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Die Subversion des Wissens ist gefragt

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Bildungspolitischen Weichenstellungen sollen Utopien zugrunde liegen -gleichzeitig müssen sie aber auch von der gelebten Wirklichkeit des Alltags ausgehen.

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Bildungspolitischen Weichenstellungen sollen Utopien zugrunde liegen -gleichzeitig müssen sie aber auch von der gelebten Wirklichkeit des Alltags ausgehen.

Bildung in der Zukunft kann dargestellt werden an erforderlicher Bildungswirkung, an Merkmalen effektiver Schulen, an innerer und äußerer Schulorganisation sowie Lehrerbildung. Die folgenden Ausführungen gehen von der Projektion wahrscheinlicher Entwicklungen anhand der Studie „Bevölkerungsentwicklung in Oberösterreich“ aus dem Jahr 1987 aus und konzentrieren sich exemplarisch auf wünschenswerte zukünftige Bildungswirkungen.

Immer weniger Menschen werden immer kürzer arbeiten und immer mehr Pensionisten zu ernähren haben, die immer länger leben. Der Kampf um die Lebensrechte der Generationen entwikkelt Radikalisierungspotential. In die durch den Geburtenrückgang .entstehende „ökologische Nische“ werden in attraktiven Zielländern Einwanderer vorstoßen.

Neue Entfremdungen in Arbeitswelt und Freizeit werden die Kontaktfähigkeit mindern. Die Gefahr einer Zweidrittelgesellschaft und jene einer Segmentierung der Arbeitswelt in Rationalisierungsgewinner und Rationalisierungsverlierer wird durch neue Ausprägungen von Mitmenschlichkeit zu bannen sein.

„Die Gänse auf dem Kapi-tol waren keine Pessimisten, aber Cassandra war es. Deshalb hatten die Gänse mit ihrer Warnung Erfolg, Cassan-' dra jedoch nicht.“

ARTHUR KOESTLER

• Werterziehung der Schule in der Tradition des Christentums wird Dienstleistung subsidiär in die zwischenmenschliche Beziehung führen müssen und weniger Sozialstaat möglich machen.

• Schule muß zum täglichen Ubungsfeld für Mitmenschlichkeit werden. Hierarchische Strukturen werden von einer Kultur der Dienste abzulösen sein.

• Ein den jeweiligen Zeiterfordernissen angepaßtes lebens- und sozialkundliches Lernfeld braucht jede Schultype. Schwerpunkte werden sein: Die Vorbereitung auf die Familie und besonders das Zusammenleben der Generationen in Familienverbänden. f

• Die Schule muß sich aus dem Zwang zur Gleichheit lösen und dem einzelnen die Chance auftun, im Klima gegenseitiger Achtung zur größtmöglichen persönlichen Verschiedenheit zu gelangen.

• Innere Dienste in der Schule werden weitgehend von der Schulgemeinschaft getragen, anstatt als Fremdleistung eingekauft zu werden.

• Im persönlichen, im sozialen und im öffentlichen sowie wirtschaftlichen Leben werden heute vielfach vergessene beziehungsweise vernachlässigte Alltagstugenden wie: Verläßlichkeit, Pünktlichkeit, Ordnungssinn, Ehrlichkeit, Selbstdisziplin, höflicher Umgang, neuen Stellenwert bekommen.

• Behinderte werden an- und aufgenommen, wenn ihnen die Integration förderlicher ist als die Zuweisung in eine Sondereinrichtung.

• Interkulturelles Klima fördert Beheimatung von Einwanderern.

Schlüsselkompetenzen wie Selbständigkeit, Umstellungsfähigkeit verlangen ein Bildungssystem, das maximale Verschiedenheit der einmalig und unwie-derholbar gedachten Persönlichkeit provoziert und sich abhebt vom „Mythos der Gleichheit“. Verschiedenheit wird im expandierenden Dienstleistungssektor und in der technisierten Wirtschaftswelt mit hochdifferenzierten Aufgaben Voraussetzung für leistungsfähige Volkswirtschaft sein.

• Der Lehrplan der Pflichtschule muß Fundamentum und Additum unterscheiden. Auf diese Weise erhalten alle Schüler das gleiche, jeder kann sich aber wie an einem „Lernbüffet“ auch das Seine nehmen.

• Interessensschwerpunkte in den Realien und in den musischen Fächern müssen das Prinzip der Verschiedenheit verstärken.

• Verschiedenheit braucht und verlangt Autonomie. Sie wird mit Wahrscheinlichkeit in dem Maß gewährt, als der Lehrer über sie verfügt und analog auch die Schule als Verwaltungseinheit.

• Insgesamt muß sich das Schulsystem besonders ab der Sekundarstufe eins in eine differenzierte Bildungslandschaft gliedern.

• Schule muß daher ein je eigenes, auch ein regionales Profil annehmen können.

• Schule muß den Grundsatz der Elitebildung halten.

Unternehmen der freien Wirtschaft mit internationaler Konkurrenz gewinnen und verlieren. Dienstleistungen im weitesten Sinn nehmen zu und wandeln sich rasch. Wissenschaftlich-technischer Fortschritt zwingt Unternehmer zu Anpassung und Innovation. Sie wird von der Mitarbeiterschaft unter anderem in Form von Umstellungsfähigkeit erbracht. Dies zeigt sich in der Fähigkeit zum Selberlernen, zu selbständiger Arbeit, zu schöpferischem Denken, zu Denken in komplexen Zusammenhängen und setzt breites Uberblickswissen voraus.

• Lernen als Prozeß der Selbstveränderung muß in der Schule gegenstandsübergreifend und fachbezogen instrumentiert werden („Lernen lernen“).

• Alle Lernfelder müssen Übungen zum „Concept breaking“ einschließen, die dem Denken in Vorurteilen entgegenwirken.

• Schulisches Lernen muß in angstarmem Klima erfolgen, weil Angst Rigidität fördert.

• Schulbücher müssen didaktisch diesen Zielen entsprechen.

• Unterricht muß den selbständigen Erwerb von Wissen aus Zeitschriften und Büchern forcieren.

Wissenschaftliche Forschung erneuert viele Wissensbestände in immer kürzeren Abständen. Enzyklopädisch orientierte Speicherung kann nicht mehr erreicht werden. Uberblickswissen ist erforderlich, um Zusammenhänge zu erkennen und selbständig Spe-zialwissen zu erwerben und zu verknüpfen. Damit Uberblickswissen zum Können wird, braucht es „Subversion des Wissens“, um der Uberalterung des Wissens, um der Macht des Wissens, um seiner Unterwanderung durch Vorurteile, um dem Machtmißbrauch durch Information entgegenzutreten und durch die bohrende Frage Forschung in Gang zu halten.

• Lehrplanmäßige Auspflockun-gen müssen in permanenter Reform erfolgen und das Uberblickswissen als Fundamentum in geeigneten Lernfeldern um-' schreiben.

• „Subversion des Wissens“ verlangt, Wege seiner Entstehung, seiner selektiven Transformation und Verbreitung zu reflektieren.

• Uberblickswissen muß im Rückkoppelungsprozeß mit Wirtschaft und Gesellschaft erfolgen, die nicht den „Fachidioten“, sondern die kultivierte, selbstbewußte und wertorientierte Persönlichkeit brauchen.

• Uberblickswissen muß zu lebenslanger Lernbereitschaft beitragen.

Interkulturelle und internationale ökonomische Verflechtungen nehmen zu. Mit dem Bevölkerungsrückgang wird die Auslandsorientierung der Wirtschaft zunehmen und damit der Konkurrenzdruck für die sogenannten Entwicklungsländer steigen, die noch dazu in den Industrieländern weniger Produkte werden absetzen können. Die Fähigkeit, derartige Verflechtungen zu bewältigen und zu gestalten, hängt unter anderem ab von der Kompetenz des Fremdsprachengebrauchs, der Kenntnis anderer Kulturkreise und ihrer Eigenheiten sowie der daraus erwachsenden respektvollen Toleranz.

• Erziehung braucht daher mehr und mehr eine multinationale Ausrichtung, das Teilen mit allen Menschen.

• Schule muß die kommunikative Kompetenz für Fremdsprachen bedeutend verbessern.

• Lernfelder der sogenannten Realien schaffen Kenntnisse, welche das interkulturelle internationale Klima fördern.

• Schule muß die internationale Kultur verstärkt durch Schüleraustausch verwirklichen.

• Gegenstandsübergreifend arbeitet Schule an der Einstellung zur Friedfertigkeit.

Trotz modisch gewordener Technikkritik wird technologische Forschung in direkter Verknüpfung mit Anwendung fortschreiten. Mikroelektronik, besonders in ihrer Anwendung als Informationstechnologie, wird alle zu Endbenützern machen, wofür bildungsmäßige Grundlagen verlangt werden. Technikkritik ist zu verknüpfen mit der Erkenntnis, „daß Gesellschaften zu allen Zeiten bestrebt waren, im Gleichgewicht zu ihrer Umwelt zu leben“. Dieses Bedürfnis wird über Wandlungen in der Wertehierarchie zu entsprechenden Selbstbegrenzungen führen.

• Schule muß in offener und wacher Verbindung zu dieser Welt leben.

• Schule muß Grundkompetenzen für den Endbenützer der Informationstechnologie schaffen unc^ zur Analyse ihrer Auswirkungen befähigen.

• In allen Lernfeldern kommen diese Grundkompetenzen aufsteigend zur Anwendung.

• Es wird in der Schule so selbstverständlich, einen PC wie ein Buch auszuborgen und damit zu arbeiten.

• Alle Lernfelder fördern das Verständnis, Umwelt im Gleichgewicht zu halten und von daher handelnd Technik, Ökonomie und Ökologie zu versöhnen.

Rücksichtslose Ausbeutung der Erde, Spätfolgen sorgloser Entsorgung in der Industriegesellschaft wird spezielle Umwelttechnik verlangen. Sanfter Umgang mit der „geborgten Erde“ wird das Alternativprogramm sein. Der dramatische Bevölkerungsrückgang wird zur Entsied-lung führen; Häuser, wertvolles Baugut, Baudenkmäler werden nutzlos, aber zu erhalten sein. Landwirtschaftliche Betriebe werden sich zu Forstgebieten zurückentwickeln, öffentliche Wirtschaft wird ihre Dienstleistung mit dem Bevölkerungsrückgang einschränken müssen.

• Schule muß sich selbst als ökologische Einheit fühlen, die Umwelt im kleinen so pflegt, daß die Nachwachsenden die Gesamtumwelt bewältigen. Dazu muß Schule eine weitergehende Autonomie bekommen.

• Im Lehrplan muß abweichend von den wissenschaftsgeschichtlich abgesteckten Unterrichtsgegenständen ein entsprechendes Lernfeld eingerichtet werden.

• Schule wird Initiativen (beispielsweise Umweltprojekte) ihrer Schüler im Umweltbereich fördern und unterstützen.

Glück bedeutet Annäherung an das Paradies. Aus dem Schullehrplan ist der Begriff verdrängt, obwohl alle Menschen berechtigt danach streben. Nicht allen, nicht immer gelingt es, mit dem Verlust es Paradieses zu leben, das heißt, entbehren zu müssen. Glückseligkeit gelingt nur in Kompromissen verschiedener Wertverwirklichungen. Im letzten Jahrzehnt wurden Reiche reicher und Arme ärmer.

Im elektronischen Zeitalter

,JSin Mann, der Herrn Keuner lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: JSie haben sich gar nicht verändert.' ,Oh!' sagte Herr K. und erbleichte.“

BERTOLT BRECHT wird die „Versorgung“ mit Information und Unterhaltung verdichtet werden. Freizeit wird von medialer Fron bedroht. Kommt die drohende Segmentierung des Schiffes Arbeitswelt in Ruderer und Steuermänner, so werden jene Arbeit kaum mehr als geistigen Gewinn, sondern eher als unerfüllte Lebenszeit erleben.

• Schulleben muß selbst ein Paradigma sinnerfüllter Zeit sein — durch bedeutsames Lernen.

• Schule liefert Anregungen, verantworteten Lustgewinn in den verschiedenen Lebensvollzügen zu erlangen.

• Schule anerkennt in der Sehnsucht nach dem „Mehr“, jene nach dem „ganz anderen“ und zeigt Wege des Findens auf.

• Schule bricht die „Stillegung“ des Leibes auf, indem sie menschliche Ausdrucksbewegung glückhaft erfahren läßt.

• Schule fördert das Humanum, indem sie den Alltag kultiviert, das Soziale mit dem Ästhetischen integriert.

• Schule erneuert die Kultur des Lesens, Musizierens und des darstellenden Spieles.

• Schule wird zu einem umfassenden Lernort für alle Menschen der Region.

Der Autor ist Leiter der Pädagogischen Akademie der Diözese Linz.

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