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Älter werden ist eine Leistung

1945 1960 1980 2000 2020

Die Vereinten Nationen haben 1999 als das Jahr des Alters ausgerufen. Dieses Jahr wurde in Österreich nicht dazu genützt, um auf die wachsende Zahl der Senioren und die damit verbundenen Alters- und Generationenprobleme aufmerksam zu machen. Die öffentliche Diskussion beschränkte sich meist nur auf die Frage der Finanzierung der Pensionen.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Vereinten Nationen haben 1999 als das Jahr des Alters ausgerufen. Dieses Jahr wurde in Österreich nicht dazu genützt, um auf die wachsende Zahl der Senioren und die damit verbundenen Alters- und Generationenprobleme aufmerksam zu machen. Die öffentliche Diskussion beschränkte sich meist nur auf die Frage der Finanzierung der Pensionen.

Der US-amerikanische Neurologe und Psychologe Jim Birren, der durch seine Untersuchungen über Gehirnaltern und Gehirn-Training berühmt wurde, hat schon vor einigen Jahren vorgeschlagen, statt vom homo sapiens vom homo longaevus, vom langlebigen Menschen zu sprechen. Berechtigt uns die in diesem Jahrhundert extrem erweiterte und immer noch in Ausdehnung begriffene Lebensspanne des Menschen tatsächlich einen neuen Typus Mensch anzunehmen? Die Probleme erweitern sich, erweitern sich aber auch Erfüllungschancen? Im "Mann ohne Eigenschaften" ließ Robert Musil seinen Ulrich sagen: "Ich glaube vielleicht, daß die Menschen in einiger Zeit einesteils sehr intelligent, anderseits Mystiker sein werden." Ulrich sprach prognostisch von weiteren Verbesserungen und "unbekanntem Abenteuer". Das Alter (oder wenigstens vielleicht einige seiner Phasen) birgt etwas von Abenteuer. Um es aber erleben zu können, sind wie für jede Erfüllung Voraussetzungen nötig. Das haben auch die Vereinten Nationen erkannt und deswegen 1999 als das Jahr des Alters ausgerufen.

Das österreichische Bundesministerium für Jugend, Familie und Umwelt hat auf Beschluß des Ministerrates eine ganze Reihe von Initiativen gesetzt, die zum Ziel hatten, durch Berichte und Forschungen über Lebenslagen und Entwicklungsmöglichkeiten älterer Menschen die Handlungsmöglichkeiten der politischen Förderung besser erkennen zu lassen. Etwa zehn themenspezifische Arbeitsgruppen tagten zweimonatlich durch über ein Jahr und brachten Forscher, Experten und Praktiker von der Medizin bis zur Erwachsenenbildung, von der Psychologie bis zur Innenarchitektur zusammen. Das von den Beamtinnen eveline Hönigsperger und Erika Winkler geleitete Kompetenzzentrum für Senioren- und Bevölkerungspolitik hat zusätzlich ein internationales Expertensymposium in Wien veranstaltet, das innereuropäische Vergleiche erlaubte und für Österreich Anstöße gab.

Veranlaßt wurde auch ein den bisherigen Berichten über Jugend, Frauen und Familie vergleichbarer Altersbericht der Bundesregierung, der jedoch erst in den nächsten Monaten erscheinen und viele Daten aus Untersuchungen in Österreich wie auch Ansätze zur Diskussion einer Alter(n)spolitik enthalten wird. Es liegt darüber eine vorläufige Veröffentlichung "Ältere Menschen - neue Perspektiven" (1999) vor, auch das Bundesministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales bietet eine Dokumentation von Altersproblemen unter dem Titel "Älter werden in Österreich". Innerhalb der mit diesen Fragen befaßten Experten ist ein gewisser Integrationsprozeß, besonders zwischen Forschern und Praktikern themenspezifisch in Gang gekommen. Defizite wurden aufgedeckt und formuliert. Allerdings sind alle Diskussionen in gewissem Sinne intern geblieben. Was in diesem Jahr des Alters in Österreich - im Unterschied zu einigen anderen europäischen Ländern - deutlich fehlte, war dreierlei: eine bemerkbare und akzentuierte Präsentation der Einsichten und (daraus ableitbaren) Ansichten und Handlungskonzepte vor der Öffentlichkeit. Es fehlte eine effiziente Vermittlung an die Presse, was angesichts einer unbestreitbaren Seriosität der Berichte der Arbeitsgruppen besonders bedauerlich ist, und die Experten und Praktiker nicht ermutigen wird. Zweitens gab es, obwohl die Medien durchaus informiert und dazu auch aufgefordert und motiviert wurden, keine mediale Aufbereitung der Probleme im Fernsehen, das gerade in der Gruppe 50+ sehermäßig am stärksten rezipiert wird. Schließlich, und das mag das Bedauerlichste sein, fehlte jede nur einigermaßen geplante Diskussion zwischen den Experten, seien es Praktiker oder Wissenschaftler, und den Politikern. Nicht einmal schnell zusammengewürfelt kam eine solche Auseinandersetzung zustande. Statt dessen wurde die Diskussion innerhalb der Politikerrunden auf Pensionsfragen reduziert.

Es wurde Geld für Forschungen ausgegeben und dies hat die Sicht der Probleme durchaus sowohl erneuert als auch präzisiert. Wir wissen besser, wo es in Altersfragen Fehlurteile gibt und wo Chancen liegen. Aber die Politiker diskutieren fernab von solchem Wissen. Sie schleppen sowohl Vorurteile mit als auch die Unfähigkeit, über Prokopf-Quoten des Verhältnisses von Jung und Alt hinaus auf Änderungen von Einstellungen und Verhaltensweisen einzugehen.

Es sei hier nun der Versuch unternommen, von ausgewählten Schwerpunkten her nochmals den Blick auf Forschungsergebnisse und Überlegungen zu lenken, die für eine künftige Senioren- und Generationenpolitik Anstoß zu Auseinandersetzungen und Problemlösungen geben sollten.

Wie sieht die Lebenswelt für das Alter in der Gegenwart aus?

Verloren ist - und dies ist nicht zu bedauern - die Gerontokratie. Sie hält sich dort und da in manchen Firmen, in der Politik. Vielfach gibt es Menschen, die hochbetagt an gewissen Funktionen kleben und sich von diesen nicht lösen können. Im großen und ganzen ist die andere Seite des Wegschiebens und Auf-die-Seite-Drängens der Alten in der Überhand. Wenn auch für die Jungen zu wenig getan wird, besteht doch eine sehr starke Glorifizierung von Jugendlichkeit in der Konsumwelt, von den Kosmetika bis zur Feriengestaltung.

Hier hilft ein Überblick über die aus Untersuchungen hervorgehende gesellschaftliche Bewertung des Alters weiter. Aus einer in mehreren europäischen Ländern gleichzeitig durchgeführten Studie geht hervor, daß nur ein Fünftel der Bevölkerung den alten Generationen kulturellen Wert beimißt. 70 Prozent sind der Meinung, daß ältere Menschen in ihren Ideen und Verhaltensrollen zu sehr festgelegt seien. Ist dies das Ergebnis von den (auch in Umfragen vorgebrachten) Vorurteilen oder handelt es sich dabei um Aussagen, die den Erfahrungen der jüngeren Generationen im Umgang mit den Älteren entsprechen?

Außerhalb der Familie, die der gesellschaftliche Hauptort intergenerativer Beziehungen ist, kommen kaum wirklich soziale Berührungen zwischen den verschiedenen Altersgruppen zustande. In den Wohlstandsgesellschaften gibt es auch altersmäßig segregative Tendenzen. Man versteht sich am besten unter Gleichaltrigen. Fast zwei Drittel sind nach der deutschen Sigma Studie 1999 der Meinung, daß Jugend und Ältere in "total verschiedenen Welten" leben und rund die Hälfte meint jeweils, daß die Älteren die Jungen und die Jungen die Älteren nicht verstünden und sich das Generationenverhältnis in Zukunft noch verschlechtern werde.

Obwohl sie in den familiären intergenerativen Beziehungen eindeutig die "überbalancierend" Gebenden sind, werden die Alten also überwiegend nicht als kulturelle Partner oder gar Ressource von Tradition und Wissen gesehen, sondern als Gruppe, der man irgendeinmal etwas rückerstatten und sie versorgen müsse. Der "Brief an die alten Menschen" von Johannes Paul II. spricht von den Alten als "den Hütern des kollektiven Gedächtnisses" und den "bevorzugten Interpreten jener Gesamtheit von gemeinsamen Idealen und Werten, die das Zusammenleben in der Gesellschaft tragen und leiten" (siehe Seite 15, Anm. d. Red.). Nach den zumindest in Europa gewonnenen Ergebnissen liest sich dies wie eine Forderung, deren Realisierung zur Zeit wenig Chancen hat.

Ist es heute möglich, für ältere Menschen Lernprozesse so zu eröffnen, daß Sinnressourcen in den letzten Arbeitsjahren und danach so entwickelt werden, daß die älteren Menschen mit der Pensionierung nicht in ein Vakuum fallen? Welche Modellbildung ist hier möglich? Was wir bis jetzt sehen, ist das ziemlich unselektive Fernsehen zwischen 55 und 70 bei durchschnittlich drei Stunden täglich. Die Entstehung einer Alterskultur, eines Rahmens eigener Sinnfindung und Zielsetzungen wird durch die sich aufdrängende Form der Massenkultur eher erschwert.

Themen, die für das Älterwerden, für den dritten und vierten Lebensabschnitt wichtig wären, werden von den Medien erzieherisch nicht aufgegriffen. Man muß sich für die künftige Lebenswelt der Alten um einen Sinneswandel bei den Medien bemühen. Auch wäre mehr Steuerungskapazität in den verschiedenen Phasen des Alters zu propagieren und zu ermöglichen. Das alternde und alte Gehirn wäre dazu durchaus imstande. Wenn wir es üben und verwenden, ermöglicht es uns den Zugang zu einem lebendigen Leben im Alter, auch wenn wir körperlich eingeschränkt und mit Prothesen versehen unseren Alltag bewältigen.

Aber was geschieht? So wie die Strände und die Seilbahnen in den Sommersaisonen überfüllt sind, so gibt es auch das konsumüberfüllte Alter. Wo und wie kann man Selektivität schaffen?

Die deutsche Forschergruppe um Paul B. Baltes in Berlin hat hiezu forschungsgestützt gute Gedanken hervorgebracht: Man faßt sie unter den Stichworten von Selektivität, Optimierung und Kompensation zusammen. Am Beispiel von Arthur Rubinstein, das Alter als weiterhin aktiver Pianist zu bewältigen, läßt sich das gut zeigen. Er schränkte sein Repertoire ein, spielte weniger Stücke (Selektivität), übte die wenigen Stücke besser (Optimierung) und spielte die langsamen Stellen noch langsamer. Es sollte nicht so auffallen, daß er die schnellen Stellen nicht mehr ganz so schnell spielen konnte wie in seiner Jugend und in seinem mittleren Alter (Kompensation). Es gibt also Möglichkeiten, durch Selektivität, Optimierung und Kompensation mit Verlusten umzugehen.

Wir können aber einen Schritt weitergehen und an Goethe anknüpfend sagen: "Im Alter muß man das Rollenfach wechseln". Goethe beklagte sich in den letzten Jahren seines Lebens darüber, daß er davon nicht loskam, was er das ganze Leben über betrieben hatte. Er gab sich mit dem Wechseln des Rollenfachs eine Zielrichtung, die er jedoch selber nicht ganz durchzuhalten vermochte. Er sammelte Stiche und Steine und fragte sich immer wieder, warum er das mache, denn das Ordnen koste ihn viel Zeit. Er war sehr glücklich, den zweiten Teil seines "Faust" fertig gestellt zu haben, machte sich aber schwere Vorwürfe, daß er von verschiedenen Gewohnheiten nicht lassen konnte.

Die große Gefahr des Alters in unserer Welt ist dessen Trivialisierung, dessen Nichtbeachtung auf seine besonderen Potentiale hin. Dazu kommt auch die Passivierung des sitzenden Nicht-los-Kommens vom Fernsehen plus Kalorienzufuhr in Form von Alkohol und Naschereien. Viel schwerwiegender sind allerdings noch Selbstgerechtigkeit und Selbstbeweihräucherung. Das Blockieren mit dem eigenen Prestige und Prestige-Anspruch der Alten erschwert den Jungen das Verhältnis zu diesen. "Der bejahrte Murrkopf, welcher fest glaubt, daß in seiner Jugend die Welt viel ordentlicher und die Menschen besser gewesen wären, ist ein Phantast in Ansehung der Erinnerung" (Immanuel Kant, Versuch über die Krankheiten des Kopfes). Das gilt es zu überwinden, der Murrkopf zu sein und gegenüber dem Gegenwärtigen das Vergangene immer als das Großartige oder Bessere zu bezeichnen. Eine solche Haltung steht vielfach der Entwicklung der intergenerativen Beziehungen und der erzielbaren Einverständnisse zwischen Jung und Alt im Wege.

Der Autor ist Professor für Soziologie und Mitglied der österreichischen Akademie der Wissenschaften.

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