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Heute werden zu viele Kinder abgeschoben

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Eine kürzlich veröffentlichte Studie weist nach: Eltern widmen ihrem Nachwuchs immer weniger Zeit. Dafür bekommen Kinder immer mehr und immer teurere Geschenke. Das Märchen aus dem „Walkman” ersetzt heute das Geschichtenerzählen der Mutter...

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Eine kürzlich veröffentlichte Studie weist nach: Eltern widmen ihrem Nachwuchs immer weniger Zeit. Dafür bekommen Kinder immer mehr und immer teurere Geschenke. Das Märchen aus dem „Walkman” ersetzt heute das Geschichtenerzählen der Mutter...

Wenn das Kind selbst etwas zu erzählen hat, so übernimmt das teure Plüschtier die Rolle des Zuhörers. Das verstehende, formende Gespräch mit Kindern findet heute vermehrt losgelöst von den unmittelbaren Bezugspersonen (Eltern, Geschwistern) in öffentlichen Versorgungsanstalten wie Kindergärten und-krippen statt.

Es bleibt auch häufig den öffentlichen Institutionen, etwa den Schulen, überlassen, Werte zu übermitteln. Nur noch selten, so scheint es jedenfalls, sind Kinder der Lebensinhalt an sich. Die Wohlstandsgesellschaft sieht sie viel eher als diejenigen, die über ihre zukünftigen Wirtschaftsleistungen, die Pensionen der „Alten”, zu sichern haben. Die „Heimatlosigkeit” unserer Kinder schafft Arbeitsplätze in den öffentlichen Einrichtungen.

Kinder: ein Segen?

Natürlich vermehren die von den Eltern finanzierten Konsumwünsche unserer Kinder auch die Umsätze der Wirtschaft. Nur sind auch hier die Vorstellungen der Erwachsenen das Maß für die Sehnsüchte und Erwartungen unseres Nachwuchses. Denn Kinder sind ebenso „privater Luxus”, wie Kinderreichtum selbst wieder arm macht. Vom „Kindersegen” als beglückendem Zustand spricht schon längst niemand mehr. Mehrkinderfamilien, die die Norm sprengen, werden milde belächelt, und selbst ein Erkenntnis des Verfassungsgerichtshofes, das die Unterstützungswürdigkeit großer Familien hervorhebt, entfachte einen Sturm der Entrüstung.

Haben sich Eltern, die ihre Kinder (ohne wirtschaftliche Notwendigkeit) von klein auf in Kinderkrippen und Ganztagskindergärten stecken, auch gründlich überlegt, was ihnen und ihren Kindern dabei entgeht?

Es sind gerade die Erlebnisse des frühen Kindesalters für die spätere Entwicklung besonders wichtig. Durch fehlende Liebe und Zuwendung kann hier sehr nachhaltiger Schaden entstehen. Verhaltensstörungen und Krankheiten sind oft die Folge. Ärzte und Psychologen sind sich einig, daß Kinder „geführt” werden müssen. Die Elterngeneration scheint heute in den Bindungen des Alltags diese wichtige Aufgabe allzu schnell zu vergessen. Kinder aber empfinden mangelnde „häusliche Geborgenheit” als Beziehungslosigkeit und reagieren aggressiv.

Kinderpsychiater haben erst kürzlich festgestellt, daß ein Viertel aller Kinder irgendeinmal auffällig wird. Davon werden 15 Prozent von Familien und Freunden aufgefangen, der Rest benötigt Hilfe. Das stimmt auch mit dem überein, was Fachleute an Wiener Schulen erfahren haben. Auch hier zeigen 25 Prozent gestörte Verhaltensweisen, die die Kinder häufig bis ins Erwachsenenalter begleiten. Das bedeutet in Zahlen, daß von den 1,091.800 Kindern zwischen drei und 14 Jahren in Österreich zirka 250.000 den Keim anhaltenden Fehlverhaltens in sich tragen.

Kinder brauchen ein intaktes, harmonisches Elternhaus und eine verständnisvolle Umwelt. Sie äußern schon sehr frühzeitig ihre Ansprüche aufLiebe und Beachtung. Der Wunsch nach Selbständigkeit und nach Umgang mit Gleichaltrigen zeigt sich beim Vierjährigen durch steigendes Interesse an seiner Umwelt und durch die vielen Fragen, die es stellt. Durch Gespräch und ständiges Auseinandersetzen mit dem Kind erfährt es eine Anpassung an den Familienverband und an die zu vermittelnden Werte.

Dieses Alter bringt eine Periode der Labilität und Unsicherheit, die auch mit den starken körperlichen Veränderungen im Zusammenhang steht. Das Aussehen des Kindes verändert sich, es ermüdet leicht und ist Stimmungen unterworfen. Es macht jetzt auch große soziale und intellektuelle

Fortschritte. Gemeinschaftsspiele in größeren Gruppen, ob mit Erwachsenen oder Gleichaltrigen, werden bevorzugt und gehen parallel mit steigender Anteilnahme an den Ereignissen in der unmittelbaren Umgebung.

Das Erkennen und Erfahren von Zusammenhängen wird zu einem zentralen Punkt der Entwicklung. Das Ichbewußtsein des Kindes wächst sich in der Volksschule zu einem kräftigen Anerkennungsstreben bei Gleichaltrigen aus. '

Erst zwischen zehn und 14 Jahren beginnt der Heranwachsende langsam, sich aus der „häuslichen Pflege” zu lösen. Er gewinnt Einsicht in die Gesetzmäßigkeiten des Sozialgefüges und ist selbst in der Lage, seine erworbenen und erlernten Kenntnisse und Fähigkeiten planmäßig einzusetzen.

Gespräche sind wichtig

Die Aufgabe der unmittelbaren Bezugspersonen, der Eltern in der Erziehung ist wissenschaftlich heute unumstritten. Anerkannt ist auch die Notwendigkeit, die Kinder zu lenken und verständnisvoll zu führen. Ohne emotionale Zuwendung und Lernhilfen wäre das Kind nicht lebensfähig und würde den in der jeweiligen Gesellschaft geltenden Standard von Fähigkeiten und Kenntnissen nicht erreichen. Kinder brauchen auch die Möglichkeit, Vorbilder anzuerkennen.

Das Verhalten der Bezugspersonen, Gespräche, die Erwachsene miteinander im Beisein der Kinder führen, Streit, gescheiterte Beziehungen und Scheidungen sind daher im besonderen Maße prägend. Und da schaut es in Österreich nicht gerade rosig aus:

So wurden etwa allein im Jahre 199015.282Ehen geschieden. 17.072 Kinder waren betroffen, 10.840 davon jünger als 14 Jahre. Insgesamt 275.200 Mütter oder Väter erziehen 382.528 Kinder alleine.

Sicher hat sich in unserer Einstellung den Kindern gegenüber vieles geändert. Vieles ist sachlicher geworden. Wir vergessen leider allzuoft in einer Welt voller materieller Ansprüche und Egoismen, daß Kinder Menschen sind, die der persönlichen Aufmerksamkeit bedürfen. Sie sind schließlich unsere Zukunft und das, was von uns selbst später einmal Bestand haben wird. Es geht also darum, sich ihnen bewußter zuzuwenden.

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