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"Für Lehrer muss es schwer sein …"

Ob Zahnputztante oder ignorante Eltern - wenn Lehrer von ihrem Beruf erzählen, kommen viele Stressfaktoren zur Sprache.

"Lehrer möchte ich keiner sein." Diesen Satz bekommt die Volkschullehrerin Petra Kail von ihren Gesprächspartnern oft zu hören. Dass sie im nächsten Atemzug meist schon um die langen Ferien beneidet wird, ist nur ein Beispiel für die ambivalente Einstellung der Gesellschaft zum Lehrberuf.

"Heute bekommt man als Lehrer nicht mehr die gleiche gesellschaftliche Anerkennung wie früher", ist sich Kail sicher. Aber das sei ihr ohnehin nicht so wichtig. Die echten Probleme sieht sie woanders: "Ich fühle mich oft unverstanden. Die Politik beschließt soviel von oben herab, ohne einen wirklichen Einblick in unsere Arbeit zu haben." Kail unterrichtet in Leoben-Donawitz an einer Schule mit hohem Migranten-Anteil, eine Situation, die sie manchmal überfordert. "Integration klingt so schön, aber sie ist sehr schwierig umzusetzen." In Kails Klasse ist auch ein leicht behindertes Kind, eine Zweitlehrerin gibt es allerdings nur für vier Stunden in der Woche. Daneben soll Kail "offen" unterrichten, den Projektunterricht fördern und ihre Schüler PISA-fit machen. "Ab und zu denke ich mir schon: Bis 65 halte ich das nicht durch."

Lehrer als Ersatzeltern

Die Arbeit mit den Kindern mache zwar nach wie vor Spaß, allerdings seien die Anforderungen an die Lehrer stark gestiegen. Die Schule sei mittlerweile für fast alles zuständig: "Wir sollen die Kinder Schifahren und Schwimmen lehren, die Zahnputztante soll kommen, und daheim gibt es manchmal nicht einmal eine Zahnbürste." Dass die Eltern ihre Erziehungsfunktion immer mehr an die Schule auslagern, bemerkt auch Brigitte Wieser, die an einem Gymnasium in Leoben Deutsch und Geschichte unterrichtet. "Die Eltern wollen ihr Kind in der ersten Klasse abgeben und mit dem Maturazeugnis wieder abholen", erzählt Wieser aus dem Schulalltag. Warnungen über den Leistungsabfall der Kinder etwa würden oft ignoriert.

"Wenn es aber am Ende Probleme gibt, sind auf einmal Eltern da, die man gar nicht kennt." Die Note "Nicht Genügend" sei nicht erwünscht, und zwar nicht nur bei den Eltern. Denn um die Auslastung der Klassen zu gewährleisten, würden auch Schüler aufgenommen, die eigentlich nicht für das Gymnasium geeignet sind, so Wieser: "Die Kinder sollen dann wie durch ein Wunder zur Matura geführt werden." Selbst nur mehr wenige Jahre von der Pension entfernt, beneidet sie junge Kollegen nicht. Diese hätten vor allem in der Oberstufe oft Durchsetzungsprobleme. Elke Hirtler, Lehrerin an der HAK in Bruck an der Mur, ist seit 17 Jahren im Beruf und glücklich damit. "Ich gehöre sicher nicht zu den Lehrern, die Burn-out gefährdet sind", meint Hirtler und sieht die falsche Berufswahl oftmals als Grund für späteren Frust.

Falsche Erwartungen

"Manche sind für den Beruf einfach nicht geeignet und projizieren ihre eigenen Schwächen dann auf die Schüler." Man dürfe sich keinen braven Durchschnittsschüler wünschen, sondern müsse jeden als Individuum mit eigener Lebensgeschichte akzeptieren.

Doch hier stößt Hirtler auch manchmal an ihre Belastungsgrenzen, wie sie erzählt: "Manchmal kommen Schüler aus schwierigem sozialen Hintergrund mit privaten Problemen zu mir. Da würde ich ihnen gerne mehr helfen, als ich kann." Volkschullehrerin Kail geht es in ihrer Integrationsklasse ähnlich. "Der behinderte Schüler würde mich für sich allein brauchen. Solche Kinder können leider nicht so gefördert werden, wie gewollt", bedauert sie. Wenn sie sich über die vielen Anforderungen beklagt, hieße es oft: "Dann machen Sie das nicht richtig." Trotzdem würde Kail den Beruf "wahrscheinlich" wieder wählen, wenn auch mit der Einschränkung, dass Vergleichswerte zu anderen Berufen fehlen.

Brigitte Wieser unterrichtet ebenfalls immer noch sehr gern am Gymnasium. Aber dass die Kinder in der ersten Klasse Leseförderkurse brauchen und oftmals auch welche im Benehmen, sieht sie nicht ein: "Dieses ganze Rundherum hat es früher nicht in dem Ausmaß gegeben, das ist schon sehr nervenaufreibend."

Welche Rolle haben Lehrer heute? Schüler des Gymnasiums Sacré Cœur in Wien machten sich Gedanken.

Bedirhan Boztepe, Klasse 4A

Lehrer haben einen bedeutenden Einfluss auf die Schüler. Oft liest man in Biographien, sei es nun ein Musiker, Schriftsteller, Mathematiker, Physiker oder ein Sportler: "Mein Lehrer war ausschlaggebend für mein Interesse an X." Ein Lehrer kann die Begabungen der Schüler erkennen und fördern, indem er die erforderlichen Rahmenbedingungen schafft, doch er ist auch im Stande, die Lust eines Schülers an einem Fach zu nehmen und einen Schüler zu demotivieren.

In unserer durch Vielfalt gekennzeichneten Gesellschaft, wo Menschen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlicher Schichten zusammenkommen, hat der Lehrer die Aufgabe, als Vorbild in Sachen Toleranz zu fungieren. Wenn die Klassengemeinschaft als Mikrokosmos unserer heutigen Gesellschaft angesehen wird, dann muss dieses Gedankengut von dieser kleinen Stufe an weitergegeben werden. Wie gehen wir miteinander um? Wie lösen wir unsere Konflikte? Wie gehen wir mit unseren kulturellen und sozialen Unterschieden um? Ein wichtiges Grundprinzip ist, dass wir die Vielfalt als Chance und nicht als Problem sehen.

Lukas Fuhrmann, Klasse 6A

"Es war ein stumpfes, ödes Lernen nicht um des Lebens willen, sondern um des Lernens willen." Ein Zitat Stefan Zweigs aus seinem Werk Die Welt von Gestern.

Das Zitat von Zweig beschreibt ziemlich genau das, was ich als stetes Problem der Schule sehe: Wie bringe ich den Schüler zu einem motivierten Lernen? In früheren Zeiten hat dies mit Druck und Angst vor Bestrafung funktioniert. Diese Methode verfehlt vollkommen ihre Wirkung, da der Schüler allein durch Angst vor Bestrafung oder schlechten Noten lernt. Er bildet keinerlei eigene Meinung, sondern orientiert sich nur an Befehlen und an der Autorität.

Eine Benotung ist für mich aus dem Schulsystem nicht wegzudenken, aber man sollte seinen Unterricht nicht alleine auf diese fokussieren. Der Mensch ist etwas so Unberechenbares, warum soll genau er es sein, den man mit Ziffern bewerten kann. So ist es vor allem wichtig, dass der Lehrer seine Autorität zwar nützt, aber nicht ausnützt. Er muss es schaffen, die Schüler zu motivieren und sie zur Reife führen. Man kann diese nicht erlernen, aber es sollte die Pflicht des Lehrers sein, ihn auf diesem Weg zu begleiten. Ohne Kommunikation ist dies nicht möglich und so sehe ich eine der wichtigsten Aufgaben des Lehrers neben der Vermittlung seines Stoffes im Dialog mit dem Schüler. Nur ein wirklich reifer Schüler, der seinen eigenen Weg geht, kann ein Leben führen, das eine menschlich bessere Welt zur Folge hat.

Andrea Hasl, Klasse 7A

Für einen Lehrer muss es schwer sein, den Vorstellungen der Schüler, Eltern und der "Obrigkeit" zu entsprechen und die Erwartungen perfekt zu erfüllen, da sie doch oft etwas voneinander abweichen. Ein allen gemeinsamer Punkt neben der Voraussetzung einer kompetenten und fundierten Bildungsvermittlung ist jedoch sicherlich, dass ein Lehrer den jungen Menschen neben Wissen in erster Linie auch Werte, Verantwortungsbewusstsein und adäquates Verhalten vorleben und mitgeben soll. Um auf positive Rückmeldung und wertschätzenden Respekt zu stoßen, muss er hierbei einen Mittelweg finden, der die zwischenmenschliche Beziehung Schüler - Lehrer nicht allein als Kind - Autorität darstellt, doch soll er sich auch nicht auf eine völlig gleiche Ebene begeben.

In einem Arbeitspapier der EU heißt es: Lehrer "spielen eine grundlegende Rolle für die Lernerfahrungen von Jugendlichen und Erwachsenen. Sie sind wichtige Akteure bei der Entwicklung der Bildungssysteme und der Umsetzung der Reformen, die die Europäische Union bis zum Jahr 2010 zur wettbewerbsfähigsten wissensbasierten Wirtschaft machen sollen." Der Lehrberuf ist somit einer der Berufe, auf dem das Fortkommen und die Zukunft einer Wirtschaft, eines Staates aufgebaut werden und bringt schon alleine deshalb eine große Verantwortung mit sich.

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