenschaftsministerium mit den Universitäten, den Fachhochschulen, den neuen Akademien und dem gesamten Forschungsbereich - inklusive dem FFF (Forschungsförderungsfonds der gewerblichen Wirtschaft, Anm. d. Red.). Ich sehe einen gewissen Charme darin, wenn unter dem Dach der Wissenschaft auch jene Forschung finanziert wird, die für Unternehmen interessant ist. Vielleicht könnte diese Spannung fruchtbar sein.

Brinek: Diese "Vereinheitlichung", die sich Alfred Gusenbauer wünscht, hat dieselbe Nervosität ausgelöst wie Mathias Reichholds "Generalforschungsplan". Ich würde mir den FWF (Fonds für die Förderung der wissenschaftlichen Forschung, Anm. d. Red.) eher als selbstständigen Fonds vorstellen, der dort angesiedelt ist, wo auch die Unis sind. Ich habe auch nichts dagegen, wenn der FFF ins Arbeitsministerium kommt. Der Rat für Forschung und Technologieentwicklung ist jedenfalls seit dem Frühjahr dabei, Parameter für eine Evaluierung der Fonds auszuarbeiten. Dann werden wir über die beste Organisationsform diskutieren.

Das Gespräch moderierte Doris Helmberger.

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