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Wogende Debatte um die Schulreformen

Es ist zu kurz gegriffen, das enorme Interesse an der Debatte um die Schulreform lediglich damit zu erklären, alle und jeder seien einmal in einer Schule gewesen, hätten daran die eine oder andere Erinnerung, aus der sie nun Rezepturen, gar Revanche ableiten würden. Die Schule und die Bildungspolitik sind nämlich nicht Exerzier- und Versuchsfeld unterschiedlich kompetenter Bildungspolitiker sondern jene Bereiche, in denen sich die Fähigkeit jedes Einzelnen zur Bewältigung der Existenz und Gestaltung des Lebens entwickeln sollte. Darum geht es an den Schulen, selbst wenn – bitter genug – Fragen des Dienst- und Besoldungsrechtes die politischen Gespräche überschatten, ja sogar beherrschen. Daher bleibt DIE FURCHE diesem zentralen gesellschaftspolitischen Thema publizistisch verpflichtet. Die Redaktion kennt, wie die meisten, das einzig richtige System nicht. Gerade deswegen ist es zu diskutieren. (red)

„Nagel auf den Kopf getroffen!“

Dr. Josef Pühringer

Landeshauptmann von Oberösterreich

Selten habe ich einen so guten, fundierten und auf den Kern der Sache konzentrierten Artikel über die laufende Schuldiskussion gelesen, wie in der letzten Ausgabe der Furche vom 24. Juni 2010 von Prof. Dr. Christian Schacherreiter. Gratulation dazu!

Auch mir geht die Einteilung: Da die Guten (Gesamtschulbefürworter, reformfreudige Leute mit Visionen) und auf der anderen Seiten die „Betonschädeln“ - Bewahrer, Reformverhinderer, Blockierer, weil sie für das differenzierte Schulsystem eintreten, ziemlich auf die Nerven.

Die Diskussion geht am Wesentlichen grundlegend vorbei.

Um es gleich vorweg zu sagen: Ich habe nichts dagegen, wenn durch Schulversuche neue Modelle erprobt werden. Aber ich habe alles dagegen, wenn am Beginn eines Schulversuches, wie jetzt bei der Neuen Mittelschule, von deren Befürwortern das bestehende Schulsystem schlecht gemacht wird. Das verdienen sich weder das Schulsystem und schon gar nicht die engagierten Lehrerinnen und Lehrer.

Auch der Name „Neue Mittelschule“ ist äußerst irritierend. Er lässt die Assoziation zu, dass die anderen die Alten sind, womöglich die Gestrigen - völlig zu Unrecht.

Bevor sich das Neue, das in Versuchen erprobt wird, nicht als das Bessere erwiesen hat, ist es unfair, das Alte zu verteufeln.

Außerdem ist ein echter Ergebnisvergleich mit der neuen Mittelschule auch in fünf Jahren nicht möglich, da die neue Mittelschule Zusatzressourcen (sechs Wochenstunden) erhalten hat, während die Regularschulen, die damit verglichen werden, mit den bisherigen Ressourcen auskommen müssen. Das ist unfair.

Um nicht missverstanden zu werden: Ich bin nicht gegen Schulversuche, aber ich bin für Fairness in einer Welt, die sich so rasch wandelt wie heute. Da muss sich auch die Schule verändern. Das ist keine Frage.

Ich denke aber, dass es wichtigere Dinge gibt in der Veränderung der Schule. Ich möchte sie kurz nennen: Weg von der defizitorientierten Schule, hin zu Talenteschule.

Die Schule der Zukunft muss an die Schüler weit öfter die Frage stellen: Was kannst Du, was sind Deine Stärken, was sind Deine Fähigkeiten? Die wollen wir stärken und weniger oft die Frage stellen, was kannst Du nicht, was sind Deine Defizite und Schwächen und auf denen reiten wir herum.

„Die Sachen klären und die Menschen stärken“, sagt Hartmut von Hentig. Das Stärken der Menschen ernst nehmen, heißt auch die Talente, Fähigkeiten und Neigungen der Schüler mehr zu berücksichtigen.

Wieso kann nicht ein Sprachentalentierter in den Sprachen 130 % oder 150 % des Lehrplans erfüllen und dafür in naturwissenschaftlichen Fächern eben nur 70 % bringen müssen und trotzdem die Maturareife erreichen?

15 % der Schülerinnen und Schüler eines Jahrganges in Oberösterreich haben nur eine Pflichtschulausbildung oder erreichen auch dort nicht die letzte Schulstufe. Diese Gruppe hat ein ganzes Leben lang wesentlich höhere Risiken am Arbeitsmarkt zu tragen.

Die aktuelle Arbeitsmarktstatistik des Landes Oberösterreich zeigt, dass 50 % der derzeit Arbeitslosen aus dieser kleinen Gruppe von 15 % kommen. Daher sollten wir überlegen, nach einer neunjährigen Schulpflicht auch eine dreijährige Ausbildungspflicht zu verankern. Sie trifft ohnedies nur mehr die 15 %, die aber ein sechsmal so hohes Risiko haben, arbeitslos zu werden, als jene, die eine Lehre abgeschlossen haben.

Ob man mit zehn Jahren bereits das Aussortieren der Schüler vornimmt, ist eine ernst zu nehmende Frage. Allerdings ist mit 14 Jahren, wie Christian Schacherreiter richtig darstellt, auch kein optimaler Zeitpunkt. Man sollte auch die Verlängerung der Volksschulzeit auf fünf oder sechs Jahre ernsthaft diskutieren.

Alles darf diskutiert werden. Es darf keine Denkverbote geben und auch keine Nachdenkpausen (beim Denken sollte man nie Pause machen), aber es darf auch kein Diffamieren des bisherigen Schulsystems geben. Das haben sich vor allem die engagierten Lehrerinnen und Lehrer nicht verdient, denn der Prozentsatz derer, die im Lehrberuf sind und dort nicht hingehören, ist relativ klein. Allerdings sollte man auch Möglichkeiten finden, Lehrerinnen und Lehrer, die für diesen Beruf nicht geeignet sind, aus dem System wieder herauszubringen. Das halte ich für eine ganz entscheidende Frage für die Qualität der Schule in Zukunft, die untrennbar mit der Qualität der Lehrerinnen und Lehrer verbunden ist.

Die Vertreter der Gesamtschule sind keine dummen Revoluzzer, aber auch die Vertreter eines differenzierten Schulsystems sind keine verbohrten „Betonschädel“. Das Thema Bildung ist zu ernst und zu wichtig. Es ist das Zukunftsthema eines Landes schlechthin. Wir brauchen eine qualitätsvoll und respektvoll geführte Bildungsdiskussion.

Ein naiver Machbarkeitswahn

Von Alois Baumgartner, Innsbruck

„In der Diskussion um die gemeinsameSchule der Kinder bis 14 Jahre liegen alle Argumente pro und kontra auf dem Tisch“, schreibt Frau Regine Bogensberger.

Sehen wir die Fakten an: In Frankreich und England liegt die Gesamtschule am Boden. Eltern, die die Zukunft ihrer Kinder fördern wollen, zahlen Unsummen für Privatschulen. Das hochgelobte Finnland hat eine um ein vielfaches höhere Jugendarbeitslosigkeit als Österreich.

Besonders interessant ist Deutschland. Hier wird in allen Studien die deutliche Überlegenheit des differenzierten Schulsystems über die Gesamtschule ausgewiesen. In der Leistung weit hinter dem differenzierten Schulsystem, ist es auch mit sozialer Gerechtigkeit in der Gesamtschule nicht weit her. „Die Gesamtschule schafft unterm Strich nicht mehr Bildungsgerechtigkeit als die Schulen des gegliederten Schulsystems“, schreibt Helmut Fend in der Wochenzeitung „Die Zeit“.

Vielleicht sollten unsere Redakteurinnen einmal über den Zaun schauen und bei ihren Recherchen nicht nur die Presseaussendungen der Bildungsministerin und ihren „Experten“, sondern auch den Bildungsdiskurs in den deutschen Qualitätsmedien, wie „Die Zeit“, „Der Spiegel“ etc. verfolgen. Da ist man schon weit entfernt vom naiven Machbarkeitswahn einer ideologisch geforderten Gesamtschule. Man weiß auch Bescheid um die Qualität universitär ausgebildeter Lehrer im AHS-Bereich. Nur in Österreich wollen manche „Experten“ und Frau Bogensberger eine einheitliche „Lehrerausbildung“ vom Kindergarten bis zur Matura. Wenn man diese Idee konsequent fertig denkt, so müsste man die Lehrenden der Hochschulen und Universitäten auch noch einbeziehen. Der Expertenbericht zur gemeinsamen Ausbildung aller Lehrer ist das Papier nicht wert, auf dem er gedruckt wurde.

Das österreichische Schulsystem ist nicht schlecht und wenn man die Ergebnisse von Wien aus PISA und sonstigen Studien herausrechnet, sogar ausgezeichnet!

Von frühzeitigen Warnungen der Wiener Lehrer nichts gelernt habend, will man den Eintopf über ganz Österreich ausschütten. „Außer ignoranten Ideologen nützt dies [ Anmerkung: eine Gesamtschule über das zehnte Lebensjahr hinaus] niemandem, am wenigsten der heutigen Jugend“, schreibt Univ. Prof. Dr. Kurt Heller am 21. Jänner 2010 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Die Schule ist nicht die Ursache für die vielen Stunden an Nachhilfe

Von Johann Brandstötter,

per E-Mail

Mich erstaunt der Aufschrei der Arbeiterkammer und anderer „Experten“ über die Inanspruchnahme von Nachhilfe durch Schüler bzw. Eltern praktisch aller Schulformen. Ich sehe dies nur als logische Konsequenz einer Entwicklung, die typisch für eine Dienstleistungsgesellschaft ist. Aufgaben und Arbeiten, die früher im Familienverband erledigt wurden, werden nun an entsprechende Anbieter von Dienstleistungen übertragen, weil man sich die Arbeit nicht antun will oder keine Zeit dafür hat. Das fängt beim Kochen an (Warum wohl boomen Fertig- oder Halbfertigprodukte?), geht übers Rasenmähen bis zur Pflege des Swimmingpools und hört anscheinend bei der Nachhilfe auf. In den USA sind die meisten Bewohner sogar sehr stolz darauf, sich möglichst viele „Services“ leisten zu können.

Ein weiteres Argument, warum ich die Aufregung nicht verstehe, liefert eine andere Studie der Arbeiterkammer. Demnach geben österreichische Haushalte um ein Drittel mehr Geld für Glücksspiele aus als für Bildung.

Fazit: Aus der Nachfrage nach Nachhilfe ein Versagen der Schule ableiten zu wollen, ist wesentlich zu kurz gedacht.

Einige Beobachtungen zur Qualität der Schulen

Von Kurt Strohmaier, Graz

Tatsche ist, dass das aktuelle Zeitalter einen Verdrängungswettbewerb auch in der Schule generiert. Um die Aufnahme an einer vermeintlich elitären Schule erreichen zu können, schicken die Eltern von guten Schülern auch diese in die Nachhilfe, damit sie die allerbeste Note bekommen. Statt im Wege des Do-it-yourself zu Hause bei der Überprüfung der Aufgaben mitzuhelfen, wird diese Wissensvermittlung im Stile der aktuellen wirtschaftlichen Dogmen outgesourced und die Eltern können somit bei ihren Kernkompetenzen verweilen (Golf, Tennis, Wichtig-machen als Elternvertreter in der Schule usw. ...). Banal ist der Vergleich ja wohl, denn es liegt auf der Hand, dass Unterricht in Kleingruppen erfolgreicher verläuft als in überfüllten Schulklassen. Wer ist bereit, das gleiche Geld, welches für die Nachhilfe ausgegeben wird in die Infrastruktur der Schulen zu stecken? Wobei für mich an der Schule meiner Kinder sehr auffällig ist, dass jene Kinder, welche die Nachmittagsbetreuung genießen, da die Eltern kaum Zeit für sie aufbringen können, in ihrem Benehmen ein auffälliges Verhalten an den Tag legen, wobei die Betreuung tipptopp ist, da diese eine Privatschule anbietet. Auch an dieser Privatschule gibt es viele Kinder aus bildungsferneren Schichten, wo die Familie bis hin zu den Großeltern gemeinsam zahlt, um sich das Schulgeld leisten zu können und einen Bogen um öffentliche Schulen machen zu können.

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