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Werkzeug fürs Elternsein

Kurz vor Beginn der Einheit "Babyhygiene" im Eltern-Kind-Zentrum im sechsten Wiener Gemeindebezirk sitzen bereits einige Teilnehmer auf der großen, halbkreisförmigen Ledercouch. Gegenüber von ihnen steht ein kleiner Tisch, darauf eine blaue Babybadewanne, in der bald Vorführpuppe "Paula" landen wird. Bevor es los geht, wird noch ein wenig geplaudert. "Wann ist es denn so weit?", möchte Kursleiterin Isabel Göpfert-Samer von einer Schwangeren wissen. "In einer Woche", lacht die Frau und legt ihre Hand sanft auf ihren Bauch. Insgesamt sieben Schwangere sind - meist in Begleitung -zum Kurs gekommen. "Bitte fragen sie, was immer sie interessiert", sagt die Sozialpädagogin Göpfert-Samer mit ruhiger Stimme. "Wir sind genau dafür hier."

Das kleine Rüstkonzept

Und Fragen gibt es viele: Von welchen Kinderwagenmodellen ist abzuraten? Wie oft kocht man einen Schnuller aus? Wie massiere ich den Bauch meines Babys richtig und ab wann braucht mein Kind einen Polster? Um all das und noch viel mehr geht es in so genannten "Elternschulen". "Gerade beim ersten Kind gibt es viele Unsicherheiten", weiß Göpfert-Samer. "Bei uns lernt man, was man in bestimmten Situationen machen kann oder an welche Stellen man sich bei Problemen am besten wendet. Die Eltern bekommen quasi ein kleines Rüstkonzept von uns." Und das völlig kostenlos.

Vor allem die neue, bevorstehende Rolle als Mutter und Vater macht vielen zu schaffen. Auch hier gibt es Hilfestellung. "Wir nehmen ihnen diese Angst und geben ihnen ein Stück Sicherheit", betont die Sozialpädagogin. "Deshalb gibt es auch Babygruppen, in die man nach der Geburt kommen kann -dort trifft man auch andere Mütter, denen es vielleicht genauso geht."

Dass werdende Eltern nach dem Besuch solcher Vorbereitungskurse gelassener werden, glaubt auch Martina Wolf, Geschäftsführerin der Liga für Kinder-und Jugendgesundheit. Ein Besuch sei schon allein deshalb sinnvoll, weil die "verschränkte Erziehung" und Vorbildwirkung älterer Familienmitglieder heute vielfach nicht mehr funktioniere: "Die Weitergabe von Wissen über die kindliche Entwicklung und Erziehung innerhalb der Familie findet so nicht mehr statt, weil vorhergehende Generationen -Urgroßeltern oder Großeltern der Neugeboren -häufig noch berufstätig sind." Viele neue Familien würden daher oft sehr einsam leben, ohne mit anderen vernetzt zu sein und sich austauschen zu können.

Einmal lernen reicht nicht

Der Großteil der Elternschulen setzt bereits in der Zeit vor der Geburt an, auf diese Weise gewinnen werdende Eltern schon früh eine Bezugsgruppe, Stütze und Vernetzung. "Man wird viel besser vorbereitet als wenn man erst in der Mitte des ersten Lebensjahres in den Kurs kommt, wenn das Kind viel weint, man unter Schlafmangel leidet und schon an die eigenen Grenzen stößt", erklärt Wolf.

Unabhängig davon, ob Angebote nun schon vor oder nach der Geburt oder aber erst zu besonders herausfordernden Phasen im Elternleben stattfinden, sollten Kurse prozesshaft gestaltet sein, so Wolf. Frisch motiviert vom neuen Input, den die Eltern in einer Schulung erhalten haben, würden sie zuhause schnell frustriert, wenn diverse Ratschläge eben doch nicht funktionierten. "Elternsein ist auch eine sehr anstrengende Aufgabe und man kommt immer wieder an seine Grenzen. In so einer Situation greift man häufig auf Verhaltensweisen zurück, die man in der eigenen Kindheit erlebt hat - und das sind dann leider nicht immer positive oder förderliche", weiß Wolf. Besonders bei punktuellen, einmaligen Schulungen sei dieses Frustrationserlebnis besonders groß; laufen Kurse über einen längeren Zeitraum, haben die Leiter und Leiterinnen hingegen die Möglichkeit, die Eltern nach so einem Erlebnis wieder aufzubauen, neue Lösungswege vorzuschlagen und neu zu motivieren. "Egal, was passiert: Schütteln sie

ihr Baby nie und schreien sie es nicht an", appelliert Sozialpädagogin Göpfert-Samer an die anwesenden Eltern im Kurs. "Wenn sie mit einer Situation überfordert sind, dann legen sie ihr Kind lieber kurz ins Bettchen, schließen sie die Augen und atmen sie drei Mal tief durch." Stresssituationen gibt es im Elterndasein zur Genüge, in Elternschulen eignen sich Paare Techniken an, um mit diesen besser umzugehen.

Die Wirkung ist offenbar positiv: Studien zufolge wirken diese Angebote häuslicher Gewalt entgegen. "Jene Programme, die eine positive Veränderung im Verhalten der Eltern und in der Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern im Mittelpunkt haben, sind am effektivsten", weiß Nathalie Burkert vom Institut für Sozialmedizin der Universität Graz. Durch die sichere Bindung, die dadurch aufgebaut wird, können Handgreiflichkeiten und Vernachlässigungen verhindert werden.

Plädoyer für "Frühe Hilfen"

Trotz nachweislich positiver Wirkungen auf die Eltern-Kind-Beziehung gibt es laut Burkert aber einen Mangel an Unterstützungsprogrammen. Vor allem in ländlichen Bereichen sei dieses Defizit groß, ergänzt Martina Wolf von der Kinderliga. Zudem würden derartige Angebote meist von jenen Eltern, die sich bereits intensiv mit ihrem Kind und der Rolle als Elternteil auseinandergesetzt haben -und weniger von jenen, die sich weniger auf die neue Situation vorbereitet haben. Um trotzdem jedem Kind einen behüteten Start ins Leben zu ermöglichen, setzt sich die Kinderliga für das Modell der "Frühen Hilfen" ein. Dabei soll jedes Neugeborene von Familienbegleiterinnen besucht werden, die gleichzeitig auch abschätzen können, ob Eltern mehr Unterstützung brauchen. Für jede Familie werden so maßgeschneiderte Hilfestellungen entwickelt, das können unter anderem auch Elternschulen sein. Momentan läuft diese Form der frühen Unterstützung als Modellprojekt in verschiedenen Bundesländern.

Ein weiteres Problem ist, dass alle Kurse -mit Ausnahme jener des Jugendamtes -selbst finanziert werden müssen. "Das ist eine Art der Ausgrenzung, denn es gibt natürlich Familien, die dieses Geld einfach nicht haben", erklärt Martina Wolf. Deshalb wären mehr Förderungen für Eltern wichtig, ist sie überzeugt. "Eine Investition in die Prävention lohnt sich immer."

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