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Bildung

Die Tücken der verordneten Freiheit

1945 1960 1980 2000 2020

Vier neue "Autonomiebotschafter" sollen die Schulen für jene Spielräume begeistern, die ihnen das geplante Autonomiepaket der Regierung eröffnen will. Doch was halten Betroffene und Experten von den Plänen, die noch bis Ende April begutachtet werden?

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Vier neue "Autonomiebotschafter" sollen die Schulen für jene Spielräume begeistern, die ihnen das geplante Autonomiepaket der Regierung eröffnen will. Doch was halten Betroffene und Experten von den Plänen, die noch bis Ende April begutachtet werden?

Andreas Schnider ist ein umtriebiger Mensch. Der studierte Theologe war nicht nur Landesgeschäftsführer der ÖVP Steiermark und Mitglied des Bundesrates; er ist auch Verleger, Dozent für Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Wien sowie seit 2013 Vorsitzender des Qualitätssicherungsrates, der die neue Pädagoginnen- und Pädagogenbildung in Österreich mitentwickeln soll. Vor allem aber ist Schnider Berater, konkret Unternehmens-, Bildungs- und Lebensberater. "Menschen in Entscheidungs- und Krisensituationen zu begleiten, zu betreuen und zu coachen, ist mein Auftrag", heißt es auf seiner Website. Der ideale Mann also für scheinbar unmögliche Missionen.

Gemeinsam mit drei Schulinspektoren aus dem Burgenland, Oberösterreich und Kärnten soll Schnider im Auftrag des Bildungsministeriums als "Autonomiebotschafter" wirken - und den überwiegend kritischen Lehrkräften und Direktoren die Vorzüge des neuen Schulautonomiepakets vermitteln. Man wolle "informieren, überzeugen und begeistern", erklärte Schnider bei einer Pressekonferenz. Nötig sei dies vor allem wegen zahlreicher "Falschmeldungen", die derzeit kursierten, ergänzt er im FURCHE-Gespräch: "Das beginnt damit, dass künftig Ressourcen eingespart werden oder es keine Schulpartnerschaft mehr gibt, bis zur Behauptung, dass es noch mehr Vorschriften geben würde. Alles nicht wahr!"

"Noch mehr Verwaltungsaufwand"

Wirft man einen Blick auf die bisherigen Stellungnahmen zum Autonomiepaket, dann wartet auf die vier Botschafter jedenfalls ein hartes Stück Überzeugungsarbeit. Die AHS-Lehrergewerkschaft warnt etwa einmal mehr vor "autonomer Mangelverwaltung", kritisiert eine mögliche "Verclusterung gegen den Willen der Betroffenen" und lehnt die "Eingriffe in die Entscheidungsbefugnisse der Schulpartner" - etwa in Form einer "Schwächung des Schulgemeinschaftsausschusses" - ab.

Noch vernichtender fällt die Stellungnahme des Dachverbandes der AHS-Direktorinnen und -Direktoren Österreichs aus: Es sei "in vielen Bereichen nicht ersichtlich, wie sich durch dieses Paket die Lernsituation der Schüler/innen verbessern soll", schreibt der Vorsitzende des Gremiums, Wilhelm Zillner. "In etlichen Punkten (...) ist noch mehr Verwaltungsaufwand als bisher zu erwarten bzw. zu befürchten." Auch warnt man vor "Riesenclustern" mit bis zu 2500 Schülerinnen und Schülern: "Bei derart großen Einheiten ist eine Leitung jedes Einzelbereichs weiterhin unabdingbar, die Cluster-Leiter/innen stellen daher nur eine weitere Verwaltungsebene dar", heißt es. Verbesserungen seien im Vergleich zur Ist-Situation "nicht erkennbar".

In der Bildungswissenschaft sind die Meinungen zum Autonomie-Entwurf hingegen vorerst geteilt. Herbert Altrichter, Professor für Pädagogik und Pädagogische Psychologie an der Johannes Kepler Universität Linz sowie Experte für Schulautonomie und -entwicklung, findet im Reformpaket "einige sinnvolle Ermöglichungen", die Schulen nutzen könnten, statt alles über Schulversuche regeln zu müssen. Das gelte auch für das Zusammengehen in Cluster, das schulische Übergänge erleichtern und kontraproduktive Konkurrenz zwischen Standorten reduzieren soll. "Schulen, die damit nichts anfangen können, müssen diesen Weg auch nicht beschreiten", stellt er fest. Dass die Verantwortung der künftigen Clusterleiter gestärkt wird, begrüßt er -wobei Schulleiter ohnehin den Konsens im Kollegium suchen müssten, weil sie "als isolierte Autoritäten keine Chance" hätten. Macht aber Autonomie das Schulsystem automatisch besser? "Nein", meint auch Altrichter. "Doch sie eröffnet Möglichkeiten, die man nutzen kann - und das finde ich gut." Schade sei nur, dass es auch im Zuge der Cluster-Idee nicht gelungen sei, die Unterscheidung zwischen Bundes- und Pflichtschulen aufzuheben.

Altrichters Kollege Stefan Hopmann vom Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien geht mit den Regierungs-Plänen deutlich schärfer ins Gericht. Es handle sich um eine "halbgare Reform", weil es auch für künftige Clusterleiter "in keinster Weise Budgetautonomie" gebe und sie weder "Wanderpokale" unter den Lehrern loswerden noch Personal oder Sachmittel zwischen einzelnen Standorten umverteilen dürften. Insgesamt würden die Schulleiter immer mehr "zwischen zwei Pole" geraten, die sich nicht versöhnen ließen: einerseits die Verantwortungsverlagerung der Politik nach unten (im Sammelband "schule entwickeln" heißt es "verordnete Selbststeuerung", siehe Tipp); und andererseits die zunehmenden Kontrollen durch zentrale Tests, Rankings und Standards. "Das alles führt aber am Ende nicht zu mehr Qualität, sondern ist nachweislich leistungsschädigend und beschleunigt nur die soziale Fragmentierung", meint Hopmann. Gerade Mittelklasse-Eltern würde schließlich beim kleinsten Abrutschen einer Schule in irgendwelchen Rankings sofort die nackte Panik erfassen. Was aber wäre sein Vorschlag? "Man muss akzeptieren, dass nicht ein nationaler Standard für alle Schulen passt -und massiv jene Schulen unterstützen, die mehr Hilfe benötigen." Die neuen "Autonomiebotschafter" seien angesichts all dessen nur ein "Publicity-Gag", der den Schulen "gar nichts" bringe.

Andreas Schnider sieht das naturgemäß anders. Als Koordinator der vier Botschafter möchte er autonomen "Leuchtturmschulen" als Ansprechpartner dienen, Experten an den Pädagogischen Hochschulen für die Begleitung der Clusterbildung motivieren - und jene zu überzeugen versuchen, "die schon jetzt zu wissen glauben, dass das alles nicht geht". Außerdem dürfe man ihnen "nicht die ganze Stimmungsmache während der Begutachtung überlassen". Bis 30. April bleibt noch ein wenig Zeit.

schule entwickeln

Bildungsforschenden Spielräumen auf der Spur.

Von Agnieszka Czejkowska, Tobias Dörler und Julia Seyss-Inquart (Hg.)

Löcker 2016. 132 S. kart., € 14,80

Andreas Schnider ist ein umtriebiger Mensch. Der studierte Theologe war nicht nur Landesgeschäftsführer der ÖVP Steiermark und Mitglied des Bundesrates; er ist auch Verleger, Dozent für Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Wien sowie seit 2013 Vorsitzender des Qualitätssicherungsrates, der die neue Pädagoginnen- und Pädagogenbildung in Österreich mitentwickeln soll. Vor allem aber ist Schnider Berater, konkret Unternehmens-, Bildungs- und Lebensberater. "Menschen in Entscheidungs- und Krisensituationen zu begleiten, zu betreuen und zu coachen, ist mein Auftrag", heißt es auf seiner Website. Der ideale Mann also für scheinbar unmögliche Missionen.

Gemeinsam mit drei Schulinspektoren aus dem Burgenland, Oberösterreich und Kärnten soll Schnider im Auftrag des Bildungsministeriums als "Autonomiebotschafter" wirken - und den überwiegend kritischen Lehrkräften und Direktoren die Vorzüge des neuen Schulautonomiepakets vermitteln. Man wolle "informieren, überzeugen und begeistern", erklärte Schnider bei einer Pressekonferenz. Nötig sei dies vor allem wegen zahlreicher "Falschmeldungen", die derzeit kursierten, ergänzt er im FURCHE-Gespräch: "Das beginnt damit, dass künftig Ressourcen eingespart werden oder es keine Schulpartnerschaft mehr gibt, bis zur Behauptung, dass es noch mehr Vorschriften geben würde. Alles nicht wahr!"

"Noch mehr Verwaltungsaufwand"

Wirft man einen Blick auf die bisherigen Stellungnahmen zum Autonomiepaket, dann wartet auf die vier Botschafter jedenfalls ein hartes Stück Überzeugungsarbeit. Die AHS-Lehrergewerkschaft warnt etwa einmal mehr vor "autonomer Mangelverwaltung", kritisiert eine mögliche "Verclusterung gegen den Willen der Betroffenen" und lehnt die "Eingriffe in die Entscheidungsbefugnisse der Schulpartner" - etwa in Form einer "Schwächung des Schulgemeinschaftsausschusses" - ab.

Noch vernichtender fällt die Stellungnahme des Dachverbandes der AHS-Direktorinnen und -Direktoren Österreichs aus: Es sei "in vielen Bereichen nicht ersichtlich, wie sich durch dieses Paket die Lernsituation der Schüler/innen verbessern soll", schreibt der Vorsitzende des Gremiums, Wilhelm Zillner. "In etlichen Punkten (...) ist noch mehr Verwaltungsaufwand als bisher zu erwarten bzw. zu befürchten." Auch warnt man vor "Riesenclustern" mit bis zu 2500 Schülerinnen und Schülern: "Bei derart großen Einheiten ist eine Leitung jedes Einzelbereichs weiterhin unabdingbar, die Cluster-Leiter/innen stellen daher nur eine weitere Verwaltungsebene dar", heißt es. Verbesserungen seien im Vergleich zur Ist-Situation "nicht erkennbar".

In der Bildungswissenschaft sind die Meinungen zum Autonomie-Entwurf hingegen vorerst geteilt. Herbert Altrichter, Professor für Pädagogik und Pädagogische Psychologie an der Johannes Kepler Universität Linz sowie Experte für Schulautonomie und -entwicklung, findet im Reformpaket "einige sinnvolle Ermöglichungen", die Schulen nutzen könnten, statt alles über Schulversuche regeln zu müssen. Das gelte auch für das Zusammengehen in Cluster, das schulische Übergänge erleichtern und kontraproduktive Konkurrenz zwischen Standorten reduzieren soll. "Schulen, die damit nichts anfangen können, müssen diesen Weg auch nicht beschreiten", stellt er fest. Dass die Verantwortung der künftigen Clusterleiter gestärkt wird, begrüßt er -wobei Schulleiter ohnehin den Konsens im Kollegium suchen müssten, weil sie "als isolierte Autoritäten keine Chance" hätten. Macht aber Autonomie das Schulsystem automatisch besser? "Nein", meint auch Altrichter. "Doch sie eröffnet Möglichkeiten, die man nutzen kann - und das finde ich gut." Schade sei nur, dass es auch im Zuge der Cluster-Idee nicht gelungen sei, die Unterscheidung zwischen Bundes- und Pflichtschulen aufzuheben.

Altrichters Kollege Stefan Hopmann vom Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien geht mit den Regierungs-Plänen deutlich schärfer ins Gericht. Es handle sich um eine "halbgare Reform", weil es auch für künftige Clusterleiter "in keinster Weise Budgetautonomie" gebe und sie weder "Wanderpokale" unter den Lehrern loswerden noch Personal oder Sachmittel zwischen einzelnen Standorten umverteilen dürften. Insgesamt würden die Schulleiter immer mehr "zwischen zwei Pole" geraten, die sich nicht versöhnen ließen: einerseits die Verantwortungsverlagerung der Politik nach unten (im Sammelband "schule entwickeln" heißt es "verordnete Selbststeuerung", siehe Tipp); und andererseits die zunehmenden Kontrollen durch zentrale Tests, Rankings und Standards. "Das alles führt aber am Ende nicht zu mehr Qualität, sondern ist nachweislich leistungsschädigend und beschleunigt nur die soziale Fragmentierung", meint Hopmann. Gerade Mittelklasse-Eltern würde schließlich beim kleinsten Abrutschen einer Schule in irgendwelchen Rankings sofort die nackte Panik erfassen. Was aber wäre sein Vorschlag? "Man muss akzeptieren, dass nicht ein nationaler Standard für alle Schulen passt -und massiv jene Schulen unterstützen, die mehr Hilfe benötigen." Die neuen "Autonomiebotschafter" seien angesichts all dessen nur ein "Publicity-Gag", der den Schulen "gar nichts" bringe.

Andreas Schnider sieht das naturgemäß anders. Als Koordinator der vier Botschafter möchte er autonomen "Leuchtturmschulen" als Ansprechpartner dienen, Experten an den Pädagogischen Hochschulen für die Begleitung der Clusterbildung motivieren - und jene zu überzeugen versuchen, "die schon jetzt zu wissen glauben, dass das alles nicht geht". Außerdem dürfe man ihnen "nicht die ganze Stimmungsmache während der Begutachtung überlassen". Bis 30. April bleibt noch ein wenig Zeit.

schule entwickeln

Bildungsforschenden Spielräumen auf der Spur.

Von Agnieszka Czejkowska, Tobias Dörler und Julia Seyss-Inquart (Hg.)

Löcker 2016. 132 S. kart., € 14,80