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Bildung

Alles lernen!

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Auf Knopfdruck den vorgegebenen Takt und Stoff studieren oder dem individuellen Tempo und Talent freien Lauf lassen. Wohin bewegt sich unser Bildungssystem?

Beobachtet man Kleinkinder beim Lernen, könnte man beinahe zu radikalen Ansichten gelangen: Was braucht es noch die herkömmliche Schule und Lehrer, bleibt nur bloß der unbändige und unstillbare Hunger nach Neuem und Wissen so stark erhalten, wie er in diesem Alter beobachtbar ist. Die Kinder werden nicht müde zu fragen, begeistert und mit leuchtenden Augen hören sie zu, wenn man aus Sachbüchern vorliest oder Geschichten erzählt und wehe man hört damit auf! Es bräuchte also nur kundige und verantwortungsvolle Lernbegleiter, die die Kinder dahin führen, was fürs Leben in der modernen Gesellschaft wesentlich ist, und den Rest machen sie selbst - je nach individueller Begabung, Tempo und Interesse, bliebe nur dieser Lerntrieb so lebendig. Geht es wirklich so einfach?

Diese radikale These ist weder neu noch passé - sie bildet immer wieder den Kern einer von mehreren Argumentationen in der Schuldiskussion, die sich dreht und dreht und dennoch wenig bewegt. Wo stehen wir heute? Wo verlaufen die aktuellen Debatten und welche Probleme werden erst gar nicht mehr berührt? Manche Probleme unseres Bildungssystems wurden nun unisono erkannt, sind sie doch kaum mehr leugbar und werden regelmäßig mit den ernüchternden Ergebnissen internationaler Bildungstests wiedergekäut: Zu viele Kinder sitzen in der falschen Schule, soziale Herkunft entscheidet immer noch über die Auswahl des Schultyps, in kaum einem anderen EU-Land ist der Leistungsunterschied zwischen einheimischen und zugewanderten Kindern so groß wie hierzulande. Spätestens mit dem Eintritt in die Sekundarstufe besteht zunehmend die Gefahr, dass der einst so überschwängliche Lerntrieb umschlägt in Lernfrust und Angst. Nachhilfeunterricht hingegen floriert.

Unterrichtsministerin Claudia Schmied wird von vielen Experten attestiert, die Probleme erkannt und richtige Schritte gesetzt zu haben und zu setzen, doch auch sie musste einsehen, dass Bewegung nur in Minischritten möglich und mit viel Gegenwehr zu rechnen ist. Studiert man die Vorhaben der Regierung im Bildungsbereich, wird eines klar: Eine wirkliche Aufbruchsstimmung sieht anders aus. Aber sie bewegt sich doch, die österreichische Schule, zumindest im Kleinen, durch viele engagierte Lehrer und deren Projekte. Und im Großen? Irrwege? Anfänge? Die Neue Mittelschule, mit diesem Schuljahr angelaufen, wird sich im kommenden Jahr von 67 auf 206 Standorte verdreifachen. Das Schulprojekt der gemeinsamen Schule für zehn- bis 14-Jährige verspricht eine bessere individuelle Förderung, Kritiker wenden ein, dass die Neue Mittelschule nur ein weiterer Schulversuch sei, eine wirkliche Gesamtschule sehe anders aus. Es bestünde "Null Bedarf für einen weiteren Schulversuch", meinte etwa die Schulsprecherin der Wiener Grünen, Susanne Jerusalem. Die einst so hitzige Diskussion ist ermüdet.

"Nebenkriegsschauplatz Gesamtschule"

Doch wie Andreas Salcher, Autor des Buches "Der talentierte Schüler und seine Feinde" (Ecowin, 2008) fast resümierend betont, spreche zwar einiges für, manches auch gegen die Gesamtschule, auf alle Fälle sei die Debatte zu einem "Nebenkriegsschauplatz" geworden und lenke von wichtigeren Fragen ab: etwa die Lehrerausbildung oder die Art des Unterrichts und Begabungsförderung des einzelnen Schülers und der einzelnen Schülerin. In puncto Lehrerausbildung will Schmied zwar ebenso tätig werden - sie kündigt ein neues Dienstrecht an, eine Aufnahmeprüfung für angehende Lehrer sowie höhere Einstiegsgehälter und alternative Karrieremöglichkeiten - eine gemeinsame Ausbildung für AHS- und Pflichtschullehrer wird nicht angestrebt. Eine universitäre Ausbildung von Kindergartenpädagogen wird zwar angekündigt, unterliegt aber der Einschränkung: "Nur, wenn noch Geld vorhanden". Auch diese Forderungen werden von manchen Bildungsexperten schon lange erhoben, etwa von der Volksschuldirektorin Andrea Rieß, deren Schule in der Pfeilgasse im achten Wiener Bezirk im vergangenen Jahr für Begabungsförderung ausgezeichnet wurde (Seite 23). Auch Salcher meint: Kindergartenpädagoginnen und -pädagogen käme eine besondere Verantwortung zu, würde doch in diesen ersten Jahren das Fundament für Bildung gelegt. Vorschulischer Förderung wurde in letzter Zeit mehr Beachtung geschenkt, vor allem ausgelöst durch mangelnde Deutschkenntnisse von Kindern aus Migrantenfamilien. Nun wird um die Umsetzung eines verpflichtenden letzten Kindergartenjahres gerungen. Während die einen kritisieren, dass ein Jahr verpflichtend zu wenig sei, geben andere zu bedenken, dass die Kindheit zunehmend "verschult" werde. Alles scheint sich wieder um die Kernfragen zu drehen: Wie wird diese Frühförderung gestaltet, welche Rolle nehmen die Pädagogen ein und welche Ziele werden gesteckt? Werden Begabungen entdeckt und gefördert, wird der Lerntrieb weiter angefeuert? Oder wird bloß auf ein gutes Abschneiden bei Bildungstests geachtet? An ihnen kommt niemand vorbei: Schmied hat auf das mäßige bis schlechte Abschneiden bei Pisa und Co. ebenso reagiert. Es wurden Bildungsstandards entwickelt, die nun implementiert werden. "Wir haben eindeutig ein Qualitätssicherungsproblem", sagt Schmied und betont, sich viel von der Einführung der Bildungsstandards zu erwarten. Diese sollen gewähren, dass alle Schulen eine vergleichbare Qualität anbieten würden. Andrea Rieß, Reformpädagogin und VS-Direktorin, sieht darin keinen Widerspruch zur individuellen Förderung, wo nicht alle Schüler zum gleichen Zeitpunkt dasselbe können müssen. "Die Standards bilden nur einen Rahmen. Es heißt noch lange nicht, dass man mit allen Kindern frontal dahin marschieren muss."

Was ist Allgemeinwissen?

Hier knüpft die wichtige Frage an, was eigentlich noch als Allgemeinwissen gelten könne - diese Diskussion mahnte etwa der ehemalige Wiener Stadtschulrat Kurt Scholz ein. Man kommt an dieser Stelle auch an der Frage nach der passenden Gewichtung der einzelnen Fächer und Kompetenzen nicht vorbei, kurz: Fachwissen versus soziale und künstlerische Kompetenzen. Claudia Schmied setzt einige Initiativen für Kunstförderung ebenso wie für Gewaltprävention oder auch für bessere Leistungen in naturwissenschaftlichen Fächern. Wie all diese Ansprüche noch meistern - Lehrer und Schüler, wo zudem Lehrer klagen, dass immer mehr Erziehungsaufgaben auf sie zurückfallen würden? Die Schule der Zukunft steht vor enormen Herausforderungen - oder vor einer altbekannten: Ein Kind, das nicht lernen will, lernt nichts, auch wenn es erfolgreich Fakten einstudiert; ein Kind, das lernen will, lernt alles, auch wenn es vielleicht nicht jeden Pisa-Test blendend meistert. Es wird das Leben meistern.

Auf Knopfdruck den vorgegebenen Takt und Stoff studieren oder dem individuellen Tempo und Talent freien Lauf lassen. Wohin bewegt sich unser Bildungssystem?

Beobachtet man Kleinkinder beim Lernen, könnte man beinahe zu radikalen Ansichten gelangen: Was braucht es noch die herkömmliche Schule und Lehrer, bleibt nur bloß der unbändige und unstillbare Hunger nach Neuem und Wissen so stark erhalten, wie er in diesem Alter beobachtbar ist. Die Kinder werden nicht müde zu fragen, begeistert und mit leuchtenden Augen hören sie zu, wenn man aus Sachbüchern vorliest oder Geschichten erzählt und wehe man hört damit auf! Es bräuchte also nur kundige und verantwortungsvolle Lernbegleiter, die die Kinder dahin führen, was fürs Leben in der modernen Gesellschaft wesentlich ist, und den Rest machen sie selbst - je nach individueller Begabung, Tempo und Interesse, bliebe nur dieser Lerntrieb so lebendig. Geht es wirklich so einfach?

Diese radikale These ist weder neu noch passé - sie bildet immer wieder den Kern einer von mehreren Argumentationen in der Schuldiskussion, die sich dreht und dreht und dennoch wenig bewegt. Wo stehen wir heute? Wo verlaufen die aktuellen Debatten und welche Probleme werden erst gar nicht mehr berührt? Manche Probleme unseres Bildungssystems wurden nun unisono erkannt, sind sie doch kaum mehr leugbar und werden regelmäßig mit den ernüchternden Ergebnissen internationaler Bildungstests wiedergekäut: Zu viele Kinder sitzen in der falschen Schule, soziale Herkunft entscheidet immer noch über die Auswahl des Schultyps, in kaum einem anderen EU-Land ist der Leistungsunterschied zwischen einheimischen und zugewanderten Kindern so groß wie hierzulande. Spätestens mit dem Eintritt in die Sekundarstufe besteht zunehmend die Gefahr, dass der einst so überschwängliche Lerntrieb umschlägt in Lernfrust und Angst. Nachhilfeunterricht hingegen floriert.

Unterrichtsministerin Claudia Schmied wird von vielen Experten attestiert, die Probleme erkannt und richtige Schritte gesetzt zu haben und zu setzen, doch auch sie musste einsehen, dass Bewegung nur in Minischritten möglich und mit viel Gegenwehr zu rechnen ist. Studiert man die Vorhaben der Regierung im Bildungsbereich, wird eines klar: Eine wirkliche Aufbruchsstimmung sieht anders aus. Aber sie bewegt sich doch, die österreichische Schule, zumindest im Kleinen, durch viele engagierte Lehrer und deren Projekte. Und im Großen? Irrwege? Anfänge? Die Neue Mittelschule, mit diesem Schuljahr angelaufen, wird sich im kommenden Jahr von 67 auf 206 Standorte verdreifachen. Das Schulprojekt der gemeinsamen Schule für zehn- bis 14-Jährige verspricht eine bessere individuelle Förderung, Kritiker wenden ein, dass die Neue Mittelschule nur ein weiterer Schulversuch sei, eine wirkliche Gesamtschule sehe anders aus. Es bestünde "Null Bedarf für einen weiteren Schulversuch", meinte etwa die Schulsprecherin der Wiener Grünen, Susanne Jerusalem. Die einst so hitzige Diskussion ist ermüdet.

"Nebenkriegsschauplatz Gesamtschule"

Doch wie Andreas Salcher, Autor des Buches "Der talentierte Schüler und seine Feinde" (Ecowin, 2008) fast resümierend betont, spreche zwar einiges für, manches auch gegen die Gesamtschule, auf alle Fälle sei die Debatte zu einem "Nebenkriegsschauplatz" geworden und lenke von wichtigeren Fragen ab: etwa die Lehrerausbildung oder die Art des Unterrichts und Begabungsförderung des einzelnen Schülers und der einzelnen Schülerin. In puncto Lehrerausbildung will Schmied zwar ebenso tätig werden - sie kündigt ein neues Dienstrecht an, eine Aufnahmeprüfung für angehende Lehrer sowie höhere Einstiegsgehälter und alternative Karrieremöglichkeiten - eine gemeinsame Ausbildung für AHS- und Pflichtschullehrer wird nicht angestrebt. Eine universitäre Ausbildung von Kindergartenpädagogen wird zwar angekündigt, unterliegt aber der Einschränkung: "Nur, wenn noch Geld vorhanden". Auch diese Forderungen werden von manchen Bildungsexperten schon lange erhoben, etwa von der Volksschuldirektorin Andrea Rieß, deren Schule in der Pfeilgasse im achten Wiener Bezirk im vergangenen Jahr für Begabungsförderung ausgezeichnet wurde (Seite 23). Auch Salcher meint: Kindergartenpädagoginnen und -pädagogen käme eine besondere Verantwortung zu, würde doch in diesen ersten Jahren das Fundament für Bildung gelegt. Vorschulischer Förderung wurde in letzter Zeit mehr Beachtung geschenkt, vor allem ausgelöst durch mangelnde Deutschkenntnisse von Kindern aus Migrantenfamilien. Nun wird um die Umsetzung eines verpflichtenden letzten Kindergartenjahres gerungen. Während die einen kritisieren, dass ein Jahr verpflichtend zu wenig sei, geben andere zu bedenken, dass die Kindheit zunehmend "verschult" werde. Alles scheint sich wieder um die Kernfragen zu drehen: Wie wird diese Frühförderung gestaltet, welche Rolle nehmen die Pädagogen ein und welche Ziele werden gesteckt? Werden Begabungen entdeckt und gefördert, wird der Lerntrieb weiter angefeuert? Oder wird bloß auf ein gutes Abschneiden bei Bildungstests geachtet? An ihnen kommt niemand vorbei: Schmied hat auf das mäßige bis schlechte Abschneiden bei Pisa und Co. ebenso reagiert. Es wurden Bildungsstandards entwickelt, die nun implementiert werden. "Wir haben eindeutig ein Qualitätssicherungsproblem", sagt Schmied und betont, sich viel von der Einführung der Bildungsstandards zu erwarten. Diese sollen gewähren, dass alle Schulen eine vergleichbare Qualität anbieten würden. Andrea Rieß, Reformpädagogin und VS-Direktorin, sieht darin keinen Widerspruch zur individuellen Förderung, wo nicht alle Schüler zum gleichen Zeitpunkt dasselbe können müssen. "Die Standards bilden nur einen Rahmen. Es heißt noch lange nicht, dass man mit allen Kindern frontal dahin marschieren muss."

Was ist Allgemeinwissen?

Hier knüpft die wichtige Frage an, was eigentlich noch als Allgemeinwissen gelten könne - diese Diskussion mahnte etwa der ehemalige Wiener Stadtschulrat Kurt Scholz ein. Man kommt an dieser Stelle auch an der Frage nach der passenden Gewichtung der einzelnen Fächer und Kompetenzen nicht vorbei, kurz: Fachwissen versus soziale und künstlerische Kompetenzen. Claudia Schmied setzt einige Initiativen für Kunstförderung ebenso wie für Gewaltprävention oder auch für bessere Leistungen in naturwissenschaftlichen Fächern. Wie all diese Ansprüche noch meistern - Lehrer und Schüler, wo zudem Lehrer klagen, dass immer mehr Erziehungsaufgaben auf sie zurückfallen würden? Die Schule der Zukunft steht vor enormen Herausforderungen - oder vor einer altbekannten: Ein Kind, das nicht lernen will, lernt nichts, auch wenn es erfolgreich Fakten einstudiert; ein Kind, das lernen will, lernt alles, auch wenn es vielleicht nicht jeden Pisa-Test blendend meistert. Es wird das Leben meistern.