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Schulendspurt

DISKURS
Spielmann - © Foto: Getty Images / Heritage Images / Fine Art Images

Lernprobleme: Kannst du nicht oder willst du nicht?

1945 1960 1980 2000 2020

Wer der Schule die alleinige Verantwortung aufbürdet, degradiert Kinder zu Objekten des Bildungsprozesses. Über das Erfordernis einer individuellen Spurensuche.

1945 1960 1980 2000 2020

Wer der Schule die alleinige Verantwortung aufbürdet, degradiert Kinder zu Objekten des Bildungsprozesses. Über das Erfordernis einer individuellen Spurensuche.

Die Klassiker der Literatur sind bei weitem nicht so „verstaubt“, wie es eine oberflächliche Fortschrittsrhetorik behauptet. Im Gegenteil. Ein Werk wird deswegen zum Klassiker, weil es staubfrei geblieben ist und immer wieder mit Gewinn gelesen werden kann. Als überzeugendes Beispiel verweise ich auf Franz Grillparzers Novelle „Der arme Spielmann“ (1848), eine Geschichte über das Scheitern in sittlicher Schönheit.

Der Straßenmusikant Jakob bewahrt seine menschliche Würde, obwohl in seinem Leben vieles misslungen ist, teils aufgrund ungünstiger Umstände, teils aus Unfähigkeit, aber nie aus mangelndem gutem Willen. Jakob ist der Sohn eines hohen Staatsbeamten. Seine zwei Brüder absolvieren souverän die Schullaufbahn, er hingegen scheitert kläglich. „Mich nannte man einen langsamen Kopf“, erzählt er und benennt damit bereits eine pädagogische Problemstelle. Jakob wird kategorisiert, in Schule und Familie negativ punziert, das Fremdbild des „langsamen Kopfes“ wird zum hemmenden Selbstbild.

System grosso modo als Sündenbock

Tatsächlich hat Jakob eine folgenschwere Schwäche. Fehlt ihm bei Prüfungen ein einziges Wort, gerät er dermaßen unter Stress, dass ihm gar nichts mehr einfällt. Selbst bei einer geschobenen Prüfung versagt er. Der autoritäre Vater, der bei der Prüfung anwesend ist (der nächste pädagogische Missgriff!), bestraft den gescheiterten Sohn mit Liebesentzug. Verbale Abwertung, Bestechung eines Lehrers und emotionale Härte gegen das gescheiterte Kind - schlimmere Fehler kann man in der Elternrolle eigentlich nicht machen. Ein weiterer Fehler des Vaters besteht darin, dass er dem Wunsch des Sohns, ein Handwerk zu erlernen, aus Prestigegründen nicht entspricht.

Die Klassiker der Literatur sind bei weitem nicht so „verstaubt“, wie es eine oberflächliche Fortschrittsrhetorik behauptet. Im Gegenteil. Ein Werk wird deswegen zum Klassiker, weil es staubfrei geblieben ist und immer wieder mit Gewinn gelesen werden kann. Als überzeugendes Beispiel verweise ich auf Franz Grillparzers Novelle „Der arme Spielmann“ (1848), eine Geschichte über das Scheitern in sittlicher Schönheit.

Der Straßenmusikant Jakob bewahrt seine menschliche Würde, obwohl in seinem Leben vieles misslungen ist, teils aufgrund ungünstiger Umstände, teils aus Unfähigkeit, aber nie aus mangelndem gutem Willen. Jakob ist der Sohn eines hohen Staatsbeamten. Seine zwei Brüder absolvieren souverän die Schullaufbahn, er hingegen scheitert kläglich. „Mich nannte man einen langsamen Kopf“, erzählt er und benennt damit bereits eine pädagogische Problemstelle. Jakob wird kategorisiert, in Schule und Familie negativ punziert, das Fremdbild des „langsamen Kopfes“ wird zum hemmenden Selbstbild.

System grosso modo als Sündenbock

Tatsächlich hat Jakob eine folgenschwere Schwäche. Fehlt ihm bei Prüfungen ein einziges Wort, gerät er dermaßen unter Stress, dass ihm gar nichts mehr einfällt. Selbst bei einer geschobenen Prüfung versagt er. Der autoritäre Vater, der bei der Prüfung anwesend ist (der nächste pädagogische Missgriff!), bestraft den gescheiterten Sohn mit Liebesentzug. Verbale Abwertung, Bestechung eines Lehrers und emotionale Härte gegen das gescheiterte Kind - schlimmere Fehler kann man in der Elternrolle eigentlich nicht machen. Ein weiterer Fehler des Vaters besteht darin, dass er dem Wunsch des Sohns, ein Handwerk zu erlernen, aus Prestigegründen nicht entspricht.

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„Wenn ein Schüler versagt, hat die Schule versagt.“ Dieser schneidige Satz geht auf Andreas Schleicher, den Bildungsdirektor der OECD, zurück, und es gibt wohl nur wenige Sätze zum Thema Schule, die dermaßen plakativ die Wirklichkeit und ihre Komplexität verfehlen. Dass Schleichers Satz dennoch oft zitiert wird, verwundert nicht. Die Verantwortung wird der Schule aufgebürdet, die anderen Beteiligten, Schüler wie Eltern, sind entlastet und können nichts dafür.

Die verhängnisvolle Logik hinter Schleichers Satz verdrängen seine begeisterten Claqueure. Kinder werden durch diese Phrase zu bloßen Objekten des Bildungsprozesses degradiert, aus denen Schule etwas zu machen hat, so wie Betriebe mehr oder weniger gelungene Produkte herstellen. Dabei wäre vorerst einmal zu fragen, wer oder was überhaupt „die Schule“ ist. Die konkrete einzelne Schule? Die Lehrkraft? Die Schulleiterin? Oder gar das Schulsystem grosso modo?

Insbesondere im sozialdemokratischen Bildungsdiskurs besteht eine starke Neigung, dem „System“ die Hauptschuld für schwache Schulleistungen anzuhängen. Dieser sozialistische Glaube an das „richtige“ System, das dem Einzelnen die Verantwortung abnimmt, erklärt den bildungspolitischen Tunnelblick auf die „gemeinsame Schule der 10-bis 14-Jährigen“. Die Hoffnungen, die mit einem Systemwechsel verbunden werden, dürften aber stark überzogen sein.

Um einen Schüler ins Prüfungsziel zu begleiten, ist es sogar kontraproduktiv, ihm jeden Schritt vorzugeben, den er auf dem Weg dahin machen soll.

Die mit Recht berühmt gewordene Hattie-Studie kommt zum Ergebnis, dass dem System, wenn es um Schulerfolg geht, eine eher marginale Rolle zukommt. Weitaus einflussreicher ist die Lehrerpersönlichkeit. Ebenso wichtig wie fachliche und didaktische Kompetenz ist ein reflektiertes Kommunikationsverhalten. Sprache vermittelt Information, Sprache gestaltet aber auch Beziehung. Je bewusster Lehrerinnen und Lehrer mit ihr umgehen, umso mehr steigt die Chance auf geglückte Lernprozesse.

Wiederholt habe ich in meinen vierzig Berufsjahren als Lehrer und Direktor die Erfahrung gemacht, dass auch gutmeinende, schülerfreundliche Lehrkräfte nicht davor gefeit sind, Kommunikationsfehler zu machen, zum Beispiel die allzu fürsorgliche Gängelung des Schülers im Prüfungsgespräch. Um einen Schüler ins Prüfungsziel zu begleiten, ist es nicht nur überflüssig, sondern sogar kontraproduktiv, ihm jeden Schritt vorzugeben, den er auf dem Weg dahin machen soll. Dieses ständige Intervenieren verunsichert Prüfungskandidaten und bringt sie im dümmsten Fall zum Schweigen.

Auch die beste Pädagogik und Didaktik findet ihre Grenzen am Eigenwillen der Schülerinnen und Schüler; und das ist grundsätzlich gut so. Die Vorstellung, eine Art Unterrichtstechnologie zu entwickeln, die als Indoktrinationsinstrument immer und überall erfolgreich ist, sollte uns eher erschrecken, als Hoffnung machen. Denn funktionieren könnte sie nur durch die manipulative Steuerung und Entmündigung lernender Menschen. Schulpädagogische Experimente, die in China bereits angestellt werden, weisen in diese Richtung. Sie widersprechen zutiefst unserer humanistischen Bildungstradition, die den freien Willen zur Selbstbildung als Inbegriff menschlicher Würde betrachtet.

Der (wahre) Grund negativer Noten

„Kannst du nicht oder willst du nicht?“ Das ist oft die Gretchenfrage, die Schule und Eltern an Kinder und Jugendliche stellen, die am Ende eines Schuljahres mit negativen Noten dastehen. Mit völliger Sicherheit können diese Frage nicht einmal die Betroffenen selbst beantworten, aber mit einer vernunftgeleiteten Diagnose kann man dem Problem und seiner Lösung näherkommen.

Das gemeinsame Gespräch, ehrlich und angstfrei, sachlich und wertschätzend, ist der kommunikative Rahmen, in dem sich betroffene Schülerinnen und Schüler mit Fragen wie diesen beschäftigen sollen: Was nehme ich aus dem Unterricht mit? Dürfte es vielleicht ein bisserl mehr sein? Wie halte ich es mit meinen Hausaufgaben? Was hindert mich daran, sie zu erledigen? Wie sieht meine Selbstorganisation aus? Woran scheitere ich regelmäßig? Warum? Wer könnte mir auf welche Weise helfen? Lehrer, Eltern, Freunde, Freundinnen, Geschwister, Verwandte?

Spätestens in der Sekundarstufe II ist auch die Frage nach den eigenen Zielen wichtig. Manche Schüler mit Leistungsproblemen sind in der falschen Bildungslaufbahn gelandet, weil sie mehr der Gewohnheit oder dem Vorbild von Freunden gefolgt sind, als den eigenen Interessen und Stärken. Manchmal steht man auch als erfahrener, reflektierender Pädagoge ratlos vor einer mysteriösen Situation. Man weiß: Dieser junge Mann wäre kognitiv imstande, problemlos zur Matura zu kommen. Das Elternhaus kümmert sich um ihn, die Englisch-Lehrerin erstellt ein brauchbares Übungsprogramm für den Sommer. Sogar einen Nachhilfelehrer gibt es. Der Schüler selbst erklärt seine Versäumnisse völlig realistisch und weiß, was sich ändern muss.

Alles gut? Nein, zwei Monate später rasselt er durch die Wiederholungsprüfung. Will er ganz einfach nicht? Abwarten, die Geschichte geht weiter: Zwei Jahre später maturiert er erfolgreich – mit einem Gut in Englisch: Wie war das möglich? Ganz einfach, er hatte seit einem Jahr eine amerikanische Freundin. Starke Leidenschaften sind bisweilen wirkungsvoller als alle Kunst der Pädagogen. Auf meine Frage, was ihn gehindert habe, diese Disziplin und Lernfreude schon früher aus eigener Kraft zu entwickeln, meinte er: „Ich glaube, da hab ich noch nicht wollen können.“ Mag sein, vielleicht hat er aber auch nicht können wollen. Pädagogik ist ein weites Feld.

Der Autor war bis 2016 Direktor des Georg von Peuerbach-Gymnasiums in Wien-Urfahr und ist Literaturkritiker sowie Lehrbeauftragter für Literaturwissenschaft an der Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz. Zuletzt erschienen: „Im Heizhaus der sozialen Wärme“ (Otto Müller).

Lesen Sie zu diesem Thema auch: "Bildungsgerechtigkeit: Die Bedingungen des Gelingens" von Katharina Tiwald.

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