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Weglaufen, aber wohin?

1945 1960 1980 2000 2020

Kinder und Jugendliche, die von zu Hause weglaufen, gab es schon immer. Hansel und Gretel gehören ebenso zu ihnen wie der Taugenichts Eichendorffs. Aber die Absetzbewegungen von heute sind radikaler geworden.

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Kinder und Jugendliche, die von zu Hause weglaufen, gab es schon immer. Hansel und Gretel gehören ebenso zu ihnen wie der Taugenichts Eichendorffs. Aber die Absetzbewegungen von heute sind radikaler geworden.

Spätestens seit den 60er Jahre gibt es immer wieder ganze Ausreißer-Szenen, die sich aufbauen, durch neue ersetzt werden, einen Anspruch auf Dauer stellen und doch verschwinden. Immer wieder gibt es solche Rückzugsbewegungen aus der gesellschaftlichen Ordnung, die als kalt, lieblos und unzureichend erfahren wird. Wer „ausreißt", bürgert sich teilweise selbst aus, weil er aus der gesellschaftlichen Kälte in die Wärme kleiner Freundschaftsgruppen strebt. Die Wege sind freilich unterschiedlich; Chancen und Gefährdungen liegen oft nebeneinander.

So gibt es (1) die Selbstausbürge-rung durch Sucht. Hierzu gehören Drogen- ebenso wie Alkoholabhängige. Nicht alle von ihnen erleben dabei eine Erweiterung des Bewußtseins und imaginierte Perspektiven eines besseren Lebens. Viele benutzen den „Trip" nur, um sich zu entziehen, nicht mehr ansprechbar sein zu müssen. Im ersten Schritt wird die Beziehung zur Umwelt eingeschränkt oder aufgegeben; weitere Schritte führen zur Vereinsamung, Isolation und häufig zur Selbstaufgabe.

Flucht in kleine Gruppen

Oder es gibt (2) die Selbstausbürgerung durch Radikalisierung des Verhaltens. Von „politischer Radikalisierung" sollte deswegen nicht ohne weiteres gesprochen werden, weil fraglich ist, wieweit bestimmte Prozesse „politisch" sind. Wenn „politisch Handeln" nämlich heißt, daß die gemeinsamen Probleme und unterschiedlichen Interessen durch gemeinsam anerkannte Regelungen bearbeitet werden, mit dem Ziel, daß dies vernünftig geschieht und unter der Voraussetzung, daß Macht kontrolliert wird und Inhaber von Positionen austauschbar sind, so trifft eine Definition nicht das Ver-halten radikali-sierter Jugendlicher. Eine Gesellschaftskritik, die zu lebenszerstörerischen Handlungen führt, verliert ihre rational-funktionale Basis als Korrektiv. Der bis heute unbewältigte Extremfall des jugendlichen Terro-rismus hat deutlich gemacht: erst bürgern sie sich aus, um den „Gegner" zu zerstören; dann zerstören sie sich selbst, weil Handlungschancen und Handlungssinn nicht aufrecht zu erhalten sind.

Ein weiteres Verfahren ist (3) die Selbstausbürgerung durch religiöse Fanatisierung. Auch hier ist Motiv der Glaube an eine ganz andere, utopische Gesellschaft, die nur in Vorwegnahme religiöser Ekstase erlebt werden kann. Die scheinbare Freiheit wird oft teuer bezahlt. Was als Ausbruch aus dem Gesellschafts-Gefängnis erlebt wird, endet in einer neuen Fesselung, etwa in einer geschlossenen Gruppe mit festen Hierarchien und verbindlichen Regeln, die Fragen und Zweifel nicht mehr erlauben.

Sodann gibt es (4) die Selbstausbürgerung durch radikale Privatisierung und Gruppen-Fetischismus. Dazu können gehören die, Jtesis" (Resignierte), Leute aus der Studentenrevolte, die jetzt in Frieden ihre Äcker bebauen Und so überleben möchten, oder auch Vorab-Resignierte, die es gar nicht erst mit dieser Gesellschaft aufnehmen, oder auch Euphoriker der kleinen Gruppe, verführt durch eine falsch verstandene Gruppendynamik. Es wird die Gruppe zum Fetisch, und dann zeigt sich, daß die alten Gewalten doch wieder durchbrechen - Rivalitäten, Ängste, Einsamkeit.

Welche Art von Selbstausbürgerung auch gewählt wird: in der Regel drückt sie sich symbolisch nicht deut-lich aus. Es handelt sich häufig um wortlose, kommunikativ nicht vermittelte oder vermittelbare Ausbrüche oder Fluchten. Die Sprache geht nach innen, jeweils nur in den eigenen Kreis, in die Reihe derer, die schon Gesinnungsgenossen sind. Alle Selbstausbürgerungen haben eine Tendenz, im Kreis von Gleichaltrigen zu verbleiben, sich an ihnen zu orientieren. Wir nennen dies „Jugendzentrismus". Die Folgen dieses Phänomens sind vielfältig: Kommunikationslosigkeit oder Desinteresse zwischen den Generationen, manchmal stattdessen Haß, Jugendfeindlichkeit auf der einen, Altenverfolgung auf der anderen Seite.

Es handelt sich um eine Form von jugendlichem Ethnozentrismus, der in jugendkulturelle Überheblichkeit ausarten kann, in ein Absolutsetzen der eigenen Minderheiten-Kultur, die sich nicht mehr vermittelt. Denn die pluralistische Offenheit einer modernen Gesellschaft mit ihren komplexen Wertbezügen und Orientierungspunkten wird immer schwerer bewältigbar -die Flucht in die große Einfachheit bleibt dann als oft in die Irre führende Hoffnung.

Ausreißen, das ist immer ein Bestandteil des Ablösungsprozesses des Jugendlichen von der Familie. Helm Stierlin hat idealtypisch „zentrifugale" und „zentripetale" Orientierungen Jugendlicher gegenüber ihren Familien diagnostiziert. Jugendkultur-orientierte Jugendliche weisen eher zentrifugale, Jugendliche mit starker Mutterbindung oder der Akzeptanz starker Familienkontrolle eher zentripetale Verhaltensweisen auf. Geglückt ist die Ablösung von der Familie, wenn beiden Tendenzen in einem Hin und Her von Konflikt und Versöhnung zum Ausgleich kommen:

„Während der ödipalen Phase in-trojiziert das Kind die Efternbilder, um sich auf diese Weise von seinen Inzestwünschen und den mit Strafe drohenden Eltern zu distanzieren. Durch diesen Prozeß der Introjektion löst es sich von ihnen und bleibt doch in entscheidenden Punkten an sie gebunden. Während es sich von seinen Eltern löst, bindet es sich an Personen außerhalb der Familie wie an Freunde oder Lehrer... Die Phase der Adoleszenz läßt ödipale Konflikte immer aufleben und führt im günstigen Fall zu ihrer endgültigen Lösung..."

Dieses Sich-von-den-Eltem-Ablö-sen und doch wieder Zurückkehren ist der familiendynamische Normalfall. Dieser ist aber weniger normbildend als früher. Gestörte Familienbeziehungen - Kinder, die in einer zu engen Symbiose mit Mutter oder Vater aufgewachsen sind - werden häufiger die Regel. Enttäuschungs- oder Abwehrreaktion, wenn ein Elternteil sich einem anderen Partner zuwendet, sind heute heftiger. Dazu trägt sicherlich auch der schnelle soziale Wandel bei, der die Kinder-Sozialisation unter ganz andere Bedingunge stellt wie die ihrer Eltern. Dies hat zur Folge, daß die in zeitlich verschieden gelagerten Sozialisationsprozessen gebildeten Psycho-Strukturen nicht mehr mit einander korrespondieren und daß die

Eltern vom Jugendlichen nicht mehr als Repräsentanten der gesellschaftlichen Realität upd damit als Identifikationsobjekte akzeptiert werden (so Thomas Ziehe). Damit werden die Eltern nicht nur wenig bedeutsam für die Zukunftsprojektionen ihrer Kinder, sondern es komplizieren sich auch die Beziehungen.

Aber: Manchmal sind Ausbrüche die einzige Chance für Kinder, die durch zu starke Bindung an die Eltern in ihrer Identitätsentwicklung behindert werden. Ausreißer-Sein, das kann also auch bedeuten: Versuch, ein Stück Selbständigkeit zu erproben.

Noch eine letzte Ambivalenz: Gerade in letzter Zeit ist zweierlei zu beobachten. Einerseits machen schon Kinder aggressive Ausfälle auf Erwachsene, die sie persönlich gar nicht kennen - sozusagen ohne Handlungsmotiv. Anderseits gibt es immer mehr Kinder und Jugendliche, die ihr Leben aufs Spiel setzen, aus purem Übermut. Das „U-Bahn-Surfen" (vor allem in München und Hamburg) ist ein Beispiel einer gefährlichen Mode: Kinder springen auf anfahrende Züge, halten sich an den äußeren Türgriffen fest und fahren bis zur nächsten Station mit oder hangeln sich von Wagen zu Wagen. In Israel und den USA gibt es immer häufiger Jugendliche, die auf Schnellstraßen vor nahende Autos laufen und erst im letzten Augenblick zur Seite springen.

Risikospiele mit Lebenseinsatz

Hier gibt es nicht mehr, wie bei den runaway- und drop-out-Kindem eine Utopie vom besseren Leben - es handelt sich um Risikospiele mit Lebenseinsatz. Solche Ausreißer experimentieren mit ihrem Leben im Versuch, die Alltäglichkeit hinter sich zu lassen, die für sie wohl unerträglich ist in ihrer Langeweile. Dieses letzte Beispiel läßt die Frage verschärft stellen, welche Sozial-, Spiel-, Lebensräume die Gesellschaft eigentlich für Kinder und Jugendliche bereit hält, die so geartet sind, daß sie ihre freiheitsuchenden Bewegungen erproben können, ohne den Weg zur Rückkehr in die Gesellschaft völlig zu verlieren oder das Leben aufs Spiel zu setzen.

Wenn die Welt für Kinder zu eng wird, und sie das Gefühl haben, gegen Wände zu laufen, handelt es sich um Ausbrüche ohne Chance, um ein Weglaufen ins Nichts. Hier sind pädagogisches Vorbild, Ermahnungen oder gute Worte an ihre Grenze gekommen; restituiert werden muß vielmehr eine zerstörte Sozialökologie. Nicht nur die Natur verkümmert, sondern auch der gesellschaftliche Lebensraum für Kinder. Dem Waldsterben entspricht das Sterben wirklicher Räume für Kinder. Auch hier muß schnellstens Einhalt geboten werden - einfach und billig ist dies freilich nicht!

Der Autor ist Professor für außerschulische Pädagogik an der Universität Bielefeld. Auszug aus seinem Referat bei der 40. Internationalen Pädagogischen Werktagung in Salzburg.

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