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"Dazu hab ich jetzt einfach keine Lust"

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Kinder brauchen Grenzen, wird immer wieder gefordert. Doch wer soll sie setzen und wie? Die Schulen stehen dabei meist auf verlorenem Posten.

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Kinder brauchen Grenzen, wird immer wieder gefordert. Doch wer soll sie setzen und wie? Die Schulen stehen dabei meist auf verlorenem Posten.

Wer frühmorgens in den öffentlichen Verkehrsmitteln Mütter beobachtet, die ihre Sprösslinge in den Kindergarten, in den Hort oder in die Schule bringen, der sieht und spürt einiges von den Belastungen eines Lebens mit Kindern heute. Aus Gesten, Satzfetzen, Weinen und scharfen Worten, den Unmutsäußerungen verschiedener Art, bekommt man etwas von den Härten mit, die da - von beiden Seiten her - aufeinanderstoßen. Wer das sieht, kann sich vorstellen, dass finanzielle Beihilfen zwar für die Familien wichtig sind, dass aber Anderes - wohl auch neue Einsichten und Bemühungen - notwendig sein werden, um aufreibende Ansprüche und schwierige Verhältnisse zu verändern (siehe Dossier Nr. 13, Anm. d. Red.). Denn eine neue Form von Kindheit mit neuen Ansprüchen und Bedürfnissen bildet sich in Krisen heraus.

Als ich vor einigen Wochen eine Lehrerin über Schulanfänger befragte, gab sie als besonders anstrengend an, dass die Kinder so stark voneinander verschieden sein wollen. Bei 15 oder 20 Kindern sei es sehr mühevoll, darauf einzugehen. Sich auffällig zu machen, ist heute keine soziale Abweichung mehr, sondern muss als Wunsch der Kinder aufgefasst werden, in ihrer persönlichen Besonderheit anerkannt zu werden. Die Kinder wollen sich zwar mehrheitlich nicht isolieren, aber sie streben in der Gruppe ihre höchst individuelle Dynamik an. Wenn Piercing in den Altersgruppen von jungen Erwachsenen und selbst das Tätowieren zur Selbsthervorhebung in gewissen Typen von Erwachsenen-Prominenz Platz greifen, nimmt es da Wunder, dass die Kinder, die Seismographen unserer Gesellschaft, auf ihre Weise nach Sichtbarkeit, nach individueller Beachtung, streben?

Schon im Vorschulalter fallen den Kindern durch Überlastung, Stress und Nachlässigkeit der Eltern Spielräume als kontrollfreie Zonen zu. Sie haben phasenweise ungehemmt Zugang zu Fernsehsendungen verschiedener Art. Sie werden bald mehr und mehr das Internet nutzen. So nehmen die Miterzieher rapid zu. Diese sprechen die verschiedensten Elemente in der Persönlichkeit der Kinder an, Elemente, die mit verschiedenen Wachstums-Geschwindigkeiten sich nebeneinander und unverbunden entwickeln. Kinder haben auf diese Weise kein einheitliches Alter mehr und müssen zum selben Zeitpunkt verschiedene Reifungsgrade in sich integrieren.

Anerkennung fehlt Früh machen die Kinder davon Gebrauch, was ihnen die Europäische Charta durch den Beschluss der Konferenz von Nizza im Dezember 2000 einräumt: "Kinder können ihre Meinung frei äußern" (Art. 24). Und sie äußern auch ihre eigene Unlust frei. So mehren sich in der Grundschule die Aussagen der Kinder, sie hätten zu dieser oder jener verlangten Leistung "einfach keine Lust" und lassen es dabei bewenden. Und einem Siebenjährigen ist in der Klasse "das zu babyhaft, was da geschieht."

Aus all dem ergibt sich für die Eltern und für die Schule: Je mehr Freiheit - und unkontrollierte Entwicklungschancen - den Kindern gewährt werden, desto mehr Zuwendung und tätige, das heißt, erzieherisch umgesetzte Anerkennung dieser ihrer Freiheit ist für sie nötig. Doch das verlangt Steigerung und Erweiterung der erzieherischen Bemühung. In dieser Situation beginnt sich der Staat zurückzuziehen. Lehrerstellen werden gestrichen. Genau hier beginnt jedoch das Dilemma: Wer - welche Menschen und welche Institutionen: die Familie, die Schule? - hat die Kraft und die verfügbaren personellen Ressourcen, die Aufmerksamkeit und die Steuerungshilfen so anzubieten, dass sie die kleinen individualisierten Persönlichkeiten zunehmend zur Selbständigkeit befähigen? Da der potentielle Freiheitsbereich durch Einspielen von Computer-Information in die Schulklasse sich erweitert, wird es auch schwieriger, dem Verhalten des Kindes Grenzen zu setzen. Wer einmal zu surfen begonnen hat, ist nicht mehr so leicht in Umzäuntes zurückzuholen.

Die Familie ist gesellschaftlich nur über Aufklärung, über ein Wissen über sich selbst und über sozial effiziente Entlastungsangebote erreichbar. Man kann die Familie nicht durch öffentliche Einwirkung zu mehr Selbstverantwortung für die Kinder führen. Die Menschen wählen ihre eigenen Life-styles und Präferenzen aus. Die eine Position besagt, die Schule könne nicht die (versäumten) Aufgaben der Eltern übernehmen, die andere, die auch ich vertrete, macht geltend, dass man die Kinder dort abholen müsse, wo man sie vorfindet. Damit sind Reifungs- und Sozialdefizite der Kinder in der Schule zu diagnostizieren und mit pädagogischen und teils auch therapeutischen Mitteln zu kompensieren. Die Grundschule trägt gestiegene Verantwortung. In ihr wird der Grund für lebenslanges Lernen und Umlernen und für den Spaß am Lernen gelegt. In der Schule,zum Beispiel in der Pflege des Junglehrerpotentials, liegen verbesserte Voraussetzungen zum Eingehen auf die "neue Kindheit". Die jungen Lehrer-Jahrgänge qualifizieren sich dann besonders, wenn sie Weiterbildung bevorzugt als "On the job training" erfahren. Es müsste die Verbindung von anscheinend Gegensätzlichem gelingen: die Zubilligung der Erweiterung des Verhaltensspielraums bei gleichzeitiger individueller Führung und Kontrolle. Denn mehr und mehr zeigt sich heute, dass gerade durch den Mangel an Grenzziehung in der Kindheit das "Sich-Abarbeiten am Widerstand" in der reiferen Kindheit und in der Pubertät ausbleibt. Und das bringt wieder neuen Frust. Wo Widerstände fehlen, ist die Verselbständigung schwieriger.

Zur Pflege und Domestikation der Freiheit kommt noch eine zweite große Aufgabe, bei deren Erfüllung man schon den Kindern zu helfen beginnen muss: Selbststeuerung. Die läuft heute über die Ausdruckmöglichkeit der Person. Sich selber steuern kann man nur, wenn man sein Inneres geformt nach außen zur Geltung bringen kann. Dann ist die Umweltreaktion für die Findung des eigenen Weges zu verwerten. Und da gibt es ein hervorragendes Mittel zur schrittweisen Gewinnung eines inneren Maßes für den Ausdruck des eigenen Ich. Das ist die Kultivierung der Sprache. Wie das Kind sich sprachlich bewährt, ist für sein Selbstgefühl von größter Tragweite. Sich in all seinen Wünschen zu steuern und Konflikte durch Verhandeln zu lösen - statt sie in Ringkämpfen oder mit Fußtritten und Wurfgeschoßen schräg durch die Klasse auszuagieren - vermögen diejengen eher, die sich durch Sprechakte geltend zu machen verstehen. Ich-Entwicklung setzt Sprachentwicklung voraus. Sprech- und Sprachmilieus nehmen allerdings in der an die Telekommunikation und an die zeitaufwendige Spaßgesellschaft gekoppelten Familie dramatisch ab. Wer sich nicht mitzuteilen versteht und sich keinen "Erzählraum" verschaffen kann, muss anecken, beziehungsweise sich "anstößig" verhalten, oder in Minderwertigkeitsgefühle absacken und diese wieder aggressiv überkompensieren.

Sparkurs demotiviert Durch die de facto Kürzung der Lehrerstellen sind - was die Öffentlichkeit viel zu wenig wahrnimmt - die Volksschulen weit schwerer betroffen als die höheren Schulen. Die Sparmaßnahmen reißen in der Grundschule Lücken auf und sie entmutigen und demotivieren. In manchen Kontexten bringen sie echte Einbrüche, gerade dort, wo Neues entstehen und kultiviert werden könnte. Wer soll die Individualisierung "auffangen"? Wie soll man mit den durch sie verursachten Veränderungen umgehen?

Entscheidend bei diesen Überlegungen ist, dass jedes pädagogische Konzept, das Erfolg haben will, diesen Erfolg nur innerhalb des großen gesellschaftlichen Wandlungsprozesses, nur bei Berücksichtigung des Wandels auch haben kann. Der unumstößliche, allerdings auf Gestaltung drängende Trend der Gegenwart ist der auf Erweiterung und Anerkennung der Freiheit. Ihre Begrenzung wie ihre Pflege gehören zu den großen Aufgaben der Zeit. Das muss auch den Kindern gegenüber, muss in der Schule und in der Familie umgesetzt werden.

Neben der noch ungestalteten Freiheitsbewältigung in der Individualisierung der Gesellschaft und dem Ringen um eine frühe Sprachkompetenz ist schließlich die Reform-Flaute zu berücksichtigen. Denn es gibt heute keinen günstigen Wind für allgemeine Reformen im Schulwesen in Österreich. Die Ideologien, die Überzeugungen hiefür fehlen, vielleicht fehlt auch die Begeisterungsfähigkeit für das, was außerhalb von Technologie und wirtschaftlichem Erfolg nach Neuerung ruft. Aber man kann trotzdem einzelne Modelle bilden und dadurch öffentlich aufzeigen, was in der Bewältigung der neuen Kindheit geschehen kann. Diese Modelle sind realistisch anzusetzende Einzelfall-Utopien der sozialen Stärkung und der Reifungs- und Integrationshilfen. Können nach überprüften Voraussetzungen einzelne Schulen über "Schulversuche" hinaus zu Trägern solcher exemplarischer Reformprojekte werden?

Hilfe der Wirtschaft Warum erwerben sich nicht große Banken durch Sponsoring solcher Modelle weithin sichtbar gesellschaftliche Lorbeeren? Die Lehrer stehen auf verlorenem Posten, wenn man ihre Phantasie und Bereitschaft, Neues zu versuchen, sich nicht in Modellen entfalten lässt. Sonst wird die Routine und wird damit das tägliche Klagen über die Grenzen des Leistbaren noch drückender. Die Schulverwaltung könnte bei Bemühungen von Schulen, private Sponsoren für Reforminitiativen zu finden, stützend und vermittelnd zur Seite stehen.

Der Umgang mit neuen Formen des Informationsgewinns und der Konstruktion von Wissen erfordert neue Formen von Autorität und Kooperation in der Schule. Je mehr Technologie ins Wissen eindringt, umso persönlicher muss den Kindern bei der Auswahl und der Komposition von Wissenselementen an die Hand gegangen werden. Umso mehr müssten auch, wie der Präsident des Wiener Stadtschulrats, Kurt Scholz, es in der furche formulierte, die Herzen der Kinder gewonnen werden. Sonst kann man den Kindern die Selbstbegrenzung als Triebaufschub und die temporären Verzichtleistungen um höherer Ziele willen nicht abverlangen.

Unser Bevölkerungsnachwuchs in Österreich, der Kinder- und Jugendanteil, wird dramatisch geringer. Es ist ein österreichisches Überlebensproblem, von der Basis der Bildsamkeitsphase in der Kindheit des frühen Schulalters her mit aller Kraft Sorge für Qualität zu tragen. Das sind unsere Techniker, Betriebsleiter, Ärzte und Landtagsabgeordneten, Journalisten und Künstler von morgen. Dies heißt aber auch, sich um all jene Kräfte zu sorgen, welche in diese Bildsamkeit hinein zu wirken verstehen: begeisterte und adäquat geschulte Erzieher als Anreger und Ermutiger.

Für die Arbeitswelt von morgen werden schöpferische Kräfte mit hoher Kooperationskompetenz benötigt. Bei zunehmender Konkurrenz muss das soziale Kohärenzbewusstsein wachsen. Die Grundlagen für die Liebes- und Arbeitsfähigkeit (Sigmund Freud) müssen in der Kindheit gelegt werden, auch für die Kunst der Zusammenarbeit. Wir sind alle dafür verantwortlich, dass das vermittelt wird. Wo der Staat auslässt, muss die Gesellschaft einspringen. Daran führt in Zukunft kein Weg vorbei. Die Schule ist der dringendste Zukunftsbereich der Gesellschaft.

Der Autor ist Mitglied der Österr. Akademie der Wissenschaften, em. Professor für Soziologie an der Uni Wien und mehrfacher Vater und Großvater.

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