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Unterwegs zur europareifen Schule

Schule, als Institution der Gesellschaft ist, wie die Gesellschaft, einem ständigen Wandel unterworfen. Es ist daher verständlich, wenn aus Anlaß politischer und gesellschaftspolitischer Veränderungen in Osteuropa und aus Anlaß von wirtschaftspolitischen Veränderungen, die Österreich durch seine

Bestrebungen nach einem Beitritt zur EG unmittelbar betreffen, auch die Schule ins Blickfeld, vor allem ins Blickfeld des Interesses der Wirtschaft rückt. Veränderungen für die Schule, die auch ohne solche deutliche (wirtschafts)politische Veränderungen schon längst fällig wären, werden durch diese äußeren Anlässe eher ermöglicht. Im Zusammenhang mit den eben erwähnten politischen und wirtschaftspolitischen Veränderungen in Europa wird immer wieder, auch für die Schule, die Forderung nach der „Europareife" erhoben.

Was aber ist „Europareife" in bezug auf Schule? Auf diese Frage wird meistens mit drei Begriffen geantwortet, und es werden drei Forderungen erhoben: ein Mehr an Wettbewerbsfähigkeit, ein Mehr an Internationalität und ein Mehr an fremdsprachlicher Kompetenz.

Bevor man sich anschickt, diesen Forderungen zuzustimmen, sie zu modifizieren oder sie abzulehnen, ist es nötig, Aufgabe und Funktion der Institution Schule zu nennen.

Im Schulorganisa tionsgesetz sind die Aufgaben der verschiedenen Schularten, die es in Österreich gibt, festgelegt. Der Gesetzgeber geht mit der Erziehungswissenschaft, im besonderen mit der Bildungstheorie und der Pädagogischen Anthropologie, konform, wenn er der Aufgabe der „Bildung" gegenüber bloßer

„Ausbildung" Priorität einräumt. Wie die Grundschule nicht als „Zubringerschule" für die weiterführenden Schulen degradiert werden kann, sondern als Schule mit weitgehend autonomer Zielsetzung zu sehen ist, ebensowenig sind auch die weiterführenden Schulen (Hauptschule und Allgemeinbildende höhere Schule) nicht als „Zubringer" für die berufliche Ausbildung und die Wirtschaft zu sehen.

Wenn hier der Standpunkt einer „weitgehenden Autonomie der Bildung" vertreten wird, so darf dieser Standpunkt nicht mit einer „naturalistischen Pädagogik" verwechselt werden, die dem bloßen „Wachsenlassen" das Wort redete und die dann in den Antagonismus „Pädagogik vom Kinde her - Pädagogik von der kulturellen Verpflichtung her" geriet. Die Position einer weitgehenden Autonomie der Bildung hebt vielmehr hervor, daß Lernprozesse (zu denen die Institution Schule zweifellos wichtige Anstöße zu geben hat) konstitutive Momente der Entwicklung sind und daß ein Versäumnis von Lernprozessen Versäumnisse von Entwicklungsprozessen sind. Zugleich hebt ein solcher Standpunkt die Wichtigkeit von Lernprozessen nicht nur im kognitiven (rationalen) Bereich hervor, sondern stellt Lernprozesse im affektiven (emotionalen, sozialen) und im psychomotorischen Lernbereich als im selben Maße wichtig dar.

Die Herausforderungen der Zukunft werden nicht nur auf dem technischen und wirtschaftlichen Sektor, sondern ebensosehr zum Beispiel in der Bewältigung von Problemen liegen, die sich aus dem interkulturellen Zusammenleben ergeben.vor allem aus der Tatsache, daß der Prozentsatz der in Entwicklungsländern lebenden Menschen gegenüber den Menschen der Industrieländer zunehmend größer

wird und daß dadurch auch der Prozentsatz von Menschen, die an oder unter der Armutsgrenze liegen, immer größer wird. „Teilen", „verzichten", „auf die Umwelt und auf den anderen Rücksicht nehmen" werden Lernziele werden müssen, die mindestens ebenso wichtig sind, wie die vielzitierte „Wettbewerbsfähigkeit" oder die „Beherrschung der Elektronik" und die „Beherrschung der Gesetze der Wirtschaft". Mehr Internationalität bei der Verwirklichung der oben genannten Lernziele im affektiven Lernbereich wäre sicherlich sehr notwendig. (Eine größere fremdsprachliche Kompetenz wird der Erreichung dieser Lernziele sicherlich förderlich sein.)

Eine stärkere Verankerung von „Allgemeinbildung" (im eben erwähnten Sinn) und eine „Verzahnung" von Allgemeinbildung und Berufsbildung in den berufsbildenden mittleren und berufsbildenden höheren Schulen wäre notwendig!

Lernziele aus dem affektiven Bereich (wie die eben genannten) lassen sich im allgemeinen umso besser vermitteln, je „lebensechter" die Lernsituationen, das heißt je komplexer diese sind. Die Entwicklung der Schule wird - soweit sich solche Entwicklungen überhaupt vorhersagen lassen - der derzeit bestehenden „Verfächerung" entgegenwirken. Eine „Fächerintegration" (zum Beispiel durch Projektunterricht) ist eine der Strategien, der Verfächerung und der - schlechten -Nachahmung des universitären Lehrbetriebs in der Schule entgegenzuwirken.

Es besteht kein Anlaß, anzunehmen, daß sich Österreich dieser Entwicklung, die international schon im Gang ist, nicht anschließen werde. Ansätze für Fächerintegration gibt es bereits im Schulversuch „Mittelschule", der in Wien an etwa einem Dutzend Hauptschul-

Standorten schon seit etlichen Jahren läuft.

Eine traurige Sonderstellung hat Österreich hinsichtlich der Entwicklung der Schulorganisation. Schon seit 100 Jahren ist die Frage der „frühen Auslese" (das ist die schulische Auslese mit dem 10./11. Lebensjahr) ein Politikum zwischen den beiden großen politischen Lagern. Eine Sachdiskussion findet zu dieser Frage in der Öffentlichkeit nicht statt. Die Situation der Mittelstufe (= Hauptschule einerseits und Unterstufe der Höheren Schule andererseits) in den Ballungszentren wird von Jahr zu Jahr katastrophaler. Eine Mehrheit der Volksschulabsolventen besucht die Höhere Schule, die Hauptschule wird immer mehr zur „Restschule" beziehungsweise zur Schule der Kinder von Gastarbeitern, von Immigranten oder Asylanten. Im Jahre 2000 werden in den Ballungszentren voraussichtlich mehr als 60 Prozent der Volksschulabsolventen die Höhere Schule besuchen. Unter den verbleibenden nicht ganz 40 Prozent der Kinder, die die Hauptschule besuchen, wird sich nur eine verschwindende Zahl von deutschsprechenden Kindern befinden.

Eine frühe schulische Auslese gibt es außer in Österreich nur noch in den elf alten Bundesländern der Bundesrepublik Deutschland, in den meisten Kantonen der Schweiz und auf Malta. In allen anderen Ländern der Welt hat man sich im Laufe der letzten Jahrzehnte für eine spätere „äußere Differenzierung" (nach Klassenzügen und Schultypen) entschieden.

Es ist zu hoffen, daß Österreich hinsichtlich der Entwicklung seiner Schulorganisation noch vor dem Jahre 2000 „europareif" wird!

Der Autor ist Ordinarius für Pädagogik (mit besonderer Berücksichtigung der Schulpädagogik und der Allgemeinen Didaktik) an der Universität Wien.

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