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Gesellschaft

Und jetzt tatsächlich LOSLASSEN?

1945 1960 1980 2000 2020

Der Abnabelungsprozess fällt Eltern - und Kindern - oft nicht leicht. Über das Empty-Nest-Syndrom, Hotel Mama und die Kunst der Unabhängigkeit.

1945 1960 1980 2000 2020

Der Abnabelungsprozess fällt Eltern - und Kindern - oft nicht leicht. Über das Empty-Nest-Syndrom, Hotel Mama und die Kunst der Unabhängigkeit.

Der Witz ist legendär - und geht ungefähr so: Ein katholischer Moraltheologe, ein evangelischer Ethiker und ein jüdischer Rabbi diskutieren darüber, wann genau das menschliche Leben be ginnt. "Wenn Ei- und Samenzelle verschmelzen", sagt der Katholik; "wenn sich der Embryo in der Gebärmutter einnistet", sagt der Protestant; "wenn die Kinder aus dem Haus sind und der Hund tot ist", sagt der Rabbi.

Tatsächlich könnten Eltern aufatmen, wenn ihr letzter oder einziger Sprössling aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen ist. Endlich mehr Ruhe, endlich kein leer gegessener Kühlschrank mehr, endlich keine dröhnende Musik mehr aus dem Kinderzimmer. Doch die Wirklichkeit sieht häufig anders aus -und deutlich weniger amüsant als im zitierten Witz: Nicht wenige Eltern empfinden den Abschied der Kinder - sei es für das Studium in einer anderen Stadt, für einen längeren Auslandsaufenthalt oder einfach "nur" für mehr Freiraum in einer eigenen Garçonnière -als krisenhafte Zäsur. Plötzlich wird es ungewohnt still im Haus, plötzlich gibt es da ein "totes" Kinderzimmer, plötzlich ist da niemand mehr, den man von früh bis spät bekochen oder sonstwie bekümmern könnte. Gefühle von Verlassenheit und Wehmut stellen sich ein.

"Wie Liebeskummer, nur schlimmer"

"Empty Nest Syndrom": Unter diesem Begriff firmiert die elterliche Traurigkeit, die sogar zur Depression werden kann. Es ist ein wissenschaftlich anerkanntes Phänomen, das im Diagnoseschema der Ärzte als Anpassungsproblem an eine Übergangsphase im Lebenszyklus beschrieben wird - und viele Menschen betrifft. Darüber geredet wird freilich selten, auch dann nicht, wenn zum Abschied der Kinder noch ein weiterer Einschnitt wie etwa der Eintritt in die Menopause bei Frauen, der Pensionsantritt oder die Pflegebedürftigkeit der eigenen Eltern dazukommen.

Die Berliner Familientherapeutin Bettina Teubert hat deshalb schon vor Jahren die Selbsthilfegruppe "Empty Nest MOMS" gegründet, in der sich "verlassene" Mütter austauschen können. Manche berichten, dass sich der Abschied von ihren Kindern anfühle "wie Liebeskummer, nur schlimmer". Und während man früher fürs Loslassen der Söhne und Töchter mit Enkelkindern "belohnt" wurde, ist das heute oft später oder nie der Fall.

Väter leiden noch mehr als Mütter

Die These, dass Frauen tendenziell stärker vom leeren Nest betroffen sind als Väter, weil sie meist noch immer mehr Zeit mit den Kindern verbringen und sich stärker über ihre Versorgerrolle definieren, wird freilich durch eine aktuelle Studie der Universität Flensburg erschüttert. Der Ökonom Alan Piper und sein britischer Kollege Ian Jackson haben dazu die Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) analysiert, eine seit 1984 jährlich vorgenommene, repräsentative Befragung von über 12.000 deutschen Haushalten. Das überraschende Ergebnis: Väter scheinen noch deutlich stärker unter dem Auszug der Kinder zu leiden als Mütter.

Ein Grund könnte laut Piper darin liegen, dass Frauen resilienter seien und mit Veränderungen in ihrem Leben etwas besser zurechtkämen als Männer. Auch die typische Arbeitsteilung im Haushalt könnte als Erklärung dienen. Denn in der Regel hätten Väter mehr "Spaß- und Spielzeit" mit den Kindern, während an Müttern nach wie vor eher die Hausarbeit hängen bleibe. Für die meisten Mütter stelle der Auszug der Kinder daher auch eine gewisse Entlastung dar.

Insgesamt haben die Forscher jedoch bei beiden Geschlechtern eine deutlich gesunkene Lebenszufriedenheit nach dem Auszug der Kinder verzeichnet. Insbesondere Single-Eltern und Geschiedene sind betroffen, aber auch verheiratete Paare können eine vorher nicht wahrgenommene Leere in ihrer Beziehung empfinden. Tatsächlich ist das Scheidungsrisiko im "verlassenen Nest" besonders hoch. Paare, die sich lange Zeit bevorzugt als Mama oder Papa definieren, werden unversehens wieder auf sich selbst zurückgeworfen. Eine glückliche Ehe ist hingegen -wie auch ein erfüllender Beruf - eine hilfreiche Empty-Nest-Prophylaxe, wie auch Pipers Studie belegen konnte.

Soviel zur Loslasskunst der Eltern. Doch auch den erwachsenen Kindern fällt die Abnabelung zunehmend schwer. Anno 1970 lebten etwa in Deutschland gerade einmal 20 Prozent der 18- bis 26-Jährigen mit ihren Eltern unter einem Dach, derzeit sind es bei den jungen Frauen etwa 50 Prozent und bei den jungen Männern sogar zwei Drittel. Längere Ausbildungszeiten sowie Wohnungsknappheit und prekäre Arbeitsbedingungen sind nur zu einem gewissen Teil für diese Entwicklung verantwortlich: Ein anderer Grund liegt darin, dass sich die beiden Generationen emotional "noch nie so nahe waren wie heute", wie die deutsche Journalistin, Autorin und alleinerziehende vierfache Mutter Gerlinde Unverzagt in ihrem neuen Buch "Generation ziemlich beste Freunde" schreibt. Als Beleg dafür zitiert sie etwa die deutsche Shell-Studie: 90 Prozent der jungen Erwachsenen geben darin an, dass sie mit ihren Eltern im Grunde gut auskommen. Nicht wenige fahren sogar gern und freiwillig mit den Eltern auf Urlaub. Die Zunahme erwachsener "Nesthocker" und das wachsende elterliche Leiden am "leeren Nest" sind für Unverzagt folglich "zwei Seiten derselben Medaille".

Durch die "digitale Nabelschnur" in Form von SMS, Skype oder WhatsApp wird der Ablösungsprozess indes noch weiter verzögert. "Dank der digitalen Medien bleiben meine Kinder und ich zusammen, während wir uns voneinander entfernen", schreibt Unverzagt - und berichtet von der Kommunikation zu ihrer in Australien weilenden Tochter. Doch sie weiß auch, dass die innere Unabhängigkeit durch die permanente Erreichbarkeit auch zur "mentalen, emotionalen Schwerstarbeit" werden kann. Die Grundfragen - Wofür bin ich noch verantwortlich und wofür nicht mehr? Was ist Unterstützung, was Einmischung? Was berichten wir und was nicht? - spitzen sich noch weiter zu. Der Ökonom Alan Piper hat in seiner Umfrage sogar festgestellt, dass die modernen Kommunikationsmittel das Unglück der Eltern noch verstärken können: "Das Kind empfindet oft kein so großes Bedürfnis nach Nähe, während die Eltern nicht verstehen können, dass es sich so wenig bei ihnen meldet - trotz zahlreicher Möglichkeiten."

"Eltern sollen Eltern bleiben"

Freunde werden - das können und sollen Eltern und Kinder aber ohnehin nicht, betont Gerlinde Unverzagt. "Freundschaften kommen freiwillig zustande, Eltern kann man sich genauso wenig aussuchen wie Kinder. Freundschaften kann man beenden, das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern ist unkündbar." Auch Heike Buhl, Professorin für Pädagogische Psychologie an der Uni Paderborn, sieht das ähnlich: Das Credo, das bei ihrer Befragung von 500 erwachsenen Kindern und ihren Eltern deutlich geworden sei, laute: "Eltern sollen Eltern bleiben." Wobei sich Kinder von Vätern und Müttern höchst Unterschiedliches wünschen: von den Vätern "mehr Nähe, mehr Wertschätzung und mehr Interesse"; und von den Müttern "weniger Einmischung, weniger Bevormundung und weniger Fürsorge".

Dass Bettina Teubert ihre Berliner Empty-Nest-Mütter dazu ermuntert, sich nach dem Auszug der Kinder auf ihre früheren Hobbys zu besinnen und aus dem leeren Kinderzimmer ein Gästezimmer zu machen, kommt also nicht von ungefähr. "Das beste Zeichen dafür, dass die Trauer überstanden ist, ist, wenn das Kind anruft und die Mutter sagen kann: Da habe ich leider keine Zeit."

Generation ziemlich beste Freunde

Warum es heute so schwierig ist, die erwachsenen Kinder loszulassen. Von Gerlinde Unverzagt. Beltz 2017.255 S., kart., € 17,50

Der Witz ist legendär - und geht ungefähr so: Ein katholischer Moraltheologe, ein evangelischer Ethiker und ein jüdischer Rabbi diskutieren darüber, wann genau das menschliche Leben be ginnt. "Wenn Ei- und Samenzelle verschmelzen", sagt der Katholik; "wenn sich der Embryo in der Gebärmutter einnistet", sagt der Protestant; "wenn die Kinder aus dem Haus sind und der Hund tot ist", sagt der Rabbi.

Tatsächlich könnten Eltern aufatmen, wenn ihr letzter oder einziger Sprössling aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen ist. Endlich mehr Ruhe, endlich kein leer gegessener Kühlschrank mehr, endlich keine dröhnende Musik mehr aus dem Kinderzimmer. Doch die Wirklichkeit sieht häufig anders aus -und deutlich weniger amüsant als im zitierten Witz: Nicht wenige Eltern empfinden den Abschied der Kinder - sei es für das Studium in einer anderen Stadt, für einen längeren Auslandsaufenthalt oder einfach "nur" für mehr Freiraum in einer eigenen Garçonnière -als krisenhafte Zäsur. Plötzlich wird es ungewohnt still im Haus, plötzlich gibt es da ein "totes" Kinderzimmer, plötzlich ist da niemand mehr, den man von früh bis spät bekochen oder sonstwie bekümmern könnte. Gefühle von Verlassenheit und Wehmut stellen sich ein.

"Wie Liebeskummer, nur schlimmer"

"Empty Nest Syndrom": Unter diesem Begriff firmiert die elterliche Traurigkeit, die sogar zur Depression werden kann. Es ist ein wissenschaftlich anerkanntes Phänomen, das im Diagnoseschema der Ärzte als Anpassungsproblem an eine Übergangsphase im Lebenszyklus beschrieben wird - und viele Menschen betrifft. Darüber geredet wird freilich selten, auch dann nicht, wenn zum Abschied der Kinder noch ein weiterer Einschnitt wie etwa der Eintritt in die Menopause bei Frauen, der Pensionsantritt oder die Pflegebedürftigkeit der eigenen Eltern dazukommen.

Die Berliner Familientherapeutin Bettina Teubert hat deshalb schon vor Jahren die Selbsthilfegruppe "Empty Nest MOMS" gegründet, in der sich "verlassene" Mütter austauschen können. Manche berichten, dass sich der Abschied von ihren Kindern anfühle "wie Liebeskummer, nur schlimmer". Und während man früher fürs Loslassen der Söhne und Töchter mit Enkelkindern "belohnt" wurde, ist das heute oft später oder nie der Fall.

Väter leiden noch mehr als Mütter

Die These, dass Frauen tendenziell stärker vom leeren Nest betroffen sind als Väter, weil sie meist noch immer mehr Zeit mit den Kindern verbringen und sich stärker über ihre Versorgerrolle definieren, wird freilich durch eine aktuelle Studie der Universität Flensburg erschüttert. Der Ökonom Alan Piper und sein britischer Kollege Ian Jackson haben dazu die Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) analysiert, eine seit 1984 jährlich vorgenommene, repräsentative Befragung von über 12.000 deutschen Haushalten. Das überraschende Ergebnis: Väter scheinen noch deutlich stärker unter dem Auszug der Kinder zu leiden als Mütter.

Ein Grund könnte laut Piper darin liegen, dass Frauen resilienter seien und mit Veränderungen in ihrem Leben etwas besser zurechtkämen als Männer. Auch die typische Arbeitsteilung im Haushalt könnte als Erklärung dienen. Denn in der Regel hätten Väter mehr "Spaß- und Spielzeit" mit den Kindern, während an Müttern nach wie vor eher die Hausarbeit hängen bleibe. Für die meisten Mütter stelle der Auszug der Kinder daher auch eine gewisse Entlastung dar.

Insgesamt haben die Forscher jedoch bei beiden Geschlechtern eine deutlich gesunkene Lebenszufriedenheit nach dem Auszug der Kinder verzeichnet. Insbesondere Single-Eltern und Geschiedene sind betroffen, aber auch verheiratete Paare können eine vorher nicht wahrgenommene Leere in ihrer Beziehung empfinden. Tatsächlich ist das Scheidungsrisiko im "verlassenen Nest" besonders hoch. Paare, die sich lange Zeit bevorzugt als Mama oder Papa definieren, werden unversehens wieder auf sich selbst zurückgeworfen. Eine glückliche Ehe ist hingegen -wie auch ein erfüllender Beruf - eine hilfreiche Empty-Nest-Prophylaxe, wie auch Pipers Studie belegen konnte.

Soviel zur Loslasskunst der Eltern. Doch auch den erwachsenen Kindern fällt die Abnabelung zunehmend schwer. Anno 1970 lebten etwa in Deutschland gerade einmal 20 Prozent der 18- bis 26-Jährigen mit ihren Eltern unter einem Dach, derzeit sind es bei den jungen Frauen etwa 50 Prozent und bei den jungen Männern sogar zwei Drittel. Längere Ausbildungszeiten sowie Wohnungsknappheit und prekäre Arbeitsbedingungen sind nur zu einem gewissen Teil für diese Entwicklung verantwortlich: Ein anderer Grund liegt darin, dass sich die beiden Generationen emotional "noch nie so nahe waren wie heute", wie die deutsche Journalistin, Autorin und alleinerziehende vierfache Mutter Gerlinde Unverzagt in ihrem neuen Buch "Generation ziemlich beste Freunde" schreibt. Als Beleg dafür zitiert sie etwa die deutsche Shell-Studie: 90 Prozent der jungen Erwachsenen geben darin an, dass sie mit ihren Eltern im Grunde gut auskommen. Nicht wenige fahren sogar gern und freiwillig mit den Eltern auf Urlaub. Die Zunahme erwachsener "Nesthocker" und das wachsende elterliche Leiden am "leeren Nest" sind für Unverzagt folglich "zwei Seiten derselben Medaille".

Durch die "digitale Nabelschnur" in Form von SMS, Skype oder WhatsApp wird der Ablösungsprozess indes noch weiter verzögert. "Dank der digitalen Medien bleiben meine Kinder und ich zusammen, während wir uns voneinander entfernen", schreibt Unverzagt - und berichtet von der Kommunikation zu ihrer in Australien weilenden Tochter. Doch sie weiß auch, dass die innere Unabhängigkeit durch die permanente Erreichbarkeit auch zur "mentalen, emotionalen Schwerstarbeit" werden kann. Die Grundfragen - Wofür bin ich noch verantwortlich und wofür nicht mehr? Was ist Unterstützung, was Einmischung? Was berichten wir und was nicht? - spitzen sich noch weiter zu. Der Ökonom Alan Piper hat in seiner Umfrage sogar festgestellt, dass die modernen Kommunikationsmittel das Unglück der Eltern noch verstärken können: "Das Kind empfindet oft kein so großes Bedürfnis nach Nähe, während die Eltern nicht verstehen können, dass es sich so wenig bei ihnen meldet - trotz zahlreicher Möglichkeiten."

"Eltern sollen Eltern bleiben"

Freunde werden - das können und sollen Eltern und Kinder aber ohnehin nicht, betont Gerlinde Unverzagt. "Freundschaften kommen freiwillig zustande, Eltern kann man sich genauso wenig aussuchen wie Kinder. Freundschaften kann man beenden, das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern ist unkündbar." Auch Heike Buhl, Professorin für Pädagogische Psychologie an der Uni Paderborn, sieht das ähnlich: Das Credo, das bei ihrer Befragung von 500 erwachsenen Kindern und ihren Eltern deutlich geworden sei, laute: "Eltern sollen Eltern bleiben." Wobei sich Kinder von Vätern und Müttern höchst Unterschiedliches wünschen: von den Vätern "mehr Nähe, mehr Wertschätzung und mehr Interesse"; und von den Müttern "weniger Einmischung, weniger Bevormundung und weniger Fürsorge".

Dass Bettina Teubert ihre Berliner Empty-Nest-Mütter dazu ermuntert, sich nach dem Auszug der Kinder auf ihre früheren Hobbys zu besinnen und aus dem leeren Kinderzimmer ein Gästezimmer zu machen, kommt also nicht von ungefähr. "Das beste Zeichen dafür, dass die Trauer überstanden ist, ist, wenn das Kind anruft und die Mutter sagen kann: Da habe ich leider keine Zeit."

Generation ziemlich beste Freunde

Warum es heute so schwierig ist, die erwachsenen Kinder loszulassen. Von Gerlinde Unverzagt. Beltz 2017.255 S., kart., € 17,50