6881374-1979_10_16.jpg
Digital In Arbeit

Das reformierte Kind

19451960198020002020

Es geht hier - im Jahr des Kindes - um die Darstellung der Gesamtschule vor allem aus der Sicht des Kindes. Erleichtert die Gesamtschule den Einstieg der Jugendlichen in die Erwachsenenwelt? Oder werden die Kinder schon mit zehn Jahren in die Welt der Aggression, der Nivellierung und des Neides gezwungen? Müssen bereits die Kleinen den Konkurrenzkampf erlernen? Oder sind dies alles Übergangsphänomene auf dem Weg in die heile Welt des sozialen Gleichklangs? Mark Twain sah es skeptisch: „Erziehen ist die organisierte Verteidigung der Erwachsenen gegen die Jugend.“ Was würde er wohl heute sagen?

19451960198020002020

Es geht hier - im Jahr des Kindes - um die Darstellung der Gesamtschule vor allem aus der Sicht des Kindes. Erleichtert die Gesamtschule den Einstieg der Jugendlichen in die Erwachsenenwelt? Oder werden die Kinder schon mit zehn Jahren in die Welt der Aggression, der Nivellierung und des Neides gezwungen? Müssen bereits die Kleinen den Konkurrenzkampf erlernen? Oder sind dies alles Übergangsphänomene auf dem Weg in die heile Welt des sozialen Gleichklangs? Mark Twain sah es skeptisch: „Erziehen ist die organisierte Verteidigung der Erwachsenen gegen die Jugend.“ Was würde er wohl heute sagen?

Helle, große Fenster geben den Blick frei nach draußen. Ein großzügig angelegtes Gebäude an der Grenze zu Wien-Atzgersdorf, aus grauen Steinquadern mit der Aufschrift:

BUNDESREALGYMNASIUM INTEGRIERTE GESAMTSCHULE BUNDESHANDELSAKADEMIE . Integrierte Gesamtschule: Ein Schulversuch für Kinder zwischen 10 und 14 Jahren.

Das von den Sozialisten vertretene Modell der Gesamtschule sieht den gemeinsamen Unterricht der Zehn-bis Vierzehnjährigen ohne die bisherige Aufteilung in Hauptschule, Realgymnasium und Gymnasium vor: „An die Stelle der Hauptschule und der allgemeinbildenden höheren Schule tritt die Gesamtschule“ (Studie der Kammer für Arbeiter und Angestellte Wien, Juni 1978). In den Pflichtfächern Mathematik, Englisch und Deutsch wird in drei Leistungsgruppen unterrichtet (Differenzierung). Entspricht der Schüler dem Niveau einer Leistungsgruppe nicht, wird er im Halbjahr oder am Ende eines Schuljahres in die nächste Leistungsgruppe „abgestuft“ oder - im Falle einer Verbesserung - „aufgestuft“. Auf dem Stundenplan stehen Pflicht-, Wahlpflicht- und Neigungsfächer.

Grundgedanke der Reformer ist es, „das Bildungswesen unter das Kriterium der Förderung, nicht mehr der Auslese“ zu stellen. Soziale Integration, Chancengleichheit für alle, Vermeidung verfrühter Bildungsentscheidungen und Durchlässigkeit (das heißt: ständige Korrigierbarkeit nach Neigungen und Fähigkeiten) sind neben der Verringerung der Zahl jener Schüler, die Klassen wiederholen müssen, einige der erzieherischen Forderung an die Integrierte Gesamtschule (IGS).

Dagegen steht die Forderung der Volkspartei nach einer „Neuen Hauptschule“ mit Leistungsgruppen

„Die Gymnasialschichten sind in den Gesamtschulversuchen nicht vertreten“

und ohne den diskriminierenden zweiten Klassenzug. Die Langform der allgemeinbildenden höheren Schule soll - so die ÖVP - unverändert beibehalten werden.

Kühl, sachlich, sauber - insgesamt nicht unsympathisch - mutet den Besucher die einzige echte Gesamtschule Wiens in der Anton-Krieger-Gasse in Liesing an, der die Unterstufe einer allgemeinbildenden höheren Schule (AHS) eingegliedert wurde. Die übrigen zehn Gesamtschulversuche - 1977/78 nahmen rund 6000 Schüler im Raum Wien

daran teil- werden nämlich an reinen Hauptschulen durchgeführt.

Das gibt zu denken. Wie soll unter diesen Gegebenheiten soziale Integration erreicht und beobachtet werden? Die Gymnasialschichten sind in den Gesamtschulversuchen nicht vertreten. Und Direktor Walter Breiner von der IGS Liesing: „Wir haben in unserer Gesamtschule die AHS-Unterstufe deshalb integriert, um begabte Hauptschüler aufzunehmen. Potentielle Mittelschüler besuchen sowieso die umliegenden Gymnasien.“ Dazu kommt, daß die AHS-Un-terstufe in Liesing lediglich als Realgymnasium ohne Latein geführt wird - als reformierte Form der Realschule, so die vage Definition aus dem Wiener Stadtschulrat. Man könnte also meinen, hier werde unter sozialistischer Regierung das VP-Modell der „Neuen Hauptschule“ erprobt.

Es läutet. Die Pause beginnt gerade. Aus allen Klassenzimmern schwirren Mädchen und Buben. Sie stürmen das Telefon, das Büfett und bilden kleine Gruppen. Unbeschwerte, johlende Kommunikation, gleichgültig aus welchen sozialen Schichten sie stammen, welche Leistungsgruppen sie besuchen. So scheint es jedenfalls.

Allerdings, die Wirklichkeit sieht weniger integrativ aus: Die vierzehnjährige Brigitte etwa, Tochter eines Zahnarztes, wählt seit dem Eintritt in die 1. Klasse ihre Freundinnen ausschließlich aus dem Milieu ihres Elternhauses. Betriebsleiter, Pressechef, technischer Zeichner sind die Väter ihrer Kameradinnen, die Mütter zumeist Halbtagssekretärinnen: „Ich glaube, daß sich Schüler aus gleichem Milieu anfreunden. Kinder von Ärzten verkehren mit Kindern aus ähnlichen Berufs- und Bildungsschichten, wie auch Arbeiterkinder vorwiegend Freundschaften in ihren Kreisen schließen.“ Wohl kommen

„Die Klassengemeinschaft ist dahin“

die Kinder einer Stammklasse gut miteinander aus, jedoch: „Wenn wir uns unterhalten wollen, dann tun wir es innerhalb unserer Gruppe.“ Selten versuchen Mitglieder einzelner sozialer Gruppen, sich in andere Gruppen zu mischen. Brigitte besucht in allen drei Pflichtfächern die Leistungsgruppe 1, ihre Freundinnen weisen einen durchschnittlichen bis sehr guten Lernerfolg auf.

Peter aus der 3. Klasse bestätigt die sozial- und bildungsbedingten Gruppierungen: Sein Vater ist Feuerwehrmann, der Vater seines besten Freundes Rettungsfahrer und er selbst will zur Polizei. Die Berufe der

Väter seiner anderen Freunde kennt er nicht: „Das interessiert mich auch gar nicht“, kommt es spontan und bestimmt aus seinem Mund. Seine Freunde besuchen wie er Leistungsgruppe 2 in Mathematik, in den übrigen Pflichtfächern die Leistungsgruppe 3. Im Gegensatz zu den Kindern sind

Lehrer und Eltern unisono überzeugt, daß sich soziale Integration vollziehe; die Klassengemeinschaft jedoch ist dahin, wie sich eine Mutter ausdrückt. Oft sind die Schüler einer Stammklasse nur eine Stunde am Tag beisammen. Die Aufteilung der Klasse in drei Leistungsgruppen sowie die noch immer vorhandene Trennung von Mädchen und Knaben in Werkerziehung und Turnen verhindert die Entwicklung einer Gemeinschaft. Dazu kommt fallweise das Wechseln zwischen den Leistungsgruppen, so daß noch ein zusätzlicher Veränderungsfaktor hereinspielt.

Auch die Lehrkräfte wechseln: „Die IGS ist schon sehr schön, obwohl man die Lehrer nicht kennt, weil jedes Jahr ein anderer unterrichtet ...“, meinte unbekümmert ein Schüler der 3. Klasse, „unseren Klassenvorstand sehe ich zwei Stunden in der Woche und dann ist er immer sehr hektisch“. Schließlich müsse er neben dem Unterrichtsstoff sämtliche organisatorischen Aufgaben bewältigen, Entschuldigungen einsammeln und routinemäßig anfallende Probleme besprechen.

Davon weiß auch Direktor Breiner ein Lied zu singen: Von einer eigenen Klassenvorstandsstunde mußte wieder Abstand genommen werden, da die Schüler bereits zwischen 33 und 36 Stunden pro Woche die Schulsessel drücken. Und ein Mehr ist sicher zu viel. Das Problem der Bezugsperson, jenes Pädagogen also, der als Klassenvorstand quasi die Elternrolle in der Gemeinschaft übernehmen soll, ist ungelöst und muß es wohl auch bleiben.

Die extreme Durchlässigkeit des differenzierten Gruppenmodells bie-

tet wenig Möglichkeiten für menschlichen Zusammenhalt. „Dieses System erfordert reife Menschen, da von Seiten des Lehrers die menschliche Bedachtnahme auf den Schüler infolge des ständigen Wechsels nicht erfolgen kann. Es besteht wenig Beziehung zwischen Lehrer und Schüler, aber auch zwischen den einzelnen

Schülern entwickeln sich kaum engere Freundschaften“, sagt ein engagierter Hauptschullehrer, der aus diesem Grunde den Unterricht an einer Regelschule vorgezogen hat.

Bedenkt man die ungeheure Bedeutung einer Gemeinschaft als Rückhalt insbesondere für psychisch

„Manche Eltern und auch Lehrer konstatieren Niveauverlust“

belastete Kinder, erscheinen Vorbehalte gegenüber dieser Ausuferung von Desintegration nicht unbegründet. Univ.-Prof. Dr. Erwin Ringel, Leiter der psychosomatischen Abteilung der Psychiatrischen Klinik im Allgemeinen Krankenhaus, nannte erst kürzlich im Fernsehen anläßlich eines „Club 2“ zum Thema Schülerselbstmorde die Klassengemeinschaft als besonders wichtiges Auffangnetz für jene Kinder, die extremen seelischen Schwierigkeiten ausgesetzt sind.

Zweifellos haben in der Gesamtschule jene Kinder verbesserte Aufstiegschancen, die aus sozial schwächeren Schichten stammen. Die hohe Quote von Klassenwiederholungen wird ebenfalls aus der Welt geschafft. Ganz selten nur gibt es Schüler, die auch die 3. Gruppe nicht absolvieren; in der Regel wird lediglich abgestuft. Sensible Kinder leiden darunter, werden depressiv und niedergeschlagen: „Die meisten Mädchen weinen und die Buben gehen während der Pause irgendwohin und setzen sich danach sofort auf ihren Platz.

Da merkt man schon, daß sie traurig sind“, beobachtet ein Mitschüler.

Ein schwelendes, latentes Aggressionspotential zwischen den einzelnen Leistungsgruppen kann nicht übersehen werden; zumindest empfinden die Kinder oft gegenseitige Mißachtung bis Abneigung. Absolventen der besseren Leistungsgruppen nehmen jene der 3. Leistungsgruppe nicht ernst: „Sie sind neidisch auf unsere guten Noten, zeitweilig auch böse. Es gibt Rockertypen unter ihnen.“

Treffen sie einander in der Stammklasse, gibt es oft Streitigkeiten und rüde Beschimpfungen, verrät mir ein Junge aus der 3. Klasse, der in Deutsch und Englisch die 3. Leistungsgruppe besucht: „Die von der 1. Leistungsgruppe bilden sich so viel ein, sie geben an und glauben, sie wären gescheiter als wir.“ Aggression statt Zusammenarbeit? Klassenkampf in Kleinformat? Oder werden

„Mit größter Anstrengung nur scheint der Übertritt von der Gesamtschule in eine berufsbildende höhere Schule oder gar in die Oberstufe des Gymnasiums zu gelingen, wenn überhaupt“

nach einigen Generationen Einheitsschule leistungs- und schichtspezifische Unterschiede keine Aggression mehr wecken? Besteht am Ende gar die stille Hoffnung, durch Reduzierung der Forderungen die Schüler in ihren Leistungen einander anzugleichen?^, . i

Manche Eltern und auch Lehrer konstatieren Niveauverlust: Die erstmalige Einstufung in Leistungsgruppen am Beginn der Einheitsschule erfolgt nach dem traditionellen Schema - auf Empfehlung der Volksschule. Das heißt (und das wissen auch die Kinder): Die Leistungsgruppe 3 entspricht dem 2. Klassenzug, die Leistungsgruppe 2 dem 1. Klassenzug der Hauptschule und die Leistungsgruppe 1 sollte dem Niveau der Mittelschule entsprechen.

Nach Aussage der Eltern tut sie das nicht. Die Chancen zur Korrektur sind im Vergleich zum regulären Schulsystem geringer. Hat man im gewohnten Schulsystem im ersten Halbjahr eine negative Note, besteht in der zweiten Hälfte des Schuljahres die Möglichkeit, sich im gleichen Klassenverband und im selben Lehrstoffniveau zu verbessern. Seit einigen Jahren kann man sogar mit einer negativen Note in die nächste Klasse aufsteigen. In der Gesamtschule jedoch verbaut die bereits im Halbjahr vorgenommene Abstufung diese Chance. Der dadurch verursachte Niveauverlust ist trotz Förder- und Stützkursen sehr schwer aufzuholen.

Auch die interviewten Kinder sind der Meinung, man käme viel leichter in die schlechteren Gruppen, es sei ungleich schwieriger, die Leistungsgruppe 1 zu erreichen. Ubertritte erfolgen hauptsächlich zwischen 1. und 2. Gruppe und zwischen 2. und 3. Gruppe. Selten ereignet es sich, daß ein Schüler der Leistungsgruppe 3 innerhalb der vier Jahre die Leistungsgruppe 1 erreicht. Auch dieser Aspekt erzeugt Aggression.

Mit größter Anstrengung nur scheint der Ubertritt von der. Gesamtschule in eine berufsbildende höhere Schule oder gar in die Oberstufe des Gymnasiums zu gelingen, wenn überhaupt. Die Schüler zweifeln, ob sie den Forderungen gewachsen sind; viele versuchen es gar nicht und verbleiben in der Liesinger Oberstufe. Manche wagen den * Schritt und müssen wieder nach Liesing zurück: „Ich wollte die Höhere Technische Lehranstalt absolvieren. Das Tempo war immens schnell. In Mathematik hatte ich größte Schwierigkeiten. Die Vorbereitung auf den Ubertritt müßte in allen drei Leistungsfächern so gestaltet sein,“ daß man in den weiterführenden Schulen herkömmlichen Typs mitkommt. Da haben Mittelschüler enorme Vorteile!“

Das schlechte Abschneiden der Abgänger von Liesing bei Aufnahmsprüfungen in weiterführende Schulen ist hinlänglich bekannt.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau