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Es müssen nicht alle in die AHS

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Zum Dossier. Welche Schule soll mein Kind ab der fünften beziehungsweise neunten Schulstufe besuchen? Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer weist Eltern auf die vielen Informationsangebote über Bildungswege hin und hebt zugleich die Chancen hervor, die Österreichs durchlässiges Schulsystem bietet.

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Zum Dossier. Welche Schule soll mein Kind ab der fünften beziehungsweise neunten Schulstufe besuchen? Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer weist Eltern auf die vielen Informationsangebote über Bildungswege hin und hebt zugleich die Chancen hervor, die Österreichs durchlässiges Schulsystem bietet.

diefurche: Frau Ministerin, wer trifft zumeist die Entscheidungen über Schullaufbahnen und welche Orientierungshilfen bietet die Schulbehörde an?

Elisabeth Gehrer: Es gibt im ganzen Schulbereich sehr viele sogenannte Nahtstellen und wir haben in einer Studie festgestellt, daß Entscheidungen über Schulwege, Entscheidungen über Berufe, die man ergreift, zu 80 Prozent von den Eltern getroffen werden. Deshalb ist es uns wichtig, daß bei der Berufsinformation, bei Beratung der Schüler, die Eltern einbezogen werden. Deshalb haben wir auch die Elternvereine und an den Schulen die Schulgemeinschaftsausschüsse aufgefordert, daß sie den Eltern mehr Informationen geben, durch Vorträge, durch Informationsmaterial, damit die Eltern sich mit den Kindern dieser wichtigen Frage stellen.

Die eine große Nahtstelle befindet sich zwischen der Volksschule, der Hauptschule und der AHS. Was mir da Sorge bereitet ist, daß derzeit die Eltern im höchsten Ausmaß, besonders in Wien, wollen, daß ihre Kinder in die AHS gehen. Dadurch verliert die AHS ihr Gewicht als Langform, als Gymnasium, als Vorbereitung auf ein weiterführendes Studium, und die Hauptschulen haben Schwierigkeiten. In dieser Phase, beim 10. Lebensjahr, ist es besonders wichtig, daß die Eltern zusammen mit den Lehrern Überlegungen anstellen, ob das Kind schon so weit ist, daß es wirklich in einer AHS mitkommt, daß es diesen Druck, der in einer AHS sicher vorhanden ist, auch aushält.

Mir ist deswegen besonders wichtig, daß wir uns überlegen, welche Prognoseverfahren wir an dieser Nahtstelle einführen könnten. Im sogenannten Modell "Wolkersdorf" - dort wurde eine neue, private AHS der Gemeinde Wolkersdorf gegründet - sind alle angemeldeten Kinder auf der Universität einer Testreihe unterzogen worden. Daraus ist eine Reihung gemacht worden, und es sind wirklich nur die Kindern ins Gymnasium aufgenommen worden, die nach dieser Testreihe geeignet erschienen.

Diese Entscheidung im 10. Lebensjahr ist keine Entscheidung für den gesamten Lebenslauf eines Kindes, weil das österreichische Schulsystem sich durch eine so hohe Durchlässigkeit auszeichnet, das, nach welchem Schulweg auch immer, eine weiterführende Schule, ein weiterführendes Bildungsangebot möglich ist. 50 Prozent der Maturantinnen und Maturanten kommen über den Weg der Hauptschule zur Matura. Man sieht also, daß die Hauptschule eine sehr gute Schule ist.

Die zweite große Nahtstelle ist im 14. Lebensjahr, wo die Entscheidung ansteht: Lehre, berufsbildende Schule oder allgemein bildende Schule? Da gibt es zahlreiche Hilfestellungen, angefangen vom Schülerberater bis zum Fach "Berufsorientierung" auf der 7. und 8. Schulstufe, also dritte Klasse und vierte Klasse Hauptschule beziehungsweise Gymnasium.

Es gibt in allen Bundesländern weitere Angebote, die von den Ländern organisiert werden, zur Beratung der Eltern, es gibt in Vorarlberg zum Beispiel ein Berufsinformationszentrum, kurz genannt BIFO, das vom Land installiert wurde, das mit mobilen Infotheken zu den Schulen fährt, Schüler und Eltern berät, und es gibt in allen Arbeitsmarktservicestellen Berufsinformationszentren, sogenannte BIZ, wo Schüler sich testen lassen können, wo Eltern beraten werden. Es gibt eine Fülle von Angeboten, die große Frage ist: Wie erreichen wir es, daß die Schüler und Eltern diese Angebote annehmen?

Was ich noch anfügen möchte: Etliche berufsbildende Schulen haben eigene Testreihen entwickelt, haben eigene Kriterien entwickelt, damit sie feststellen können, ob Schüler für ihren Schultyp geeignet sind.

diefurche: Jeder Unterrichtsminister wird sagen, es gebe im Schulsystem Durchlässigkeit und keine Sackgassen. Welchen Vorteil hat nun die frühe Differenzierung gegenüber dem Modell einer Gesamtschule bis 14 Jahre?

Gehrer: Es wäre das Allerungerechteste, wenn man alle Begabungen, alle unterschiedlichen Anlagen gleich behandeln würde. Es gibt nichts Schlimmeres als eine undifferenzierte Gesamtschule. Sie bringt im kognitiven Bereich und im sozialen Bereich die schlechtesten Ergebnisse. Das ist in Deutschland ganz klar untersucht worden. Wir brauchen differenzierte Angebote. Ob diese Angebote unter einem Schuldach stattfinden oder in verschiedenen Schularten gemacht werden, bringt keinen Unterschied im Ergebnis. Es gibt Kinder die schon mit zehn Jahren mit einer Wissensvermittlung, wie sie im Gymnasium geschieht, gut zurecht kommen, und es gibt Kinder, die noch die Zeit in der Hauptschule brauchen. Deshalb ist das österreichische differenzierte Schulsystem ein System, das Begabungen weckt, das Chancen gibt, das Chancen fördert.

Es hat übrigens nicht jeder Unterrichtsminister sagen können, daß wir die vollkommene Durchlässigkeit haben, denn den Lückenschluß haben wir in der letzten Legislaturperiode mit der Berufsreifeprüfung geschaffen. Dadurch ist nun möglich, daß ich, wenn ich eine Lehre mache, mit der Berufsreifeprüfung zu einem Studium an einer Hochschule oder Fachhochschule komme. 4.500 junge Leute bereiten sich derzeit auf die Berufsreifeprüfung vor.

diefurche: Den Vorteil der Differenzierung sehen Sie also in einer früheren Förderung der Begabten ...Gehrer: Wir wollen jedem Menschen die Chance geben, sich nach seinen Fähigkeiten, nach seinen Begabungen zu entwickeln, und wir wollen viele Förderungen anbieten. Deswegen ist es mir auch ein Anliegen, daß wir die Sonderschulen in Förderschulen umbenennen. Ich kann schon dieses Wort von der Segregation nicht mehr hören. Wenn ich differenzierte Angebote mache, ist das keine Segregation. Sondern es ist das Recht von Kindern, die sich schwerer tun, eine besondere Förderung zu haben.

Ob ich die jetzt in einem Klassenverband mit anderen Schülern mache oder ob ich die in einer kleinen Gruppe extra mache, ist eine Frage, die man am Standort entscheiden muß. Aber ich halte es für wahnsinnig wichtig, daß man dem jungen Menschen diese Förderungen gibt, und ich halte nichts davon, mir ein Menschenbild zu machen und zu sagen, alle muß ich auf das hin erziehen. Das ist die alte Diskussion, die ich ständig mit der SPÖ habe. Die sagen, alle müssen bis zum 18. Lebensjahr in der Schule bleiben. Was das für fatale Auswirkungen hat, das sieht man in Amerika und in Frankreich, wo es keine Lehre gibt, wo jeder bis zum 18. Lebensjahr in eine Schule geht. Deswegen glaube ich, daß die Vielfalt an Begabungen auch eine Vielfalt an Angeboten braucht und daß man nur dann den unterschiedlichen Menschen und den unterschiedlichen Jugendlichen, die es eben auf der Welt gibt, gerecht wird.

dieFurche: Stimmt der oberflächliche Eindruck, daß die Verfechter der Gesamtschule leiser werden?

Gehrer: Ich arbeite im Schulwesen mit sehr vielen Sozialdemokraten zusammen, besonders in Wien, die nicht mehr der Meinung sind, daß eine Gesamtschule, wo alle über den selben Leisten geschlagen werden, ein richtiges Ziel ist. Aber natürlich gibt's immer noch irgendwelche linke Ideologen, die sich ein Menschenbild vorgenommen haben, auf das sie eben junge Leute hin trimmen wollen.

Nur funktioniert das nicht. Und wenn man jetzt, nachdem in Deutschland die Studien vorliegen, daß die undifferenzierte Gesamtschule nicht einmal im sozialen Verhalten der Schüler positive Ergebnisse erbracht hat (die Studie ist in Berlin gemacht worden), dann stimmen doch viele mit mir überein, die sagen: Differenzierungen braucht's. Also diese Erkenntnis hat sich inzwischen auch schon bei ehemaligen Gesamtschuleuphorikern durchgesetzt, deswegen sage ich mir, daß wir ein gutes System mit guten Angeboten haben.

Es gehen immer noch 75 Prozent der 14jährigen in eine Hauptschule, und ich frage mich, warum ich dieses System aus irgendwelchen ideologischen Gründen zerschlagen soll und mir diese irrsinnige Kraftanstrengung einer Umorganisation antun soll? Deshalb glaube ich, müssen wir diese Systeme weiterentwickeln.

Die Gymnasien wären gut beraten, wenn sie sich auch darauf besinnen würden, daß sie Langformen sind. Ich halte es für eine kurzsichtige Argumentation, wenn man sagt, soviel als möglich sollen zu uns kommen. Ich weiß schon, die Schüler werden weniger, weil die Jahrgänge sinken. Man sollte sich aber wirklich darauf besinnen und sagen: Wollen wir wirklich, daß alle zu uns hereinkommen und daß 50 Prozent dann weggehen? Denn wo ist dann die Langform? Ich glaube, daß man da sehr viel in Zukunft investieren muß, indem man drüber nachdenkt, welche Angebote wir machen und für wen die Angebote geeignet sind.

Ich halte es auch für einen jungen Menschen für demotivierend, frustrierend und fürs ganze Leben negativ prägend, wenn er von den Eltern in eine AHS gedrängelt wird. Dort hat er Nachhilfestunden, Nachprüfungen, vielleicht wiederholt er eine Klasse, muß jeden Nachmittag zu einer Nachhilfe gehen und geht nach der vierten Klasse weg und macht womöglich eine Lehre. Der hätte es viel motivierender in einer Hauptschule gehabt.

Nur zu sagen, die Lehrer müssen da mehr Förderkurse anbieten, das ist es nicht. Man muß sich auch die Frage stellen dürfen: Sitzt das Kind in der richtigen Schule? Und diese Frage stellt sich auch bei den Schülerinnen und Schülern in der ersten Klasse HTL, die sechs Fünfer haben. Wo der Herr Bundeskanzler mich dazu genötigt hat, dieses Repetierverbot auf drei Jahre auszusetzen. Ich mache jetzt eine Studie, ob die nachher, wenn sie repetieren, positiv durchkommen. Denn sonst stiehlt man ihnen noch ein Jahr ihres Lebens, anstatt daß man danach sucht, wofür sie wirklich geeignet sind. Vielleicht sitzt der in einer HTL und wäre viel besser für die Tourismusschule geeignet. Ich glaube, daß man viel sorgfältiger, auch zum Schutz der jungen Menschen, mit diesen Fragen umgehen muß.

dieFurche: Halten Sie es für sinnvoll, wenn berufsorientierte Ausbildungen, etwa die zur Kindergärtnerin, nun mit Matura abschließen und viele dann gar nicht in den betreffenden Beruf gehen, sondern weiterstudieren wollen?

Gehrer: Dieses Angebot an berufsbildenden Schulen hat den großen Vorteil, daß neben der Berufsbildung auch die Matura erworben werden kann. Dadurch hat der junge Mensch mit der Entscheidung, diese berufsbildende Schule zu besuchen, sich nicht für sein ganzes Leben festgelegt. Das heißt, wir geben ihm mehr Chancen. Es ist durchaus in Ordnung, wenn jemand, der eine Kindergartenpädagogikanstalt besucht hat, dann weiter studieren geht. Ich glaube, daß alle Ausbildungen die man erhält, für die Berufsfelder der Zukunft von Bedeutung sein werden. Wir werden nämlich in Zukunft Menschen brauchen, die nicht nur speziell auf ein Fachwissen hin getrimmt sind, sondern die auch viele soziale Kompetenzen haben.

Man darf die berufsbildende Schiene, etwa zur Kindergartenpädagogik, nicht so eng sehen, daß man sagt, es sei ein Fehler, wenn er oder sie nachher was anderes macht. Also die Chancenoptimierung ist durch unsere Reform der berufsbildenden Schulen gegeben. Auf der anderen Seite hat der junge Mensch auch so eine gute Berufsausbildung, daß er mit 19, die gehen ja meistens fünf Jahre, einen Beruf ergreifen kann. Wenn er will. Und diese Schulen sind europaweit vorbildlich und tragen mit dazu bei, daß wir in Österreich die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit in der Europäischen Union haben.

dieFurche: Wenn Sie neben dem Fachwissen die sozialen Kompetenzen nennen - wird es nicht in der Schule neben einer Basis an Allgemeinbildung noch mehr auf das Entwickeln bestimmter Fähigkeiten ankommen als auf spezielles Fachwissen, das auch nachträglich angeeignet werden kann?

Gehrer: Im Lehrplan 99, der momentan in den Ländern für das Konsultationsverfahren liegt, ist ganz klar festgehalten, daß neben dem guten Fachwissen, das junge Menschen brauchen, Fähigkeiten und Kompetenzen in der Schule erworben werden müssen. Dies geschieht mit neuen Lehr- und Lernformen, die schon seit Jahren an den Schulen umgesetzt werden: Projektarbeit, Arbeit am Computer, Darstellungstechniken, Präsentationstechniken, Fremdsprachenkompetenz, Technologiekompetenz.

Mir ist es aber wichtig, immer wieder zu betonen, daß neben allen Anforderungen, die die Wirtschaft stellt, auf Fachwissen hin, auf Technologie, es schon noch möglich sein muß, auch Schultypen am Leben zu erhalten oder Schulangebote zu machen, die eine gute humanistische Grundlage vermitteln.

Die Diskussion, daß man mit der Matura eines Gymnasiums nichts anfangen kann, habe ich ganz ungern. Es muß auch in einer sehr wirtschaftsorientierten, zukunftsorientierten Gesellschaft möglich sein, daß jemand sich mit Philosophie beschäftigt, daß jemand sich mit humanistischen Wissenschaften beschäftigt, daß man also auch Wissen erwirbt, das nicht unmittelbar im Berufsleben umgesetzt werden kann.

Was mich oft stört an der Bildungsdiskussion ist dieses einseitige Nützlichkeitsdenken. Das heißt, wenn ein Vater zu mir sagt: "Streichen Sie im Gymnasium an der Oberstufe die Musik- und Bildnerische Erziehung, die brauchen mehr Informatik, mehr EDV, mehr Naturwissenschaften." Da müssen wir aufpassen, denn zu einer gesamthaften Persönlichkeitsentwicklung gehören einfach ethische Grundwerte, musisch-kreative Werte. Und mir ist auch die religiöse Erziehung sehr wichtig, jeder Mensch braucht Halt.

dieFurche: Wo sehen Sie die wichtigsten Aufgaben der nächsten Jahre für das Bildungsressort?

Gehrer: Die größten Aufgaben in den nächsten Jahren sind sicher: die Vereinfachung der bürokratischen Abläufe, ein besserer Ausbau des Controllings über die Entwicklung des Personals und der Personalkosten. Das ist in einem so großen Ressort mit 120.000 Lehrerinnen und Lehrern eine enorme Aufgabe. Wichtig ist es, daß im schulischen Bereich das neue Denken, das begonnen hat, weitergeführt wird. Jede Schule ist eine eigene autonome Einheit, wo die dort wirkenden Lehrer und der dort wirkende Direktor eine enorme Verantwortung haben, für pädagogische, für fachliche, aber auch für organisatorische Fragen. Es muß auch noch in Zukunft die Technologie verbessert werden, die technologische Ausbildung, die Fremdsprachenausbildung.

Ganz wichtig wird sein, die Erstellung eines Schulprogramms einzuführen, und zwar für alle Schulen. Zusammen mit der Qualitätsevaluierung ist das eine enorme Herausforderung. Ein riesiger Brocken wird das neue Dienstrecht sein. Es gibt also jede Menge im Schulbereich zu tun.

Das Gespräch führte Heiner Boberski.

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