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Bildung

Der Lehrer als Sozialarbeiter

1945 1960 1980 2000 2020

Nach einer scheinbaren Einigung geht das Gezänk um die Bildungsreform weiter. Die eigentlichen Herausforderungen warten aber ohnehin. Eine Zusammenschau.

1945 1960 1980 2000 2020

Nach einer scheinbaren Einigung geht das Gezänk um die Bildungsreform weiter. Die eigentlichen Herausforderungen warten aber ohnehin. Eine Zusammenschau.

Es war ein kurzes Aufflackern von Harmonie: Nach tagelangen Verwirrspielen einigten sich Bildungsministerin Sonja Hammerschmid (SPÖ) und Wissenschaftsminister Harald Mahrer (ÖVP) vergangenen Sonntag überraschend auf eine neue Version ihres Schulautonomie-und verwaltungspakets, das auch den Grünen entgegenzukommen schien. Diese hatten ihre Zustimmung im Parlament ja daran geknüpft, in ganz Vorarlberg eine Modellregion für die gemeinsame Schule der Zehnbis 14-Jährigen zu ermöglichen. Tatsächlich sah das neue Papier eine solche Option vor - zumindest unter Bedingungen: So dürften höchstens 5000 AHS-Unterstufenschüler pro Bundesland Teil der Modellregion sein, zudem müsste die Zahl der betroffenen Schüler und Schulen bundesweit auf 15 Prozent gedeckelt werden. Auch die Lehrer und Eltern müssten "mit einfacher Mehrheit" zustimmen. Im Kleingedruckten entdeckten die Grünen freilich, dass nicht die Mehrheit der abstimmenden Eltern und Lehrer, sondern tatsächlich aller Betroffenen nötig wäre. Für Bildungssprecher Harald Walser eine "Trickserei" - und ein guter Grund für ein Njet.

"Hat mit Pädagogik wenig zu tun"

Nicht nur die Grünen, auch die Lehrergewerkschaft ist bis zuletzt ablehnend: Sie warnt nicht nur davor, Modellregionen "kostenneutral" errichten zu wollen - sondern beharrt auch darauf, Klassenschülerhöchstzahlen sowie Teilungszahlen im neuen Gesetz festzuschreiben. Zuletzt hieß es, dass man eine durchschnittliche Klassenschülerhöchstzahl von 25 pro Bundesland sogar in der Verfassung verankern könnte. Die Begeisterung der Lehrervertreter hält sich dennoch in Grenzen: "Es handelt sich um ein Struktur-und Verwaltungspaket, das mit Pädagogik wenig zu tun hat", kritisiert Pflichtschullehrergewerkschafter Paul Kimberger. "Keinem einzigen Lehrer wird dadurch bei den Problemen, die wir in den Klassen haben, geholfen."

Dass sich die vorliegende Reform auf Strukturelles beschränkt, bestreitet indes nicht einmal die Bildungsministerin. "Wir schreiben den Lehrerinnen und Lehrern bewusst nicht vor, welche Methoden sie verwenden sollen", erklärte sie vergangene Woche bei einer Debatte über digitale Medien in den Schulen. Aber das Papier schaffe durch mehr Autonomie und weniger Bürokratie mehr Freiräume für alle Beteiligten, es sei ein "Ermöglichungspaket", so Hammerschmid.

Tatsächlich wird sich die Anzahl mühsam einzureichender Schulversuche deutlich reduzieren. Und dass Schulleiter stärker dabei mitreden sollen, welche Lehrkräfte für ihren Standort am geeignetsten sind, ist nur zu begrüßen. Weniger Bürokratie gibt es durch die Möglichkeit von "Bildungsclustern" (die nun offenbar auch als "Mischcluster" zwischen Bundes- und Landesschulen möglich werden, aber jedenfalls die Zustimmung der betroffenen Lehrer voraussetzen) aber kaum. Viele sehen darin nur eine zusätzliche Verwaltungsebene. Auch in den geplanten "Bildungsdirektionen" bleibt das Verantwortungs-Wirrwarr zwischen Bund und Ländern weitgehend aufrecht.

Kein "Realitätsbewusstsein"?

Und in den Klassenzimmern selbst? Hier erhoffen sich viele Lehrerinnen und Lehrer meist nur eines: mehr Unterstützung. Erst vergangene Woche hat eine (anonyme) Wiener Volksschullehrerin im Interview mit orf.at darüber geklagt, wie sie sich in ihrer Arbeit mit Flüchtlingskindern sowie Schülern aus sozial schwachen oder Migrantenfamilien allein gelassen fühle. Es fehle das "Realitätsbewusstsein" für die Zustände in vielen Klassen - und Familien, erklärte die Pädagogin. Eltern würden zu wenig in die Pflicht genommen, und "gute" Schülerinnen und Schüler zu wenig gefördert.

Ein Vorwurf, den die Bildungsministerin nicht gelten lassen will. "Wir wissen um die Probleme", erklärte sie vergangene Woche. Zur Unterstützung stelle man aus dem Integrationstopf 80 Millionen Euro jährlich bereit, um mehr Sozialarbeiter, Psychologinnen, Sprachförderlehrer und mobile kulturelle Teams an Brennpunktschulen zu schicken: "Durch die Bildungsstandarddaten sehen wir bis in die Klassen hinein, wo es Probleme gibt - und können darauf reagieren." Man müsse sich mit diesen sprachlichen und sozialen Problemen in den kommenden Jahren intensiv beschäftigen und dabei schon im Elementarbereich beginnen, so Hammerschmid -etwa durch ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr und einen bundesweiten Qualitätsrahmen. Trotzdem könnten die Schulen letztlich nicht alle gesellschaftlichen Probleme lösen, gesteht auch die Ministerin: "Das geht sich nicht aus."

Ein Satz, der von vielen Kritikern der jüngsten Bildungsreformen wohl leidenschaftlich unterstrichen wird. Einer von ihnen ist der Kärntner Pädagoge Herbert Molzbichler, der in seinem Buch "Nachsitzen" (s. u.) die "Reformitis und Neophilie" der hiesigen Bildungspolitik kritisiert. Schule dürfe nicht "zur Ablagerungs-und Entsorgungsstätte für alle gesellschaftlichen Probleme" werden, und Lehrer sollten wieder mehr als bisher "lehren" können.

Kooperation und Supervision

Andere sehen freilich keine Alternative dazu, dass sich Pädagoginnen und Pädagogen anno 2017 verstärkt auch als Sozialarbeiterinnen begreifen. "Wir brauchen ein neues Rollenverständnis - schon in den Pädagogischen Hochschulen", erklärt eine Wiener Beratungslehrerin, die Lehrkräfte und Eltern im Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern begleitet und lieber anonym bleiben will. "Wenn man sich darauf nicht einlassen kann oder will, wird der Beruf wirklich zur Belastung - auch in Gymnasien." Einfach nur mehr Psychologen oder Sozialarbeiter in die Schulen zu schicken, werde die Probleme jedenfalls nicht lösen, ist sie überzeugt - weil an den meisten Schulen eine "Kultur der Zusammenarbeit" fehle und oft niemand wisse, wer welchen "Fall" begleite. Umso mehr fordert sie verpflichtende Teambesprechungen und Supervisionen sowie mehr Bereitschaft zum Feedback.

Auch Elfriede Bauer, langjährige Wiener Volksschul-Direktorin sowie heute Supervisorin und Coach, fordert mehr Unterstützung und eine verpflichtende Reflexion des eigenen Unterrichts für Pädagogen. "Wenn das fehlt, kommt es zu einem Gefühl der Ohnmacht oder Aggressivität - und das müssen die Kinder ausbaden", erklärt sie. Lernen könne jedenfalls nur gelingen, wenn auch die Beziehungsebene zwischen Schülern und Pädagogen stimme. "Am Ende steht und fällt ja alles mit der Lehrperson", betont Bauer. "Wie das System rundherum ausschaut, ist völlig egal."

Starker Tobak für Österreichs bislang eher strukturfixierte Bildungspolitik. Wer auch immer sich ab Herbst darum kümmert.

Es war ein kurzes Aufflackern von Harmonie: Nach tagelangen Verwirrspielen einigten sich Bildungsministerin Sonja Hammerschmid (SPÖ) und Wissenschaftsminister Harald Mahrer (ÖVP) vergangenen Sonntag überraschend auf eine neue Version ihres Schulautonomie-und verwaltungspakets, das auch den Grünen entgegenzukommen schien. Diese hatten ihre Zustimmung im Parlament ja daran geknüpft, in ganz Vorarlberg eine Modellregion für die gemeinsame Schule der Zehnbis 14-Jährigen zu ermöglichen. Tatsächlich sah das neue Papier eine solche Option vor - zumindest unter Bedingungen: So dürften höchstens 5000 AHS-Unterstufenschüler pro Bundesland Teil der Modellregion sein, zudem müsste die Zahl der betroffenen Schüler und Schulen bundesweit auf 15 Prozent gedeckelt werden. Auch die Lehrer und Eltern müssten "mit einfacher Mehrheit" zustimmen. Im Kleingedruckten entdeckten die Grünen freilich, dass nicht die Mehrheit der abstimmenden Eltern und Lehrer, sondern tatsächlich aller Betroffenen nötig wäre. Für Bildungssprecher Harald Walser eine "Trickserei" - und ein guter Grund für ein Njet.

"Hat mit Pädagogik wenig zu tun"

Nicht nur die Grünen, auch die Lehrergewerkschaft ist bis zuletzt ablehnend: Sie warnt nicht nur davor, Modellregionen "kostenneutral" errichten zu wollen - sondern beharrt auch darauf, Klassenschülerhöchstzahlen sowie Teilungszahlen im neuen Gesetz festzuschreiben. Zuletzt hieß es, dass man eine durchschnittliche Klassenschülerhöchstzahl von 25 pro Bundesland sogar in der Verfassung verankern könnte. Die Begeisterung der Lehrervertreter hält sich dennoch in Grenzen: "Es handelt sich um ein Struktur-und Verwaltungspaket, das mit Pädagogik wenig zu tun hat", kritisiert Pflichtschullehrergewerkschafter Paul Kimberger. "Keinem einzigen Lehrer wird dadurch bei den Problemen, die wir in den Klassen haben, geholfen."

Dass sich die vorliegende Reform auf Strukturelles beschränkt, bestreitet indes nicht einmal die Bildungsministerin. "Wir schreiben den Lehrerinnen und Lehrern bewusst nicht vor, welche Methoden sie verwenden sollen", erklärte sie vergangene Woche bei einer Debatte über digitale Medien in den Schulen. Aber das Papier schaffe durch mehr Autonomie und weniger Bürokratie mehr Freiräume für alle Beteiligten, es sei ein "Ermöglichungspaket", so Hammerschmid.

Tatsächlich wird sich die Anzahl mühsam einzureichender Schulversuche deutlich reduzieren. Und dass Schulleiter stärker dabei mitreden sollen, welche Lehrkräfte für ihren Standort am geeignetsten sind, ist nur zu begrüßen. Weniger Bürokratie gibt es durch die Möglichkeit von "Bildungsclustern" (die nun offenbar auch als "Mischcluster" zwischen Bundes- und Landesschulen möglich werden, aber jedenfalls die Zustimmung der betroffenen Lehrer voraussetzen) aber kaum. Viele sehen darin nur eine zusätzliche Verwaltungsebene. Auch in den geplanten "Bildungsdirektionen" bleibt das Verantwortungs-Wirrwarr zwischen Bund und Ländern weitgehend aufrecht.

Kein "Realitätsbewusstsein"?

Und in den Klassenzimmern selbst? Hier erhoffen sich viele Lehrerinnen und Lehrer meist nur eines: mehr Unterstützung. Erst vergangene Woche hat eine (anonyme) Wiener Volksschullehrerin im Interview mit orf.at darüber geklagt, wie sie sich in ihrer Arbeit mit Flüchtlingskindern sowie Schülern aus sozial schwachen oder Migrantenfamilien allein gelassen fühle. Es fehle das "Realitätsbewusstsein" für die Zustände in vielen Klassen - und Familien, erklärte die Pädagogin. Eltern würden zu wenig in die Pflicht genommen, und "gute" Schülerinnen und Schüler zu wenig gefördert.

Ein Vorwurf, den die Bildungsministerin nicht gelten lassen will. "Wir wissen um die Probleme", erklärte sie vergangene Woche. Zur Unterstützung stelle man aus dem Integrationstopf 80 Millionen Euro jährlich bereit, um mehr Sozialarbeiter, Psychologinnen, Sprachförderlehrer und mobile kulturelle Teams an Brennpunktschulen zu schicken: "Durch die Bildungsstandarddaten sehen wir bis in die Klassen hinein, wo es Probleme gibt - und können darauf reagieren." Man müsse sich mit diesen sprachlichen und sozialen Problemen in den kommenden Jahren intensiv beschäftigen und dabei schon im Elementarbereich beginnen, so Hammerschmid -etwa durch ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr und einen bundesweiten Qualitätsrahmen. Trotzdem könnten die Schulen letztlich nicht alle gesellschaftlichen Probleme lösen, gesteht auch die Ministerin: "Das geht sich nicht aus."

Ein Satz, der von vielen Kritikern der jüngsten Bildungsreformen wohl leidenschaftlich unterstrichen wird. Einer von ihnen ist der Kärntner Pädagoge Herbert Molzbichler, der in seinem Buch "Nachsitzen" (s. u.) die "Reformitis und Neophilie" der hiesigen Bildungspolitik kritisiert. Schule dürfe nicht "zur Ablagerungs-und Entsorgungsstätte für alle gesellschaftlichen Probleme" werden, und Lehrer sollten wieder mehr als bisher "lehren" können.

Kooperation und Supervision

Andere sehen freilich keine Alternative dazu, dass sich Pädagoginnen und Pädagogen anno 2017 verstärkt auch als Sozialarbeiterinnen begreifen. "Wir brauchen ein neues Rollenverständnis - schon in den Pädagogischen Hochschulen", erklärt eine Wiener Beratungslehrerin, die Lehrkräfte und Eltern im Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern begleitet und lieber anonym bleiben will. "Wenn man sich darauf nicht einlassen kann oder will, wird der Beruf wirklich zur Belastung - auch in Gymnasien." Einfach nur mehr Psychologen oder Sozialarbeiter in die Schulen zu schicken, werde die Probleme jedenfalls nicht lösen, ist sie überzeugt - weil an den meisten Schulen eine "Kultur der Zusammenarbeit" fehle und oft niemand wisse, wer welchen "Fall" begleite. Umso mehr fordert sie verpflichtende Teambesprechungen und Supervisionen sowie mehr Bereitschaft zum Feedback.

Auch Elfriede Bauer, langjährige Wiener Volksschul-Direktorin sowie heute Supervisorin und Coach, fordert mehr Unterstützung und eine verpflichtende Reflexion des eigenen Unterrichts für Pädagogen. "Wenn das fehlt, kommt es zu einem Gefühl der Ohnmacht oder Aggressivität - und das müssen die Kinder ausbaden", erklärt sie. Lernen könne jedenfalls nur gelingen, wenn auch die Beziehungsebene zwischen Schülern und Pädagogen stimme. "Am Ende steht und fällt ja alles mit der Lehrperson", betont Bauer. "Wie das System rundherum ausschaut, ist völlig egal."

Starker Tobak für Österreichs bislang eher strukturfixierte Bildungspolitik. Wer auch immer sich ab Herbst darum kümmert.