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Probleme nicht gelöst, sondern verschleiert

1945 1960 1980 2000 2020

Im Vorjahr beging die Parlamentarische Schulreformkommission stolz ihren zehnten „Geburtstag". Nun, ein Jahr später - zum A bschluß des zehnten Jahres der Schulversuche - legt das Unterrichtsministerium dem Nationalrat seinen Bericht über deren Ergebnisse vor. Da im Vorjahr aber auch der ins A uge gefaßte Endtermin herannahte, zu dem man konkrete Ergebnisse in die Praxis überführen wollte, man aber gerade beim Kernstück von einer Einigung noch weit entfernt war, gab man nochmals zwei Jahre Denkfrist.

1945 1960 1980 2000 2020

Im Vorjahr beging die Parlamentarische Schulreformkommission stolz ihren zehnten „Geburtstag". Nun, ein Jahr später - zum A bschluß des zehnten Jahres der Schulversuche - legt das Unterrichtsministerium dem Nationalrat seinen Bericht über deren Ergebnisse vor. Da im Vorjahr aber auch der ins A uge gefaßte Endtermin herannahte, zu dem man konkrete Ergebnisse in die Praxis überführen wollte, man aber gerade beim Kernstück von einer Einigung noch weit entfernt war, gab man nochmals zwei Jahre Denkfrist.

Gleichzeitig läßt man den Streit über die Gesamtschule von neuem aufleben. „Sie oder keine!" verkünden die Ein-heitsschul-Vorkämpfer der Sozialisten. „Nie!" schwören die Gegner im ÖVP-Lager und präsentieren ihre „Neue Hauptschule", die in vielem der Gesamtschule gleicht wie ein Ei dem andern - nur in einem nicht. „Vive la dif-ference!" Gerade in diesem kleinen Unterschied scheiden sich die Geister

Dieser „Kleine Unterschied" zur neuen Hauptschule der ÖVP besteht darin, daß neben dieser das bewährte Gymnasium weiterbestünde, wogegen es mit seiner Unterstufe in der sozialistischen „Neuen Mittelschule" aufginge.

„Ein gleichmäßiges Bildungsbewußtsein und Bildungsinteresse der Eltern in allen sozialen Schichten ist nicht gegeben," heißt es im Bericht. „Eltern, die eine höhere Schule selbst nicht besucht haben, sind weniger dazu geneigt, ihre Kinder in diesen Schultyp zu schik-ken. Dadurch bleiben viele Kinder von einer ihnen angemessenen Bildungslaufbahn ausgeschlossen."

Das stimmt zweifellos - aber was wird daraus gefolgert?: „ ... daß Kinder aus gehobenen sozio-ökonomischen Schichten überrepräsentiert, Arbeiterund Bauernkinder dagegen unterrepräsentiert sind."

Was heißt das? Sollen Kinder von Akademikern nur 2,6 Prozent der Gesamtstudentenzahl ausmachen, weil nur 2,6 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in Österreich eine Hochschule absolviert haben? Oder soll, wie immer versichert wird, jedem Kind die ihm

entsprechende Schulbildung zugesichert werden?

„Die Entscheidung nach der vierten Schulstufe für die Schullaufbahn eines Kindes erfolgt zu früh," statuiert der Bericht - diese Feststellung zieht sich unwidersprochen durch alle Lobeshymnen auf die Gesamtschule.

Nicht nur die zwei Drittel aller Gymnasiasten, die ohne Aufenthalt und meist auch ohne Schwierigkeiten die acht Jahre Mittelschule durchlaufen haben, widerlegen die These von der Unmöglichkeit, ihre Begabungen frühzeitig zu erkennen.

Auch Prof. Richard Olechowski -der selbst auch für eine gesamtschulähnliche Schulform eintritt - stellt fest: „Nur bei etwa 20 Prozent der Volksschulabsolventen ist klar zu erkennen, daß sie für den Besuch der AHS geeignet sind ..."

Genau für diese 20 Prozent aber muß das durchgehende Gymnasium erhalten bleiben, wenn man auch ihnen jene Förderung angedeihen lassen will, auf die sie auf Grund ihrer Fähigkeiten einen Anspruch haben. Wenn es selbstverständlich ist, für 2,5 Prozent eines Schülerjahrgangs Sonderschulen bereitzustellen, weil sie eben besondere Hilfe brauchen, ist es nicht einzusehen, warum 20 (und wohl mehr) Prozent aus ideologischen Gründen auf ihre Förderung verzichten sollen, weil unter ihnen mehr Kinder der „Oberschicht" sein dürften als Arbeitersprößlinge.

Das bedeutet keineswegs, daß dem später entwickelten Kind der Weg zur höheren Bildung verschlossen sein soll. Schon die Schulreform von 1962 hat

mit dem Musisch-Pädagogischen Realgymnasium eine auf der Hauptschule aufbauende Oberstufe geschaffen, die inzwischen ausgeweitet worden ist. Sie hat zweifellos für die Zukunft steigende Bedeutung - aber keineswegs alleinige.

Wesentliches Element der Gesamtschule (wie auch der „Neuen Hauptschule der ÖVP) ist die Leistungsgruppe. Sie kann als Differenzierungselement wohl manche Verbesserung bringen - man sollte sich aber von ihr nicht Wunder erwarten. Mancher Erfolg erscheint fragwürdig.

Der Bericht kritisiert, daß im bisherigen Schulsystem der einseitig begabte Schüler „in allen Gegenständen auf dem Niveau seiner am schwächsten ausgeprägten Begabung unterrichtet" wird. In der Gesamtschule erhält er zwar in den Bereichen mit besserer Begabung auch einen besseren Unterricht

- sicher ein Vorteil - aber der Gesamterfolg wird doch von der niedrigsten Leistungsgruppe begrenzt, vor allem wenn es darauf ankommt, ob der Schüler in die Oberstufe weitergehen kann.

„Durch entsprechende Förderung konnte die Repetentenquote auch bei den Schülern auf dem Niveau des zweiten Klassenzuges (der Hauptschule -also den Schülern in der jeweils niedrigsten Leistungsgruppe, A. d. R.) wesentlich herabgesetzt werden," sagt der Bericht.

Hierzu heißt es in den Schulver-suchsplänen 1/2 1979 (S.43): „Bei zwei nicht genügenden Beurteilungen kann er aufsteigen, wenn er in einem Fach eine Wiederholungsprüfung mit positivem Ergebnis ablegt. Bei .Nicht genügend' in drei der genannten Unterrichtsfächer muß der Schüler in jedem Fall die Schulstufe wiederholen. Schüler, die in der Leistungsgruppe III in der Lebenden Fremdsprache mit .Nicht genügend' beurteilt werden müssen, steigen auf. Sollte sich in der nächsten Schulstufe wieder diese Beurteilung ergeben, wird der Schüler vom Unterricht in der Fremdsprache befreit. Er muß in der Zeit des Fremdsprachenunterrichts zusätzliche Aufgaben aus Deutsch und Mathematik lösen."

Nun gibt es zwar beim bestehenden zweiten Hauptschul-Klassenzug auch keinen Fremdsprachenunterricht - ob aber angesichts dieser Regelungen die Feststellung des Berichts berechtigt erscheint: „Die Verminderung der Repetentenzahlen hatte keine Verschlechterung des Leistungsniveaus zur Folge" scheint doch fraglich.

Die Sozialwissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft legte vor wenigen Monaten eine Studienarbeit Uber Schulver-suchsergebnisse vor. Darin heißt es zusammenfassend: „Die meisten Zielsetzungen der Gesamtschule - Chancengleichheit, soziale Integration, Ausschöpfen der Begabungsreserven, bessere Förderung des einzelnen Schülers

- sind durchaus ehrenwert. Es konnte jedoch noch nirgendwo zwingend nachgewiesen werden, daß die Gesamtschule diese Ziele am besten erreichen hilft.

Die Integrierte Gesamtschule erhebt den Anspruch, alle Probleme des bestehenden Systems lösen zu können und die modernste Schulform zu sein. Moderne Lehrpläne, Unterrichtsteile sowie Fördermaßnahmen sind jedoch auch bei einem andern, mehrgliederi-gen Schulsystem möglich. Probleme, wie das Scheitern von Schülern, werden durch die IGS nicht voll gelöst, sondern oft nur verschleiert...

Wird bei dem Versu.ch, schulische und bildungspolitische Probleme zu lösen, ein Modell - die Gesamtschule - in einseitiger Weise bevorzugt, trübt sich nur allzuleicht der Blick auf Alternativen bei der Weiterentwicklung der österreichischen Schule .. .*'

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