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Wie soll man erziehen?

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Das Bedürfnis nach verläßlichen und guten Beziehungen scheint in unserer hochdifferenzierten, stark außengeleiteten Gesellschaft ständig zu wachsen.

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Das Bedürfnis nach verläßlichen und guten Beziehungen scheint in unserer hochdifferenzierten, stark außengeleiteten Gesellschaft ständig zu wachsen.

Für die Fähigkeit gesunde Beziehungen zu Freunden, Partnern oder Kollegen entwickeln und aufrechterhalten zu können, braucht es eine solide Basis. Diese Basis wird ab dem Tag der Geburt des Menschen, wahrscheinlich sogar schon vorgeburtlich angelegt. Was auf ihr entsteht, und ob es zu einem Gelingen oder Scheitern kommt, hat sehr wesentlich mit der Art des frühkindlichen Dialogs mit Eltern und Bezugspersonen zu tun.

Sämtliche Grundlagen der Kommunikation, des emotionalen Erlebens und der sozialen Grenzen werden schon früh innerhalb der Familie geprägt. Die Art und Qualität der Kommunikation, die ein Säugling zu Anfang seines Lebens erlebt, prägt die gesamte Entwicklung seiner Beziehungsfähigkeit im weiteren Lebensverlauf.

Erfährt das Kleinkind eine Bestätigung seiner selbst, ein Angenommensein seitens der Eltern, so kann es sich auch immer wieder aus der schützenden Hülle der Eltern-Kind-Beziehung herauswagen, um neue Erfahrungen zu sammeln, um sie dann im Umfeld der verläßlichen Beziehung zu integrieren. So lernt schon das Kleinkind wie Beziehungen funktionieren und kann auch Rückmeldungen ("Spiegelungen") gut verarbeiten. Seine Erfahrungen werden zu "Schemata" verarbeitet, die wieder die Basis für neue Erfahrungen bilden. Wie wichtig die Einbettung in eine verläßliche Struktur von Familie dabei ist, weiß Leonhard Thun-Hohenstein, Facharzt für Kinder- und Jugendneuropsychiatrie im Landeskrankenhaus Salzburg aus seiner Arbeit mit auffälligen und verhaltensgestörten Kindern: Zunehmende Eßstörungen wie beispielsweise Magersucht betreffen seiner Erfahrung nach heute in zunehmendem Maße schon jüngere Kinder, also bereits Kinder in einem Alter von unter zehn Jahren. Im Steigen begriffen sind auch Störungen des sozialen Verhaltens wie Aggressionen, und ein "sich nicht einordnen können", das heute schon bei Kindern in der ersten Volksschulklasse festzustellen ist. Die Ursachen liegen für den Kinderpsychiater auf zweierlei Gebieten: Zum einen erziehen die Eltern von heute (als Reaktion auf die strengere Erziehung der älteren Generation?) ihre Kinder nicht mehr direktiv, sondern eher "grenzenlos", außerdem wollen die Eltern ihre Kinder sich selbst "verwirklichen" lassen. Beides führt zu Ausuferungen kindlichen Verhaltens und zu Schwierigkeiten sich einzuordnen oder einzugrenzen.

Eltern bleiben Eltern Zum zweiten fehlt durch die hohe Zahl von Scheidungen jener Elternteil, der für Strukturen, Grenzen und Außenorientierungen zuständig ist, nämlich der Vater. Alleinerziehende Mütter sind meist gezwungen, Geld zu verdienen, sie können sich daher nicht immer auch in ausreichendem Maß um die Erziehungsarbeit kümmern.

Erschwerend kommt dazu, daß geschiedene Eltern mit den für sie durch die Trennung entstandenen Problemen oft nur schlecht oder mangelhaft zurechtkommen. Sie erleben eine "Rollenkonfusion" von Eltern- und Partnerschaft. Ihre Kinder können sich aber auf die Trennung nur dann wirklich einlassen, wenn man ihnen begreiflich gemacht hat, daß der Vater auch weiterhin Vater bleibt, die Mutter ihre Mutter. Eltern bleiben immer Eltern, auch wenn sie keine Partner mehr sind. Wenn das nicht allen Beteiligten klar ist, werden Kinder in ihrer Phantasie immer wieder versuchen, ihre Eltern auf irgendeine Art und Weise zusammenzubringen. So bildet jede Krise und die Art ihrer Bewältigung bereits die Grundlage für eine Beziehungsgestaltung im Erwachsenenalter.

Neben der Ursprungsfamilie wirken natürlich auch andere Lebensumwelten des Kindes auf sein Beziehungsverhalten ein: Kindergarten, Schule, Peer-Group und die Medien spielen eine nicht unwesentliche Rolle in der Entwicklung der Beziehungsfähigkeit heranwachsender Menschen.

Thun-Hohenstein dazu: "Ich bin fest davon überzeugt, daß die Schule in 30 bis 50 Jahren jener Platz sein wird, an dem es darum gehen wird zu erlernen, wie sich Menschen sozialisieren können. Das Erlangen von Sozialkompetenz wird im Vordergrund stehen. Die Situation, die wir heute kennen, daß nämlich 20 Kinder einer Klasse in verschiedene Leistungsgruppen eingeteilt werden, und sich oft eine Woche lang nicht sehen, stellt im sozialen Bereich eine große Überforderung dar und ist auch der Grund für ihr mangelndes soziales Verhalten."

Die Schule wird also in Zukunft mehr darauf achten müssen, daß wieder echte soziale Gruppen entstehen können, in denen jedes Individuum seinen Platz hat. Nur so kann es auch wieder zu Verantwortlichkeit des einzelnen für das Funktionieren "seiner" Gruppe kommen.

Beziehungsabbrüche, Scheidungen, aber auch Krankheit, Unfall oder Tod sind Lebensereignisse, die sich als große Belastungsfaktoren in Lebensverläufen auswirken können. Wie die Betroffenen mit diesen Belastungen fertig werden, hängt in hohem Maß von ihrer Adaptionsfähigkeit aber auch von ihrer Verletzlichkeit ab. Beides wurde in der frühkindlichen Entwicklung angelegt. Es ist nämlich erstaunlich, wie unterschiedlich Kinder aus der gleichen Familie mit den gleichen Streßfaktoren fertig werden. Das eine kommt gut und halbwegs unbeschadet, das andere völlig zerstört aus fast identen Situationen heraus. In jedem Fall haben alte sowie bestehende gesunde Beziehungen als unterstützende Faktoren eine Rolle gespielt. Günstig in Zeiten der Verunsicherung ist auch eine gute Kommunikation zwischen den Familienmitgliedern sowie womöglich eine außerfamiliäre Bezugsperson, mit der man sich aussprechen kann.

Viele Verunsicherungen von heute haben ihre Wurzeln auch im Fehlen von religiösen Grundwerten. Hier gab es früher ja klare Regeln. Daß der Zustrom zu radikalen Gruppen, in denen es diese klaren Regeln nach wie vor gibt anhält, macht nachdenklich. Dazu meint der Experte: "In radikalen Gruppen fehlt die Freiheit selbst zu entscheiden, was gut oder böse ist. Dieser starre Weg der Vorgabe von vermeintlichen Werten scheint für viele ein Anreiz zu sein. Für andere bedeutet jedoch der Verlust der alten Werte einen Gewinn an persönlicher Freiheit. Wir hatten jahrhundertelang strenge Kataloge und vorgegebene Wertigkeiten. Heute befinden wir uns in einer Zeit des Umbruchs, ohne zu wissen, wie es weitergeht. Daß es auch im Bereich der Kindererziehung große Schwenks gibt, ist meiner Meinung nach eine logische Folge."

Kinder ohne Lobby Kinder kann man hierzulande durchaus als "gefährdete Art" bezeichnen. Sie haben keine Lobby - gesunde Kinder nicht, psychisch kranke oder labile schon gar nicht.

Dabei sind die psychisch kranken Kinder meist jene, die die Defizite nicht gelungener Beziehungen ausbaden müssen. Es ist für den Kinderpsychiater unbegreiflich, daß unsere Gesellschaft in das Potential der nächsten 30 Jahre, nämlich in die Kinder von heute, so wenig zu investieren bereit ist. "Kinder sollten möglichst gesund durch ihre Kindheit kommen. Wir sollten uns daher nicht scheuen, so viel wie möglich in sie zu investieren. Es hat auch wenig Sinn psychisch kranke Menschen, egal ob jung oder alt, zu verstecken."

Es ist das Anliegen von Fachleuten, immer mehr Wissen über Beziehungsfähigkeit beziehungsweise -unfähigkeit zu vermitteln und bekannt zu machen.

Beziehung ist erlernbar, immer vorausgesetzt, daß wir den Umgang mit unseren Mitmenschen vom ersten Tag an wirklich ernst nehmen und nicht aufhören, an der Gestaltung von Beziehungen zu arbeiten. Tragfähige Beziehungen sind ein lebenslanger Lernprozeß und die beste Investition in eine menschliche Zukunft.

BUCHTIP "Abschied von den Kindern", Loslassen und sich neu begegnen. Von Barbara Dobrick, Piper Verlag, öS 123,-/e 8,94,

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