Scheidung - © Illustration: iStock / Visual Generation (Bildbearbeitung: Rainer Messerklinger)

Psychologin zu neuer Kindschaftsrechtsnovelle: "Kinder leben im ständigen Hin und Her"

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Die Justiz will Kinderrechte stärken – und nach Trennungen das Modell der Doppelresidenz forcieren. Doch es fehlt ein umfassender Blick auf das Kindeswohl, kritisiert Psychologin Gertrude Bogyi.

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Die Justiz will Kinderrechte stärken – und nach Trennungen das Modell der Doppelresidenz forcieren. Doch es fehlt ein umfassender Blick auf das Kindeswohl, kritisiert Psychologin Gertrude Bogyi.

Seit über 40 Jahren begleitet die Psychologin und Psychotherapeutin Gertrude Bogyi Kinder durch Krisen. Waren ihre kleinen Patienten im Wiener Ambulatorium „Die Boje“ früher vor allem Kinder, die einen Elternteil verloren hatten, kamen in den letzten Jahren zunehmend Scheidungskinder dazu.

Justizministerin Alma Zadić äußerte sich letzte Woche im Rahmen der Reihe „Justiz spricht“ zum Thema „Wie wir Kinder und ihre Rechte schützen“. Als einen Baustein zur Verbesserung von Kinderrechten in Österreich nannte die Ministerin die anstehende Novelle im Kindschaftsrecht. Aus diesem Anlass bat die FURCHE Getrude Bogyi um einen Einblick in die Welt ihrer kleinen Patient(inn)en.

DIE FURCHE: Frau Bogyi, die Novelle im Kindschaftsrecht könnte u.a. das Modell der Doppelresidenz forcieren, in dem Kinder getrennter Eltern in zwei Haushalten leben. Wie beurteilen Sie als Psychologin dieses Arrangement für Kinder?
Gertrude Bogyi:
Dieses Modell ist nichts Neues. Es begann bereits in den 1990er Jahren modern zu werden. Der Pädagoge Helmuth Figdor, der sich intensiv mit Trennungsfamilien befasste, machte sich als einer der Ersten in Österreich dafür stark. Damals konnte man als Entwicklungspsychologin allerdings noch sagen, dass jeder Mensch, also auch ein Kind, ein Heim erster Ordnung braucht. Heute ist das komplett verpönt. Viele meiner Kolleginnen und Kollegen sehen es trotzdem noch so. Ich habe etliche Kinder über all die Jahre kennengelernt, die sagten: Ich weiß nicht, wo ich wirklich zuhause bin.

DIE FURCHE: Pädagoge Helmuth Figdor ist nicht der einzige Experte, der meint, dass Kinder an mehreren Orten gleichermaßen zuhause sein können. Auch Harald Werneck, Psychologe an der Uni Wien, vertritt die Ansicht, dieses Modell würde Kinder schon früh zu Mobilität erziehen. Ist das nicht positiv?
Bogyi: Das sagt sich so leicht, aber die betroffenen Kinder leiden unter dem ständigen Hin- und Her. Kinder, die sich trauen, sagen: Ich wache auf und weiß nicht, wo ich heute bin. Ganz schlimm ist es, wenn die Eltern weit auseinander wohnen, z. B. in Wien und im Burgenland. Dann pendelt das Kind täglich bis zu zwei Stunden in die Schule. Das sind Folgeerscheinungen, die Kindern Stress machen. Wir leben ohnehin in einer Zeit, in der Beziehungen immer oberflächlicher werden: Wie geht sich das in Bezug auf Freunde aus? Die Kinder werden ja ständig herausgerissen.

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