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Vereinsamung vor dem Bildschirm

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„Die Mc Donalds Game-Boy-Generation hat keinerlei Gefühl für Kultur!" Solche Sätze hört man gar nicht selten. Stimmen solche Schlußfolgerungen wirklich? Gibt es Kriterien für das Kulturverständnis von Kindern und Jugendlichen? Welche Rolle spielen Elternhaus und Schule dafür?

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„Die Mc Donalds Game-Boy-Generation hat keinerlei Gefühl für Kultur!" Solche Sätze hört man gar nicht selten. Stimmen solche Schlußfolgerungen wirklich? Gibt es Kriterien für das Kulturverständnis von Kindern und Jugendlichen? Welche Rolle spielen Elternhaus und Schule dafür?

Das Institut für Schulbuchforschung in Wien stellte vor einiger Zeit eine international alarmierende Situation auf dem Gebiet der Lesefähigkeit fest. In Österreich hat man den Rückgang der Leseleistung durch Testvergleiche aus den siebziger Jahren festgestellt.

Es wurde als Gegenmaßnahme das Forschungsprojekt „Lese- und Lernolympiade" mit folgenden Zielsetzungen entwickelt:

□ Einblick zu bekommen, wie die Leseleistungen im Lesen innerhalb eines gewissen Zeitraumes mit Hilfe von Lesetests und Blitzübungen gesteigert werden.

□ Die Schulerhalter zu überzeugen, daß es sich lohnt, die im Gesetz festgelegte Erhaltung von Schulbibliotheken sinngemäß durchzuführen.

□ Den Eltern bewußt zu machen, daß Lesen Voraussetzung für erfolgreiches Lernen und damit für das Fortkommen im späteren Leben ist.

Neben der Erziehung zur Buchlektüre ist, laut Institut für Schulbuchforschung, die Auseinandersetzung mit Zeitungen wichtig. Zeitunglesen ist zunächst informierendes Lesen, das dann zum kritischen Lesen weiterentwickelt werden soll. Eine Stärkung der Sensibilität, der Urteilsfähigkeit und der Wahrnehmung im Umgang mit Zeitungen kann für Schüler nur von Vorteil sein.

Auch das Österreichische Kultur-Service, eine Initiative des Unterrichtsministeriums und gleichzeitig umfas-

sende Service-Einrichtung für Kunstvermittlung und kulturelle Bildung an allen österreichischen Schulen setzt vermehrt auf Projekte. In diesem Schuljahr haben ein Schülerfilm-Festival und das Projekt Klangnetze stattgefunden (im Mittelpunkt steht die kompositorische Phantasie der Schüler). Unter dem Motto „Schule gestalten" sollen Schüler ihre Arbeitsumgebung gestalten.

Waltraud Barton vom Kultur-Service sieht Kultur als wichtigen Bestandteil eines Menschenlebens: „Durch den Zerfall der Familienstrukturen, durch die gesellschaftspolitische Entwicklung werden nahezu alle erzieherischen, persönlichkeitsbildenden Aufgaben, die bisher von der Familie wahrgenommen wurden, nun der Schule zugeschrieben. Die Schule ist nicht länger nur reine .Wissensvermittlungsanstalt', sie ist vielmehr heute oft der einzige Ort, an dem Kinder und Jugendliche das soziale Miteinander erfahren, nicht sich selbst überlassen werden und dann mangels Alternative ihre Zeit vor dem Fernseh/Videogerät, dem Game-Boy oder auf der Straße verbringen. Die Verantwortung für die Erziehung junger Menschen liegt bei der Gesellschaft, schulische Versäumnisse jeder Art wiegen immer schwerer.

Bildung der Persönlichkeit

Lehrer sind damit .Erzieher' im wahrsten Sinne des Wortes, ihre Funktion als ,Kulturvermittler' wird immer wichtiger. Wenn das Erziehungsziel die umfassende Persönlichkeitsentwicklungjunger Menschen ist, dann ist die Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur, das Erfahren und Erproben der eigenen Kreativität, die Stärkung der Kommunikationsfähigkeit auf den verschiedensten Ebenen dafür eine unumgängliche Voraussetzung. Bildung und Kultur gehören untrennbar zusammen und haben ihren

gemeinsamen Bezugspunkt in der humanen Gestaltung gesellschaftlichen Zusammenlebens. Gerade in unserer leistungsorientierten Gesellschaft kann kulturelle Bildung nicht mehr länger als unnötig angesehen werden.

Wer künftig in der modernen Arbeitswelt bestehen will, muß bereits in der Schule gelernt haben, auch unkonventionelle Wege zu gehen und eingefahrene zu verlassen, kreativ und selbständig zu agieren und reagieren. Der Grundstein für die geistige Flexibilität muß schon in der Schule gelegt werden. Dies ist durch rein kognitive Wissensvermittlung schon lange nicht mehr möglich. Diese Erkenntnis setzt sich auch immer mehr in der Wirtschaft durch, die zunehmend eben jenes Maß an Flexibilität und Selbständigkeit ihren Mitarbeitern abverlangt!''

Thomas Fuhrmann, Pressesprecher des Unterrichtsministers, sieht die Sache etwas anders: „Der Grundstein zum Kulturverständnis muß in erster Linie in der Familie gelegt werden. Kinder müssen dazu erzogen werden, Kultur zu konsumieren. Haben Eltern diesen Weitblick nicht, so ist es schwierig, dies Kindern weiterzuvermitteln. Man sollte einsehen, daß Pädagogen nicht für alles zuständig sein können.

Der Vorstand der Universitätsklinik für Neuropsychiatrie des Kindes-und Jugendalters, Max Friedrich, sieht ebenfalls die primäre Grundlegung des Kulturverständnisses bei den Eltern. Erst die sekundäre liege bei den Schulen und in der Öffentlichkeit:

„Ich bin selbst Vater von vier Kindern und gehöre von meiner Herkunft her zum Bildungsbürgertum. Das vorweg, weil ich mir immer überlege, daß wir in unserem Leben mit drei Be-ziehungs- beziehungsweise Bezugssystemen zu tun haben. Das erste ist unsere Primärbeziehung innerhalb des Elternhauses. Was gibt es dort an Anregungen? Wenn man Erziehung sehr grob vereinfacht als Imitationslernen,

als Versuchsirrtumsiemen und als Vermeidung von kalkulierbaren Gefahren für das Kind ansieht, dann werden bestimmte Faktoren wirksam:

Vorbildfunktion der Eltern

Wenn ich erlebe, daß meine Eltern lesen, wenn Eltern mit den Kindern in Ausstellungen gehen, Theater besuchen, Musik hören und wenn sie auch bereit sind, sich der Kulturszene ihres Kindes zumindest anzunähern, ist dies ein wichtiger Schritt. Nicht nur, daß man es dem Kind vormacht, sondern man muß sich mit dem Kind und seinem eigenen Zugang zur Kultur beschäftigen. Es reicht nicht, einen Klavierlehrer zu engagieren, sondern ich muß mich dann mit dem Kind hinsetzen und üben. Es ist ganz wichtig, sich gemeinsam an die Kultur anzunähern, über einen Bildungsbegriff, über den man sich selbst vorher als Eltern Rechenschaft geben muß. So entsteht ein Dialog. Meinem Dafürhalten kann Kunst nur in einem Raum des Dialoges stattfinden. Gerade in der Kultur sollte man Kinder nicht mit Zwang, sondern zur Freude erziehen."

Kurt Scholz, Wiener Stadtschulrats-präsident, sieht sich weder als Kulturpessimist noch als Kulturoptimist: „Ein Zug unserer Gesellschaft ist unübersehbar: eine gewisse Technikgläubigkeit und diese trifft die Kinder in einem immer früheren Alter. Bereits unter den Vier- und Fünfjährigen sind Game-Boy-Spieler zu finden, stundenlanges Fernsehen trägt zur Kommunikationsarmut bei. Darin sehe ich eine Gefahr. Die langsam fortschreitende Vereinsamung der Kinder macht mir Sorgen. Eine funktionierende Familie ist für die Kulturentwicklung eines Kindes ungeheuer wichtig. Das Interesse und Erlebnisfähigkeit für Kulturelles werden von den Eltern an die Kinder weitergegeben. Die Schulen können nur unterstützende Funktionen übernehmen."

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