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Mehr Schulvielfalt

Die Republik Osterreich bietet auf dem Bildungsmarkt den Zehn- bis Vierzehnjährigen die Dienstleistung Schule in zwei Formen an: Unterstufe des Gymnasiums und Neue Hauptschule. Dieses Produkt, für das die Eltern pauschal (über Steuern) bezahlen, wird derzeit regional unterschiedlich abgenommen. Im Bundesdurchschnitt wählen 72 Prozent der Eltern die Neue Hauptschule (NHS), 28 Prozent die Unterstufe der allgemeinbildenden höheren Schulen (AHS). In städtischen Regionen kehrt sich im Extremfall diese Relation um.

Schulpolitiker und Schulbeamte sind besorgt, weil der Zustrom zur AHS relativ stärker und zur NHS relativ schwächer wird. Sie wundern sich darüber, obwohl sie marktsteuernde, lenkende Maßnahmen abschafften (Aufnahmeprüfung) oder tolerieren, daß sie nicht eingehalten werden (so haben Aufnahmeprüfungen in die AHS für Schüler mit einem Genügend oft nur Formaicharakter; es gilt als offenes Geheimnis, daß AHS-Lehrer den klaglosen Durchgang für die Unterstufe garantieren...).

Dazu kommt: In einer Zeit zunehmender Arbeitslosigkeit (besonders bei 19- bis 24jährigen), in einer Zeit wirtschaftlichen Umbruchs bringen Eltern ihre Kinder zu sicheren Trögen. Das Gymnasium verheißt störungsfreien Ubergang von der Sekundarstufe I zur Sekundarstufe II.

Für weiterführende Überlegungen bieten sich folgende Möglichkeiten der Analyse an:

• Analyse des Marktes: Welche Motive liegen bei den Konsumenten (Kindern, Eltern) für die Produktwahl (NHS, AHS) vor? Welche Einstellungen und/oder äußere Bedingungen beeinflussen die Schulwahl?

• Analyse des Produktes: Welche Veränderungen an der Hauptschule verringern den Marktwert gegenüber dem Gymnasium?

Welche Ideologien (etwa: ein Drittel aller Schüler eines Altersjahrganges seien AHS-fähig), welche standespolitischen Uber-legungen (beispielsweise Kompensation des Schülerrückganges) überlagern primäre Produktqualitäten?

Dazu seien einige vorläufige Hypothesen geäußert:

• Die NHS „besetzt” die Kindheit, enteignet die Kinder ihren Eltern, „macht” zu viel. Eltern sagen: Unsere Kinder sind zu viel in der Schule (an zwei bis drei Tagen von sieben bis siebzehn Uhr). Das gleicht der freie Samstag (in manchen Bundesländern) nicht aus.

Uber den Häuptern der Kinder schwebt wie ein Damoklesschwert die Veränderbarkeit der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Leistungsgruppe. Lehrer bestimmen zu viel über unsere Kinder. Wir sind machtlos. Leistungsgruppen sortieren unsere Kinder und demarkieren Kameradschaft und Freundschaft.

• Schulpolitik setzt sich über die Interessen der Eltern und damit des Souveräns hinweg. Eltern sagen: Warum wird der Schule so viel vorgeschrieben? Warum gibt es so wenig Möglichkeit, am Ort die Schule mit ortsangemessenem Profil zu gestalten? Das Schul-und Klassenforum täuscht uns solches nur vor. Die Schule stellt ein Ubermaß an Staat dar.

• Eltern überschätzen die Kapazität der Schule, „Zuteilungschancen” zu beeinflussen. Eltern meinen: Die Berufs- und Karrierechancen steigen mit dem Bildungsniveau.

Schule muß nach unserem Wunsch dazu beitragen — sogar gegen erkennbare Begabungsgrenzen. Warum sollen wir zum „Schmiedl” gehen, wenn sich nach der vierten Klasse Volksschule auch der „Schmied” anbietet?

• Lehrerinnen und Lehrer gehen arrogant mit ihrem gesicherten Beamtenstatus um. Eltern sagen: Wir sind machtlos. Sie halten alle zusammen in ihrem Paradies gesicherten Einkommens. Partizipation der Eltern hat ihre Grenze an der Möglichkeit, mit „roter Tinte” reagieren zu können.

Aus diesen Überlegungen lassen sich einige Vorschläge zur Revision der Reform ableiten:

• Elternarbeit: Information und Beratung der Eltern, die heutigen Anforderungen von Erwachsenenbildung entsprechen, müssen Elternaufklärung ablösen. Die Bildungswerkstatt Schule muß geöffnet werden.

Bei vielen Eltern verstärkt sich der Enteignungsverdacht schon deswegen, weil sie in der Schule als „schulfremde” Personen gelten.

Die Schulbahnberatung durch die Lehrerinnen und Lehrer in der vierten Klasse der Volksschule muß ausgebaut werden. Gefälligkeitsnoten und Gefälligkeitsurteile zugunsten einer von Eltern gewünschten „Reifeklausel” müssen zurückgedrängt werden. Diese Schulbahnberatung verlangt umfassende gegenseitige Information der betroffenen Lehrer (VS-, HS-, AHS-Lehrer) in gemischten Gesprächen oder Konferenzen.

• Typenvielfalt: In Ballungszentren kann die NHS durch Typenvielfalt attraktiv gemacht werden. Die gegenwärtige NHS wird vielfach als Einheitsschule mit mangelhafter Anpassungsfähigkeit erlebt. Typen wären nach den folgenden Kriterien zu entwik-keln:

Begabungsschwerpunkte, wie sie etwa die Sport- und Musikhauptschule erfassen. Zukunftsorientiert sollte ein „technischhandwerklicher” und ein EDV-anwendungsorientierter Schwerpunkt ergänzend eingeführt werden. Der Fremdsprachenzwang erscheint vielen Eltern zu Recht unbegründet, wenn es bei ihren Kindern in der Grundlage der Muttersprache oder der Mathematik schwer mangelt.

Förderung von Leistung und Interesse: Die „Halbwertszeit” des Wissens wird immer kürzer. Immer noch steigt die Exponentialkurve des Wissens. Diese Entwicklung wird anhalten, da neues Wissen jeweils neue Löcher des Ungewissen begrenzt.

Bei sorgfältiger Umschreibung des Fundamentums für Geschichte und Sozialkunde, Geographie und Wirtschaftskunde, Biologie und Umweltkunde und Physik und Chemie wären diese Bereiche alternierend interessenbezogen wählbar zu machen.

Bei Zehn- bis Vierzehnjährigen muß auch die Differenzierung der Freizeitinteressen Anlaß sein, über die Verpflichtung in den sogenannten musisch-technischkörperlichen Fächern in Richtung interessenbezogener alternierender Wahl nachzudenken.

An der Ubungshauptschule der Pädagogischen Akademie der Diözese Linz wurde dafür ein Modell entwickelt. Dadurch wird eine Stundenreduzierung möglich.

• Mittlere Reife: Die NHS wird mit der mittleren Reife ausgestattet, die eine Aufnahme in die allgemeinbildende oder berufsbildende höhere Schule der Sekundarstufe II garantiert.Die Kriterien dafür müßten rasch erarbeitet werden. Zum Beispiel dürften in den Unterrichtsfächern Deutsch, Englisch, Mathematik die Noten Sehr gut oder Gut aus der ersten oder zweiten Leistungsgruppe ausreichend sein.

• Verlängerung der Ausbildung zum Hauptschullehrer: Nach dem Kriterium der Ausbildungsdauer weisen Eltern zurzeit zu Recht auf die Ausbildungsunterschiede zwischen AHS- und HS-Lehrern hin. Quantitativ und qualitativ vergleichbare Ausbildung wäre daher erstrebenswert.

Ein erster Schritt dahin wäre die Verlängerung des Studiengangs zum Hauptschullehrer auf acht Semester. Dabei könnten sich die Pädagogischen Akademien zu Pädagogischen Hochschulen weiterentwickeln.

Zusammenfassend sei somit festgehalten:

Schule darf als gesellschaftliche Dienstleistung nicht durch beliebig-willkürliche schulpoliti-' sehe Entscheidung der Willensbildung bei den Eltern entzogen werden. Repräsentative Demokratie muß zur Optimierung dieser personnahen Dienstleistung Schule in Form der direkten Demokratie zugunsten gemeindenaher Schulprofile ergänzt werden.

Typenvielfalt der Schule stellt ein Paradigma für ihre eigene Aufgabe dar, größtmögliche Verschiedenheit der Schüler zu erreichen.

In diesem Sinne plädiere ich für „freien Markt” im Bildungswesen, der allen Kindern zugänglich ist.

Der Autor ist Direktor an der Pädagogischen Akademie der Diözese Linz.

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