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Wissen und Kreativität

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Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer tritt im FüRCHE-Gespräch für eine Schulsystem ein, das Grundwissen vermittelt und Kreativität fördert.

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Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer tritt im FüRCHE-Gespräch für eine Schulsystem ein, das Grundwissen vermittelt und Kreativität fördert.

Daß es „von ungeheurer Wichtigkeit ist, die richtige Schule für den jungen Menschen auszusuchen", steht für Elisabeth Gehrer, die Chefin des Unterrichtsministeriums (vielleicht bald sogar eines „Bildungsministeriums"), außer Zweifel. Sie warnt aber vor zwei Faktoren, die für das Kind belastend sein können -„das Prestigedenken der Eltern und der Satz: Das Kind soll es besser haben als ich, in eine höhere Schule gehen als ich". Gehrer, Mutter dreier Söhne und selbst jahrelang im Lehrberuf tätig, sagt: „Die Schulwahl soll immer angepaßt sein an die Entwicklung des Kindes. Durch die Durchlässigkeit im österreichischen Schulsystem ist praktisch jede Schulwahl keine Ein-bahn. Man muß von Elternseite die Gelassenheit haben, einem Kind Zeit zu lassen, sich zu entwickeln. Das ist für mich der oberste Wunsch bei allen Schullaufbahn-Diskussionen."

Natürlich müßten die Schulbehörden Hilfestellungen anbieten. Schul-laufbahnberatung, vor allem an den „Nahtstellen" der Schule - einerseits zwischen Volksschule (VS) und Hauptschule (HS) beziehungsweise Allgemeinbildender höherer Schule (AHS), anderseits zwischen den vierten Klassen HS und AHS und den weiterführenden Rildungsangeboten, vor allem im berufsbildenden Rereich —, sei ein Arbeitsschwerpunkt der nächsten Zeit. Die Ministerin plädiert für mehr Kontakte zwischen den Lehrern dieser Schultypen - unter Einbeziehung der Eltern, denn laut Studien werden Schullaufbahn und Berufs-wahl zu 80 Prozent von den Eltern beeinflußt. Redeutsam für die Schulwahl seien auch die Nähe der Schule und der Freundeskreis des Kindes.

Das Schulangebot in Osterreich sei, sb Gehrer, sehr gut ausgebaut: „Wenn wir sehen, daß bis zum Jahr 2015 die Schülerzahlen voraussichtlich von 1,2 Millionen auf 1 Million zurückgehen, dann werden wir uns davor hüten müssen, Überkapazitäten zu schaffen. Volks- und Hauptschulen sind flächendeckend vorhanden. Gymnasien sind nicht überall leicht erreichbar, aber Hauptschüler versäumen nichts, weil es ja für die erste Leistungsgruppe den wortidenten Lehrplan gibt." Nach wie vor haben 50 Prozent der Maturanten zunächst eine Hauptschule besucht.

Ziel heimischer Schulpolitik sei stets gewesen, durch Raumaßnahmen sicherzustellen, daß jeder Schüler innerhalb von maximal 20 bis 30 Minuten Auto-Fahrzeit eine Schule erreichen kann, die zur Matura führt. Das 1969 unter dem damaligen Unterrichtsminister Alois Mock erstellte Schulentwicklungsprogramm gelte immer noch als Leitlinie.

Im wesentlichen sei es erfüllt, betont Elisabeth Gehrer, im Bregenzer Wald erreiche man dieses Ziel demnächst durch Errichtung einer Handelsakademie. Für ganz spezielle Ausbildungen müsse man freilich in Kauf nehmen, in ein Schülerheim zu gehen. Manche Schulen (etwa das Werkschulheim Felbertal, das mit Matura und Gesellenbriefin einem Handwerk abschließt) sind österreichweit sehr selten oder einmalig.

Ministerin Gehrerieht ihre Aufgabe zunächst darin, das öffentliche Schulwesen zu sichern und dort auch neue Lehr- und Lernformen zu entwickeln. Private Bildungsinitiativen versucht sie „bestmöglich zu fördern", zeigt auch Bewunderung „für das Engagement der Lehrer, vor allem aber auch der Eltern" an diesen Schulen, sieht sich aber „in der gegenwärtigen Budgetsituation nicht in der Lage, jedes alternative Angebot voll zu finanzieren". Dabei wird auch schon an vielen öffentlichen Schulen Pädagogik von Montessori, Freinet und anderen praktiziert.

Echte Weichenstellungen erfolgen erst ab 14, wenn etwa eine Handelsakademie, eine Höhere Technische Lehranstalt oder ein Oberstufenrealgymnasium gewählt wird. Vor allem in Wien läßt sich auch in der AHS eine Auswahl treffen: humanistischer oder realistischer, wirtschafts-kundlicher oder neusprachlicher Zweig.

Schwerpunktsetzungen in der Volksschule, etwa im Musikbereich, sind kein Problem für die Durchlässigkeit, sondern nur Ergänzungen zum normalen Lehrplan, der selbstverständlich überall zu erfüllen ist. Gehrers Anliegen ist, daß die kreativmusische Seite nicht vernachlässigt wird, weil sie zur umfassenden Persönlichkeitsbildung gehört: „Auch ein Naturwissenschaftler, ein Techniker ist nicht kreativ, wenn nicht seine musisch-kreative Ader von Kindheit an mitgeschult wurde. Wir sehen doch oft, daß viele wissenschaftlich kreative Menschen gute Musiker sind."

In der Hauptschule und AHS wird gerade ein Lehrplan für Kern - und Erweiterungsbereiche entwickelt. I )iese Kernbereiche sollen garantieren, daß der Schüler einer bestimmten Schulstufe deren Stoff beherrscht und ohne Probleme die Schule wechseln kann, auch wenn die Erweiterungsbereiche in den Schulen unterschiedlich sind.

Die Schwerpunkte kommen bei den Eltern gut an, weiß Gehrer: „Es ist uns gelungen, in Oberösterreich, in Kärnten, die Schülerzahl in den Hauptschulen stabil zu halten, in Villach wurde sogar der Trend, daß alle ins Gymnasium rennen, umgedreht. Dort hat man eine Hauptschule für Kreativität und eine Musikhauptschule gemacht, weil man einfach sagt, da wird die Persönlichkeit gefördert, aber das Wissen für die jeweilige Schulstufe wird genau vermittelt. Ich halte das auch für eine neue Form der Begabtenförderung, die mir wich -tig und ein Schwerpunkt für die nächsten Jahre ist. Das, glaube ich, macht ein Schulwesen aus: daß ich nicht alle über denselben Leisten schlage, daß ich zwar das Grundwissen verläßlich vermittle, darüber hinaus aber Differenzierungen ermögliche."

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