7038621-1990_07_11.jpg
Digital In Arbeit

Die Kinder gehen im Lärm unter

Eine Schulklasse - offenbar auf einem Ausflug - stürmt das Un­terdeck der Fähre, die das Festland mit den Inseln verbindet. Ich habe mich dorthin zurückgezogen, weil es von den Fahrgästen relativ wenig aufgesucht wird und deshalb mehr Gewähr für Stille bietet. Das Her­einbrechen der rund 20 etwa Zehn­jährigen steht dem entgegen.

Was zunächst nur wie die übliche freudige, beredte Unruhe erlebnis­hungriger Ausflügler zu sein scheint, nimmt in zunehmendem Maße ein­drucksvolle Formen an. Drei der Kinder haben Transistorgeräte aus ihrem Gepäck geholt. Lärm aus der Röhre auf Hochtouren durchhallt den Raum. Einige beginnen sich gegenseitig zu knuffen, zu rangeln, einander Sitzplätze streitig zu machen und sich voneinander zu erboxen, obgleich reichlich Platz vorhanden ist.

Andere sitzen wie apathisch un­gerührt im Tohuwabohu, strecken die Beine von sich und glasen -Kaugummi kauend - vor sich hin. Einige wenige haben sich um die Lehrerin geschart und reden laut, wie Alte gestikulierend, auf sie ein.Kaum eines der Kinder wirft auch nur einen Blick aus dem Fen­ster auf das Meer, oder verfolgt das Manövrieren der Fähre.

Kinderverhalten heute: Als „an­genehm-frech" bis „autonom­selbstverständlich" wird es von den Erwachsenen jovial toleriert, ja hofiert und gefördert. Aber ist es wirklich so positiv zu bewerten?

Viele Lehrer entdecken Schatten­seiten: Unruhe behinderte die Kon­zentrationsfähigkeit im Unterricht, die Gruppe sei keine Gemeinschaft sondern Masse von einzelnen - so geht ihre Klage.

Was läßt sich aus kinderpsycho­therapeutischer Sicht zu dem Phä­nomen vermerken? In der Tat un­terscheidet sich das moderne Kind in verschiedener Hinsicht von der Kindergeneration vor ihm. Es agiert viel unbekümmerter, unbedenklich-selbstbezogen in der Welt, oft mit einer geradezu wie aufgezogenen Motorik, scheinbar sicher bis frech weiß es sich zu behaupten, nimmt in Anspruch, oft sogar über das ihm Angemessene hinaus.

Bescheidenheit, Höflichkeit, Be-eindruckbarkeit - das sind Eigen­schaften, die den meisten abhanden gekommen zu sein scheinen. Gewiß gibt es immer noch Ausnahmen; aber in der Gruppe ist der moderne Typ so dominant, daß andere Spiel­arten darunter geradezu zu ver­schwinden scheinen.

Nun gehört es zu den Grunder­kenntnissen der Kinderpsychologie, daß sich typische Verhaltenscha-rakteristika durch einen typischen Verhaltensstil in der Umwelt in einer bestimmten Weise ausprägen. Den vorherrschenden Kindertyp heute gab es einst nur gelegentlich und zwar meist unter den jüngeren Kindern einer großen Geschwister­schar, um die sich die Eltern wenig kümmerten.

Das moderne Kind hat hier an­scheinend relativ oft einige ähnli­che Grundvoraussetzungen: Zwar kommt es seltener noch aus kinder­reichen Familien, aber es wird meist auch bereits früh Kindergruppen anheimgegeben, in denen es sich behaupten muß.

Aber von der Robustheit des jün­geren Kindes aus Orgelpfeifenfa­milien unterscheidet sich das mo­derne Kind durch eine dem Laien oft gbr nicht ins Auge fallende Ei­genschaft, die aber den Kinderpsy­chotherapeuten beunruhigen muß: Die staunend-of f ene Empfindungs­möglichkeit, die erlebnishungrige Neugier scheint bei immer mehr Kindern eingeschränkt zu sein.

So etwas wie Abgebrühtheit tut sich auf, eine Gelassenheit also, die nicht positiv zu bewerten ist, weil sie durch Stumpfheit charakerisiert ist. Das aber ist eine typische Fol­geerscheinung von Überstimula­tion.

Es ist unschwer zu erraten, wie sie entsteht: Wird doch ein Großteil der Kinder heute durch ihre Kind­heit hindurch einer visuellen und auditiven Überreizung ausgesetzt, oft durch einen fortgesetzt laufenden Fernsehapparat im Familien­bereich mit seiner Überfülle an Bil­deindrücken, mit drastischen, nicht integrierbaren Inhalten von Crime und Sex, durch Dauerlärmkulisse aus dem Radio, durch ein Übermaß an Spielangehot, durch ein Einge-wobensein in den hektischen Alltag der Erwachsenen, durch vielerlei Hin- und Hergeschobenwerden zwischen Betreuern, Unterhaltern, Hobbys und Freizeitprogrammen.

Nicht böser Wille der Erziehen­den bewirkt das im allgemeinen, im Gegenteil. Viele Eltern hoffen, ih­ren Kindern etwas besonders Gutes zu tun, indem sie ihnen alles nur Erdenkliche bieten: „Sozialisation" durch frühes Abgeben in Gruppen von Gleichaltrigen, Begabungsent­faltung durch frühe Motivation zu gezielter Leistung, durch ein Ubermaß an Anregung, durch die frühe Verschulung darüber hin­aus.

Wie in einem hektischen Wettren­nen wird versucht, die sogenannte „Kreativität" des Kindes durch ein Übermaß an Stimulation zu för­dern. Und dennoch kommt in den seltensten Fällen auf diese Weise eine große schöpferische Begabung zur Ausprägung-im Gegenteil: Die frühen Überdosierungen scheinen sie.geradezu zu ersticken.

Ohne eine artifizielle Behinde­rung durch die Umwelt beginnt bereits jedes ungeängstigte dreijäh­rige Kind von selbst, seine Phanta­sie zu entfalten. Intuition, Gefühls­reichtum, Offenheit für das Wun­derbare und Einfallsreichtum kenn­zeichnen ein seelisch gesund ent­faltetes vier- bis siebenjähriges Kind.

Aber wenn die Umwelt, in der es sich aufhält, von Vorgefertigthei­ten erfüllt ist, so fehlen dazu die Voraussetzungen: Die Stille, die Muße, das Unbeeinträchtigtsein von den so vielfältig gewordenen Mög­lichkeiten von Zerstreuung und Ablenkung.

Gesund kann sich die Seele des Menschen nur entfalten, wenn man ihr hier über Jahre in hinreichender Weise Spielraum zu besinnlicher Eigengestaltung zur Verfügung gestellt hat. Lärm tötet den Einfall von Ideen, ständiges Umringtsein von Gleichaltrigen läßt keinen Gei­straum zur Ausgestaltung des ei­gentlich Individuellen des Kindes.

Zwar ist es in einem ihm unange­messenen hektischen Lärmrahmen genötigt, sich robust durchzusetzen und sich gegen den Lärm durch Abstumpfung und Selbstlärmen zu schützen - aber die Entfaltung sei­nes Eigentlichen: seiner einmaligen kleinen Persönlichkeit bleibt dann aus.

Kinder vollziehen unbewußte Nachahmung mit dem Kindertyp, wie er im Nachmittagsprogramm des Fernsehens wieder und wieder zur Darstellung gebracht wird. Das psychologisch Bedenkliche besteht aber vor allem darin, daß eine zen­trale Erwartung der Seele des Kin­des nicht erfüllt, daß eine obligato­rische Entwicklungsphase - die des magischen Welterlebens - unnach­denklich überwalzt wird.

Staunen über Neues, Großes, Unbekanntes kann es immer weni­ger. Das Gefühl bleibt aus, was aber dumpf als ein unbestimmter Man­gel empfunden und dennoch gesucht wird! Dadurch kommt es bei den Heranwachsenden zu einem Bedürf­nis nach immer mehr, immer laute­rer, immer gröberer Stimulation.

Deshalb entsteht zwangsläufig das Bedürfnis nach hochpeitschen­der Musik, die immer lauter, immer gröber zu sein hat und immer un­entbehrlicher wird, weil das unter­entwickelte Gefühl nach rauschhaf­ter Stimulation giert. Deshalb auch ist die immer größer werdende Anfälligkeit für Rauschgift nicht im mindesten zufällig!

Unsere laute Welt mit ihren meist viel zu frühen, den Kindern unan­gemessen dargereichten glitzernden Angeboten tut dem Wesen des Kin­des Übles an durch das, was man ihm heute als „Alltag" zumutet.

Das 20. Jahrhundert sollte - laut der namhaften Pädagogin Ellen Key - zum „Jahrhundert des Kin­des" werden. Es hat diesen An­spruch nicht erfüllt, sondern ist stattdessen einer Fehlvorstellung über die eigentlichen Bedürfnisse der Kinder erlegen. »

Mitten in der Moderne begannen die Erwachsenen in kurzsichtiger Unnachdenklichkeit ihre eigenen Bedürfnisse in die Kinder hinein zu projizieren und ihnen zu oktroyie­ren. Deshalb - hier hat der Ameri­kaner Neil Postman mit seinem Buch über den Verlust der Kindheit recht - wirken sie wie kleine Er­wachsene; denn man hat sie um das Eigentliche ihrer Kindheit betro­gen.

Wir können auch heute noch mit Liebe und Verantwortungsgefühl erwirken, daß die Seele unserer Kinder sich im Schutzraum eines von Muße erfüllten Familienfestes entfaltet. Aber dazu müssen wir sie beschenken: Mit unserer Hellhörig­keit, unserer Behutsamkeit, mit der Bereitschaft zum Verzicht auf ein Übermaß an Aktivität und unserer leidenschaftlichen Bemühtheit, ihren individuellen Entfaltungs­spielraum zu verteidigen, wenn Techniken, Moden, Ideologien, Lei­stungszwang und ein überfüllter Alltag dazu ansetzen, ihm die Vor­aussetzungen zur inneren Ausge­staltung ihrer Seelen vorzuenthal­ten.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau