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MACHT DIE SCHULE KRANK?

FURCHE: Verursacht oder fördert die Schule psychische Störungen?

BRIGITTE SINDELAR: Wenn ein Kind in die Schule kommt, kann schon vorher jede Menge psychischer Belastungen da sein. Die Schule liegt für mich zwischen Risiko und Chance, derzeit hauptsächlich auf Seite des Risikos. Sie hätte große Chancen, Kindern zu helfen, sie aus bereits vorhandenen Belastungen herauszuführen. Daß meine Praxis so überlaufen ist, daß wirjetzt erweitern mußten, wobei die Kinder hauptsächlich mit Schulschwierigkeiten kommen, ist für mich ein Zeichen, daß die Schule häufig die Manifestationsebene ist, auf der sich die Schwierigkeiten des Kindes abbilden: auf der Leistungsebene als Leistungsstörung, auf der Verhaltensebene als Verhaltensstörung und sehr häufig als beides gemeinsam.

Es geht nicht um Schuldzuweisung

- die Lehrer sind einfach nicht dafür gerüstet, wie die Kinder heute sind. Damit kommt der pädagogische Auftrag der Schule, die Herzensbildung, viel zu kurz. Und damit ist die Schule ein Faktor, der die Schwierigkeiten, die das Kind sehr häufig schon mitbringt, noch enorm verstärkt.

FURCHE: Die Schuldzuweisung passiert aber: Die Lehrer beschuldigen das Elternhaus, und die Eltern sagen, es war alles in Ordnung, bis das Kind in die Schule kam...

SINDELAR: Ich glaube, das ist ein typisch österreichisches Phänomen. Wenn etwas passiert, ist die erste Frage: Wer ist schuld? Noch bevor man sich überlegt, was man dagegen tun kann, geht die Suche nach dem Schuldigen los. Das dauert oft Jahre und läuft nach meiner Erfahrung über bestimmte Stationen: Zuerst wird der Lehrer als der Schuldige identifiziert

- zu streng oder zu großzügig, zu jung oder zu alt, zu unerfahren oder bereits zu verbraucht, weil er ein Mann oder eine Frau ist und so weiter. Dem Lehrer gelingt meist der Freispruch, indem

daraufhingewiesen wird, daß das Kind ja nicht unbelastet in die Schule gekommen ist. Dann geht in der Familie die Suche los, und meist wird die Mutter als für die Kinder Zuständige und daher als Schuldige angesehen, selten der Vater. Die Mutter plagt sich meist länger mit dem Freispruch, aber die Suche nach dem Schuldigen geht weiter, und als letzter wird dann meist das Kind als Schuldiger identifiziert.

Die Schuldzuweisung lautet dann: „Wenn sich das Kind besser konzentrieren würde." Die Ermahnung „Konzentriere dich besser!" halte ich für eine der dümmsten - wer sich konzentrieren kann, der tut es. Oder der Satz „Wenn das Kind nicht so verspielt wäre." Bis 31. August heißt es, wenn ein Kind am Boden sitzt und ausgiebig spielt: „Schau, wie schön er (oder sie) spielt", und ab 1. September sagt man: „Schrecklich, wie verspielt das Kind ist." Das, was bis zum Schuleintritt noch erwünschtes Verhalten war, wird häufig ab der Schule zum nichterwünschten Verhalten. Insofern ist die Schule oft ein enormer Wendepunkt im Leben des Kindes und daher oft etwas, was Verhaltensschwierigkeiten, Lernschwierigkeiten beim Kind aufzeigt, die vorher nicht sichtbar waren, aber - etwa Teil-leisturigsschwächen - durchaus schon vorher dagewesen sein können.

Da gibt es nun in der Schule ein ganz großes Problem: Daß der Lehrer von seiner Ausbildung und Weiterbildung nicht gerüstet ist für das große Kontingent an Verhaltens- und lernschwierigen Kindern. Die werden ja tatsächlich objektiv mehr.

FURCHE: Werden in der Schule nur Probleme verstärkt oder können neue auftreten?

SINDELAR: Die Schule ist insofern Mitverursacher, weil sie die Kinder zu wenig versteht, weil sie noch immer den Weg der Normierung geht, also vom Durchschnittskind ausgeht. Die Kinder sind aber immer weniger

durchschnittlich. Wenn heute ein Lehrer eine Klasse von Schulanfängern vor sich hat, so kommen die aus völlig verschiedenen Erziehungswelten.

FURCHE: Dann müßte man eigentlich zu einem sehr differenzierten Schulsystem übergehen...

SINDELAR: Richtig.

FURCHE: ...während die Trends in der Schulpolitik eher in Richtung Einheitsschule gelaufen sind...

SINDELAR: Schule kann nichts Einheitliches sein, weil Kinder extrem unterschiedlich sind. Ihnen ist nur gemeinsam, daß sie Kinder sind und daß es bestimmte Entwicklungsschritte gibt, doch jedes Kind kommt aus einer völlig individuellen Welt, und die klaffen immer mehr auseinander - vom antiautoritär erzogenen Kind bis zum „wohlerzogenen" Kind. Selten ist das gut erzogene Kind, das „wohlerzogene" Kind gibt es noch -aber das ist ein großer Unterschied.

FURCHE: Was sollte Ihrer Meinung nach im Schulsystem geschehen ?

SINDELAR: Was die Lehrer dringend brauchen, ist eine Unterstützung, um den Kindern besser gerecht zu werden. Wichtig wäre eine berufsbegleitende Supervision. Unterstützung durch ein multiprofessionelles Team von Psychologen und Medizinern, Kinderneuropsychiatern, gehört ganz dringend her. Das ist es, was Lehrer, die mit mir zusammenarbeiten, immer wieder als ganz dringendes Bedürfnis formulieren: den Wunsch nach Supervision, nach Hinterfragen: Was ist eigentlich in der Beziehung zwischen dem Kind und mir, das Verhaltensschwierigkeiten des Kindes entweder verstärkt oder abbaut? Ich kenne Kinder, die sind bei der einen Lehrerin extrem auffällig, und allein der Lehrerwechsel hilft dem Kind. Was nicht heißt, daß die Lehrerin so viel besser ist - die zwei haben einfach eine andere Beziehung zueinander.

Der erste Schritt wäre ganz bestimmt

die berufsbegleitende Supervision. Ich glaube, wir können nicht darauf warten, bis die Lehrer eine andere Ausbildung haben. Bis dahin vergehen zehn Jahre. Es müßte jetzt etwas geschehen.

FURCHE: Mit welchen Problemen kommen Kinder vor allem zu Ihnen?

SINDELAR: Es gibt drei Schwerpunkte. Der eine sind Lernschwierigkeiten, die durch minimale Wahrnehmungsschwächen, sogenannte Teilleistungsschwächen, bedingt sind. Zweiter Punkt sind aggressive Verhaltensstörungen, der dritte die psychosomatischen Symptome. Mit Supervision der Lehrer könnte man viel helfen, aber sicher nicht in allem. Es geht sicher nicht, daß der Lehrer zugleich unterrichtet, zugleich der Psychotherapeut des Kindes ist und zugleich derjenige ist, der auch noch die Eltern erzieht. Tatsache ist, daß das Versorgungsangebot für verhaltensauffällige und lernschwache Kinder in Österreich ganz schlecht ist.

FURCHE: Zeigt es nicht schon einen bedenklichen Zustand, wenn man nach einem Heer von Psycholo-

gen und Psychiatern rufen muß?

SINDELAR: Die Idealvorstellung wäre eine Elternschule, wie sie der vestorbene Professor Czermak gefordert hat. Das wäre die langfristige Lösung. Eltern, der wichtigste Beruf, den es gibt, ist der einzige, für den man keinen „Führerschein" braucht. Für alles braucht man eine Zulassung, für Motorrad oder Auto, um einen Hund oder eine Pistole zu haben. Um ein Kind zu haben, braucht man nichts. Ich bin für den „Elternführerschein".

Ich glaube, man muß es aus zwei Blickwinkeln ansehen: Was kann die Gesellschaft präventiv tun? Und auf der anderen Seite: Was können wir in der akuten Situation tun? Das angesprochene Heer an Psychotherapeuten, Kinderpsychiatern sollte jetzt die Notstandshilfe sein, um die werden wir nicht herumkommen. Was sich in Jugendgruppen abspielt - was wird denn daraus, wenn die aus der Schule kommen? Warum haben wir die Probleme mit den Jugendbanden, den jugendlichen Drogensüchtigen? Das wird dann eben daraus, wenn diesen Kindern nicht geholfen wird. Das Gespräch führte Heiner Boberski

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