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Die Leichtmacher

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Ratlose Eltern stehen heute vor einer Unmenge an Büchern und Erziehungstips, die beste Erfolge ver-sprechen. Orientierungshilfen sind sie nicht immer.

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Ratlose Eltern stehen heute vor einer Unmenge an Büchern und Erziehungstips, die beste Erfolge ver-sprechen. Orientierungshilfen sind sie nicht immer.

Es gibt viele Gründe, warum jemand sich dazu verpflichtet fühlen kann, Kinder zu "erziehen": Direkte Verwandtschaft, als Vater, Mutter oder in einer anderen nahen Verwandtschaftsform; es kann sein durch Berufung, wenn die Umstände eine "Erziehung" nötig machen; es kann zum Beruf gehören (Schulen, Kindergärten ...). Es kann auch sein, daß man als mehr oder weniger beteiligter Zuschauer von Erziehung betroffen ist, und so weiter und so fort. Nicht zuletzt interessiert das Thema "Erziehung" so gut wie jeden Menschen, ist doch jeder mehr oder weniger selbst zum Objekt solcher Lenkungs- und Zügelungsversuchen geworden.

Ist es möglich, sich zu orientieren, was an Hinweisen, Ratschlägen oder "Wahrheiten", die mannigfaltig auf den Markt geworfen werden, Hand und Fuß hat, dem Kinde nützt und nicht schadet und auch die Mütter und Väter und womöglich Großmütter, Großväter und sonstige Menschen, die mit dem besagten Kinde in Kontakt kommen, gut leben läßt?

Sicherlich gibt es viele gute Orientierungshilfen durch den Dschungel der Erziehungslektüre und - für näher Interessierte - der neuesten wissenschaftlichen Arbeiten und Erkenntnisse auf dem Gebiet der Pädagogik (deren Ergebnisse allerdings immer nur so gut und relevant sind wie ihre Fragestellungen, die man als "Endverbraucher" leider oft nicht zu hören bekommt).

Ich möchte aber auf die Wahrheit des alten Spruchs von Gustav Meyrink im Roman "Das grüne Gesicht" verweisen: "Wertvoll ist nicht die Erfindung, sondern das Erfindenkönnen. Wertvoll ist nicht ein Gemälde, höchstens kostbar, wertvoll ist nur das Malenkönnen."

Nur nicht einmischen?

In diesem Sinne nun das Folgende. Eine mögliche Orientierungshilfe und meiner Meinung nach eine sehr reizvolle, wenn auch nicht unbedingt bequeme, dafür aber äußerst befriedigende, beginnt mit der grundlegenden Absage an die empfundene oder übertragen bekommene Verpflichtung (oder das Gefühl des Wollens), erziehen zu müssen. Weshalb sollte man auch Kinder, die, wie sich jeder überzeugen kann, im allgemeinen sehr gut imstande sind, sich zu bewegen, in eine bestimmte Richtung ziehen? Warum sollte man Kinder, die zumeist ihrem Entwicklungsstand und der jeweiligen soziokulturellen Umgebung entsprechend sehr klare Richtungen vor Augen haben, in eine Richtung zerren?

Also alleine gehen lassen, nicht einmischen, der "Natur" freien Lauf lassen?

Nein, ganz und gar nicht. Mitgehen, begleiten, staunen, stolpern, aufstehen, aufhelfen und sich aufhelfen lassen, auf große Hindernisse zeigen und sie ernstnehmen, wenn sie einem gezeigt werden, mutig sein, vertrauensvoll, Erfahrungen zur Diskussion stellen, sich Angst eingestehen und Angst aushalten, lachen können mit anderen und über sich selbst, miteinander traurig und freudig sein können ...

Kinder sind komplex Mit dieser Absage an Erziehung ist auch die Absage verbunden, daß es das absolut "Richtige" oder "Falsche", das "Gute" oder das "Böse" gäbe.

Solch eine Begleitung eines Kindes verlangt vom Erwachsenen eine stete Wachsamkeit seiner Umgebung gegenüber, den gesellschaftlichen Strömungen, den modischen Diskriminierungen, den zeitgemäßen Gleichmachereien und so fort.

Wie schon gesagt, bequem oder gar leicht ist das nicht, aber wie sagte schon Lao Tse so wunderbar zitabel? "Sich die Dinge leicht machen, führt zu großen Schwierigkeiten."

Ein Blick zurück auf die "Leichtmacher" der Erziehung, seien es die radikal autoritären, antiautoritären oder partnerschaftlichen Thesen, die bei braver Einhaltung besten Erfolg garantierten, ohne anzugeben, an wen man sich im Falle einer Reklamation wenden könnte: Es geht darum, klar zu erkennen, daß es jedem, aber wirklich jedem, dem besten Kinderpsychologen, der begnadetsten Mutter, dem erfahrensten Großvater, der wissenschaftlichsten Kinderärztin, der fundiertesten Pädagogin, dem ambitioniertesten Kindergärtner unmöglich ist, einen Ratschlag zu geben für ein spezifisches Kind.

Eigentlich ist es der Abschied von der lang gepflegten, lieb gewordenen Annahme, daß jede Ursache eine genau vorausplanbare Wirkung habe; es ist der Abschied von der Annahme, daß Kinder funktionieren wie triviale Maschinen: Werfe ich fünf Schilling in einen (funktionierenden/gesunden) Kaugummiapparat, so kann ich ganz sicher sein, daß da ein Kaugummi herauskommt und nicht eine Kuh. Wende ich bei meinem (gesunden) Kind die Erziehungsmaßnahme "X" an, so kann ich eben leider nicht sicher sein, daß das Ergebnis "Y" herauskommt.

"Schuld" daran ist nicht immer die Mutter oder das "böse/verhaltensgestörte" Kind, sondern die hohe Komplexität des Kindes, der Mutter, des Vaters, der Geschwister, all der anderen Menschen, die für das Kind eine Rolle spielen und das wechselseitige Zusammenspiel aller Beteiligten ...

Es scheint mir hoch an der Zeit zu sein, die Ergebnisse der Chaosforschung und der Synergetik (Lehre vom Zusammenwirken) nicht nur mit Nobelpreisen zu belegen, sondern im Alltag (wieder) zum Zug kommen zu lassen, sich von der Ansicht zu befreien, daß es Ordnung nur durch Interventionen von außen gäbe und daß Selbstorganisation eine romantische Fiktion sei.

Also nur aus dem Bauch heraus? Frisch drauflos?

Nein, ganz und gar nicht. Sich umhorchen, lesen, diskutieren, schauen, hören, in sich horchen, staunen, neugierig sein, nachspüren, reden ... eben begleiten ...!

Jede Neuerung und alle alten Weisheiten der Erziehung können und sollen nicht mehr, aber auch nicht weniger als Information sein.

Diese Information gilt es dann, zusammenzuschauen mit dem ganz spezifischen Kind, mit den ganz speziellen Personen, mit denen es zusammen lebt, dem Kulturkreis, in dem es aufwächst ...

Jenseits aller Moden Also ist alles relativ, beliebig, "anything goes"?

Nein, ganz und gar nicht. Es gibt einige sehr überzeugende und alle bisherigen Modeströmungen der Erziehung überdauernde Parameter, die jeder Erwachsene im Grunde seines Herzen sehr genau kennt. Allerdings wagt man sie manchmal nicht laut auszusprechen, vielleicht weil sie gegen die eigenen Erziehungserduldungen sprechen würden - und wir sind in dieser Hinsicht oft gar zu "loyal" unseren Müttern und Vätern gegenüber oder weil gerade ein wichtiger Wissenschafter oder Zeitgeistler anderes propagiert und wir oft nicht die Courage aufbringen, gegen den Strom zu schwimmen.

Worauf es ankommt 1. Jedes Kind durchmißt im Laufe seines Lebens ganz spezifische Entwicklungsstufen und jede davon hat ihre eigenen Besonderheiten. Es ist befriedigend und herrlich, diese zu erforschen, und jedes Kind braucht begleitende Erwachsene, die etwas von diesen Besonderheiten wissen, sich dafür interessieren, und auch eigene Erinnerungen daran haben, ohne zu vergessen, daß es in diesem Fall ihre eigenen sind ...

(Die Entwicklung geht natürlich im Erwachsenenalter weiter und da gilt ebenfalls, daß das Zusammenleben umso erfüllter und befriedigender ist, je mehr die, die mich begleiten, über die jeweils spezifische Lebensphase wissen oder mit Interesse erfragen, miterleben und mitempfinden. Kinder, die in einem gewissen Abhängigkeitsverhältnis zu den begleitenden Erwachsenen leben, sind aber mehr und eindeutiger darauf angewiesen.)

2. Jedes Kind (natürlich auch jeder Erwachsene) braucht Achtung und Respekt vor sich selbst, damit es gelingt, andere zu achten und zu respektieren. Das lernt ein Mensch am besten, wenn es möglichst viele Menschen gibt, die ihm mit Achtung und Respekt begegnen, die ihn weder körperlich, noch psychisch, noch in Weltanschauungen und Gedanken erniedrigen.

* Körperliche Erniedrigung kann sich etwa durch Schläge, durch sexuellen Mißbrauch oder sexuelle Zudringlichkeit oder durch destruktive Kritik an schwer oder gar nicht veränderbaren Körpermerkmalen (Geschlecht, Hautfarbe, Größe, Gewicht ...) oder - äußerungen (Weinen, Schreien, Lachen ...) zeigen.

* Psychische Erniedrigung kann sich durch Abwiegeln oder nicht Ernstnehmen von Gefühlen äußern (Typische verbale Äußerungen dazu: "Das kann ja gar nicht weh tun", "Nur Irre können sich über so was freuen", "Wegen so was kann man nicht gekränkt sein" ... ganz zu schweigen von der Fülle der nonverbalen Äußerungen, die mindestens so schneidend und verletzend sein können wie Worte).

* Weltanschauliche oder gedankliche Erniedrigungen kann man etwa durch Sätze wie "Das meinst du aber nicht wirklich" oder "Da muß man ordentlich gestört sein, um so was denken/glauben/gutheißen zu können" erkennen.

3. Jedes Kind braucht begleitende Erwachsene, die es innig lieben und die vertrauenswürdig sind, auf deren Wahrhaftigkeit sie sich verlassen können: Wahrhaftigkeit sollte nicht mit "Wahrheit" verwechselt werden. Wahrhaftigkeit meint, daß das Kind sich darauf verlassen kann, seinem jeweiligen Entwicklungsstand entsprechend Informationen zu bekommen.

4. Jedes Kind braucht begleitende Erwachsene, die vor sich selbst Respekt haben, die sich über sich selbst und hoffentlich mit vielen anderen freuen können, deren unmittelbare existentielle Not nicht zu groß ist, die gesund sind, die in Krankheit gut versorgt werden, die, so sie das wollen, einer Arbeit nachgehen können, die in ihrer Einzigartigkeit von möglichst vielen Mitmenschen wahrgenommen und geliebt/gemocht werden, die weder aufgrund ihres Geschlechts, noch ihrer Herkunft, noch ihrer Hautfarbe diskriminiert werden oder andere diskriminieren, die keiner Gewalt ausgesetzt sind und keine Gewalt ausüben ...

Eine mögliche Orientierungshilfe im großen Angebot der Erziehungs-meinungen ist es also erstens, die eigene Einstellung zu ändern und vom Erziehen zum Begleiten zu gelangen, zweitens sich kundig zu machen über Entwicklungspsychologie und drittens sich, das schutzbefohlene Kind und wer immer sonst noch zur Familie gehört, gut zu beobachten, und wertzuschätzen, wieviel Freude, Wohlwollen und Begeisterung man füreinander und für Schönes ebenso wie Konflikthaftes (Gradmesser eines gelungen Zusammenlebens) miteinander entwickeln kann.

So ausgerüstet ist es wohl hinfällig, Literatur zum Thema "Erziehung" zu empfehlen. So ausgerüstet, kann jede Information als sinnvoll in den Alltag integriert oder als unpassend, störend oder nichtssagend verworfen werden.

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